Die Seite 52

Großes Unglück

Robert bewunderte seinen großen Bruder vorbehaltlos. Bodo war aber auch schon von früher Kindheit an eine starke, selbstbewusste Person mit tiefem Familiensinn. Natürlich verteidigte er seinen kleinen Bruder, wann immer das nötig war. Und als er sechzehn war und die offizielle Erlaubnis hatte, in die Altstadtkneipen zu gehen, da nahm er bald auch den drei Jahre Jüngeren mit. Und der verliebte sich regelmäßig in die neuen Flammen des Älteren, der, wie man damals sagte, einen Schlag bei den Mädchen hatte, und die Bräute schneller wechselte als andere ihre Unterwäsche. Es gab fantastische Partys in den Kellern der Villen im Osten der Stadt, faule Sonntage in den zugehörigen Gärten mit stundenlangen Tischtennismatches, und zu Karneval 1969 durfte Robert zu einer Fete in einem riesigen Haus, das nur von Studenten bewohnt war. Gabi und Rita kümmerte sich besonders um ihn, malten ihn an und verpassten ihm eine pastellfarbene Bluse als Verkleidung. Süß sähe er aus, sagten die Frauen, während er selbst sich scheußlich fühlte. Die Eltern hatten beiden Söhnen den Besuch des Karnevalsfestes nur erlaubt, weil Bodo ihnen versicherte, es seien Erwachsene da, die aufpassten, und mit dem Alkohol, da würde er schon aufpassen. » ganz lesen

publiziert am 12.08.12 in Völkerwanderung ¦ 959x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Arm dran – Teil 1

Schaidlers Assistent hatte schon nach knapp sechs Stunden Antwort auf seine Mail bezüglich des Vertrags mit der rumänischen Pressspanfabrik erhalten. Das beruhigte ihn, zumal die Reaktion seines Chefs so ausfiel wie er das von ihm gewohnt war: „Geht klar. Schnell unterschreiben. Und nicht soviel Schmiergeld vergeuden.“ Die Nachricht war wie gewöhnlich mit dem Kürzel SCH – natürlich in Großbuchstaben – signiert. Das geschah an jenem Dienstag, an dem man das erste Ohr in einem deutschen AMEK-Markt entdeckt hatte, wovon die rechte Hand des obersten Herrschers des Möbelimperiums aber erst am Donnerstag erfuhr. Noch schien es ihm nicht opportun, seinen Boss mit dem Fall zu molestieren, denn der reagierte auf unliebsame Störungen meist spürbar gereizt. Und im gereizten Zustand war ein Schaidler selbst aus der Ferne nur schwer zu ertragen. » ganz lesen

publiziert am 12.08.12 in Einzelteile ¦ 915x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Hand und Fuß – Teil 9

Nein, es war kein Auflauf, der auf dem Parkplatz vor dem AMEK-Megastore entstanden war als Hauptkommissar Greiper mit dem Hubschrauber über dem Dach des Gebäude schwebte, sondern ein ziemlicher Tumult. Gerade eben hatte der Marktleiter per Megafon bekanntgegeben, dass die Verpflegungsstationen aus technischen Gründen leider geschlossen bleiben würden. Dass die Menge einigermaßen aggressiv reagierte, bestätigte die naheliegende Vermutung, dass ein Teil des Landvolks nur wegen der Aussicht auf kostenlose Grillwürste und Freibier erschienen war. Trotz allem blieb der Hauptverantwortliche für den Möbelmarkt einigermaßen kontrolliert und ordnete Maßnahmen zur Massenberuhigung an. Eine Kollegin telefonierte die umliegenden Getränkemärkte ab und bestellte Bierfässer samt Zapfbesteck en gros, eine andere forderte bei einem bekannten Kirmesversorger jeden verfügbaren Grillwagen an, und alle hofften darauf, dass man zügig mit der Verköstigung der Menschen beginnen könnte. » ganz lesen

publiziert am 02.08.12 in Einzelteile ¦ 739x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Die Straße der Patrioten

patriotenstrasseDieser Tage unternahm ich mit dem Hund eine Wanderung im Straberger Wald. Der gar nicht der „Straberger“ Wald ist, sondern der Mühlenbusch, welcher hinwiederum den südlichsten Abschnitt des Knechtstedener Waldes darstellt. Das Dorf Straberg, dessen Pech ist, vor Längerem der kotzfleckförmigen Stadt Dormagen (Kenner sagen „Dormagendarm“…) zugeschkagen woirden zu sein, grenzt an ebendiesen Busch. Folgerichtig heißt die Straße, die aus dem Ort in den Wald führt auch „Mühlenbuschweg“. Dortselbst lebte ich im Jahre 1977 in einer Wohngemeinschaft (kurz: WG). Die Greise unter den Lesern werden sich daran erinnern, dass eine WG damals für Otto Normalfamilie quasi Sodom und Gomera in einer Person war. WGler waren entweder faule Stundenten oder verschlagene Terroristen. Wir waren weder noch. Tatsächlich zeichnete sich unsere WG dadurch aus, dass alle sieben Insassen ihre Brötchen mit ehrlicher Arbeit verdienten. Was aber den Dorfkern, der sich aus den damals noch handelsüblichen, niederrheinsch-dumpfen Rübenköppen zusammensetzte, nicht daran hinderte, von unserer kleinen Gemeinde als „diesen Studenten“ zu reden. Okay, wir waren Städter, jung und wild dazu, aber als Studenten wollten wir uns dann doch nicht beleidigen lassen. » ganz lesen

publiziert am 30.07.12 in Stadtgeschichten ¦ 1042x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Neunddreißig bis sechsundvierzig

Er legte die Fotos auf dem Fußboden aus. Eins neben dem anderen in der Reihenfolge des Zeitpunkts, der jeweils automatisch in das Bild eingeblendet war. Auf Aufnahme neununddreißig sieht man den dunklen Eingang der Bar, sie hat geschlossen, alle Lichter sind ausgeschaltet. Ein großer dunkler Wagen fährt vor. Greiper meint, einen Audi A8 oder VW Phaeton zu erkennen. Ein Mann steigt aus dem Fond. Auf Bild einundvierzig ist das Auto weg, ein heller Stapel steht an der Tür der Bar, es könnten Zeitungen sein. Dann ein eher kleiner, untersetzter Mann, der einen schwarzen Kasten obenauf legt. Er hat sich auf Foto Nummer dreiundvierzig gebückt und hantiert an dem Stapel. Und das Bild sechsundvierzig besteht aus nichts als einem strahlenden Blitz in der Bildmitte und ganz viel schwarz drumherum – die Explosion. Der Hauptkommissar fasst für sich zusammen: » ganz lesen

publiziert am 23.07.12 in Völkerwanderung ¦ 863x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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