Oder nie (1)

Im Nachtzug nach Paris teilte Peter sein Abteil mit vier besoffenen Seeleuten, drei davon waren Polen, einer von denen war relativ nüchtern und sprach hervorragend deutsch. Sie hätten in Riga abgemustert und seien nun auf dem Weg nach Zeebrügge, um auf einem Tanker anzuheuern. Vor vierzehn Stunden seien sie losgefahren, und in jeder Stunde hätten sie je zwei Flaschen Wodka geleert. Die Matrosen waren nicht nur betrunken, sondern stanken. Einer lag über den Sitzen im Gepächnetz und schnarchte. Der Typ am Fenster hatte sich vollgepisst. Aber er hatte keinen anderen freien Platz gefunden. Eine größere Menge Fußballfans aus dem Norddeutschen war auf dem Weg zu einem Europapokalspiel ihres Clubs in Marseille und belegte fast die komplette zweite Klasse. Ab Brüssel-Süd hatte er das miefende Abteil für sich. Der am wenigsten betrunkene Pole hatte ihm zum Abschied einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand gedrückt: “Der Rest von unserem Geld. Brauchen wir an Bord nicht. Geh schön ficken davon.” Und jetzt verlässt Peter die Halle des Gare du Nord, den Rücksack auf dem Buckel, den Koffer in der rechten, die Kameratasche in der linken Hand. Es ist vor acht Uhr an diesem klaren Aprilmorgen. Der Bahnhof spuckt gleichmäßig Pendler aus wie ein Vulkan die Lava. Quer dazu gehen Leute mit schnellen Schritten von rechts nach links und umgekehrt. Ein stetiger Strom Autos kreuzt die Straße vor dem Platz. Fahrzeuge fädeln sich ein, andere biegen ab. Irgendeiner hupt immer, und im Hintergrund hört er die Sirene einer Ambulanz. Gisela will sich um zwei mit ihm in einem Bistro in der Nähe der Oper treffen. Er hat noch viel Zeit. Wilde Jungs wuseln um ihn herum. Er fürchtet, man könne ihm seine Ausrüstung stehlen.

Kehrt um zurück in die hohe Bahnhofshalle. Ununterbrochene Lautsprecherdurchsagen. Das Quietschen der Räder auf den Gleisen bei der Ein- und Ausfahrt. Druckluft zischt aus den Bremsen. Eine Diesellok zieht leere Waggons hinaus. Reisende hasten zum Gleis mit den Fernzügen. Peter entdeckt den Wegweiser zu den Schließfächern. Steht zwischen den langen Reihen der Metallschränke, findet ein leeres Abteil. Kein französisches Kleingeld. Also mit Sack und Pack zurück in die Halle zum Geldwechseln. Er hat ausschließlich 100-Franc-Scheine und weiß nicht, was er kaufen soll. Dann sieht der die rote Raute mit dem Schriftzug “Tabac” an einem Kiosk. Kauft eine Packung Gauloises, natürlich ohne Filter, und ein Einwegfeuerzeug. Der Händler murrt ein wenig, gibt ihm dann aber auf die hundert Franc heraus.

Das Gepäck ist verstaut, und Peter steht wieder draußen im Sonnenschein. Es sind viel weniger Fußgänger unterwegs, die Leute sitzen schon in ihren Büros. Dafür flitzen Lieferwagen hin und her. Männer schieben große Handkarren durch den Autoverkehr. Am Taxistand patroullieren zwei Polizisten mit steifen runden Kappen und wirbeln dabei ihre Gummiknüppel um die Handgelenken. Irgendwo bläst jemand in eine Trillerpfeife, und eine Droschke setzt sich in Bewegung. Eigentlich raucht Peter nicht. Jedenfalls nicht regelmäßig. Aber es scheint ihm eine gute Idee, ab sofort immer mit einer Kippe zwischen Lippen oder den Fingern herumzulaufen wie das die Franzosen tun. Vielleicht werden sie ihn für einen aus der Normandie halten mit seinen semmelblonden Haaren. Den Backenbart und den damit verbundenen Schnäuzer wird er sich abrasieren, so etwas trägt hier niemand. Er wird sich auch einen Mantel kaufen müssen. Dabei hat er sich erst ein paar Tage vor der Abreise im Bundeswehrshop einen Parka geleistet, ein halblanges Ding mit schwarzrotgoldener Flagge oben am linken Ärmel.

Er geht ein paar Schritte vor, um einen Blick in die quer verlaufende Straße zu werfen. Von rechts kommt die Sonne durch und beleuchtet das Café an der gegenüberliegenden Häuserecke. Die schwache Brise lässt die Markise leicht pulsieren. Draußen sitzt niemand, drinnen die Zeitungsleser. Peter kann kein Französisch, beherrscht nur die nötigsten Floskeln. Betritt das Café und sucht sich einen Platz am Fenster. “Un café au lait, si vous plait” bestellt er, und der Kellner wiederholt “Grand café creme, bon.” Karin fand seine Idee, für ein paar Monate nach Paris zu gehen, um dort eine Fotoreportage als Examensarbeit zu machen, überhaupt nicht gut. “Warum machst du das nicht hier? Dortmund hat doch auch interessante Ecken.” Er hatte dann von Henri Cartier-Bresson erzählt und von Brassaïer und den Magnum-Fotografen, das seien seine Vorbilder, die hätten nun mal viel in Paris fotografiert. Aber Karin ist schwanger und hat Angst vor der Zukunft. Sie wünscht sich insgheim, dass Peter die Fotografie sausen lässt und einen sicheren Job annimmt. So wie Ingo, ihr Bruder, der eigentlich Maler werden wollte, dann aber doch Dekorateur gelernt hat und jetzt beim Kaufhof gutes Geld verdient.

Peter ist sich nicht sicher, ob er überhaupt zurückgehen wird nach Dortmund zu Karin. Aber das sagt er niemandem, nicht einmal Jörg, seinem besten Freund hat er das gestanden. Und Gisela, die hier schon seit acht Jahren in Paris lebt und sich hier Giselle nennt, wird er das auch nicht erzählen. Der Kellner stellt den Kaffee hin und dazu ein braunes Plastikschälchen mit dem Bon. Peter überlegt, wie das in Frankreich geht mit dem Bezahlen. Er nimmt den Zettel und studiert ihn. Legt dann ein Fünf-Franc-Stück ins Schälchen. Später kommt die Bedienung, nimmt die Münze und den Bon, reißt einen Schlitz hinein und legt ihn samt Wechselgeld ins Schälchen. Er fragt, ob er noch was bringen kann. “Pastis”, sagt Peter, denn das trinken sie hier am Vormittag. Er weiß auch, dass das Wasser in der Kanne zum Verdünnen da ist. Dann sucht er den Zettel, auf dem er sich den Treffpunkt mit Giselle notiert hat. In der Innentasche vom Parka ist der Faltplan untergebracht, den er vor sich auf dem runden wackligen Tisch ausbreitet. Er findet den Gare du Nord und auch die Oper. Durchsucht die Straßennamen dort, und findet die Ecke mit dem Bistro, wo er auf seine Gastgeberin warten soll.

Beschließt zu Fuß dort hinzugehen. Er muss ja nur der Rue la Fayette folgen, weit kann es nicht sein. Er reißt die Zigarettenpackung auf, holt eine Gauloises heraus, klopft sie kurz auf dem Tisch auf und steckt sie sich in den Mund. Zündet die Kippe an und nimmt einen Zug. Der Rauch kratzt, er muss kurz husten. Aber der Geschmack, ja, das ist Frankreich. Er legt das Geld für den Pernod hin, steht auf und geht. Schlendert auf der linken Straßenseite Richtung Stadtmitte. Durch den Rinnstein strömt ein reißender Bach, auf dem Schaumflocken schwimmen, Papierfetzen, Eierschalen, Brotstücke. Aus einem Eingang leert jemand den Putzeimer direkt vor ihm auf den Gehsteig. Ein knochiger Hund bedient sich an einem offenen Mülleimer. Ein Müllmann schiebt den Wagen mit den großen Metallrädern und der Tonne am Straßenrand an ihm vorbei. Da steht ein älterer Herr im dunklen Nadelstreifenanzug am Straßenrand, wedelt mit einem Gehstock und ruft nach einem Taxi. Zwei junge Frauen in schwingenden Röcken überholen ihn, und er hört sie fröhlich kichern. An der Kreuzung mit der Rue Lamartine hat es gekracht. Peter bereut zum ersten Mal, dass er seine Kamera nicht dabei hat. Drei Wagen sind zusammengestoßen. Ein grauer Lieferwagen hat den blauen Peugeot an der Seite erwischt und auf eine schwarze DS geschoben. Die Fahrer sind ausgestiegen und schreien sich gegenseitig an. Im Fonds des Citroen sitzt ein Mann mit schwarzem Hut und liest Zeitung. Die Gäste vom Café an der Ecke stehen am Kantstein und diskutieren, wer die Schuld trägt.

Die Strecke ist deutlich länger als er sie nach dem Studium des Stadtplans eingeschätzt hat. Daran wird er sich gewöhnen müssen, dass Paris zu groß ist, um einfach so von A nach B zu spazieren. Peter kennt die Metro, hat sich auch fest vorgenommen, sie auszuprobieren, ja, während der Fahrt die Leute darin zu fotografieren. Aber nicht an seinem allerersten Tag. Jetzt muss er erst einmal Gisela treffen, dann sein Zimmer kennenlernen und einziehen. Vermutlich wird er mit seinem Gepäck mit der Metro zu Giselas Wohnung fahren, wo immer die auch sein mag. In Dortmund, da ist er fast nur zu Fuß gegangen. Radfahren kann er ja nicht wegen seinem tauben Ohr und den Gleichgewichtstörungen, und einen Führerschein hat er auch nicht. Karin und er könnten sich ohnehin kein Auto leisten, erst recht nicht, wenn das Kind da ist. Dieses Kind, um das sich schon ein halbes Jahr vor der Geburt alles dreht als sei es das Wichtigste auf der Welt. Karin sagt immer, es sei ein Wunschkind, aber wenn, dann ist es Karins Wunschkind. Nicht dass er nicht gerne Vater werden würde. Aber doch nicht mit fünfundzwanzig noch vor dem Staatsexamen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich erstmal als Fotograf, als Künstler ins Gespräch zu bringen. Vielleicht eine erste Einzelausstellung zu haben oder ein Fotoband mit eigenen Bildern. Ja, er war bereit noch eine Strecke zu gehen mit wenig Geld, in unsicheren Verhältnissen, ganz auf die Kunst konzentriert. Karin hat andere Pläne, das weiß er.

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publiziert am 29.04.15 in Oder nie ¦ 970x gelesen ¦ noch kein Kommentar