Oder nie (10)

Schnell hat sich Peter an die Fortbewegung mit der Metro gewöhnt. Mit dem kleinen, auf die Größe eines Taschenkalenders faltbaren Übersichtsplan findet er sich gut zurecht. Und am späten Nachmittag braucht er den schon nicht mehr, weil er die Struktur mit seinem fotografischen Blick gespeichert hat. Nun muss er nur noch die Namen der Endhaltestellen auswwndig lernen, damit er immer weiß, in welche Richtung er sich bewegt. Er setzt sich in einen Zug und fährt, steigt aus und steigt um. Taucht aus einer Metro-Station auf ans Tageslicht und taucht wieder hinab in den ewigen Tunnel. Manchmal setzt er sich auf eine Bank an einem Bahnsteig und schaut zu. Bleibt sitzen, während zwei, drei Bahnen kommen und gehen. Sieht die Menschen, sieht ihre Gesichter, ihre Bewegungen. Das immergleiche Licht in den Stationen: Zuverlässig leuchtet es die Dinge aus, und in den Tunneln werden die Lichter an der Wand immer kleiner. Später hat er manchmal einen Bahnsteig für sich allein in den kleineren Stationen. Er beobachtet die Signalanlagen. Spürt den Luftzug lange bevor der Zug einläuft. Dann das Zischen der Bremsen, die drei Warntöne vor der Abfahrt, die peneumatisch schließenden Sicherheitstüren. Nur die Verbindungsgängen in den sehr großen Bahnhöfen, die mit den vier, fünf Ebenen, den Treppen und Stollen, Abzweigungen und Überführungen, die sind ihm noch nicht geheuer. Nach ein paar Stunden landet er eher zufällig am Ende der Linie 4, an der Porte de Clignancourt. Und entdeckt ebenso zufällig den Marche aux Puces, den berühmtesten aller Flohmärkte der Welt.

Auch in Dortmund gibt es jetzt zum Ende der Siebzigerjahre alle vier Wochen einen Trödelmarkt draußen in Ewing auf einem staubigen Parkplatz unweit der Kokerei, wo Leute Tapeziertische aufbauen und dort gebrauchte Sachen anbieten. Er hat dort auch schon fotografiert, eine Art Bildstrecke geschossen, immer nur die Verkäufer und Käufer bei den Verhandlungen. Oft Close-ups von den Gesichtern. Hat zwei von den Bildern sogar an die WAZ verkauft, die sie dann aber doch nicht druckte. Erinnert sich an den unerwarteten Regenschauer, und dass manchem Anbieter die Sachen von den Tischen wehten. Viel wertloses Zeug, viel Hausrat, der für sehr kleines Geld zu haben war, Geschirr, Besteck, Küchengeräte. Einer hatte Dutzende Weltkriegsorden im Angebot, alle schön mit Hakenkreuz, dazu diverse Militaria. Und hier in Paris ist es eine Art Ladenzentrum, dass sie Flohmarkt nennen. Enge Gehwege zwischen mehr oder weniger festen Buden, teilweise mit gemauerten Seiten, manchmal komplett aus Wellblech. Überall elektrischer Strom; einer hat sogar eine Leuchtreklame über dem Geschäft. Alles gut sortiert: Hier die Dinge, dort die Klamotten.

Es ist gegen Abend, die Dämmerung ist durch, und jetzt schieben sich Hunderte von Menschen durch die Gassen. Manchmal versucht ein Lieferwagen durchzukommen, aber der Zeitpunkt ist schlecht gewählt. Ganz hinten schließt sich ein Markt an mit Wagen voller Obst und Gemüse, ein paar Verkaufswagen von Metzgern und Milchverkäufern, einige Fischhändler, deren Angebot um diese Zeit eher gering ist und wenig einladend riecht. Peter kommt zu den feineren Einrichtungen, die mit der Kleidung. Hier drängeln sich die Kunden vor allem an den Ständen mit den billigen Sachen: Handtücher, Unterwäsche, Kindersachen. Viele Händler haben sich spezialisiert, bei einem hängen Hunderte Herrenmäntel, vom Trenchcoat bis zum Kaschmirstück, an einem Dutzend Ständer, alles Gebrauchtware. Er bleibt bei einem stehen und schaut sich die Auslage an, die hier ohne trennendes Fenster auf Holzregalen lagert. Da kommt der Besitzer aus dem Laden und strahlt Peter an: “Deutscher!” kräht der kleine Mann mit dem faltigen Gesicht und zeigt auf die Flagge an Peters Parka. “Was machst du hier?” ruft der, und es hört sich nicht an wie eine Frage.

Peter weiß nicht zu antworten. Wie er oft nicht zu antworten weiß, weil er sich oft nicht traut zu antworten, wenn er angesprochen wird. Für den Normalgebrauch hat er sich eine Palette an Floskeln zurechtgelegt, mit denen er sich an ganzen Diskussionen beteiligen kann. “Geht doch um ganz was anderes” lautet einer dieser Sätze, der sich bei Peter anhört wie “Gehddoch ganswoas annder”. Denn das ist sein Sprachfehler, dass er die Worte nicht auseinanderhalten kann beim Reden, dass er falsch betont und Silben verschleift. Und dass obwohl er sehr früh mit dem Sprechen begonnen hat und schon sehr früh die Erwachsenensprache nachgeahmt hat. Die Eltern, die Tanten und Onkeln und auch die Stiefoma und ihr Lebensgefährte, alle waren sie begeistert und lobten den kleinen Peter, wenn er auf seine Art altkluge Sprüche vortrug. Nur änderte sich über die Jahre wenig daran. Am Ende des ersten Schuljahrs empfahl die Klassenlehrerin der Mutter, ihn zu einem Logopäden zu geben, aber Vater Blascyk sagte nur: Datt gibb sich. Immer öfter wurde er gehänselt, immer seltener meldete er sich in der Schule, und in der vierten Klasse hatte auch der Lehrkörper resigniert und nahm ihn einfach nicht mehr dran. Zumal seine Klassenarbeiten samt und sonders mit Einsen und Zweien benotet wurden. In der Realschule war er dann durchweg und in allen Fächern außer Sport und Religion Klassenbester. Sein großes Glück bestand darin, dass nun Herr Lehmann Klassenleiter war und ihn unter seinen persönlichen Schutz stellte. Und weil Lehmann unter den Kollegen hochgeschätzt war, ließen alle ihn in Ruhe. Mit der Zeit gelang es ihm immer besser, auch Sätze, die er nicht auswendig gelernt hatte, zu formulieren und halbwegs verständlich auszusprechen. Aber es machte ihm Mühe und strengte ihn an.

Jetzt sagt er dem Verkäufer nur: “Kleidung kaufen.” – “Haha!” schreit der Winzling, klatscht in die Hände und springt auf einem Bein wie eine Märchenfigur: “100 Franc für deine Jacke. Deine deutsche Jacke! Ich liebe deutsche Jacken.” Das alles mit Ausrufezeichen. Der Mann ist kaum einssechzig hoch und trägt einen gewaltigen, bronzefarbenen Zinken im Gesicht. Schwer zu schätzen, wie alt der ist, vielleicht sechzig, vielleicht älter. “Sie auch Deutscher?” fragt Peter. “Nein, nein, nein, nein, ich bin a Jud. Wie meine Eltern, meine Großeltern, meine Vorfahren zurück bis Abraham.” Er hält kurz inne, greift sich Peter am Rand des Parkas und zieht ihn zu sich herab: “Und Pariser. Der erste Pariser in der Familie. Ist meine Mutter mit mir hierher gekommen 1944, als der Vater schon…” Er macht mit der freien Hand die Bewegung wie beim Halsumdrehen. “Komm, komm, verkaufst du mir deine Jacke, kriegst du eine neue. Ja, ja?” Peter löst sich aus der Umklammerung: “Gut. Ich brauch ein Sakko. Pullover auch.” Wieder hüpft der Klamotten verkäufer: “Kriegst du zwei Sakkos! Pullover und ein Hemd. Gut, gut?” Nach einer guten halben Stunde hat Peter, was er braucht. Er trägt jetzt einen dunkelblauen Pullover mit V-Ausschnitt über einem hellblauen Oberhemd und darüber ein gut erhaltenes Jackett, dessen Farbe irgendwo zwischen nachtblau und anthrazit changiert. Zwanzig Franc hat er zuzahlen müssen, aber er findet, er habe einen guten Handel gemacht. Nimmt die Kameratasche über die Schulter und geht. “Gute Reise”, ruft der kleine Mann und winkt heftig mit beiden Händen.

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publiziert am 17.05.15 in Oder nie ¦ 691x gelesen ¦ noch kein Kommentar