Abzocker auf Achse

Er ist ein Charmeur, dieser Lion Minter. Er kann die Leute einwickeln. Und dann über den Tisch ziehen. Ich sag dir: Minter ist ein Arschloch. Ein böser Mensch. Aoszial, skrupellos und bösartig. Nein, sagen dann die meisten, der ist doch nett. Und die Frauen finden, er sieht gut. Redford nennen sie ihn wegen der Ähnlichkeit. Und in seiner Jugend in seiner rheinischen Heimat hieß er nur “dä Schön”. Inzwischen ist er fasst so zerknittert wie der Schauspieler, dessen Bruder er sein könnte. Gut gealtert, meinen die Frauen. Dies schiefe Lächeln am Rande eines unverschämten Grinsens, das hat er immer noch drauf. Schlank ist er geblieben. Kleidet sich jugendlich, also so wie die jeweilige Jugend es tut. Das macht er schon seit fünfzig Jahren so. Wird dieses Jahr siebzig und ist immer noch on the road. Um die Leute auszunehmen. Angefangen hat er mit einem ziemlich angelatschten Bulli, den er aus einer Polizeiversteigerung erworben hatte. Muss Ende der Sechzigerjahre gewesen sein. Hatte mit den Hippies nichts am Hut, sondern wollte Geschäftsmann sein. Zocken war immer schon sein Ding. Seit Schulhofzeiten. Schibbeln hieß das Spiel, bei dem die Jungs aus der Hocke Groschen gegen die Wand warfen. Wessen Münze am nächsten an der Mauer liegenblieb, gewann und kassierte alle geworfenen Münzen. Lion gewann, wie er immer sagt, in achtundneunzig Prozent der Fälle.

Zog sonntags schon mit sechzehn durch die Wirtschaften, um die Männer beim Frühschoppen auszunehmen. Beim Knobeln, bei den diversen Kartenspielen. Spielte immer um Geld. Das ist doch kein Vergnügen, sagt er heute noch, das ist Arbeit. Schwer zu sagen, ob er damals schon falsch gespielt hat. Kam vermutlich nach und nach. Tricks verbessern die Quote, ist einer seiner Sprüche, wobei er mit Tricks mit hoher Wahrscheinlichkeit Betrug meint. Seine beiden Laster sind Gold und Frauen. In dieser Reihenfolge. In das Reisemobil, mit dem er zurzeit tourt, hat er unter dem Boden zwischen den Achsen einen Safe einbauen lassen. Darin ist sein Bares und eine schwere Kassette. Gefüllt mir Goldschmuck und ausschließlich goldenen Uhren. Gold tauscht er nur gegen Frauen. Will er eine haben, schenkt er ihr so lange goldene Dinge bis sie sich ergibt. Mehr als einen Ring braucht er selten. Ich liebe sie alle, erklärt er jedem, der es hören will oder auch nicht.

So kühl er beim Gambling ist, so verrückt führt er sich auf, wenn es um eine bestimmte Frau geht. Dann fährt er auf: Rosen, Champagner und immer wieder Schmuck. Man munkelt, am Ende bekäme er jede rum, und von jeder, die er rumgekriegt hat, gäbe es ein Fotos. Ebenfalls im Safe gelagert. Und so fährt er von Ort zu Ort, um mit den Leuten zu spielen und zu wetten. Er meidet die Metropolen. Die haben keinen Spaß dabei zu verlieren, meint Minter. In der Provinz, so seine Sichtweise, zocken die Kerle einfach gern, egal ob sie gewinnen oder verlieren. Nebenbei gibt er den mobilen Buchmacher. Das aber nur weitab von Rennbahnen. Hat so ein Internetding, dass er fast alle Sportveranstaltungen live zeigen kann auf einem Bildschirm. Und nimmt wetten an. Mit durchaus seriösen Quoten. Trotzdem macht er immer seinen Schnitt. Wer weiß, welche Masche er da erfunden hat, dass er doppelt so viel einnimme wie ausgibt.

Ich weiß nicht wie er es macht. Seit über dreißig Jahren zocke ich schon gegen ihn. Haben 1979 fünf Tage am Stück gepokert auf einem Campingplatz am Rande der Camargue. Am Ende musste ich nach Hause trampen, er hatte mir die ganze Urlaubskasse abgenommen. Traf ihn drei Jahre später in Norwegen, Höhe Sognefjord. Auf einer Wiese an einem eiskalten Gletscherbach standen vier Bullis und fünf Zelte. Alle zockten mit Minter. Eine Variante von Craps, die er selbst ausgedacht hatte. Am vierten Tag waren es noch zwei VW-Busse und zwei Zelte. Schließlich hockten wir zu dritt in seinem Karren. Der Dritte lag über zweitausend Mark hinten. Ich war bei Plusminus Null. Am Ende waren wir pleite, und Lion lachte und gab Cognac aus.

Irgendwann sagte er: Schlag du das Spiel vor, das wir um Geld spielen können. Spontan sagte ich “Schach!”. Gut, meinte er, gib mir zwei Jahre Zeit. Am Plattensee hatten wir uns verabredet, weil er sich im Sommer 86 vorgenommen hatte, DDRler auszunehmen. Da gab es eine überdachte Veranda am Campingimbiss. Dort hatte man einen Tisch aufgebaut. Zwei Stühle, Brett und Figuren, Schachuhr. Ein über achtzigjähriger Chemieprofessor aus Erfurt gab den Schiedsrichter. Wer als erster drei Partien gewonnen hatte, sollte zum Sieger gekürt werden. Die Zuschauer konnten wetten. Minter hatte einem jungen Ungarn, der gut Deutsch sprach, die Buchmacherei erklärt. Von jedem Einsatz sollten zehn Prozent in den Pott gehen, den der Sieger des Wettkampfs bekommen sollte. Kurz vor Beginn der ersten Partie hatte der junge Buchmacher weit über 5000 DM gesammelt, in den verschiedensten Währungen – nur Ostmark wurde nicht akzeptiert. Die Quote für meinen Sieg standen bei 24 zu 10. Also setzte ich 3000 Mark auf mich. Bei seinem Sieg würde es 18 für 10 geben. Pass auf, sagte er als wir uns über dem Brett die Hand gaben, wenn du gewinnst, kriegst du von mir alles wieder, was du je an mich verloren hast; müssten so um die 32000 Mark sein. Ich nickte vorsichtig und suchte nach dem Haken.

Um den Tisch herum hatten sich gut vier Dutzende Urlauber versammelt, vorwiegend ältere Herren, die allesamt rauchten und Bier aus Flaschen tranken. Die Atmosphäre ähnelte mehr einem Hahnenkampf als einem Schachwettbewerb. Er hatte Anzug in der ersten Partie, spielte etwas Sizilianisches, und beim 31. Zug einigten wir uns auf ein Remis. Sechs Partien spielten wir an diesem Abend und in dieser Nacht, und alle endeten unentschieden. Der Schiedsrichter setzte die nächste Partie für den folgenden Morgen um elf an. Es war ein sehr heißer, beinahe windstiller Tag. Unter dem Dach wurde es immer wärmer, drückend, schwül. In der achten Partie führte ich die weißen Figuren, und es kam zu einem Königsgambit, eine Eröffnung, die er offensichtlich nicht im Repertoire hatte. Mit dem 27. Zug setzte ich seinen König matt. Ihm machten die Temperaturen offensichtlich mehr zu schaffen als mir. Außerdem trank ein eisgekühlten Wein, während ich bei Wasser und Kaffee blieb. Partie Nummer elf ging auch an mich. Nach über sechzig Zügen war ein Endspiel entstanden, das er mit den weißen Figuren immer hätte remis halten können. Aber er machte Fehler. Dann gab es ein Remis, und auch dieser Kampftag ging zu Ende.

Am nächsten Tag war alles anders. Es regnete aus tiefen Wolken, und kalte Windböe zogen über den Campingplatz. Die alten Männer hatten wohl Besseres zu tun, und so waren die einzigen Zuschauer drei Frauen verschiedenen Alters, die leicht desinteressiert auf den Tisch schauten und an ihren Weingläsern nippten. Lion Minter hatte sich herausgeputz, trug eine beige Leinehose und darüber ein Blouson in einem Farbton, den man wohl Altrosa nennt. An jedem Finger hatte er einen Goldring, Gliederarmbänder, an beiden Handgelenken schwere Uhren, drei verschieden Halsketten, an einer baumelten zwei goldene Würfel, und in beiden Orhläppchen trug er schwere Goldgebilde. Jemand hatte ihm die Haare geschnitten und in Form geföhnt. Sein Eau de Parfume schlug mir über das Schachbrett hinweg entgegen. Ja, mich machte das unsicher, beinahe nervös. Konnte mich nicht so konzentrieren wie an den Vortagen. Machte gleich in der erste Partie im siebzehnten Zug einen schlimmen Fehler und gab drei Züge später auf. Jetzt stand es also zwei zu eins für mich. Es folgten vier Remis. Dann hatte er wieder Weiß und begann mit einer sehr stillen Königsbauernvariante, die ich in die Spanische Verteidigung führte. Und er spielte jetzt sehr langsam, nutze seine Bedenkzeit voll aus. Es dämmerte schon. Wir hatten uns drauf verständigt, auch an dem Tag sechs Partien zu spielen, und wir waren gerade bei der fünften. Ich bekam Kopfschmerzen. Bestellte einen Kaffee und verbrannte mir daran den Gaumen. Und während Lion immer souveräner da saß und mit Bedacht die Figuren führte. Es gab ein Endspiel mit leichtem Übergewicht für Weiß, dass er systematisch und sauber für sich entschied. Ausgleich.

Eigentlich wäre auch dieser Turniertag damit zuende gegangen. Aber er sah mich an und sagte: Wenn du jetzt noch eine spielst und gewinnst, kriegst du allen Goldschmuck, den ich heute trage, zusätzlich. Und die Frauen auch, wenn du eine oder alle willst. Überleg dir das, ich geh mich jetzt mal eben frischmachen, und wenn ich wiederkomme, sagst du Ja oder Nein. Überleg’s dir: 32000 Mark plus Gold plus die paar Kröten aus dem Wettgeschäft… Er stand auf, und die Ladies begleiteten ihn auf dem Weg zu seinem Wohnmobil, damals schon das größte und teuerste auf dem ganzen Platz. Natürlich spielte ich, natürlich verlor ich. Natürlich zermatterte ich mir das Hirn, wie er mich hatte abzocken können. Ich kam nicht drauf und bis heute, wo ich nun schon seit fast dreißig Jahren als sein Assistent mit auf Tour gehe, weiß ich nicht, was er getan hatte.

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publiziert am 16.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 911x gelesen ¦ noch kein Kommentar