Die Seite 48

Stein und Bein – Teil 4

Politik ist die Kunst des Machbaren, heißt es. Und: Wer etwas erreichen wolle, müsse dicke Bretter bohren. Schaidler war anderer Ansicht, und ihn als ungeduldigen Menschen zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, dass er alles erreichen könne, was er wolle und das genau in dem Zeitraum, den er sich vorstellte. Dazu, so sein Credo, müsse nur genug Macht ausgeübt werden. Jedes System, wusste Schaidler, hat Schwachstellen. Die gilt es zu identifizieren, um die Punkte zu finden, an denen Machtmitteln anzusetzen seien. So verstand er seine Politik als das Durchschlagen der dünnen Brettchen, die es in jedem Holzhaus gibt und deren Beschädigung das ganze Gebilde zum Wanken oder Einstürzen in seinem Interesse bringt.
Nein, er hatte nichts gegen Ausländer, auch nicht gegen Linke und Muslime und schon gar nicht gegen Schwule. Aber um das Land, in dem er anfangs nur Gast gewesen war, in den Griff zu bekommen, hatte er die Ressentiments der Bürger als die Stellen ausgemacht, an denen sie schwach waren. Jeder Hass auf andere, so wusste er, entsteht aus Angst. Und Angst ist Schwäche. Je furchtsamer die Menschen sind, desto schwächer werden sie, desto mehr suchen sie nach Schutz. Dem Führer, der ihnen Sicherheit versprach, würden sie folgen. Und das taten sie in jenen Jahren, in denen Schaidler politisch aktiv war, gern – zumindest in der Steiermark. » ganz lesen

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publiziert am 17.08.13 in Einzelteile ¦ 883x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sex mit Angie

angie_friends_nudeEs kam in diesen Zeit nicht besonders häufig vor, dass Thibaud mit einem Grinsen im Gesicht zu unserem Treffen in der Stammkneipe kam. Dieses Mal war er nicht nur gelaunt, sondern geradezu albern. Er riss einen Witz nach dem anderen und machte zu jedem Thema lustige Bemerkungen. Als das Gespräch auf die kommenden Wahlen kam, sagte er plötzlich: „Ich hatte Sex mit Angie.“ Die Reaktion der Gruppe fiel müde aus. Also hob er die Stimme: „Ich hab die Kanzlerin gevögelt!“ Erwartungsvolles Schweigen breitete sich aus, weil wir alle natürlich hören wollten, was sich hinter dieser abenteuerlichen Aussage verbarg. Und Thibaud fing an zu erzählen. „Es war bei einer Party. Beziehungsweise einem obskuren Open-Air-Festival, das auf einem ehemaligen Fußballplatz stattfand. Gruppen gealterter Pseudo-Punker machten schlechten Krach mit fürchterlichen deutschen Texten. Bands aus Pubertätsbubis gaben üble Cover-Versionen von Tote-Hosen-Schlagern zum Besten. Und eine Truppe Afrikaner quälte das Publikum mit selbsterfundener Folklore im holprigen Reggae-Stil. Über allem hing eine Wolke Marihuana-Dampf und Bierdunst. Rasch wurde mir klar, dass ich alter Sack keine der hübschen jungen Dinger, die überall mherumlungerten, anbaggern und abschleppen würde und sah mich nach Damen meiner Generation um. Da fiel sie mir sofort auf. Sie trug eine weite, bunte Weltmusikhose, ein verwaschenes blaues T-Shirt und wiegte sich ganz unabhängig von der jeweiligen Live-Musik gleichförmig in den Hüften. » ganz lesen

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publiziert am 08.08.13 in Thibaud ¦ 2430x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Das Findelkind vom Red River

Die Wolken machen den Vorhang zu und der letzte Sonnestrahl malt einen Strich auf die Veranda, wo Matt auf seinen gepackten Sachen sitzt. Seit fünf Wochen hat es nicht mehr geregnet, bald kommt die Zeit der Tornados, die über den flachen Ebenen entstehen und in manchem Jahr auch Quanah treffen. Matt wartet auf seinen Cousin, der ihn nach Dallas fahren wird. Hinten über dem Red River fällt das Wasser aus dem dunkelgrauen Wolkenbauch, und Matt spürt den kalten Wind, dem der starke Regen folgt. Sie werden auf dem Highway 287 vor dem Wetter fliehen, südwestwärts, die ersten siebzig Meilen bis Wichita Falls in gut anderthalb Stunden schaffen und dann auf dem 81er bis nach Fort Worth noch einmal gut drei Stunden brauchen. Es ist kurz nach zehn am Morgen, und um sechs am Abend geht sein Flug nach Europa. » ganz lesen

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publiziert am 01.08.13 in Blinde Mäuse ¦ 828x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Stein und Bein – Teil 3

Das Wetter hatte es sich wieder anders überlegt und die Stadt erneut mit einem kalten Nieselregen überzogen. Menschen, die gezwungen waren, sich draußen aufzuhalten, konnte nichts dagegen tun, dass die Feuchtigkeit zwischen Haut und Kleidung kroch und ihnen die Laune verdarb. So zogen mürrische Bürger durch die Straßen, die sich gegenseitig hassten, die ihre eigene Situation hassten und sich nicht vorstellen konnten, die Stadt und ihre Mitbürger irgendwann einmal wieder zu mögen. Wer eine einigermaßen brauchbare Laune behalten wollte, blieb zuhause, verschanzte sich im Büro oder suchte sich ein warmes Plätzchen, um heiße Getränke zu verzehren. » ganz lesen

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publiziert am 19.07.13 in Einzelteile ¦ 890x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Meine erste Liebe

inkagrab_1Vor Jahren war dies noch eines der auffälligsten Grabmale in diesem Teil des Düsseldorfer Nordfriedhofs: Ein strahlend weißer Marmor, der ein junges Mädchen im Engelsgewand mit einer Blume in der Hand zeigt. Da lebten ihre Eltern noch. Jetzt war ich nach gut zwei Jahren wieder einmal da, weil das Grab meiner Eltern unweit zu finden ist. Die Ruhestätte ist verwildert, der Stein bemoost. Dort ist meine erste Liebe begraben. Inka hieß sie, und sie war auf derselben Volksschule wie ich. Aber als wir beide, wenn auch in verschiedene Klassen, im Schuljahr 1962/1963 die hochmoderne Gemeinschaftsschule an der Lennéstraße in Pempelfort besuchten, kannten wir uns noch gar nicht. Erst im übernächsten Schuljahr, indem täglich durch die Annastraße zum Leibnizgymnasium ging, wurden wir aufeinander aufmerksam. Fingen an, uns zu begrüßen und auch irgendwann miteinander zu reden. Sie wohne gegenüber des kleinen Spielplatzes, der damals an der Kreuzung zwischen der Euler- und der Jülicher Straße existierte. » ganz lesen

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publiziert am 17.07.13 in Stadtgeschichten ¦ 978x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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