Die Seite 6

Bulgarien

Hinz und Greiper verließen den Platz in unterschiedlicher Richtung. Der Hauptkommissar überlegte kurz, bei Ling Xiu vorbeizuschauen und sich ein bisschen entspannen zu lassen. Ins Präsidium würde er jedenfalls nicht mehr gehen. Und zuhause lag vielleicht noch die Nachbarin im Bett, und er würde nicht einmal nachdenken können. Er beschloss, Ermittlungen in alle Richtungen zu betreiben, was bei ihm bedeutete: Mit Leuten reden, tratschen, labern, erzählen, sprechen, diskutieren. Also drehte er auf dem Absatz um und betrat Brankos Kneipe. Das Dämmerlicht tat ihm gut. Es war still im Gastraum. Nur der Örtzel saß auf seinem Stammplatz hintern bei den Klos und aß mit einem Löffel aus einem Teller. Vor ihm stand ein Weizenglas voller Cola. Greiper lehnte sich gegen den Tresen, und Branko hob fragend die Augenbrauen. “Ein Alt, einen Killepitsch.” Der Wirt hielt inne und fragte: “Mittags um halb eins?” – “Ja”, gab der der Hauptkommissar zurück, “mittags um halb eins”. Er bekam sein Gedeck und leerte das Glas mit dem Kräuterlikör zur Hälfte. Mit dem Bier löschte er ab. Mit einer Handbewegung orderte er Nachschub. Der Kneipier zapfte und schob das Glas rüber. “Sag mal, Branko, was hältst du von Bulgarien?” » ganz lesen

publiziert am 05.09.11 in Exil am Platz ¦ 88x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Antonius Jeroen Grijpstra

Madeleen war nur drei Jahre jünger als seine Mutter. Ging die Familie zusammen zur Kirche, tuschelten die Leute, denn die Ähnlichkeit zwischen der Gattin des gut beleumundeten Kaufmanns und dem Kindermädchen war verblüffend. Auch wenn die Haut von Mevrouw Grijpstra nicht so dunkel wie die der Hausangestellten war, so glichen sich die Nasen, Münder und Augen sehr. Schon bald hieß es unter den bigotten Bürger Vlissingens, der Kaufmann habe sich eine Negerin aus den Antillen mitgebracht, und weil ihm eine nicht reichte, habe er gleich zwei genommen. Natürlich schnitten die ehrbaren Gattinen Tünns Mutter, und auch der Vater konnte sich in den Zirkeln der zeeländer Handelsherren nicht etablieren. Zum Glück waren er und sein Geschäft von derlei sozialen Gegebenheiten nicht abhängig, weil das Gros der Kunden nicht aus der Region stammte. Immer öfter geriet Tünn nun in Schlägereien mit Straßenjungs und Mitschülern, die ihn wegen seiner Negermutti hänselten. Und mit jeder Rangelei, jeder Ohrfeige und jedem Boxhieb, den er austeilte, wurde er stärker und unerbittlicher. Seine Mutter verkroch sich im Nähzimmer und Boudewijn hatte sich dem heimlichen Trunk ergeben. Sechs Tage die Woche blieb er bis über Mitternacht hinaus im Kontor und trank das bittere belgische Bier, das man in Vlissingen bevorzugte. » ganz lesen

publiziert am 03.09.11 in Familie Greiper ¦ 102x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Sehr alte Zeiten

An einem Freitag im November ließ Antonius Jeroen Grijpstra im Standesamt der Stadt, in der nur schon über sechs Jahre lebte, seinen Namen ändern. Er wolle nun Greiper heißen. Er hatte allerlei Dokumente über seine Herkunft beigebracht, und der Beamte zögerte nicht lange, dem Gesuch des ehemaligen Niederländers zu entsprechen. Schon vor einem Jahr war er als Bewohner der Rheinprovinz preussischer Staatsbürger geworden und hatte so einen Schlussstrich unter seine Emigration gezogen. Dass er die Namensänderung an diesem 9. November des Jahres 1894 vollzog, hatte seinen Grund in der Tatsache, dass seine Gattin Hedwig kurz vor der Niederkunft stand. Noch im November würde also sein erstes Kind geboren werden, und Antonius, den sie in der Nachbarschaft Tünn nannten, wollte, dass dieser Nachkomme von Anfang an Deutscher sein sollte. Er selbst war, wie sein Vater Boudewijn, sein Großvater und sein Urgroßvater zuvor, auf der karibischen Insel Aruba geboren, also Sproß einer Kolonialistenfamilie. Aus den Papieren, von denen er vor seiner Übersiedlung hatte Abschriften erstellen lassen, ergab sich, dass es wohl ein gewisser Adriaan Gerrit Kerckebosch gewesen war, der im späten siebzehnten Jahrhundert von Rosendaal aus in die Kolonien gezogen war, um dort ein Geschäft zu eröffnen. Dieser war kinderlos gestorben, und seine Frau Saskia hatte dann einen Grijpstra geheiratet, von dem sie elf Kinder empfing. Nur sechs davon erlebten das Erwachsenenalter. » ganz lesen

publiziert am 03.09.11 in Familie Greiper ¦ 101x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Schlampe!

Fiona hatte sich schlafend gestellt als Robert nach dieser Nacht aufstand. Sie hatte sich auf die Geräusche konzentriert: das Rauschen der Dusche, das Surren des Rasierapparats, die Kaffemühle, wie der Wasserkocher sprudelte und dann per Klick anzeigte, dass das Wasser heiß war, der Toaster. Roberts Schritte, erst barfuß und später starke Schritte mit seinen für den Sommer viel zu schweren Schuhen. Unbeweglich hatte sie dagelegen und gelauscht. Der Geruch des Duschgels zog ins Schlafzimmer, sein Rasierwasser mit der herben Zitrusnote, dann der gute Kaffee. Ob es eine Perspektive gäbe, hatte sie überlegt, dann aber für sich herausgefunden, dass diese Sache einmalig bleiben würde, ja, bleiben musste. Dann war sie noch einmal eingeschlafen. Im Traum sah sich vor dem Mann schweben wie eine Elfe. Er versuchte sie zu greifen, aber allein der Luftzug seiner Handbewegungen trieb sie davon. Gegen zwölf schlief sie immer noch tief und fest. Und nahm nicht wahr, dass jemand die Wohnungstür aufschloss, dass diese Person den Wohnraum durchquerte und das Schlafzimmer betrat. Dass sie, wie sie da kaum bedeckt vom Laken lag, minutenlang angestarrt wurde. Und dass sie dann wieder allein war in Roberts Wohnung. » ganz lesen

publiziert am 31.08.11 in Exil am Platz ¦ 70x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Partisanen

Robert war aufgestanden während Fiona noch schlief. Eine Weile hatte er sie betrachtet, wie sie da auf dem Rücken lag, kein Laken verdeckte den schmalen Körper, und sie sah aus wie ein Kind. Er verließ das Haus und war sich sicher, dass es eine einmalige Sache bleiben würde, nein, bleiben müsse. Der Platz lag noch im sommerlichen Morgendunst. Er hatte sich ein belegtes Brötchen in der Bäckerei um die Ecke geholt und setzte sich auf eine Bank an der großen Sandwüste für die Kinder. Einen Kaffee hätte er gern dazu getrunken, aber schon immer hatte er es abgelehnt, den aus dem Pappbecher zu trinken. Wenn überhaupt, dann füllte er seine kleine Thermoskanne, aber das hatte er an diesem Morgen vergessen. So saß er da und frühstückte. Plötzlich schob sich jemand neben ihn auf die Bank. “Lass es dir schmecken, Jung”, sagte Walter Hinz. Der Hauptkommissar sah den Mann kurz an: “Danke.” – “Schön heute”, fuhr der ehemalige Wehrmachtsspäher fort. Und: “Ich geh ja nicht gern da drüben in die Kneipe”, er deutete mit dem Daumen über seine Schulter auf die andere Straßenseite, “hab’s mit den Jugos nie so gehabt. War ja im Krieg auch auf dem Balkan im Einsatz.” Er hatte sich vorgebeugt, die Arme hingen neben seinen Knien, und er malte mit der Schuhspitze Kreise in den Staub. » ganz lesen

publiziert am 30.08.11 in Exil am Platz ¦ 72x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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