Die Seite 5

Charlene und ich (4)

Ab dem dritten Advent wurde das Wetter ungemütlich. Das sei hier um Weihnachten herum meistens so, sagte Herr Sosna, der Inhaber des Platzes, der in einem Steinhäuschen knapp außerhalb des Geländes wohnte. Charlene hatte sich Schnee gewünscht, deutsche Gemütlichkeit, Romantik und dergleichen. Statt dessen bekamen wir Dauerregen, milde Temperaturen und ab und an ein bisschen Sturm. Aber davon bekam sie nicht mehr viel mit. Über einen Bekannten von einem Bekannten von einem Freund von Herrn Sosna war ich an eine nie versiegende Quelle für Morphine gekommen. Alle vier Stunden spritzte ich Charlene eine Dosis, sodass sie einigermaßen schmerzfrei vor sich hin dämmern konnte. Wenn sie dann eingeschlafen war, drehte ich die Runden mit Dunja; meistens gleich in der Nähe vom Platz unten am Rhein. Manchmal fuhren wir in den Wald östlich der Stadt, das hatte mir Herr Sosna empfohlen. Der Hündin gefiel beides, wobei sie im Wald immer viel näher bei mir blieb, als müsste sie mich vor bösen Geistern beschützen. Mein Deutsch wurde immer besser, und ich unterhielt mich gern mit anderen Hundehaltern, fragte sie aus über die Stadt, über Land und Leute, über Deutschland und die Deutschen. » ganz lesen

publiziert am 11.03.16 in Paare ¦ 189x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Mann mit dem Messer in der Brust

Bin mir nicht sicher, ob ich es geträumt habe oder erlebt. Neulich ging ich ziemlich unbetrunken von der Stammkneipe nachhause. Eine trübe Neumondnacht, ein wenig Nieselregen in der Luft. Der Abend war öde verlaufen. Keine interessanten Gespräche, und meine Lieblingskellner hatten alle frei. In der R-Straße drückte ich mich an den Hauswänden entlang, um nicht noch nasser zu werden. PLötzlich trat vier, fünf Meter vor mir eine Gestalt aus einem Hauseingang, blieb stehen und wandte sich mir zu. Großgewachsen, trug einen altmodischen Kleppermantel und hatte die Kapuze eines Hoodies über dem Kopf. Zwei Schritte kam er mir entgegen, und ein wenig Licht der Lampe, die über der Fahrbahn im Wind hin und her schwang, traf sein Gesicht. Scharfgeschnitten mit eingefallenen Wangen und sehr tiefliegenden Augen. Dann öffnete er den Mantel, hatte darunter ein weiße Hemd an. Und aus seiner Brust, rechte Seite auf Höhe des Herzens, schaute der Griff eines Fleischermessers hervor. » ganz lesen

publiziert am 05.03.16 in Stadtgeschichten ¦ 227x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Wer war Bernd Loschen?

Bernd Loschen war ein Bursche wie ein Berg mit dem Gemüt eines gütigen Greises. Er zeigte nie Zorn oder Wut, aber auch sehr selten Freude oder Begeisterung. Die Nadel seines Emotionsmessgerätes schlug meist nur leicht um die Mittellage herum aus. Schon als Junge war er mit unvergleichlichen Körperkräften ausgestattet. Und weil es bei ihm dafür mit dem Lesen und Schreiben, dem Rechnen und auch dem Malen haperte, landete er in de Sicherheitsbranche. Den größten Teil seines Lebens arbeitete er als Türsteher. Nur einmal wirkte der Mann, den seine Kollegen Boddie nannten, als Personenschützer. Für diskrete Dienste war er einfach immer zu auffällig. Nachdem die Schlagersängerin Jule West massiv mit Morddrohungen überzogen worden war, wurde Loschen ihr Bodyguard. » ganz lesen

publiziert am 24.02.16 in Stadtgeschichten ¦ 249x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Charlene und ich (3)

Der Hund kam früher als erwartet. Wir hatten einen sehr großen, unter europäischen Campern berühmten Platz am Balaton angesteuert, wo wir sofort einige Paare trafen, denen wir auf unserer Tour schon begegnet waren. Unter anderem die beiden älteren Herren aus Dänemark, die uns erklärt hatten, sie seien ein Ehepaar und könnte bald silberne Hochzeit feiern. Die hatten direkt nach der Pensionierung ihren Haushalt aufgelöst, das Häuschen bei Esbjerg verkauft und den Erlös in einen umgebauten Reisebus investiert. Mir kamen sie sehr dänisch vor, obwohl ich eigentlich keine Vorstellung davon hatte, wie Dänen im Allgemeinen sind. Rasmus und Ove, so hießen die zwei, waren im vierten Jahr unterwegs und richteten sich inzwischen nach den Jahreszeiten: Die Winter verbrachten sie im Süden der iberischen Halbinsel, im Hochsommer traf man sie meist hoch im Norden, im Frühling ging es immer nach Südfrankreich und Norditalien, und im Herbst waren dann entweder die britischen Inseln oder eben Österreich, Ungarn, Tschechien und andere östliche Länder dran. In Spanien hatten sie im ersten Jahr eine Streunerin aufgegriffen, eine Windhündin von der Rasse der Galgos. Das Tier war nicht weniger zurückhaltend und höflich als seine Herren, dazu aber ziemlich misstrauisch. » ganz lesen

publiziert am 21.02.16 in Paare ¦ 254x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Scheißewelt – Die Kuppel (2)

Das Triumvirat sitzt auf der Terrasse. Außer Siggi P., der liegt starr auf seinem Bett. Die Pfleger halten sich im Hintergrund und genießen verstohlen den blauen Himmel. „Wir sind die Letzten“, sagt Karo. „Ja, ja“, antwortet Siggi P., und seine Lippen bewegen sich dabei nicht, weil sich seine Lippen wegen der Lähmung nicht mehr bewegen können. Mit dem rechten Ohrläppchen, über das er noch Kontrolle hat, steuert der den Sprachsynthesizer. „Das sagst du jedes Mal, wenn wir hier draußen sitzen“, merkt A.M.T. an. Nur hier auf Ebene XXXXVIII gibt es Öffnungen in der Kuppel. Aber das Volk weiß ja überhaupt nicht, dass es mehr als siebenundvierzig Ebenen gibt. Die Tasten im Zentralaufzug reichen nur bis zu dieser Zahl. Wer höher hinauf muss, muss umsteigen, aber zu diesem Zweck eine Geheimtür öffnen, die sich zwischen dem Segment XXXXVIIO3 und dem angrenzenden Segment befindet. Sie ist gesichert durch: ein Passwort mit einhundertzwölf Zeichen, einen Fingerabdrucksensor und einen Retinascanner. Und insgesamt können nur achtunddreißig Personen passieren. Also der Ältestenrat, seine Bodyguards und die Pflegerinnen und Pfleger. Die Ebenen oberhalb von XXXV liegen in der Regel oberhalb der Wolkendecke, wo der Himmel klar ist und man den Verlauf von Sonne, Mond und Sternen verfolgen kann. » ganz lesen

publiziert am 13.02.16 in Scheißewelt ¦ 257x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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