Die Seite 44

Alle Mann

Manchmal, sagte Elle gern, merkt man erst, dass man verarscht wurde, wenn derjenigen, der einen verarscht hat, nicht mehr in Reichweite ist. Sie ahnte an diesem Tag vermutlich nicht, wie sehr dieser Satz auf den unsympathischen Büdchenbesitzer vom Platz passte. Denn nachdem Ümit die sorgfältig zusammengefaltete Liste mit Namen und Daten übergeben hatte, beschloss der Hauptkommissar, dem angeblich erpressten Bombenschärfer Ausgang bis zum nächsten Morgen zu gewähren und eigenhändig einen weiteren Haftprüfungstermin zu beantragen. So konnte der Typ, der aus seinem illegalen Geschäft mit Waffen keinen Hehl mehr gemacht hatte, das Polizeipräsidium verlassen, die Stadt verlassen, das Land verlassen und sogar den Kontinent zu verlassen, um sich mit seinem Wohlstand in seiner ostanatolischen Heimat niederzulassen und einem komfortablen Alter entgegenzusehen. Ümit wurde nie wieder in der Stadt gesehen. Der Vermieter räumte irgendwann den Laden und machte das Inventar zu Geld. Im Lagerraum, den sich der hemalige Mieter mit dem albanischen Nachbarn geteilt hatte, fand man leer Holzkisten, meist mit Ölpapier ausgeschlagen und teilweise mit speziellen Schutzdecken vollgestopft. Ein paar Pappschachteln Munition klaubten dann die Beamten, die den Status aufzunehmen hatten, aus den Rattenlöchern. » ganz lesen

publiziert am 28.10.12 in Völkerwanderung ¦ 1017x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Königskinder 09

Und während sich Felsheimer immer mehr in die bunte Welt der Prominenz hineinzwängte und darüber die Kanzlei vernachlässigte, übernahm Ronny das Regiment, spezialisierte sich auf Medienrecht und Abmahnungen, was für in kurzer Zeit zu einem unerwarteten betriebswirtschaftlichen Erfolg führte. Da Jojo immer noch bestenfalls als B-Promi durchging und entsprechend geringe Honorare für seine Fernsehauftritte bezog, ernährte ihn sein Freund mehr oder weniger mit. Zumal der seine persönlichen Einnahmen lieber in teure Kleidung, Uhren, Luxusurlaube und seine Autos steckte. Mittlerweile hatte er seine erste gebrauchte Corvette gegen ein flammneues Exemplar dieser Marke getauscht und einen schweren Geländewagen dazu in die Garage gestellt. Ronny hielt das Geld dagegen zusammen und sparte am liebsten beim Personal, sodass über Jahre nur Praktikanten und Aushilfen in den überdimensionierten Büroräumen, die natürlich Felsheimer ausgewählt hatte, herum wuselten und niedere Dienste taten. Ronald Horben hatte inzwischen so etwas wie ein eigenes Sozialleben entwickelt, das konkret aus der Teilnahme am vierteljährlich stattfindenden Juristenstammtisch bestand. Und dort begegnete er eines Tages einem blutjungen Anwalt. » ganz lesen

publiziert am 28.10.12 in Einzelteile ¦ 857x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Das Tanzschulenmassaker

tanzschulenmassakerAus dem Büro und aus der Bar drang Stimmengewirr. Immer lauter. Die ersten Flaschen und Gläser klirrten. Dann trat jemand die Doppelflügeltür auf, und sieben, acht wilde Kerle stürmten die Tanzfläche. Udo hatte gerade das Pult mit dem Plattenspieler übernommen, weil ich eine Pause zum Knutschen mit Susanne nutzen wollte. Die Mädchen kreischten, einer von meinen Kumpeln brüllte die Eindringlinge an. Aber die reagierten darauf nicht, sondern begannen ihre Arbeit. Systematisch zerschlugen sie die Spiegelwand, kickten die Stühle umher und zuletzt zerlegte ein großer Dunkelhäutiger die Musikanlage, hinter der Udo sich verschanzt hatte. Später, ein paar Tage nach der Mondlandung, erwischten sie mich nachts auf der Blücherstraße. Die Narbe am Hinterkopf kann ich noch heute ertasten. » ganz lesen

publiziert am 26.10.12 in Stadtgeschichten ¦ 809x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schlittschuh, Schwimmbad, Schamhaar

eisstadionDamals, in den Zeiten als sich Mädchen noch nicht die Achsel- und Schamhaare rasieren mussten, waren Freibad und Eisbahn die wichtigsten Kontakthöfe fürs junge Volk. Während man die körperlichen Gegebenheiten einer potenziellen Geschlechtspartnerin zum Beispiel im Schwimmbad am Rheinstadion oder in Lörick unmittelbar in Augenschein nehmen und abwägen konnten, zählten im Eisstadion mehr die inneren Werte. Barbara hätte natürlich in beiden Arenen Kantersiege eingefahren, aber im Sommer habe ich sie nie beim Schwimmen gesehen. Auf dem Eis war sie zumindest im Winter 1969/70 die Schönste ihrer Altersklasse. Für mich allerdings ein bisschen zu schön und auch um ein, zwei Jahre zu alt. Sie war recht groß gewachsen, hellblond und trug die Haare mittelgescheitelt und sehr lang unter der warmen Mütze. So weit es sich abschätzen ließ, muss sie eine tolle Figur gehabt haben. Ich aber hatte ein Auge auf ihre kleine Schwester geworfen. » ganz lesen

publiziert am 21.10.12 in Stadtgeschichten ¦ 866x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die nackte Hilde

nackte_hildeMeine Mutter war auf merkwürdige Weise amüsiert: „Und da hat der Werner nur so einen gestreiften Beutel an…“ Sie kicherte, und das tat sie sonst nie. Wir saßen am Frühstückstisch. Die Eltern waren am Vorabend zu Gast beim Chef des Vaters gewesen, der hatte ihnen Filme vom FKK-Urlaub mit Frau und Kind auf Korsika gezeigt. Nicht dass es bei uns prüde zugegangen wäre, aber dass man die ganzen Ferien über nackig rumlaufen könnte und alle anderen Leute auch, das kam den Eltern schon merkwürdig vor. Was dieses Thema anging, waren Werner und Hilde ein Traumpaar. Schließlich hatte sie vor der Hochzeit einige Jahre als Schönheitstänzerin gearbeitet. In einer Nachtbar namens „Bocksbeutel“, die damals noch dem Rotlichtmillieu zugerechnet wurde. Aber Werner, der mit seinem soziophoben Bruder gemeinsam die vom Vater geerbte Firma führte, war ohnehin Nonkonformist. Der verkehrte im Düsseldorfer Nachtleben, verstand sich zu amüsieren und war großer Fan des Catchens, das damals noch einen ziemlich zweifelhaften Ruf hatte und als Vergnügen für Verbrecher galt. » ganz lesen

publiziert am 20.10.12 in Stadtgeschichten ¦ 1016x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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