Die Seite 89

Reisebericht

Thibaud sah schlecht aus, müde und abgespannt – wie nach seiner letzten Reise auch. Er hatte den engsten Kreis zu unserem Lieblingsmexikaner eingeladen und läutete den Abend mit einem doppelten Mescal ein. “Ihr erwartet sicher meinen Bericht von der Reise”, begann er, “aber ich muss euch enttäuschen. In jedem Flugzeug, in jeder fremden Stadt, an Traumstränden und im Gebirge, an jedem Ort habe ich nur darüber meditieren können, was es ist, das mich reisen macht.” Er nahm noch einen Mescal, der Kellner kam und nahm die Bestellungen auf. Wir mussten lange auf die Fortsetzung seiner Erklärung warten. » ganz lesen

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publiziert am 19.06.05 in Thibaud ¦ 1302x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Lüge & Verrat

Thibaud war mir immer als extremer Mensch erschienen. Jemand, der extreme Gedanken dachte, und auch vor extremen Taten nicht zurück schreckte. Wir alle bewunderten ihn, fürchteten ihn aber auch, denn er hatte oft genug bewiesen, dass sein schrankenloses Denken und Tun uns zu unbedachten Aktionen herausfordern konnten. Aber letztlich kehrten wir alle wieder in unsere ruhigen und gefahhrlosen Existenzen zurück. Trotz allem war Thibaud kein Guru, kein Missionar, kein Held und auch kein Führer. Edmund hatte einmal angemerkt, dass Thibaud ein Solitär wäre, ein Einzelstück ohne jede Bindung an Konventionen und an Menschen. Zilly hatte dieser Ansicht zu Recht widersprochen mit der Begründung, selbst ein so großer und einsamer Geist wie Thibaud brauche ein Publikum und Menschen, denen er vertrauen kann. » ganz lesen

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publiziert am 07.06.05 in Thibaud ¦ 1305x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Skinheads tot

Auch dieses Mal hatte Thibaud sich nicht bei uns abgemeldet, er verschwand einfach und tauchte nach fast sieben Monaten wieder auf: braungebrannt und mit kurzgeschorenen Haaren. Wir hatten keine Verbindung gesehen zwischen seiner Abwesenheit und dem Mord an den zwei jungen Männern in Rudolstadt. Deshalb kam sein Geständnis umso überraschender. Wir trafen uns mit ihm im Stadtpark am See. Er trug eine Sonnenbrille und wirkte nervös. Er sei noch am gleichen Abend mit dem Auto in die Schweiz gefahren und mit der letzten Maschine von Zürich nach Casablanca geflogen. Dort habe er einen Wagen gemietet um nach Goulimime zu kommen, wo sein Freund Tarek lebt. Am nächsten Tag habe er sich die Haare schneiden lassen und dann eine Dschellabah gekauft. Sein Glück sei es gewesen, dass niemand den Vorfall beobachtet habe, der seine Flucht ausgelöst hatte. » ganz lesen

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publiziert am 10.05.05 in Thibaud ¦ 1338x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Lügengeschichten

“Es ist so ein Sache mit der Realität,” begann Thibaud an jenem Abend das Gespräch als wir alle in seinem Sommerhaus in der Nähe von Zoutelande zu Besuch waren, den ganzen Tag am Strand verbracht und im Restaurant unter den Dünen auf der Holzterrasse ungezählte Flaschen Heineken getrunken hatten. Eigentlich waren wir alle betrunken von Bier und Sonne, müde vom blendenden Licht und so weit weg vom Ärger und Stress daheim, dass wir nur noch rumalberten und dumme Witze rissen. Und nun Thibaud mit ernster Stimme. “Erinnert sich noch jemand an die Geschichte über den Besitzer der Fischbratbude am Duinweg, die ich heute vormittag erzählte?” Ich hatte eine diffuse Ahnung, dass er uns mittags nach großen Portionen gebratener Scholle und holländischer Fritten, die Familiengeschichte der Betreiber präsentiert hatte. Dabei spielte der schwachsinnige Sohn eine Rolle, der Widerstand des Großvaters gegen die Nazis und ein jüdischer Küchenhelfer, den man in seinem Versteck vergessen hatte. Es war eine gute Geschichte. » ganz lesen

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publiziert am 02.05.05 in Thibaud ¦ 1277x gelesen ¦ noch kein Kommentar

Delikatessen

In jenen Tagen wurde es Thibaud langweilig. Er rief mich an und fragte, was ich ihm als Gegenmittel empfehlen könnte. Natürlich schlug ich verschiedene Vergnügungen und Zerstreuungen vor, aber er beharrte darauf, dass es etwas sein müsse, was er unter normalen Umständen niemals als Aktivität ins Auge fassen würde. Ich vergass die ganze Angelegenheit und hörte über mehrere Wochen nichts von Thibaud.
Dann begegneten Jill und ich ihm zufällig im Delikatessengeschäft am Rande der Innenstadt, wo wir Risottoreis zu kaufen pflegten. Thibaud trug eine Bundfaltenhose, ein gelbes Polohemd und Slipper mit Bommeln. Am Kragen war eine Anstecknadel befestigt mit dem Symbol einer der großen Parteien. Er lächelte verbindlich, küsste Jill flüchtig auf die Wange und gab mir die Hand. Er sei Mitglied der Partei geworden und besuche fleißig die Sitzungen der örtlichen Untergliederung. Man habe ihn gleich als Kandidat für die kommenden Wahlen aufstellen wolle, aber er habe angewinkt und auf sein begrenzten Zeitressourcen hingewiesen. Außerdem, so Thibaud weiter, habe er erklärt, er könne der Partei auch nützlich sein, ohne eine Amt zu bekleiden. » ganz lesen

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publiziert am 27.04.05 in Thibaud ¦ 1362x gelesen ¦ noch kein Kommentar

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