Die Letzten vor Ort

Monsignore Berenrath steht am Rand der Scheibe, die seine Welt ist. Blickt über die Kante in die Hölle. Die ist nicht heißt und schmutzig, die ist kalt und tot. Riesenhafte Maschinenwesen graben sich tiefer und tiefer. Zehn Meter jenseits des Bruchs stand das Gotteshaus, in dem gefirmt wurd, wo er lange Jahre als Messdiener wirkte und dessen Pfarrer er später wurde. Zuerst zogen die Mieter fort, die wenigsten blieben in der Gegend. Dann verließen die Familien ihre Eigenheime, um hochsubventionierte, protzige Villen im neuen Ort zu beziehen, die sich nur an der Farbe der Dachziegel und der Fassade unterschieden. Nur die Bauern blieben noch in Otzenrath: die Dykens, die Hülsendonks und die Großfamilie Schwer, auf deren jahrhundertealtem Hof vier Generationen unter einem Dach lebten. Die allein füllten seine Kirche, wenn er sonntags die Messe las. Manchmal kamen alte Otzenrather in den Gottesdienst. Später unternahmen immer mehr Fremde Ausflüge ins Geisterdorf, um sich ein bisschen zu gruseln angesichts der leerstehenden, völlig intakten Häuser. Das Fernsehen berichtete vom standhaften Pfarrer, und so besuchten immer mehr Katholiken aus dem Land das Dorf und seine Kirche. Aber irgendwann blieben auch die Touristen weg; man hatte die Zufahrtstraße von der Autobahnausfahrt weggebaggert und so gelangten die Fremden nur noch über verschlungene Feldwege nach Otzenrath.

Bauer Hülsdonk gab als erstes die Landwirtschaft auf und zog mit seiner Frau in die Großstadt, wo seine Kinder lebten. Die Jungbauer Dyken übernahm wenig später einen großen Bio-Hof im Fränkischen. Und dann zogen auch die Schwers weg. Ihnen hatte man einen neuen, gigantischen Betrieb weit jenseits der Abraumhalden errichtet, denn sie galten dem Betreiber und den Landespolitiker als Vorzeigelandwirte. So blieb der Pfarrer allein zurück im Ort. Abgesehen von Willi, der sich im ehemaligen Kälberstall des Guts Dyken eingerichtet hatte. Aber der ging nicht in die Kirche, sodass Berenrath die Messe regelmäßig für sich selbst las. Willi war erst gekommen als alle Einwohner schon weg waren. Er fledderte die Häuser, hatte es auf Möbel abgesehen, auf Einrichtungsgegenstände, auf Bilder und Vasen, Wäsche und was die ehemaligen Bewohner sonst so hinterlassen hatte. Systematisch durchstöberte er die Keller und Dachböden und schaffte alles, was es ihm wert schien, in sein provisorisches Heim. Einmal im Monat kam ein polnischer Antquitätenhändler mit seinem Lieferwagen und kaufte dem Willi die wirklich wertvollen Stücke ab.

An einem milden Herbstabend des Jahres, in dem die Verbindungsstraße unterbrochen wurde, beschloss Michael Berenrath, seinen letzten verbliebenen Nachbarn zu besuchen. Eine der letzten Straßenlaternen, die nicht dem Vandalismus der Jahre zum Opfer gefallen war, leuchtete über dem Tor zum Gutshof. Der Priester schritt hindurch und sah das Licht im Kälberstall. Er klopfte, und Willi öffnete als habe er auf ihn gewartet: “Kommen Sie rein. Kaffee?” Der Raum, in dem der Sammler schlief und aß, war vollgestopft mit Zeug, das meiste davon kaum identifizierbar, vesrtreut bis in die letzten Winkel des Stalls. Auf einer antiken Kommode war ein Zweiplattenkocher untergebracht, eine Meklschüssel unter dem Schlauchanschluss diente als Spüle. Mitten im Raum stand ein Tisch für sechzehn Personen, drum herum Stühle verschiedener Art. Über dem Kocher und über dem Tisch beleuchteten nackte Glühbirnen den Stall. Eine Matratze diente Willi als Schlafstätte. Der Hausherr bereitete starken Kaffee nach türkischer Art. Er stellte Michael eine Tasse davon hin und sich selbst auch. Öffnete die Kommode und holte eine Flasche vom feinsten Cognac hervor. “Auch einen Hennessey, Herr Pfarrer?” Der Gast nickte, und Willi nahm zwei kleine Schwenker im Fünzigerjahre-Design vom Bord über dem Kocher. “Bei Schwers gefunden. Zwei volle Kisten hatten die von dem Stoff im Gewölbe.”

Schweigend schlürften die Männer den Mokka. Dann nahm Willi sein Glas und prostete dem Priester zu. Sie leerten ihre Cognacschwenker, und der Gastgeber schenkte nach. “Ich bin gekommen”, sagte Michael Berenrath, “weil ich Sie in meiner Kirche vermisse. Jetzt wo wir die Letzten vor Ort sind.” Sein Gegenüber lachte lautlos auf: “Ich in die Kirche? Niemals.” Sie tranken erneut, und Willi gab noch eine Runde aus. “Warum sind sie in das Dorf gekommen, Herr…?” – “Sag Willi zu mir, Gottesmann.” Er reichte dem Geistlichen die Hand: “Ich heiße Michael.” Sie stießen mit dem Cognac an. Sie schwiegen eine Weile, und dann begann Willi, unterbrochen von langen Pausen, seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Ein Kriegskind sei er. Habe im Winter 44/45 die Eltern auf der Flucht von Stettin aus verloren und sich als Zehnjähriger durchgeschlagen. Einfach auf Züge aufgesprungen, die nach Westen fuhren. Immer unauffällig. Auf halber Strecke zwischen Berlin und dem Ruhrgebiet habe ihn dann ein Bahnbeamter angesprochen. Ein gemütlicher Kerl mit weißem Schnurrbart, der aussah als lächele er ständig. Und dem habe Willi dann erzählt, was ihm widerfahren sei. Hermann Dahlke habe der geheißen, erfuhr der Junge später. Er könne Willi mitnehmen. Er habe ohnehin zwei Kinder im selben Alter, da komme es auf einen Esser mehr oder weniger nicht an. In Essen habe der Bahner gewohnt, in einem Häuschen, das völlig unzerstört geblieben sei, in Borbeck. Der Sohn sei fast auf den Tag genauso alt gewesen wie er, die Tochter zwei Jahre älter. Luise hieß die Mutter, und die sei eine strenge, humorlose Frau gewesen. Er habe sie nicht gemocht. Weil der Stiefvater aber ständig unterwegs gewesen sei, habe er mit ihr auskommen müssen. Und das habe einfach nicht hingehauen. Also sei er ständig ausgerissen. Immer wieder auf Züge aufgesprungen und gefahren, gefahren, gefahren. Bis ans Schwarze Meer sei er so gekommen in den Jahren bis 1947, nach Bergen in Norwegen, nach Valencia und auch Berlin. Irgendwann sei er immer geschnappt und nach Hause gebracht worden, wo eine Tracht Prügel auf ihn wartete.
Dann habe die Stiefmutter ihrem Mann gesagt, so ginge das nicht weiter, und mit 14 Jahren sei er dann in ein Erziehungsheim gekommen, ein katholisches, dessen düsterer Park mit hohen Gittern umgeben gewesen sei. Es sei dort gar nicht so schlecht gewesen, erzählte Willi, aber schnell stellte sich heraus, dass die Jungen dort unter den Zudringlichkeiten zweier Erzieher zu leiden hatten. Die hätten befohlen, dass sich alle nackt ausziehen und draußen im kalten Regen herumzuhüpfen hätten. Das diene der Abhärtung. Außerdem habe der eine Aufseher, von dem es hieß, er sei Priester gewesen, regelmäßig Körperkontrolle angeordnet. Dabei mussten die Insassen einer nach dem anderen unbekleidet in sein Büro kommen, wo er sie abtastete. Als der andere eines Nacht zu Willi ins Bett gekrochen sei, habe er gewusst, dass er abhauen müsse.
Natürlich gelang es ihm. Per Anhalter schaffte er es quer durchs Land bis nach Wattenscheid. Unterwegs ernärhte er sich durch Diebstähle. Erst nur Lebensmittel, später dann auch Bargeld und Wertsachen. Immer nur so viel wie er gebraucht habe, betonte Willi. In Wattenscheid wollte er einer älteren Frau die Börse ziehen, aber die habe aufgepasst und ihn erwischt. Er habe furchtbar weinen müssen, und die Frau habe ihn mit zu sich nach Hause genommen. Das sei Tante Käthchen gewesen, eine hagere Person von fast siebzig Jahren, mit harten Gesichtszügen und einer knarzigen Stimme, die ununterbrochen Zigaretten rauchte und einmal pro Stunde einen Schnaps trank. Sie sei Mitglied der KPD gewesen und habe von ihrer Zeit in Moskau erzählt, vom Kommunismus und den großen Kommunisten. Er habe bei ihr wohnen können, und sie habe versucht, ihm eine Lehrstelle zu beschaffen. Aber nach einige gescheitereten Versuchen habe sie eingesehen, dass Willi frei sein müsse.
Er habe sich dann auf Einbruchdiebstahl verlegt, und Tante Käthchen habe nur verlangt, er dürfe nur die Reichen beklauen. Daran habe er sich gehalten und grundsätzlich nur Villen und Wohnungen in teuren Neubauhäusern ausgeräumt.
Dann sei Tante Käthchen mit 82 Jahren plötzlich gestorben. Er habe sie zu Grabe getragen und beschlossen, auf Reisen zu gehen. Zwanzigtausend Mark habe sie ihm hinterlassen, und von dem Geld habe er sich sieben Jahre lang ernähren können, während er kreuz und quer durch Europa, Vorderasien und Nordafrika auf Achse gewesen sei. Dann habe er einen Handel mit Kram begonnen, kunsthandwerkliche Gegenstände aus Marokko, aus der Türkei und anderen Ländern. Sein ehemaliger Hehler habe einen Laden in Düsseldorf eröffnet, Willi habe die Ware beschafft und seinen Anteil bekommen. Das Geschäft sei von Anfang der Sechzigerjahre bis Mitte der Neunzigerjahre bombig gelaufen. Er habe ein tolles Leben geführt: ständig unterwegs, ständig beste Hotels, gutes Essen und Trinken, Frauen. Keine Sorgen. Aber auch nichts gespart, nichts zurückgelegt. Dann sei sein Partner von einem Tag auf den anderen verschwunden. Er habe vor dem leergeräumten, verschlossenen Laden gestanden. Aus sei es gewesen mit dem schönen Leben. Obdachlos sei er geworden und habe wieder mit den Einbrüchen angefangen. Im Jahre 2002 sei er geschnappt worden. Siebzehn Fälle habe man ihm nachweisen können. Für drei volle Jahre sei er eingefahren. Im Knast habe er den Bericht über Otzenrath gesehen und sei einfach hergekommen.

Da war die erste Flasche Hennessey geleert, und Monsignore Berenrath sah sich außerstande, ein Gespräch zu führen. “Soll ich dich nach Hause bringen?”, fragte Willi. Und so wankten die beiden letzten verbliebenen Dorfbewohner die verlassene Hauptstraße hinab zur Kirche und dem Pfarrhaus daneben. “Morgen kommst du zu mir, Willi, ich koch uns was”, sagte der Priester zum Abschied. Und von dieser Stunde an bis zum Tag, an dem das Gotteshaus abgerissen wurde, trafen sich die beiden Männer beinahe jeden Abend zum Essen, zum Trinken und zum Reden. Als auch das Pfarrhaus gefallen war, zog Michael zu Willi in den Kälberstall. Niemanden schien zu interessieren, dass Pfarrer Berenrath sein Amt in der Betonkirche von Neu-Otzenrath nicht antrat. Niemand schien ihn zu vermissen. Willi und er arbeiteten zusammen, dehnten ihren Wirkungskreis auf die anderen Dörfer aus, die vom Tagebau angenagt wurden. Zogen nach Spenrath als Otzenrath ausradiert war, später ans andere Loch nach Stettenbach und dann nach Elz. Überall waren sie die Letzten vor Ort.

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publiziert am 15.12.14 in Thibaud ¦ 1006x gelesen ¦ noch kein Kommentar