Freier Fall

Jetzt und hier im Jenseits kann ich sagen, ich habe den Flug genossen. Allein der Absprung war ein Moment größter Freiheit. Stolz war ich auf mich, fühlte mich als Sieger, hatte meine Höhenangst endgültig überwunden. Außerdem war der Sturz an sich die Belohnung für die viele Arbeit und Mühe, die mich erst ganz oben auf die Spitze des Brückenpfeilers gebracht hatten. Denn einfach war es nicht, die verschiedenen Sicherheitseinrichtungen zu überwinden. Konnte nur gelingen nach sorgfältiger Planung und langfristiger Vorbereitung. Den Gesellenbrief als Maler und Lackierer zu fälschen sowie diverse Arbeitsbescheinigungen und Zeugnisse ehemaliger Arbeitgeber, war da noch die leichteste Aufgabe. Und dann musste ich warten. Genau drei Jahre, sieben Monate und elf Tage. So lange dauerte es, bis die zuständige Firma wieder jemanden für die Renovierung der Pylonen suchte. Ich bewarb mich online, hatte am nächsten Tag das Vorstellungsgespräch und erhielt am Montag drauf die gute Nachricht: ich könne zum 1. September anfangen. Die fünf Wochen bis zu diesem Termin wurden mir sehr lang. Sie dehnten sich ebenso wie die sieben Wochen und vier Tage bis ich zum ersten Mal am Fuß des Nordpfeilers stand, zusammen mit dem Chef, einem Kollegen und dem Lehrling, der ein Mädchen war.

Ganz wie ich es erhofft hatte, ging es nur um die Bearbeitung der Wände im Treppenhaus, das bis ganz nach oben führt. Selbst in vierzig Metern Höhe spürte ich nicht die geringste Angst. Es fühlte sich an wie in einem Hochhaus. Alle acht Meter gab es eine Plattform, und man konnte zum Glück nicht nach unten bis zum Boden sehen. Die Arbeit hätte jeder erledigen können, der ein Minimum an handwerklichem Talent gehabt hätte. Fachkenntnisse aus der Malerzunft waren nicht nötig. Zusammen mit Jenny, dem Lehrling, war ich zur Drecksarbeit abkommandiert. Wir waren mit druckluftbetriebenen Bandschleifern ausgestattet und mussten jedes Fitzelchen Farben von den Wänden entfernen. Jede Nacht träumte ich davon, oben zu stehen, aufrecht auf den zweieinhalb Qudratmetern der Pylonenspitze, im Wind, mit einem Lächeln auf den Lippen. Wir näherten uns dem obersten Stockwerk nur langsam. Inzwischen hatte ich den Bogen raus und schaffte mein Pensum an einem halben Tag. Jenny verpfiff mich nicht, wenn ich aufwärts stieg und mich mit der Situation unter der außenliegenden Plattform vertraut machte. Da gab es einen quadratischen Raum mit einer Sicherheitstür, für die man sowohl einen Schlüssel, als auch einen Code zum Eintippen brauchte. Ich vermutete, dass sich im Inneren eine Leiter zu der Luke befand, durch die man ins Freie gelangte.

Ich nahm mir viel Zeit, diese Sache im Beisein vom Chef und den Kollegen anzusprechen. Nach drei Wochen und zwei Tagen, wir saßen draußen vor der Tür zum Inneren des Pfeilers und frühstückten in der warmen Oktobersonne, fragte ich leichthin: “War einer von euch schon mal ganz oben?” Der Chef sah auf, kaute weiter an dem Bissen vom Leberwurstbrot und nickte dann langsam: “Warum willste das wissen?” Mir war klar, dass ich das Thema zunächst ruhen lassen musste und sagte: “Nur so.” Zwölf Tage später stieß Schorsch zum Team, der Spezialist für die Sprühautomaten, mit denen die Farbe aufgetragen werden sollte. Der redete viel, eigentlich ununterbrochen und prahlte mit seine diversen Abenteuern. Wie er drei Jahre auf einem Kreuzfahrer zur See gefahren sei als Bootsmann, verantworlich für das, was er “Maintenance” nannte. “Ein Tag arbeiten die Woche, sechs Tage Urlaub”, beschrieb er seinen Job. Und beim Bau von Windrädern. Feinarbeit auf achtzig, neunzig Metern Höhe. Auf den Wind habe er achten müssen, erzählte er, wenn die Böen die Richtung wechselten. Ob ihm nicht schwindlig geworden sei, fragte Jenny einmal in der Mittagspause. “Ich schwindelig?” Scorsch lachte grell auf, “ich werd nie schwindlig.” Und weil niemand reagierte: “Ich mach dir hier oben einen Handstand auf der Plattform, wenn du willst.”

Das war meine Chance. “Ich wette dagegen!” Der Chef sah missbilligend in die Runde: “Macht keinen Scheiß.” Nach Feierabend kam der Angeber auf mich zu: “Was setzt du?” – “Tausend. Jenny als Wettzeuge.” – “Okay”, gab Schorsch zurück, “aber der Chef darf davon nix erfahren.” – “Geht klar. Aber wie eillst du überhaupt da raus kommen auf den Pfeiler?” Er lachte überlegen: “Weiß ich, wo der Chef den Schlüssel hat oder nicht?” – “Und der Code?” Wieder schüttelte ihn ein künstliches Gelächter: “Du hast auch noch nicht viel an solchen Dingern gearbeitet, was? Meinst du, die denken sich für jeden Pfeiler einen neuen Code aus? Nein, mein Lieber, ist immer 4711.” Wir einigten uns darauf, es nachts im Schutz der Dunkelheit zu probieren und fassten den kommenden Freitag ins Auge.

Es war dann nicht besonders schwer, dem Chef die Schlüssel zu klauen, nachdem er die Außentür zum Pylonen zum Feierabend abgeschlossen hatte. Das war am Donnerstag. Erneut ein milder Oktobertag, dem eine sternenklare Nacht folgte. Der Mond zeigte sich ziemlich genau zur Hälfte, und es war beinahe windstill. Ich hatte mich als Jogger verkleidet, mit schwarzen Tights, einem schwarzen Windbreaker über dem schwarzen T-Shirt und einem schwarzen Beanie. Die drei weißen Streifen an meinen Laufschuhen hatte ich mit Edding schwarz gefärbt, und eine schwarze Skimaske hatte ich auch dabei und zog sie über, als ich die Brücke erreicht hatte. Wäre mir jemand begegnet, hätte der mich für die Karikatur eines Ninja-Kriegers halten können. Der Schlüsselbund ruhte in der ebenfalls schwarzen Bauchtasche. Gegen halb zwei hatte ich die Tür zum Nordpfeiler erreicht. Unterwegs war ich keinem einzigen Fußgänger begegnet. Ein offensichtlich betrunkener Radfahrer hätte mich beinahe über den Haufen gefahren. Nur wenige Autos waren unterwegs, auch auf der Brücke in Richtung Autobahn. Ich schloss auf und schlüpfte hinein. Weil man die Tür aus Sicherheitsgründen nicht von innen verriegeln konnte, holte ich ein paar Spachtel aus unserem Werkzeug, dass unter der Treppe lagerte, und verkeilte die unter dieser Tür.

Dann stieg ich langsam und gleichmäßig die vierhundertzwölf Stufen hinauf, legte auf jeder dritten Plattform eine Pause ein, um den Puls runterzubringen und wieder normal zu atmen. Dann stand ich endlich vor der Box auf der obersten Etage. Fühlte mich wie ein Bergesteiger kurz vor dem Gipfel. Fand auf Anhieb den richtigen Schlüssel und drehte ihn im Schloss. Damit wurde die Tastatur für den Sicherheitscode aktiviert, und ich tippte sorgfältig 4 und 7 und 1 und 1 ein. Die Tür sprang auf, auch die Innenbeleuchtung ging automatisch an. Vor mir die Leiter, die zum Ausstieg führte. Rechterhand klebte ein Hinweis an der Wand: “Tür schließen um Luke zu öffnen.” Tatsächlich schwang die Klappe von selbst halb auf, nachdem ich die Tür fest ins Schloss gedrückt hatte. Fuß vor Fuß kletterte ich die Leiter empor, streckte dann die Hand aus, um die Luke ganz zu öffnen. Noch ein Schritt, und ich stand draußen auf den zweieinhalb Quadratmetern mitten im Nachthimmel, über dem Fluß und der Stadt. Aus der Mitte der Plattform wuchs ein gut acht Meter hoher Stab, vermutlich ein Blitzableiter, an dem hielt ich mich fest. Ein Geländer gab es nicht. Es war sehr still dort oben und sehr friedlich. Ein schöner Ort, an dem ich schnell zur Ruhe kam. Ich hatte mir zurecht gelegt, einfach zwei, drei Schritte zu machen und dann abzuspringen. Aber das schien mir zu einfach. Also setzte ich mich auf das kalte Metall und rutschte auf den Rand zu, der über der Fahrbahn lag. Bis ich die Beine über die Kante schieben konnte. So saß ich wohl eine Stunde und ließ meinen Blick systematisch von Ost nach West schweifen. Und wieder zurück. Dann erschien mir der Zeitpunkt richtig, und ich ließ mich nach vorne fallen. Der Flug dauerte ewig.

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publiziert am 11.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 875x gelesen ¦ noch kein Kommentar