Die Seite 48

Neunddreißig bis sechsundvierzig

Er legte die Fotos auf dem Fußboden aus. Eins neben dem anderen in der Reihenfolge des Zeitpunkts, der jeweils automatisch in das Bild eingeblendet war. Auf Aufnahme neununddreißig sieht man den dunklen Eingang der Bar, sie hat geschlossen, alle Lichter sind ausgeschaltet. Ein großer dunkler Wagen fährt vor. Greiper meint, einen Audi A8 oder VW Phaeton zu erkennen. Ein Mann steigt aus dem Fond. Auf Bild einundvierzig ist das Auto weg, ein heller Stapel steht an der Tür der Bar, es könnten Zeitungen sein. Dann ein eher kleiner, untersetzter Mann, der einen schwarzen Kasten obenauf legt. Er hat sich auf Foto Nummer dreiundvierzig gebückt und hantiert an dem Stapel. Und das Bild sechsundvierzig besteht aus nichts als einem strahlenden Blitz in der Bildmitte und ganz viel schwarz drumherum – die Explosion. Der Hauptkommissar fasst für sich zusammen: » ganz lesen

publiziert am 23.07.12 in Völkerwanderung ¦ 829x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Aufbau

Wie es der Zufall wollte, stammte Anna aus einer Stadt kaum vierzig Kilometer entfernt von dem Ort, an der aufgewachsen war. So stimmte sie gern zu, als Heinrich, den sie in Vlissingen gern Heintje nannten, einige Wochen nach der Hochzeit vorschlug, dorthin zu reisen, um nach dem alten Gasthof der Eltern zu sehen. Nach der ersten kurzen Begegnung im Krug von Oostburg hatte er vorsichtig, aber hartnäckig um sie geworben. Im Mai des Jahres 1947 willigte sie ein, ihn zur Kermes in Middelburg zu begleiten, wo es ein großes Tanzvergnügen auf dem Platz vor der Abtei geben sollte. Natürlich hatte sie sich auch in ihn verliebt, und sie war stolz und glücklich, mit ihm zusammen gesehen zu werden, mit ihm zu tanzen und, ja, in der folgenden Nacht auch zu schlafen. Alle Nachbarn fanden, Heintje und Anneke seien das schönste Paar, das man seit langem gesehen habe, und waren alle davon überzeugt, die beiden würden bald heiraten. » ganz lesen

publiziert am 21.07.12 in Völkerwanderung ¦ 919x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hand und Fuß – Teil 8

Die Beziehung zwischen Schimmel und Greiper war über die Jahre gereift. Dass ein dahergelaufener Akademiker ohne jede Praxiserfahrung, der auch nur unwesentlich älter war als er, ihm etwas zu sagen haben sollte, hatte Greiper anfangs erheblich gestört. Die ersten Monaten schmeckten nach kaltem Krieg: Wo der studierte Kriminalist Fünfe gerade sein ließ, da pochte sein Hauptkommissar auf die Dienstverordnung. Und wenn sich Greiper kreative Freiheiten im Sinne der Aufklärung nahm, da drohte ihm Schimmel mit allfälligen Sanktionen. Aber der gegenseitige Widerstand hatte sich im Laufe von fünf, sechs Jahren abgeschliffen. Dann löste Greiper den Fall des explodierten Oberbürgermeisters mit einiger Eleganz und Geschwindigkeit und nahm so den Dezernatsleiter im Range eines Kriminaloberrates aus der Schusslinie, die von den gierigen Lokaljournalisten aufgebaut worden war. Ein netter gemeinsamer Abend in einer der hiesigen Hausbrauereien besiegelte den Frieden und begründete das gegenseitige Vertrauen. » ganz lesen

publiziert am 17.07.12 in Einzelteile ¦ 859x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Belastungszeuge

Es hatte ihm noch nie Spaß gemacht, das Zeug zu durchwühlen, das seine Kollegen bei Tatverdächtigen eingesackt hatten. Aber bei den Papieren und Fotos, die sie bei Walter Hinz beschlagnahmt hatten, war die Sache noch eine ganze Kategorie übler. Ein Umzugskarton war vollgestopft mit Hunderten Briefen, also Kopien von Briefen, die das Schwein verfasst hatte, sowie den Antworten. Dabei handelte es sich zu über neunzig Prozent um die Korrespondenz, die der Pädophile im Verlauf von gut dreißig Jahren mit minderjährigen Mädchen geführt hatte. Teilweise hatten die Fotos von sich beigeheftet, und Greiper war schockiert, wie jung die Opfer der Drecksau waren. Natürlich nahm so ein Briefwechsel an Fahrt auf, wenn die Angeschriebene nicht rechtzeitig aufgehört hatte zu antworten, und vermutlich hatte das Ferkel auch Bilder von sich mitgeschickt. Die aktuellsten Briefe datierten von 1998, viele Empfängerinnen stammten aus dem Ostblock. Dann hatte Hinz offensichtlich das Internet für sich entdeckt. » ganz lesen

publiziert am 12.07.12 in Völkerwanderung ¦ 867x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Heimkehr

Als Heinrich Antonius Greiper im Oktober 1947 aus britischer Kriegsgefangenschaft zurück in die Stadt kam, hatte er nach eigenem Bekunden nicht einen einzigen Schuss auf gegnerische Soldaten abgefeuert. Die Wehrmacht hatte ihm eine auf sechs Wochen verkürzte Ausbildung angedeihen lassen, die vor allem aus einer Reihe von Schikanen durch Vorgesetzte bestand. Dann verschiffte man ihn zusammen mit knapp tausend anderen jungen Burschen nach Libyen, wo der Feldmarschall Rommel gerade die Entscheidungsschlacht verloren hatte. Heinrich landete in einer völlig unbedeutenden Verteidigungsstelle mitten im sandigen Nirgendwo. Als sich im Februar 1943 britische Panzer näherte, entschied der Offizier, dem die zweiundsechzig Soldaten unterstanden, sich kampflos zu ergeben. Man hisste alle weißen Textilien und ließ sich widerstandslos entwaffnen. Die Kriegsgefangenen wurden anschließend auf eine lange Reise geschickt; weil die Lager auf der britischen Insel randvoll mit Gefangenen waren, brachte man Heinrich und seine Kameraden nach Amerika, wo er die Jahre 1943, 1944 und 1945 im berühmt-berüchtigten Großlager in Oklahoma verbrachte – und dort ein ziemlich perfektes Englisch lernte. » ganz lesen

publiziert am 19.06.12 in Völkerwanderung ¦ 951x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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