Die Seite 53

Ganz Ohr – Teil 6

Greiper war schwer erwacht, vom Telefon gegen neun unsanft geweckt. Erst nach der vierten Flasche Bier hatte er den Weg ins einsame Bett gefunden und sich dort noch eine Zeitlang mit diffusen Gedanken über sein zukünftiges Zusammenleben mit der Geliebten gewälzt.

Irgendein neuer Kollege aus dem Präsidium war am Apparat, einer, den Greiper nicht kannte, wie er alle Kripoleute nicht kannte und auch nicht kennen wollte, die in den letzten sechs Jahren ihren Dienst dort begonnen hatten. Er nannte sie, unabhängig von Alter, Geschlecht und ethnischer Herkunft nur die Junghasen und nahm sie grundsätzlich nicht ernst. Wer von diesen Theoretikern und -innen sollte ihm etwas sagen können, ihm, dem Praktiker, der seit fast fünfundzwanzig Jahren als Ermittler wirkte, der mit Erfolg mehr als dreißig Tötungsdelikte aufgeklärt und so ein großes Stück Narrenfreiheit erobert hatte? » ganz lesen

publiziert am 08.04.12 in Einzelteile ¦ 922x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Königskinder 04

Liebe wächst und blüht, aber Liebe vergeht auch ganz leicht wieder. Die Gefühle, die Ronny seinem besten und einzigen Freund entgegenbrachte, hatten aber das Potenzial, ewig zu währen. Außenstehende konnten leicht den Eindruck gewinnen, es handele sich eher um eine Abhängigkeit, aber für Ronny war es das, was er sich unter Liebe vorstellte. Eine Liebe, die er daheim erfahren hatte und die er über Jahre zwischen seinen Eltern beobachten konnte. Ob Jojo in jenen Jahren der wilden Jugend einen Begriff von Liebe hatte, kann bezweifelt werden, denn Beziehungen ging er nicht ein. Vielleicht wäre es aber auch zu kurz gegriffen zu behaupten, er habe Ronny nur ausgenutzt. Denn auch wenn dieser in der Welt da draußen eher belächelt und bisweilen verspottet wurde: Jojo hielt zu ihm, ja, er bekannte sich zu seinem Kumpel aus Kindergartenzeiten und half ihm, wo er konnte. Nachdem Ronny seinen Lebensmenschen durch das Gymnasium geschleust und zu dessen erfolgreichen Abitur beigetragen hatte, schlug Jojo vor, sie sollten doch beide der Einfachheit halber an derselben Uni Jura studieren. Und so geschah es auch. » ganz lesen

publiziert am 06.04.12 in Einzelteile ¦ 835x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Eine Art Geständnis

Robert zieht in vorauseilendem Gehorsam die Pistole aus dem Hosenbund und legt sie auf den Tisch. Die Elektroschockwaffe behält er. Dann geht er in die Küche, Hinz folgt ihm. Holt zwei Flaschen Altbier aus dem Kühlschrank, öffnete sie und reicht einem der Täter. Der setzt an und leert sie in einem Schluck zur Hälfte. „Ist schwüll draußen, findste nicht?“ Der Hautkommissar legt sich eine Gesprächstaktik zurecht: maximale Frechheit. Und antwortet: „Wenn man im Gummimantel rumläuft, findet man jedes Wetter schwül.“ Der schwarze nasse Überwurf hängt über der Stuhllehne, das Wasser tropft aufs Paket. „Was genau wollen Sie?“ Hinz nimmt den Rest Bier und knallt die leere Flasche mitten auf den großen Esstisch. „Brauchst mich nicht zu siezen. Wir sind ja quasi Kollegen.“ Robert hat den Hinz doch schon so oft auf der Straße gesehen, wie der mit seinem Watschelgang vor ihm herläuft oder ihm entgegenkommt, aber den Mann nie so richtig gemustert; für eine grobe Personenbeschreibung würde es gerade noch reichen. Dürfte kaum größer als einssiebzig sein, ehemals wohl sportlich-schlank. Jetzt trägt er eine Wampe vor sich her, die von der Sprengstoffweste noch betont wird. Dünne Beine darunter, die ein deutliches O bilden. Schmale Schulter, kaum Hals, und einen kugelrunden Kahlschädel darüber. Wobei Robert den Eindruck hat, die Glatze sei rasiert, und der alte Mann habe eigentlich noch genug Haar. » ganz lesen

publiziert am 05.04.12 in Völkerwanderung ¦ 689x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Ganz Ohr – Teil 5

Hauptkommissar Greiper war ein guter Zuhörer. Am liebsten hörte er sich selbst zu, wenn er laut über einen Fall nachdachte und dabei auf dem Küchenstuhl saß. Überhaupt war der quadratische, weiße Tisch mit den zwei passenden Stühlen sein Lieblingsplatz in der ziemlich kahlen Wohnung. Jetzt breitete er die drei Blatt Papier aus, auf denen die wenigen Fakten zum Fall des gefundenen Ohrs vermerkt waren.
„Ein abgeschnittenes Ohr ist noch kein Indiz für einen Mord“, sagte er laut. „Denn der Mensch kann auch dann leben, wenn ihm eine Ohrmuschel fehlt“, fügte er hinzu. Er dachte natürlich an Vincent van Gogh und Paul Getty, den entführten Milliardärssohn, dem man ein Ohr abgetrennt hatte, um es der Familie als Lebenszeichen zu schicken. Dem hatte das fehlende Körperteil nach erfolgreicher Befreiung einige Prominenz eingetragen. Vermutlich könnte man auch einigermaßen fröhlich ganz ohne Ohren leben, dachte Greiper. Es stellte sich im vorliegenden Fall also vor allem die Frage, ob der Besitzer des Ohres noch lebte. „Nehmen wir an“, formulierte er erneut laut vor sich hin redend, „der Besitzer des Beweisstücks sei quicklebendig. Dann sollte der ein vitales Interesse daran haben, denjenigen zu belangen, der ihm das Teil amputiert hat. So er in der Lage dazu ist, also über uneingeschränkte Bewegungsfreiheit verfügt. Meldet niemand den Verlust, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich hier um das Ohr einer Leiche handelt.“ » ganz lesen

publiziert am 01.04.12 in Einzelteile ¦ 768x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Besuch

Der Niederschlag hat zugenommen. Alle Farbe ist aus der Stadt gewichen. Fußgänger fehlen völlig. Die Autos werfen meterhohe Wellen, wenn sie durch die Pfützen donnern. Scheibenwischer schaffen es kaum, freie Sicht zu erzeugen. Am Platz vor der Kirche trifft Robert auf eine einzelne Radfahrerin im pinken Regenüberwurf. Sie singt laut vom Regen, der auf unsere Köpfe fällt. Das Wasser läuft ihm konstant in den Kragen, an den Spitzen seines Schnäuzers bilden sich Tropfen, die er unwillkürlich aus den Mundwinkeln leckt. Er nimmt den anderen Weg nachhause, am Bach entlang, der dieser Stadt den Namen gibt. Die Enten und Blesshühner haben sich unter Büschen versammelt. Schlamm rinnt die Böschung herab. Dann biegt er in den Parkplatz am Ende der Straße ein, und ein paar Schritte weiter hat er die Haustür erreicht. Jetzt erst spürt er, das er nicht nur nass, sondern regelrecht durchgefroren ist. Geht oben erstmal unter die Dusche.

Robert ist gerade dabei, sich abzutrocknen, da klingelt es. Er tritt hinaus auf die Terrasse, kann den Besucher allerdings nicht sehen, weil der sich dicht an die Wand gedrückt hat. Aber er kann ihn riechen. Der Gestank vom billigen Stumpen zieht hoch bis in die sechste Etage. Der Täter kommt ihn besuchen. » ganz lesen

publiziert am 31.03.12 in Völkerwanderung ¦ 855x gelesen ¦ noch kein Kommentar

blättern: « 1 ... 50 51 52 53 54 55 56 ... 80 »