Die Seite 4

Noch ein Leben

Den Tod hatte sich Fred ganz anders vorgestellt. Irgendwas mit einem weißen Licht, und dass das Leben an einem vorbeizieht. In Wahrheit war der Übergang eine Qual. Zwischendurch blieb er stecken und hatte schreckliche Angst. Ein bisschen wie die Fahrt auf einer sehr flachen Wasserrutsche, die nicht überall richtig nass ist. Mit dem Kopf voran. Durchweg bei trübem, gelblichen Licht, dass im Fokus zu einem bräunlichen Grau wurde. Mit einem winzigen giftgrünen Punkt in der Mitte. Er nahm unterwegs eine Art schräges Knarzen war und fror. Das Ganze zog sich über Stunden hin, vielleicht sogar über Tage und Wochen. Und eigentlich wollte er irgendwann nur noch, dass es vorbei sei, dass er endlich durch sei. Wo auch immer er dann ankäme. Schließlich landete er in einer Höhle, deren Wände in sanften Rottönen leuchteten und dabei in einem angenehmen Rhythmus pulsierten. Körpergefühl hatte er keins mehr, die Sinneswahrnehmungen stark eingeschränkt. Es kam ihm vor, als schwebte er in einer warmen, süßen Flüssigkeit. Je länger er in dieser weichen Höhle antrieblos umher trieb, desto mehr verließen ihn seine Erinnerungen. Sein Körper zog sich zusammen, die Arme vor der Brust gekreuzt, die Beine angezogen. Grelles Licht voraus, und dann nahm etwas seinen Schädel und quetschte seine Schläfe zusammen, sodass er beinahe bewusstlos wurde. Danach war das dann alles zu Ende. » ganz lesen

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publiziert am 19.06.17 in Thibaud ¦ 110x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Überfahrt

Das Meer hat es nicht immer gut gemeint mit uns. Damals am Atlantik, als du wie ein Kind wieder und wieder in die Brandung liefst, mit ausgestreckten Armen unterhalb der Wellenkronen eintauchend, um dann im nächsten Tal wiederaufzutauchen. Wieder und wieder. Bis diese eine Woge kam, die war doppelt so groß wie die anderen. Ich sah nur wie du hochgeschleudert wurdest, wie du einem Moment in der Gischt schwebtest, dann hinab stürzest ins gläserne Meer und nicht wieder auftauchtest. Wie dich drei Männer auf den Strand zogen nachdem sich das Wasser zurückgezogen hatte. Du hattest das Bewusstsein verloren, atmetest aber. Sie drehten dich auf die Seite, und ich sah Hunderte kleine Schnitte in deinem Rücken, aus denen Blutstropfen quollen, so sehr hatten dich die Wellen auf den Grund geschleudert, die mit Millionen Scherben von Muscheln bedeckt war. » ganz lesen

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publiziert am 11.06.17 in Paare ¦ 155x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (7): Die Medien

Greiper konnte nicht ohne Zeitungen. Er hatte sich aufs Zweitfahrrad geschwungen, das für Situationen wie diese immer am Ufer über dem Hausboot angekettet war, und einen Zwischenstopp an Nuris Büdchen am Platz eingelegt. „Sie wissen schon, wer das gemacht hat, Herr Kommissar?“ Wie üblich war der Kioskbetreiber von seinem Barhocker aufgestanden, als Greiper den schrägen Laden betreten hatte, was immer so wirkte, als würde er als Nächstes salutieren. „Nein, nein, Nuri, hab mit der Sache nichts zu tun. Bin nicht im Dienst. Da weißt du vermutlich mehr als ich – so als Nachbar.“ Tatsächlich lag nur ein Haus, das mit der breiten Toreinfahrt, zwischen dem Weinlokal und dem Büdchen. „Glück gehabt. Bei mir ist fast nichts kaputtgegangen. Paar Flaschen runtergefallen. Sonst nichts. Aber, geschieht dem Recht, dem Arschloch…“ – „Welches Arschloch?“ – „Der Wirt, dieser Weizenberger – Rassist, Faschist, Arschloch.“ Greiper hatte Zeitungen von den Ständern eingesammelt, drehte sich zu Nuri um und fragte nach: „Hattet ihr Streit?“ » ganz lesen

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publiziert am 05.06.17 in Feuerfest ¦ 158x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (6): Verbrannt

Als Greiper an der Stelle angekommen war, an dem er von der gefundenen Leiche erzählen musste, brach Elle in Tränen aus: „Oh Gott, die arme Frau, verbrannt, bei lebendigem Leib verbrannt, wie furchtbar, das ist so fürchterlich, das ist die schlimmste Art zu Tode zu kommen. Ich darf gar nicht daran denken. Mir wird übel.“ Ihr Ausbruch kam nicht unerwartet angesichts ihrer tiefsitzenden, irrationalen Angst vor dem Feuer. Robert war aufgestanden und hatte Elle in den Arm genommen. Dann sagte sie: „Hör auf mit der Geschichte. Ich will das nicht hören. Lass uns ins Bett gehen.“ Aber vorher nahmen sie gemeinsam eine Dusche und erneuerten ihre Liebe. Während seine Liebste leise vor sich hin schnarchte, konnte er natürlich nicht schlafen. An Bord schlief er nur tief und fest, wenn er vorher richtig viel Bier getrunken hatte. Aber an diesem merkwürdigen Abend war er über drei Flaschen nicht hinausgekommen. Und so lag er und lauschte auf das unterschiedlichen Glucksen und Blubbern rund um das Hausboot, immer mit dem Gedanken, was passieren würde, gäbe es ein Leck – sie beide würden schlafend ertrinken. » ganz lesen

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publiziert am 03.06.17 in Feuerfest ¦ 153x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Feuerfest (5): Der Örtzel

Der Örtzel saß mitten auf dem Platz in seinem Rollstuhl. Mit seiner hellen Kinderstimme rief der Mann, der seit vielen Jahren im Viertel unterwegs war, zunächst zu Fuß, dann auf Krücken und jetzt im Rollstuhl, nach Greiper: „Herr Kommissar! Herr Kommissar! Wer war das denn?“ Seitdem er nicht mehr gehen konnte, war der Kerl, den sie alle für geistig behindert hielten, aufgegangen wie ein Hefeteig. Ein Quadratschädel mit wasserblauen Augen saß nun halslos auf dem aufgedunsenen Körper. Greiper mochte den Örtzel, der rund um den Platz die Position eines Dorftrottels einnahm, und hielt ihn einfach nur für ein wenig weltfern und naiv – wie ein Kind eben. Dabei sah und hörte der Örtzel alles, kannte fast alle Leute im Umkreis von fünfhundert Metern beim Namen, wusste, was sie taten oder nicht, wer mit wem und wer gegen wen. In mindestens drei Fällen waren es die Erzählungen dieses Originals, die ihn auf die richtige Spur gebracht hatten. Also ging Greiper rüber, hockte sich neben den Rollstuhl und sagte: „Man weiß es nicht. Und ich bin nicht im Dienst.“ Leise sprechen konnte der Örtzel nicht: „Ach, so, Sie sind gar nicht im Dienst! Ich wollte Ihnen gerade was erzählen…“ So begann er immer, und was folgte, waren oft präzise Zeugenaussagen – jedenfalls präziser als das, was der Hauptkommissar a.D. oft von gebildeten Leuten zu hören bekam. » ganz lesen

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publiziert am 02.06.17 in Feuerfest ¦ 138x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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