Die Seite 45

Hans-Jürgen im Untergrund

indenuntergrundIn den ersten Jahren wurde die verkehrspolitische Arbeit der hiesigen Grünen durch Einbruchsdiebstahl finanziert. Ich sah Hans-Jürgen zum ersten Mal bei einer Versammlung, wo er aus dem Hintergrund des Saals mit lauter Stimme gegen die K-Gruppen-Kader anbrüllte, die dabei waren, die Partei feindlich zu übernehmen. Dann traf ich ihn auf der einen oder anderen Demo und auf verschiedenen Sitzungen. Ob ich an Verkehrspolitik interessiert sei, fragte er mich eines Tages. Ich bejahte, und er sagte, dann komm doch mal vorbei. In jenen Tagen hatte Hans-Jürgen einen Laden auf der Eintrachtstraße gemietet. Das war damals eine der finstersten Ecken der Stadt, gelegen an der Kölner Straße, die hier zwischen der Industriebrache hinter dem Bahnhof und einer Reihe schäbiger Häuser entlang führte. Die Eintrachtstraße selbst endete im Nirgendwo einer wild bewachsenen Fläche, auf der sich nachts die Junkies und Dealer trafen. Gegenüber vom Laden gab es die einzige afrikanische Disco der Stadt. » ganz lesen

publiziert am 05.10.12 in Stadtgeschichten ¦ 789x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 5

Das Wasser im Hafenbecken unter der ehemaligen Futtermittelfabrik lag an diesem unentschiedenen Tag unbewegt da wie eine graue Plastikfolie. Elle parkte das Rad an einem Verkehrsschild, das Autofahrer davor warnen sollte, versehentlich über die Böschung in den Fluss zu fahren. Sie ging die drei Schritte bis zu den Stufen im steinernen Deich und sah ihr zukünftiges Heim da unten liegen. Sie hatte Arbeiter erwartet, Scharen von fleißig vor sich hin werkenden Männern in Overalls und öligen Latzhosen, aber zumindest an Deck war kein Mensch. Da standen nur Farbeimer herum, eine geöffnete Blechkiste für Werkzeug, Taue und Planken und eine sinnlose Leiter. Elle betrat das schwankende Brett, das den Kahn mit dem Ufer verband, und machte einen großen Schritt an Deck. Das Schiff war vom Bug bis zum Heck dreiundzwanzig Meter lang und in der Mitte gut vier Meter breit. Die verschiebbaren Luken über dem Laderaum hatte man verschweißt und darüber drei gleich große Plattformen angebracht, die mit Terrassendielen belegt waren. Ins Inneren kam man über den Eingang zum ehemaligen Steuerhaus, das den Bewohnern als Küche und Wintergarten dienen sollte. Die Tür war nicht verschlossen, und sie betrat den Raum mit den großen Fenstern an allen vier Seiten. Die Einrichtung war bereits vollständig entfernt, aber an den metallenen Pfosten blühte noch der Rost. Sie hob das Luk an und kletterte abwärts in den Laderaum, der Robert und ihr demnächst Wohn- und Schlafraum sein sollte. » ganz lesen

publiziert am 04.10.12 in Einzelteile ¦ 751x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Graues Leben

Bodos Tod brachte Leid über die Familie Greiper, großes Leid. Und weder die Eltern, noch Robert und seine kleine Schwester Sabine kamen über den Schmerz hinweg, den ihnen der Unfall zugefügt hatte. Niemand gab dem kleinen Bruder die Schuld, niemand gab überhaupt jemanden die Schuld – nur Robert konnte an nichts anderes mehr denken als einen oder mehrere Schuldige zu ermitteln, zu stellen und zu bestrafen. Am schlimmsten traf es die Mutter. Anna Greiper verlor jede Freude am Leben, verstummte beinahe völlig und lehnte jede Aktivität ab. Immer tiefer zog sie sich in die Höhle ihrer Trauer zurück, und Heinrich, ihr Mann, der sie über alles liebte, wusste sich keinen Rat mehr. Einen Tag vor ihrem fünfzigsten Geburtstag verschwand sie. Niemand hatte sie gehen sehen, weder die Familienangehörigen, noch die Angestellten im Gasthof oder die Gäste. » ganz lesen

publiziert am 30.09.12 in Völkerwanderung ¦ 936x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 4

Natürlich hatte der PR-Berater Frank Schreiner nicht nur den Chefredakteur des Boulevardblättchens informiert, sondern gleich alle Redaktionen der drei Tageszeitungen der Region angerufen. So waren gegen eins vier Autos unterwegs zum AMEK-Megastore in der Nähe der niederländischen Grenze, wo zu dieser Zeit ein unerwartetes Volksfest tobte. Auf der Bühne absolvierte eine Vorband die besten Rockhits der sechziger, siebziger und achtziger Jahre sowie das Beste von heute. An jeder Ecke des Parkplatzes schenkte man Freibier, Cola und Wasser aus, und auch die eilends georderten Würstchen und Burger fanden reißenden Absatz. » ganz lesen

publiziert am 25.09.12 in Einzelteile ¦ 895x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Robbies Gold

goldbarrenZwei Jahre vor seinem Tod musste ich Robbie versprechen, zu Lebzeiten nicht über ihn zu schreiben. Das habe nichts damit zu tun, dass er sich für irgendetwas schäme oder irgendetwas bereue; er wolle einfach nicht nachlesbar sein. Das war vor ungefähr fünfzehn Jahren. Wir sahen uns eine Zeitlang nicht, dann erfuhr ich über Umwege, dass er an seinem schweren Nierenleiden gestorben war. Er wurde nicht einmal fünfzig Jahre alt. Meine ehemalige Ehefrau sagte: Der ist ein Zigeuner. Konnte man drauf kommen angesichts seiner schwarzen Locken und der intensiven dunklen Augen. Wir hatten ihn so um 1984 herum kennen gelernt. Seine Tochter ging in denselben Kindergarten wie mein Sohn. Da lebte er noch mit der Mutter dieses Mädchens zusammen. Robbie war ein Spieler, und damit meine ich nicht nur seinen Hang zur Zockerei. » ganz lesen

publiziert am 25.09.12 in Stadtgeschichten ¦ 945x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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