Die Seite 4

Blühende Zeiten

Tünn hatte im ersten Jahr des neuen Jahrhunderts ein stattliches Haus in der neuen Vorstadt erworben, nur eine Straße vom großen Marktplatz entfernt, auf dem Hedwig den großen Obst- und Gemüsestand betrieb. Im Erdgeschoss hatte er ein Ladengeschäft einrichten lassen. Sein Freund Olav wiederum, der die väterliche Firma in Vlissingen übernommen hatte, war auf die Idee gekommen, sich auf Kolonialwaren zu spezialisieren, und wurde natürlich Tünns wichtigster Lieferant. Bald war “Greiper am Markt” als erstes Delikatessengeschäft der Stadt bekannt und beliebt. 1904 übernahm das Unternehmen Verkaufsräume im Nachbarhaus, wo die Bürger der Stadt nun Wild und Geflügel sowie Käse aus ganz Europa kaufen konnten. Das Geschäft florierte, und der kleine Köbes – niemand nannte ihn Jakob! – wuchs im Schatten dieses Erfolgs und weitgehend unbeaufsichtig auf. Nach der Schule trieb er sich im Flusshafen herum und mit elf hatte er sich als blinder Passagier auf einem Schleppkahn eingeschlichen und war bis Emmerich unentdeckt mitgefahren. Ob er ernsthaft hatte ausreißen wollen, ließ sich nicht endgültig klären, und weil Tünn ein sanfter Vater war, bestand seine erzieherischen Tat in diesem Fall aus einem Vortrag über die Gefahren der Binnenschifffahrt. Mit sechzehn hatte der Sohn, der zum Unglück seiner Mutter Einzelkind geblieben war, genug von der Schule und verließ das Realgymnasium, um seinen Dienst fürs Vaterland zu absolvieren. Die mit Müh und Not erreichte mittlere Reife brachte ihm das Privileg, lediglich ein Jahr dienen zu müssen. » ganz lesen

publiziert am 02.10.11 in Familie Greiper ¦ 121x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Scherbengericht

Über den Tag hatte sich der August noch einmal auf die ihm angemessene Hitze besonnen. Schon seit Tagen waren die Temperaturen gleichmäßig angestiegen. Die Bäche und Gräben fielen trocken und begannen, nach Abwasser zu riechen. Über der Stadt lag ein leichter Duft von Scheiße. Die Hauswände, auf denen die Sonne ihr Werk getan hatten, waren zu heiß zum Anfassen. So war einer dieser Sommertage entstanden, wie Robert sie aus Kindertagen kannte. Als er in kurzen Hosen durch die Straßen gezogen war, und es sich an den nackten Beinen anfühlte, als ginge er durch eine warme Suppe. Die Dämmerung brachte keine Abkühlung. Viele Leute aus dem Viertel saßen vor den Türen oder auf den Bänken am Platz. Jeder hatte etwas zum Trinken dabei, überall hörte man die Menschen plaudern. Die Bande hatte beschlossen, draußen zu übernachten. Jürgen und Dominik, den sie Dom nannten, hatten Matratzen aus dem Sperrmüll besorgt. Und so waren nun acht, neun Bettenlager am Rande des Bolzkäfigs ausgebreitet. Dicke Kerzen, bei denen sich Robert fragte, wo die Jungs die geklaut hatten, beleuchteten die Szene. Amir zeigte einen Spielfilm auf seinem Notebook, jemand hatte eine Zweiliterflasche billigen Wein organisiert. In einer Schubkarre voller Wasser kühlten sie ihr Bier. Als sie den Hauptkommissar bemerkten, wurden sie laut, riefen ihm Witzchen zu und sanfte Beleidigungen. Was er denn wolle, fragte Ocho schließlich. » ganz lesen

publiziert am 30.09.11 in Exil am Platz ¦ 147x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Fionas Aussage

Nach ein paar Stunden Schlaf wachte Robert mit Schwindelgefühlen auf. Neben ihm lag Elle in voller Montur und schnarchte. Er erinnerte sich. Rasch kramte er frische Wäsche aus dem Schrank und schloss leise die Schlafzimmertür. Er wusste, Elles Wut würde diesen Tag nicht überleben, und sein Seitensprung würde keine Folgen haben. Er duschte ausgiebig, zog sich an und bereitete sich eine Kanne Kaffee. Inzwischen hatte ein dünner Regen begonnen, der den Staub der Stadt abwusch. Robert kam an der Wohnungstür vorbei und fand den braunen Umschlag, den jemand durchgeschoben hatte. “Fionas Aussage” stand mit breitem Filzer geschrieben darauf. Er klaubte das Couvert auf, goss sich unterwegs einen Kaffee ein und setzte sich draußen an den kleinen Tisch unter dem Vordach der Terrasse. Das Dokument bestand aus fünf Seiten, eine davon handgeschrieben. “Liebster Robert”, stand darauf, “ich bereue nicht, mit dir geschlafen zu haben. Ich bereue auch nicht, mich in dich verliebt zu haben. Ich bereue, überhaupt in diese Stadt gekommen zu sein, weil ich hier nicht finden konnten, was ich suchte.” » ganz lesen

publiziert am 25.09.11 in Exil am Platz ¦ 105x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Rheinprovinz

Es war Hedwig gewesen, die vorschlug, in ihre Heimatstadt zu ziehen, ein Ort, der zu jener Zeit einen enormen Aufschwung erlebte und dessen Einwohnerzahlen drastisch anwuchsen. Dort, so ihre Meinung, würden sie sich mehr oder weniger anonym ansiedeln und ein Geschäft eröffnen können. Zwar könnte sie kaum damit rechnen, von ihrer Verwandtschaft unterstützt zu werden, aber sie habe doch immer noch viele Freunde dort. Ton übertrug die Prokura am Familiengeschäfdt auf seinen Freund Olav, mit dem er zwei Verträge schloss. Der eine sicherte ihm für die kommenden zehn Jahre eine monatliche Abschlagszahlungen auf erzielte Gewinne, der zweite sollte die Geschäftsbeziehungen zwischen dem alten Handelshaus in Vlissingen und seiner neuen Firma in der Fremde sichern. Das ungleiche Paar fand schnell ein Haus im alten Teil der Stadt und erwarb einen Stand auf dem zentralen Markt. Bald galten sie als eines der besten Geschäfte für Obst und Gemüse am Platz. Und schon nach drei Jahre, in denen Hedwig und er beinahe rund um die Uhr gearbeitet hatten, gründeten sie einen Großhandel für Kolonialwaren und eröffneten zwei Ladengeschäfte. Da war Antonius Jeroen Grijpastra gerade einmal zwanzig Jahre alt. » ganz lesen

publiziert am 20.09.11 in Familie Greiper ¦ 104x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Ohrfeigen

Als Robert um die Ecke von Ümits Büdchen bog, stand Elle vor ihm. Wie oft bekleidet mit olivgrüner Cargohose und weißem, ärmellosen T-Shirt. Ihre Position kam ihm bekannt vor, musste wohl die Grundstellung aus einer dieser Kampfsportarten sein, die sie betrieb oder betrieben hatte. Fröhlich kam er auf sie zu und fing sich gleich die erste Maulschelle ein. “Blödes Schwein”, zischte seine Gefährtin, die vielleicht bald seine Ex-Gefährtin sein würde, und schickte einen Schlag nach. Ihm gelang es nicht, ihre Handgelenke zu greifen. Was ihm weitere Ohrfeigen eintrug, die Elle mit einem Kick in seine Weichteile krönte. Hauptkommissar Robert Greiper sackte auf dem Gehsteig zusammen und stöhnte. Sie stand breitbeinig über ihm, und wenn sie ein Kerl gewesen wäre, hätte sie ihn vielleicht als Zeichen des Sieges angepinkelt. Noch im Liegen schwante ihm, was geschehen war. Elle musste herausgefunden haben, dass er es mit seiner Nachbarin getrieben hatte. Dass sie lebensgefährlich eifersüchtig werden konnte, war ihm nicht neu. Da konnte sie noch so oft betonen, in einer freien Beziehung müsse auch mal ein Seitensprung möglich sein. Klar dass sie so argumentierte, denn in dieser Hinsicht lag sie zählbar in Führung. » ganz lesen

publiziert am 15.09.11 in Exil am Platz ¦ 98x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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