Die Seite 5

Der Inhaber

Hauptkommissar Robert Greiper hasste Handys. Das lag weniger daran, dass er nicht ständig erreichbar sein wollte oder dass ihm Menschen mit Telefonen am Ohr auf der Straße und im Auto missfielen; er telefonierte einfach nicht gern. Früher war es leicht, dem Fernsprechen zu entgehen – man mied einfach Orte mit Telefonen. Aber er hatte sich dann doch dem neumodischen Kram nicht ganz entziehen können und besaß ein Mobiltelefon. Eines das der Hersteller gern zurückgehabt hätte, denn dann hätte es einen Platz im Werksmuseum gefunden. Um nicht versehentlich angerufen zu werden, hatte er das Teil vor Jahren stummgeschaltet, und den Vibrationsalarm hab es im Baujahr des Geräts noch nicht. Seine Freundin Elle wusste mit diesem Handicap umzugehen; sie schrieb ihm Textnachrichten, die nur aus einem Satz bestanden: “Ruf mich an!” Bei aller Aversion schaute Greiper nämlich doch so alle halbe Stunde nach, ob jemand ihn hatte erreichen wollen. Als er in der Straßenbahn Richtung Innenstadt saß, fand er einen Anruf in Abwesenheit. Und rief zurück. » ganz lesen

publiziert am 14.09.11 in Exil am Platz ¦ 98x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hedwig und Tünn

Zu diesem Zeitpunkt war Hedwig fast 30 Jahre alt, aber es war Liebe, was sie dem großen, starken Jüngling in die Arme trieb. Noch in der Nacht nach dem Tanzvergnügen in Middelburg durfte er sie zum ersten Mal küssen. Und an einem stürmischen Abend im September ließ sie ihre Zimmertür im Dachgeschoss des Gasthofs unverschlossen und hatte dafür gesorgt, dass die Haustür nur angelehnt war. Von dieser ersten gemeinsamen Nacht stand für beide fest, dass sie gemeinsam durchs Leben gehen wollten. Ton fragte beim Pfarrer nach, ob er ihn trotz seiner jungen Jahre trauen würde. Pastor Theodorus Oudenkott bat sich Bedenkzeit aus und lud Hedwig zum Gespräch. Als er in diesem Gespräch erfuhr, dass sie zwar aus einer vorwiegend katholischen Stadt stammte, ihre Vorfahren aber Hugenotten waren, die als Protestanten aus Frankreich geflohen waren, da willigte er ein. Nun war die Familie Grijpstra in Vlissingen nach den Vorfällen rund um den Vater, dessen Frau und der unglücklichen Madeleen nicht mehr besonders angesehen. Deshalb beschlossen Ton und Hedwig im engsten Familienkreis zu heiraten. » ganz lesen

publiziert am 12.09.11 in Familie Greiper ¦ 114x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sprengkraft

Am frühen Morgen des Freitag erschütterte eine ungeheure Explosion den Nordwesten der Stadt. In der Nacht war das Wetter umgeschlagen. Wolken waren aus Westen aufgezogen und bildeten einen Deckel über den heißen Straßen und Plätzen. Der große Knall zerstörte im Umkreis von fast fünf Kilometern die Fenster, und die Schwüle zog in die Zimmer. Die Halle der Firma Pyronautics war fast vollkommen zerstört. Teile des Dachs landeten in Umkreis von tausend Meter und beschädigten die Autos im benachbarten Vorort. Hier am Ortsrand hatte sich vor gut zwölf Jahren der Mann angesiedelt, der sich selbst Sprengstoffexperte, Feuerwerker und Pyrokünstler nannte. Durch die weltweiten Medien hatte man seinen Namen gereicht, nachdem er im Auftrag einer globalen Bank ein herzförmiges Loch in deren Außenmauern gesprengt hatte – die Bosse des Finanzinstituts hatten das als Kunst begriffen, das Publikum eher nicht. Auch seine Aktion auf den Wiesen jenseits des Flußes, bei dem ein fast zehn Meter hohes Gerüst aus Holz und Metall über 24 Stunden gebrannt hatte, stieß nicht bei allen Bürgern auf Gegenliebe. Lorenzo Bhy, so der Name des Künstlers, sagte von sich, er sei im Zeichen des Feuers geboren. Die Flammen seien immer gut zu ihm gewesen und deshalb liebe er sie auch. » ganz lesen

publiziert am 11.09.11 in Exil am Platz ¦ 81x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Razzia

Und weil Ümit vom Büdchen an der Ecke ihn nicht bis elf Uhr angerufen hatte, klingelte Hauptkommissar Greiper bei den Kollegen von den Eigentumsdelikten an. “Gerne”, sagte der Beamte am Telefon, “beim Karadoglu wollten wir schon immer mal vorbeischauen. Ach, da gibt es einen Lagerraum, den er sich mit dem Albaner teilt…” Als er nun von Brankos Kneipe aus Richtung Präsidium schlenderte, sah er an der Ecke schon die unauffälligen Bullys. Der Eingang zum Büdchen wurde von einem Prachtkerl aus dem Zivilbereich bewacht und drinnen gab’s Geschrei. Ümit krakeelte herum. Dann sah er Greiper durchs Schaufenster und tischte aus. Der Hauptkommissar grinste sich eins und bog ums Eck. Auch das Ladenlokal des Schlüsseldienstes war unter Polizekontrolle. Er zeigte seinen Dienstausweis und ging rein. Filim Kuqi saß einigermaßen bedröppelt auf dem Kundenstuhl im Eck und sah dabei zu, wie fünf, sechs Kriminaler seine Bude auf den Kopf stellten. Der Einsatzleiter lungert am Fenster herum und bohrte in der Nase. “Den könnense vergessen, Herr Kollege,” sprach ihn Greiper von der Seite an, “ich würd mich auf das Lager im Innenhof konzentrieren.” Er erntete einen pikierten Blick: “Schön dass sich die Mordkommission jetzt auch in dieses Thema einmischt.” » ganz lesen

publiziert am 09.09.11 in Exil am Platz ¦ 98x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Peter Kürten

Viel hatte Fiona nicht zu packen. Sie reiste gern mit kleinem Gepäck. Und die überstürzte Abreise kam ihrer Vorliebe für dramatische Momente entgegen. Bisher hatte sie niemandem, auch nicht Robert, gebeichtet, wer sie wirklich war und was sie in der Stadt zu tun hatte. Keiner wusste, dass sie unter dem Pseudonym Jack Jared seit Jahren in den USA höchst erfolgreiche Kriminalromane schrieb. Ein Kritiker nannten sie den König der Doku-Krimis, denn von ihren sieben Büchern basierten sechs auf tatsächlichen Fällen aus verschiedenen Epochen und in verschiedenen Ländern. Andere Rezensenten lobten besonders die akribische Genauigkeit der Schilderung fremder Kulturen und vergangener Zeiten. Fiona hatte sich auf die Kriminalhistorie des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts spezialisiert, und die Reise, die sie nun abbrechen würde, galt dem auch in den USA bekannten Serienmörder Peter Kürten, der zwischen 1913 und 1930 mindestens neun Morde begangen hatte, bevor man ihn im Juli des Jahres 1931 hinrichtete. Und um diese Figur herum wollte sie einen Roman schreiben. » ganz lesen

publiziert am 07.09.11 in Exil am Platz ¦ 178x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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