Die Seite 43

Die Beerdigung des Fahrrads

totes_radReden wir von der Ära der Schulbälle. In den Jahren zwischen etwa 1965 und 1975 waren Partys für junge Leute eher dünn gesät. Glücklich, wer so eine Tanzschule wie die von Gerd Kaechele in der Nähe hatte. Wo die Veranstaltungen zwar Tanztee und Tanzabend hießen, wir Jugendlichen aber nach unserem Geschmack Musik hören, tanzen und feiern konnten. Natürlich gab es da auch noch die Altstadt, aber außer den berühmten Jazzkellern wie dem Dr.Jazz handelte es sich bei den Etablissements vorwiegend um mehr oder weniger schmuddelige, düstere Kneipen, in den der Altbierkonsum im Vordergrund stand. Immerhin wurde in den besseren dieser Läden ab etwa 1966 korrekte Musik aufgelegt. Aber Live-Konzerte, die gab es nur auf den Feten von Kunstakademie, Uni und PH Neuss sowie eben auf den Bällen der Gymnasien. Für meinen Freundeskreis und mich waren diese Veranstaltungen feste Größen im imaginären Terminkalender. Man wusste schon vorher, welche Bälle klasse, welche eher öde werden würden, denn die Gymnasien hatten unterschiedlich hohe – heute würde man sagen – Coolness-Faktoren. Das Leibniz-Gymnasium, an dem acht Schuljahre zu verbringen ich die Ehre hatte, war schon ziemlich angesagt, Rethel, Görres, Max Plank, Comenius auch. Über Fliedner in Kaiserswerth und das damals noch unbenannte Gymnasium an der Koblenzer Straße wusste man nicht viel. Mädchen-Gymnasien waren bis auf das Luisen eher uninteressant. Das Geschwister Scholl am Hennekamp war der Shooting Star der Jahre. » ganz lesen

publiziert am 20.11.12 in Stadtgeschichten ¦ 844x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 7

Lediglich der aufstrebende Meissler hatte sich rechtzeitig verdrückt, war zu Fuß in den Ort gegangen und hatte sogar ein Taxi erwischt, das ihn zurück in die Stadt und dort in die Redaktion gebracht hatte. Natürlich war er sofort ins Büro des Chefredakteurs gestürmt und hatte diesen von den Vorgängen in Bracht unterrichtet; nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ihr Blatt quasi exklusiv berichten könne, denn ob die Kollegen den Redaktionsschluss noch erreichen würden, das sei ungewiss. Daraufhin hatte sein Vorgesetzter, der gleichzeitig sein Mentor war, ihn lange angesehen, schließlich die Brille abgenommen und mit einem Seufzer gesagt: „Ach, Meissler, Sie müssen noch viel lernen. Ist Ihnen bewusst, dass die Firma AMEK, gerechnet nach Honoraraufkommen, unser drittgrößer Anzeigenkunde ist? Ist Ihnen klar, dass das Unternehmen so für rund gerechnet ein Fünftel Ihres Gehalts steht? Vielleicht sind Sie nicht darüber informiert, dass der morgigen Ausgabe ein achtseitiger Farbprospekt des Megastores beiliegt, für den der Verlag einen recht hohen sechsstelligen Betrag einnimmt. Nun stellen Sie sich doch einfach einmal in die Schuhe des verantwortlichen Marketingdirektors bei AMEK – übrigens ein sehr netter Mensch, mit dem ich schon den einen oder anderen Golfball geschlagen habe. Was würden Sie von einer Zeitung halten, deren Redakteure unverantwortlich genug sind“, dabei hob er die Stimme, „aus lauter Sensationsgier einen der wichtigsten Kunden ins Gerede zu bringen, so dessen Image zu beschädigen und damit negativ Einfluss auf den Geschäftserfolg zu nehmen?“ Meissler galt nicht zu Unrecht als ziemlich schlau. » ganz lesen

publiziert am 16.11.12 in Einzelteile ¦ 1015x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 6

Über Tag hatte ein starker Westwind den feuchten Nebel verscheucht, die Wolken waren mit nach Osten geflogen, und ein blauer Himmel spannte sich über die Stadt. Die Sonne stand schon dicht über dem Horizont, und es war viel zu mild für die Jahreszeit. Greiper hatte sich natürlich an die Wetterextreme an seinem Heimatort gewöhnt, dass es gerade im September und Oktober Tage gab, an denen es schon nasskalt war, an die Böen abwechselnd kalte und milde Luft in die Straßen bliesen, und dann wieder welche, die nach Sommer rochen, wolkenloser Himmel, mal kalt und klar, mal übermäßig warm, dann die schwülen Tage im Frühherbst oder die verspäteten Sommertage am Ende des Oktobers. Er hatte das Präsidium fluchtartig verlassen und überlegte, wie er seinen Frust über die sinnlosen Verhöre im Megastore verdauen könnte, um sich anschließend auf seine Gedankenarbeit zu konzentrieren. Er löste das Problem auf bewährte Art, besorgte sich beim letzten überlebenden Metzger im Viertel zwei fette Mettbrötchen und setzte sich zuhause auf die Terrasse; das Bier zum Imbiss sparte er sich für später auf und trank bloß Wasser dazu. » ganz lesen

publiziert am 04.11.12 in Einzelteile ¦ 1009x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Heraus zum grünen 1. Mai!

immendorff_und_ich_1980Als die Grünen sich selbst noch zu den Linken zählten, nahmen viele Mitglieder auch an den klassischen Demonstrationen zum 1. Mai teil. Es war das Jahr 1980, in dem ehemalige K-Gruppen-Kader sich verbürgerlichten und penetrant eine Zusammenarbeit mit den Sozen herbeireden wollten. Das hieß in jenen Jahren auch, dass man sich mit den Gewerkschaften gut stellen musste, also auch bei den Mai-Kundgebungen mitzumachen. Immerhin waren uns die Spezialdemokraten und Gewerkschaftsfunktionäre nicht annähernd so verhasst wie die Betonköppe aus dem Lager der K-Gruppen, so Typen wie der Trittin und andere, die einst in der KPDML oder KPD/AO oder den MG oder im KBW an der Weltrevolution in Berlin und/oder Frankfurt gearbeitet hatten. In den Gründungsjahren der Grünen, an denen ich auf allen Ebenen intensiv beteiligt war, prallten völlig gegensätzliche Kräfte aufeinander. Noch beim Gründungsparteitag in Karlsruhe konnte man den Blut-und-Boden-Bauern Baldur Springmann und den erzkonservativen CDU-Naturfreund Herbert Gruhl im freundlichen Gespräch mit den Extremlinken Thomas Ebermann und Rainer Trampert und natürlich auch Jutta Ditfurth. Die späteren Karrieristen und Wendehälse à la Fischer, Schily und Konsorten waren entweder nicht dabei oder spielten keine Rolle. Bei uns in Düsseldorf gingen die grünen Uhren ohnehin anders. » ganz lesen

publiziert am 03.11.12 in Stadtgeschichten ¦ 758x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Alle Mann

Manchmal, sagte Elle gern, merkt man erst, dass man verarscht wurde, wenn derjenigen, der einen verarscht hat, nicht mehr in Reichweite ist. Sie ahnte an diesem Tag vermutlich nicht, wie sehr dieser Satz auf den unsympathischen Büdchenbesitzer vom Platz passte. Denn nachdem Ümit die sorgfältig zusammengefaltete Liste mit Namen und Daten übergeben hatte, beschloss der Hauptkommissar, dem angeblich erpressten Bombenschärfer Ausgang bis zum nächsten Morgen zu gewähren und eigenhändig einen weiteren Haftprüfungstermin zu beantragen. So konnte der Typ, der aus seinem illegalen Geschäft mit Waffen keinen Hehl mehr gemacht hatte, das Polizeipräsidium verlassen, die Stadt verlassen, das Land verlassen und sogar den Kontinent zu verlassen, um sich mit seinem Wohlstand in seiner ostanatolischen Heimat niederzulassen und einem komfortablen Alter entgegenzusehen. Ümit wurde nie wieder in der Stadt gesehen. Der Vermieter räumte irgendwann den Laden und machte das Inventar zu Geld. Im Lagerraum, den sich der hemalige Mieter mit dem albanischen Nachbarn geteilt hatte, fand man leer Holzkisten, meist mit Ölpapier ausgeschlagen und teilweise mit speziellen Schutzdecken vollgestopft. Ein paar Pappschachteln Munition klaubten dann die Beamten, die den Status aufzunehmen hatten, aus den Rattenlöchern. » ganz lesen

publiziert am 28.10.12 in Völkerwanderung ¦ 1016x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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