Kommst hier nicht rein

“Was willst du?” sagte er, und es hörte sich an wie “Wasswissu!” Sein Kopf stand etwas vor der Längsachse seines Körpers auf einem wulstigen Nacken. Von hinten sah er vermutlich aus wie eine Echse. “Und? Was?” wiederholte er. Jedenfalls interpretierte ich so das Geräusch aus seiner schmalgekniffenen Sprechöffnung. Der Typ stand festgemauert da, die Füße auf Hüftbreite auseinander, die Faust der einen in der Fläche der anderen Hand auf Bauchnabelhöhe. Es gab auch eine Nase im Gesicht, aber die hatte eine außergewöhnliche Form und Richtung. Einsfünfsechzig war er höchstens groß. Bizeps mit Eiweißpräparaten und viel Eisen aufgepumpt. Zuckte nervös mit den Muskeln rund um den den Kurzhals. “Ich muss da mal eben rein, weil ich was aus der Pförtnerloge holen soll.” Die Schmeißfliegenbrille unter der wulstigen Stirn hüpfte im Takt seines Schnaufens: “Geht nicht.” Mir war klar, dass man diesem Wesen mit Argumenten und gutem Zureden nicht würde beikommen. “Befehl vom Boss”, versuchte ich mit einer Art Blaffen. Der Security-Affe ging einen halben Schritt rückwärts. Anscheinend dachte es mit ihm. Dann: “Welcher Boss?” Er zeigte leichte Unsicherheit. Ich setzte nach: “Na, der oberste Boss, natürlich!”

Ihm wurde sichtbar mulmig. “Jetzt keinen Fehler machen”, sagte die Stimme in seinem Schädel höchstwahrscheinlich. “Heissu?” Ich sagte meinen Namen schön langsam. Er nickte bedächtig und lockerte die Kampfhaltung. “Einer von uns, was?” biederte sich der Muskelberg an. “Klar”, gab ich leichthin zurück, ging auf ihn zu und hielt ihm die Hand auf Biker-Art hin: Unterarm um 45 Grad angewinkelt, die Handfläche offen, den Daumen nach oben abgespreizt. Er schlug instinktiv ein und schreckte im selben Moment zurück und nahm wieder die Türstehergrundhaltung ein. “Kenn dich nicht.” Da hatte er recht. Ich kannte ihn ja auch nicht. Ich kannte weder ihn, noch seinen Boss, noch den obersten Boss, nicht mal die Firma, deren Gelände ich zu betreten trachtete. “Komm schon”, probierte ich, “neulich im Stadion…” Mit einer ruckartigen Bewegung nahm er die Sonnebrille ab, und ich konnte seine Augen sehen. Sie waren klein, hell und scharf. Sein Blick war ein Laserscanner, der wahrscheinlich im Ernstfall Löcher brennen konnte. Er ging seine interne Datenbank durch. Fand mich nicht. “Security?” fragte er. Ich schüttelte den Kopf: “Orga.” Der Typ machte ein Geräusch, dass vermitteln sollte, dann wüsste er schon Bescheid. “Oberster Boss, hä?”

Ich überlegte, ob er mir damit quasi das Wegerecht einräumte und ich an ihm vorbeigehen konnte. Aber noch immer war er im Alarmmodus. Ich stand so nah vor ihm, ich hätte ihm einfach auf die Schulter klopfen, mit dem Zeigefinger der anderen Hand an meine Basecap tippen und vorbeigehen können. So weit war er aber noch nicht: “Ausweis!” krähte er mit leichter Hysterie in der Stimme. Ich pfriemelte meinen Dienstausweis unter der Jacke hervor und hielt ihn dicht vor sein Reichorgan. Er nahm die Karte und vergrößerte den Abstand. Das Lanyard schnitt mir in den Hals, während er weiter daran zerrte. Er verglich das Foto auf dem Ausweis mit meinem Gesicht, mehr war bei ihm nicht drin. “Oh-keee…” brummte er und ließ die Identitätskarte los, die weder mit der Firma, die er bewachte, noch mit ihm etwas zu tun hatte. Er lockerte die Muskeln, beginnend bei den Oberschenkel, und drehte den Kopf mit hörbarem Geräusch im Nacken. Seinen Gesichtsausdruck hätte man als Lächeln deuten können. “Kollege…” sagte er ziemlich deutlich und drehte sich dabei zur Seite. Der Weg war offen.

Der Pförtner in seinem Glashaus, ein fröhlicher Rentner mit weißen Haarbüscheln über den Ohren, grinste, als ich an seinen Schalter trat. “Und, was hat er dir erzählt, unser Pitbull?” Er wartete meine Antwort gar nicht ab, sondern fuhr fort: “Du kommst wegen der Kiste, was? Wärste besser mit dem Auto reingefahren. Wär schneller gegangen. Hätt ich dem Ingo kurz per Sprechfunk Bescheid gesagt, dass er dich reinlässt.” Konnte ich ja nicht ahnen. “Wie groß ist denn das Teil?” Er deutete mit den Armen die Dimension des Kastens an und meinte: “Gut 50 Kilo. Brauchste ne Sackkarre für. Oder n Auto” Also drehte ich um und machte mich auf dem Weg zur Einfahrt, wo Ingo immer noch hüftbreit stand, die Sonnenbrille wieder aufgesetzt, die Hände in Kampfstellung, den Blick radarartig übers Vorfeld schwenkend. “Ich komm gleich noch mal wieder”, sagte ich, “mit dem Auto.” Er nickte beiläufig.

Meine Karre stand ein paar Querwege entfernt auf dem Parkplatz. Als ich aufs Tor zufuhr, war Ingo nicht mehr da. Der Pförtner öffnete die Schranke, und ich drehte an der Seitentür seiner Loge bei. “Wo ist der Wachhund?” Der humorvolle ältere Herr lachte kurz: “Mittagspause. Ingo macht exakt,” er betonte das Adjektiv, “von zwölf Uhr fünfzehn bis exakt,” wieder die Betonung, “bis dreizehn Uhr Pause. Als ob er einen eingebauten Wecker hätte. Der guckt nicht auf die Uhr und denkt dann ‘Oh, muss ja in Pause’, der dreht sich EXAKT um zwölffünfzehn um und marschiert zu seinem Dienstwägelchen. Und EXAKT um dreizehn Uhr steht er wieder da.” Ich hatte Zeit, und das Schauspiel wollte ich mir nicht entgehen lassen: “Zigarette?” Wir rauchten zusammen eine und plauderten. Dann lud ich die Kiste ein, und wir rauchten noch eine zusammen. Ich sah auf die Uhr. Inzwischen war es kurz vor eins. Und da kam er auch schon: Im Laufschritt, fortschriftsmäßig über die Ballen trabend, den Kopf noch ein wenig weiter vorgestreckt. Erreichte seine Position und nahm nach einer komplizierten Abfolge kleiner Bewegung seinen Dienstposition wieder ein.

Beim Rausfahren ließ ich die Scheibe an der Beifahrerseite runter und stoppte neben ihm: “Tschö, Ingo. Man sieht sich!” Er beugte sich leicht vor, um in meinen Wagen schauen zu können. Nahm mich wahr, lächelte sein Echsenlächeln und sagte zum Abschied: “Sieht sich, Kollege.”

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publiziert am 13.04.15 in Stadtgeschichten ¦ 861x gelesen ¦ noch kein Kommentar