Die Seite 52

Arm dran – Teil 3

Nachdem Greiper achtzehn der achtundzwanzig Augenzeugen verhört hatte, bekam er Kopfschmerzen. Die waren – das hatte er von Elle gelernt – weniger ein Zeichen von Erschöpfung sondern eher davon, dass irgendetwas nicht richtig lief. Achtzehn Mal hatte er die immer gleichen Sätze gehört, achtzehn Mal hatten Menschen in teilweise schwer dechiffrierbarem Deutsch berichtet, dass der Ion das Paket in der Luft geschwenkt und gerufen hätte „Hat jemand Fuß bestellt.“ Und der Finder, Ion Paschka, hatte sich gleich drei Mal in der Reihe angestellt, um dem Hauptkommissar die Geschichte mit der einen oder anderen Ergänzung erneut zu erzählen.
Also stand Greiper auf und fragte den Nächststehenden nach der Toilette. Eine fröhliche junge Frau mit lustigen Zöpfen in weißem Polohemd und blaßgrüner Hose begleitete ihn bis zur richtigen Tür. Er wählte eine Kabine und setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel. Er wünschte sich eine Zigarette, da er aber das Rauchen mehr oder weniger aufgegeben hatte, schien ihm die Chance gering, eine zu finden. Er klopfte die Sakkotaschen ab und fand tatsächliche eine zerdrückte Schachtel der ehemals geliebten französischen Kippen. Tatsächlich steckte eine Filterlose drin und sogar ein Briefchen Streichhölzer. Greiper zündete sich die Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug und musste kurz husten. » ganz lesen

publiziert am 09.09.12 in Einzelteile ¦ 798x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Der Nachbar und Krystyna

paris_tunnelDer Nachbar war komisch. Lag ich nachts im Schlafzimmer auf der Matratze, konnte ich oft hören, dass er sich in seinem Apartment bewegte. Musik spielte er nie. Gesehen habe ich ihn dann erst in diesen verrückten Tagen zwischen Ende Juli und Ende August. Ich wohnte in einer kleinen Neubaubude unweit vom Flinger Broich. Das Leben hatte sich so entwickelt, dass ich in jenem Jahr an Fortuna wenig Interesse hatte. Die bösen Hooligans, die sich in der Rockerkneipe an der Ecke trafen, machten mir Angst. Da blieb ich lieber zuhause und genoss die Sonne auf der großen Terrasse. In den warmen Sommernächte saß ich nachts gern draußen und rauchte Kräuter. Da die Dinge überhaupt schief liefen, meditierte ich zudem viel vor dem Fernseher. Sah viele Etappen der Tour live, obwohl ich mich wenig für den Radpsort interessierte. Konnte mich auch nicht für diesen rotwangigen Ossi begeistern, der von den Sprechpuppen im TV gehypt wurde. Bis der 15. Juli kam, ein Dienstag. Die berühmte Etappe nach Andora, als Jan Ullrich sie alle nass machte. Da war ich begeistert von ihm. » ganz lesen

publiziert am 31.08.12 in Stadtgeschichten ¦ 1112x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 2

Der Berater, der als Mitarbeiter einer führenden PR-Agentur die deutsche AMEK betreute, hatte auch einen Namen, den aber die meisten Manager der Möbelhauskette nicht kannten. Frank Schreiner war das egal; so lange die Dame, die für die Kommunikation des Unternehmens verantwortlich war, ihn kannte und alles unterschrieb, war der Auftrag und damit sein Job sicher. Er arbeitete gern für AMEK und war selbst seit Jahren treuer Kunde des Hauses. Leider missbrauchte man ihn, der seinen Bachelor in Kommunikationswissenschaften mit Auszeichnung gemacht und kurz nach dem Ende des Studiums einen Nachwuchspreis der PR-Branche gewonnen hatte, vorwiegend für niedere Aufgaben im Bereich der Pressearbeit. So zählte es zu seinen Obliegenheiten, die von der Kommunikationsfrau verfassten Pressemeldungen zu überarbeiten; glatt zu bügeln, nannte er das. Da die Betreffenden einen Hauch soziophob war und vor lebenden Journalisten einige Angst hatte, hielt er den direkten Kontakt zu den Medien. » ganz lesen

publiziert am 22.08.12 in Einzelteile ¦ 1203x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Negative

Wenn ich die Negative hätte, denkt Greiper, dann könnte ich es wie in diesem Film machen, wo der Fotograf in einem Park ein Bild macht, auf dem im Gebüsch etwas zu sehen ist, und der dieses Negativ immer mehr vergrößert, bis deutlich wird, dass es sich um eine Person, vielleicht eine Leiche handelt. Obwohl er selbst überhaupt kein Händchen fürs Fotografieren hat, liebt der diesen Film, weil der den Zeitgeist Mitte der Sechziger in London transportiert und er ja selbst ein Jahr als Austauschschüler in England gelebt und bei den zahllosen Fahrten mit dem Bummelzug von Reading die Hauptstadt ebendiesen Zeitgeist hautnah mitbekommen hatte. Aber Negative gibt’s nicht, denn Hinz hatte natürlich digital gearbeitet. Also müsste er die Dateien haben, und dann müsste ihm jemand helfen, der sich mit dieser Bearbeitungssoftware auskennt. Der Hauptkommissar durchwühlt die Kartons, findet aber keine Disketten. Fragt sich, ob man überhaupt noch Disketten verwendet, um etwas zu speichern, oder nur diese Stifte, die wie Festplatten funktionieren. Aber auch von der Sorte ist nichts beim beschlagnahmten Material. » ganz lesen

publiziert am 19.08.12 in Völkerwanderung ¦ 918x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Großes Unglück

Robert bewunderte seinen großen Bruder vorbehaltlos. Bodo war aber auch schon von früher Kindheit an eine starke, selbstbewusste Person mit tiefem Familiensinn. Natürlich verteidigte er seinen kleinen Bruder, wann immer das nötig war. Und als er sechzehn war und die offizielle Erlaubnis hatte, in die Altstadtkneipen zu gehen, da nahm er bald auch den drei Jahre Jüngeren mit. Und der verliebte sich regelmäßig in die neuen Flammen des Älteren, der, wie man damals sagte, einen Schlag bei den Mädchen hatte, und die Bräute schneller wechselte als andere ihre Unterwäsche. Es gab fantastische Partys in den Kellern der Villen im Osten der Stadt, faule Sonntage in den zugehörigen Gärten mit stundenlangen Tischtennismatches, und zu Karneval 1969 durfte Robert zu einer Fete in einem riesigen Haus, das nur von Studenten bewohnt war. Gabi und Rita kümmerte sich besonders um ihn, malten ihn an und verpassten ihm eine pastellfarbene Bluse als Verkleidung. Süß sähe er aus, sagten die Frauen, während er selbst sich scheußlich fühlte. Die Eltern hatten beiden Söhnen den Besuch des Karnevalsfestes nur erlaubt, weil Bodo ihnen versicherte, es seien Erwachsene da, die aufpassten, und mit dem Alkohol, da würde er schon aufpassen. » ganz lesen

publiziert am 12.08.12 in Völkerwanderung ¦ 1008x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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