Die Seite 52

Der Tornado von Brüggen

Am 9. Juli 1974, einem Samstag, saß der spanische Bäcker José Luis Pereira am frühen Morgen im Hof hinter seiner Backstube und drehte sich eine Zigarette. Als er das Papier anleckte, bemerkte er aus den Augenwinkel, dass es am westlichen Horizont finster wurde. Er rückte den Schemel ein wenig zur Seite und hatte nun freie Sicht über den angrenzenden Gemüsegarten und das freie Feld dahinter. José, den sie im Dorf Josef nannten oder Jupp, sah eine blauschwarze Masse, die sich himmelhoch auftürmte. Direkt über der Linie zwischen Land und Luft schwebte ein schwefelgelber Rand, aus dem graue Fetzen den Grund berührten.
Im Laufe weniger Stunden war westlich von Brüggen eine Superzelle entstanden. Schon seit Tagen lag feuchte Luft über dem Ort, schwere Gewitter hatten die Nächte schlaflos gemacht. Nun schob der Wind kalte Luftmassen als Deckel über diese Schwüle, die das Grenzgebiet zwischen den Niederlanden und Deutschland lähmte. Den Flugbetrieb auf dem NATO-Gelände in der militärischen Zone hatte man bereits eingestellt. Ungewohnte Stille hatte sich über die Landschaft gelegt. Josef zündete die Zigarette jetzt an und nahm einen Zug. Er würde sich um die Hündin kümmern müssen, die bei Gewitter panisch reagierte und sich nie entscheiden konnte, ob sie fliehen oder sich verstecken sollte. » ganz lesen

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publiziert am 05.07.13 in 3 Blinde Mäuse ¦ 1035x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Stein und Bein – Teil 2

Über eine auf drei Jahre befristete Dreiviertelstelle war die Ernährungsexpertin Dr. Elke Hülchenrath auch sechs Jahre nach ihrer erfolgreichen Promotion nicht hinausgekommen. Sie hatte oft mit Robert darüber diskutiert, woran das lag und was sie dagegen tun konnte. Vielleicht war es genau die Art, wie er in solchen Gesprächen reagierte, die sie beide so nahe zueinander gebracht hatte, dass sie sich für eine gemeinsame Zukunft bereit fühlten. Nie hatte er ihr praktische Ratschläge erteilt, immer hatte er sehr genau zugehört, kluge Nachfragen gestellt und sie dann in ihren Grundsätzen bestärkt. Einer der Grundsätze, denen sie seit dem Beginn des Studiums anhing und den sie auch in ihrer Doktorarbeit vertreten hatte, war, dass weite Bereiche der Ernährungslehre mangels belastbarer Empirie aus nicht mehr bestanden als einer kruden Sammlung von Merksätzen, die irgendwie einleuchtend klangen. » ganz lesen

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publiziert am 01.07.13 in Einzelteile ¦ 1075x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sie hieß Pina

sie_hiess_pinaAn dem Abend war Albert noch schweigsamer als sonst. Er sah übernächtigt aus, hatte Ringe unter den Augen. Als ob er in den letzten Tagen viel geweint hätte. Niemand traute sich, ihn anzusprechen. Als gegen zwölf die lauten Debatten am Tisch abebbten und ein paar Minute Stille eintrat, sagte er aus seiner Ecke heraus: „Wisst ihr eigentlich, wie ein Hund eingeschläfert wird?“ Wir, die wir an seinem Tisch in seiner Nähe saßen, wandten uns zu ihm hin. „Ich habe Pina auf den Behandlungstisch mit der Metallplatte gehoben. Nach all den Jahren beim Tierarzt Wouters hatte sie sich daran gewöhnt und war ziemlich gelassen. Hilde trat an die andere Seite und hielt Pin sanft fest, während ich ihr den Kopf streichelte. Der Doktor, so nannten wir ihn, obwohl er kein promovierter Veterinär war, gab den Helferinnen Anweisungen und erklärte uns das Vorgehen. Er würde eine Kanüle legen und ihr zunächst ein ganz normales Betäubungsmittel geben. Sie würde dann sehr schnell einschlafen. Danach käme dann eine andere, stärkere Substanz, die letztlich zum Herzstillstand führen würde. Er setzte ihr einen Shunt in die Vene am linken Vorderlauf. Pina zuckte nicht einmal. Sie hatte Vertrauen zum Doktor und war ohnehin nicht sehr schmerzempfindlich. Die eine Mitarbeiterin reichte ihm die Spritze. Er setzte an und drückte die Flüssigkeit in den Kreislauf unserer Hündin.“ » ganz lesen

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publiziert am 23.06.13 in Windhund namens Clooney ¦ 3663x gelesen ¦ 1 x kommentiert

Stein und Bein – Teil 1

Schon in der Nacht von Sonntag auf Montag nahm professioneller Stolz Besitz vom PR-Berater Schreiner. Er hatte die Webseiten der wichtigsten Tageszeitungen durchstöbert und dann auch noch per Google-News nach Neuigkeiten über AMEK suchen lassen. Er fand keine Meldung, die aktueller war als die Nachricht von der bevorstehenden Eröffnung des ersten deutschen Megastores des Unternehmens. Und die stammte vom vergangenen Mittwoch. Nachdem er sich am frühen Morgen auch noch die gedruckten Montagsausgaben besorgt und durchforstet hatte, wusste er, dass seine Rechnung aufgegangen war. Kein einziges der lokalen, regionalen, und schon gar keins der überregionalen Blätter berichtete über Leichenfunden in den Filialen seines Klienten. Da saß der Kommunikationsberater in seinem etwas chaotischen Appartement, freute sich und hatte das Gefühl, er habe gerade eine der wenigen historischen Großtaten seines Berufsstandes vollbracht. Dass nämlich durch geschickte Medienarbeit eine tendenziell imageschädigende Situation der Öffentlichkeit entzogen worden war; zumindest vorerst. » ganz lesen

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publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 14327x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 11

Das Wochenende des Hauptkommissars Greiper hatte sich unerwartet erfreulich entwickelt. Der belgische Antikmarkt entpuppte sich als Reihe von netten Läden, die sich an zwei Straßen beiderseits eines Kanals entlang zogen. Das Wetter war freundlich, und eine überschaubare Menge an fachkundigen Besuchern flanierte über das Kopfsteinpflaster. Man stand vor den Schaufenstern oder den auf dem Gehsteig präsentierten Möbeln, diskutierte leise und betrat dann das Geschäft. An den Häuserecken gab es gemütliche Cafés, einladende Restaurants und urige Kneipen. Und anstelle der schrecklichen Möbel aus dunkelstem Holz mit sinnlosesten Verzierungen bot sich Robert eine breit gefächerte Auswahl an Einrichtungsgegenständen aus allen Epochen, in denen ehrbare Handwerker mit Respekt vor dem Material und intuitivem Geschmack ihre Werke erzeugt hatten. » ganz lesen

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publiziert am 20.06.13 in Einzelteile ¦ 845x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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