Oder nie (11)

Vorsichtshalber klopft Peter an Giselles Wohnungstür. “Komm rein”, ruft die, und als er eintritt sieht er erneut die nackte Freundin durch den Raum huschen. “Nimm dir was zu trinkenm, setz dich”, ruft sie aus dem Bad. Karin würde nie unbekleidet durch einen Raum gehen oder laufen. Natürlich sehen sie sich auch nackt, aber für seine Frau hat Nacktheit immer auch mit Sex zu tun, muss deshalb intim sein, zwischen Partner. Als Peter vor einigen Jahren vorschlug, Aktaufnahmen mit ihr zu machen, hatte sie empört abgelehnt. Erst in der Akademie kam er dann dazu, denn da gab es einen Kurs mit vier, fünf Modellen, an denen er das Fotografieren nackter Körper üben konnte. Ihm selbst wäre nur Nacktheit in der Öffentlichkeit peinlich. Und dass obwohl gerade der Vater oft und gern nackig – so nannte die Mutter das – durch die Wohnung ging und er immer von seiner Jugend erzählte, als sie alle, er betonte: alle! nackt am See gelegen hätten in den heißen Sommern. Sicher hätte er gern auch mal Urlaub gemacht, “hüllenlos” wie man damals sagte, aber das hätte seine Frau nie mitgemacht. Peter findet menschliche Körper generell schön, also Haut und Haare, Falten und Dellen, als das, was eben an einem normalen Körper zu finden ist. Deshalb hat er beim Kurs in Aktfotografie auch nie die Ästhetik hinbekommen, die der Dozent ihnen beibringen wollte. Letztlich waren auch seine Aktfotos Bilder von Menschen wie sie eben sind.

Eine nackte Frau, auch das hat Peter ganz praktisch erlernt, ist nicht per se erotisch, löst bei ihm also nicht automatisch sexuelle Gefühle oder gar ein Begehren aus. Bei Giselle ist sein Gemütszustand ambivalent. Die fand er damals, als sie noch das Mädchen vom Lande war, immer sehr sexy. Ohne jede Ambition, denn er fühlte sich gegenüber seiner Frau in der Verantwortung monogam zu sein und zu bleiben. Seine Gastgeberin kommt aus dem Bad. Trägt einen knappen dunkelblauen Slip und dazu eines dieser weiß-blau quergestreiften Hemden wie sie die Fischer im Süden tragen, eine lange Zigarette im Mund. Sie starrt ihn an, legt die Kippe auf den Rand der Spüle: “Wie siehst du denn aus?” Schlägt sich in einer theatralischen Geste die Hand vor den Mund und reißt die Augen auf. “Verkleidet”, sagt Peter, “als Pariser.” Sie lacht laut: “Ja, das sehe ich. Jetzt musst du dir noch die Haare färben.” Und kommt aus dem Gackern gar nicht mehr heraus. Jetzt erkennt er, dass ihre Haare gefärbt sind, dass sie nicht mehr so strohblond ist wie früher, blonder noch als er selbst, dessen Haarfarbe einen leichten bräunlichen Stich hat, nicht so strahlt wie das bei nordischen Köpfen manchmal so ist. Auch ihre Augenbrauen scheint sie dunkler gemacht zu haben. Nur jetzt nach dem Duschen zieht er ihre rosigen Wangen, das Relikt aus den Zeiten von Kuhstall und Weide im Münsterland.

“Kommst du mit mir essen? In meinem Stammbistro? Lernst du gleich Claude kennen, den Wirt, einen meiner besten Freunde hier. Und dann weißt duch auch, wo du immer zu Abend essen kannst. Und wo du Kredit hast, wenn du mal keine Kohle zum Bezahlen hast. Und jetzt lass uns erstmal einen Schluck trinken.” Füllt die beiden Gläser auf dem Tisch mit einem blassen Rotwein. Sie stoßen an. “Wie war dein Tag?” Peter denkt nach: “Gut. Interessant. Auffem Hochhaus gewesen. Und dann Metro gefahren.” Er nickt und realisiert gleichzeitig die Szene: Zwei junge Menschen an einem kleinen quadratischen Tisch mit heller Resopalplatte und metallenen Beinen, drei Stühle, Kunststoff, gelb. Schattenriss der Personen, die sich gegenüber sitzen, vor dem hellen Fenster. Zwei halb gefüllte Weingläser. Strenges Hochformat, fast quadratisch, die Rücken der Personen an den Bildrändern. Rauch im Gegenlicht wäre nicht schlecht. Eine eindeutig erotische Situation: die nur halb bekleidete Frau und der Mann, der sie ansieht. Spannung. Ohne dass man die Gesichter im Gegenlicht erkennt. Vielleicht einen Hauch zu dramatisch. “Was hast du denn noch alles eingekauft?” Er schüttelt den Kopf: “Nichts. Noch nicht.” Und: “Jetzt hab ich Hunger.” Giselle ist schon wieder auf dem Sprung ins Bad: “Muss mich noch rasch zurechtmachen.” Stramme Schenkel, straffe Hinterbacken, fester Gang, die Fußsohlen machen Geräusche auf dem PVC-Boden.

Eigentlich ist Gisela das exakte Gegenteil zu Karin, die ist fast graziell. Dunkelhaarig und trotzdem mit einer hellen Haut, unter den Augenbeinahe durchsichtig, die nicht bräunt bin der Sonne. Kraushaar, die sie immer wieder zu bekämpfen trachtet, oder vom Frisör gleich eine eine modische Dauerwelle umformen lässt. Die beim Gehen instinktiv die Füße voreinander setzt; füchseln nennt man das, hat sein Vater damals gesagt als er noch bei der Familie war und sehr stolz auf seine zukünftige Schwiegertochter. “Steiler Zahn”, hatte er Peter zugeflüstert, der das fast als Beleidigung verstand. Karin mit dem scharf gezeichneten Gesicht, mit der geringfügigen Mimik, die kaum je lächelt. Deren dunkelbraune Augen immer ein wenig melancholisch wirken. Eine unirdische Schönheit, vor der die Männer immer mehr Angst bekamen, je älter sie wurde. “Du bist zu dünn”, sagte ihre Mutter immer, und tatsächlich war Karin im Lauf der letzten drei, vier Jahre ein wenig abgemagert, konnte manche ihrer Röcke und Kostüme, die sie bei der Arbeit trug, nicht mehr anziehen, und musste ihr Lieblingskleid ändern lassen. Peter sieht sie jetzt wie in einer Überblendung über dem Bild der annähernd plattfüßigen Gisela. Und sehnt sich nach ihr.

Das Bistro sieht aus wie ein Bistro in den Filmen mit Yves Montand und Romy Schneider. Rote Kunstlederbänke an der Wand entlang, darüber Spiegel. Handläufe aus poliertem Messing. Vor den Bänken Tische dicht an dicht und einfach Stühle daran. Wer auf die Bank will, für den müssen Tische auseinandergerückt werden, damit ein Durchgang entsteht. Das Restaurant ist fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Giselle und Peter warten an der Bar. Claude ist der Patron. “Ehemaliger Rugbyspieler”, erzählt Giselle, “war noch mit 45 in der Nationalmannschaft.” Kaum einssiebzig ist der Wirt groß, beinahe quadratisch mit gewaltigen Muskeln an den Oberarmen und Hände wie Bratpfannen. Sein Gesicht sieht aus wie durchgeknetet. Die Unterlippe, die Nase und die rechte Augenbraue sitzen nicht da, wo sie sitzen sollten. Ohren wie exotische Pilze. Im Gegensatz dazu dann sein dünnes, hohes Stimmchen. Er begrüßt Giselle überschwänglich. Und die stellt Peter vor und erzählt lang und breit und auf Französisch, was es mit ihrem Gast auf sich hat. Claude hört konzentriert zu und nickt ab und an. Dann reicht er Peter die Hand; der schlägt ein und bereut es im selben Augenblick.

Die Kellner, erfährt er von Giselle, heißen Ali und Yussef; der nennt sich aber Joe. Zwei Jungs aus Marokko, die aussehen wie Zwillinge, aber überhaupt nicht miteinander verwandt sind. Joe holt sie an einen freigewordenen Tisch. Peter überlegt, was er essen könnte. Aber die Frage erledigt sich: es gibt das Menü. Auf den Tischen Papierdecken, aber Stoffservietten. Kännchen mit Essig und Öl, Salz im Napf. Keine Blumen, keine Kerzen, kein Schnickschnack. Bei den Getränke lautet die Alternative nur: Wein oder Wasser? Sie bestellen beides. Und beides kommt in je einer Karaffe. Als erstes kommt eine kleine Terrine mit einer cremigen Gemüsesuppe. Dann Fisch mit ein bisschen Rohkost. Riesige, dünne Entrecotes mit Pommes Frites. Immer wenn sie beide ihre Teller geleert oder von sich geschoben haben. räumt Ali ab, und Joe bringt den nächsten Gang. Das Lokal hat sich langsam geleert. Die Kellner räumen nur noch ab und decken die Plätze nicht neu ein. Am Tresen versammeln sich die Trinker.

Beim Kaffee sind sie die letzten Gäste, die noch an einem der Tisch sitzen, und Claude kommt hinter der Theke hervor. Beine wie Säulen, ein schwerer Gang, unrhythmisch, als habe er eine steife Hüfte. Setzt sich rittlings auf einen Stuhl, der er herangezogen hat. Bald sind Giselle und der Patron in ihre Plauderei vertieft. Peter winkt Ali heran und fragt: “Bier?” Der Kellner lächelt sanft und nickt. Bringt ein ordentliches gezapftes Glas mit einem Bier, das wie Pils aussieht, aber anders schmeckt. Er bestellt gleich noch eins. Dann ist Claude wieder an seinem Arbeitsplatz, und Giselle sagt: “Gehen wir oder nehmen wir noch ein paar Absacker an der Theke?” Ein Betrunkener hämmert auf den Flipper in der Ecke ein, und Joe zieht einfach den Stecker, nimmt den Randalierer am Ellenbogen und schiebt ihn hinaus auf die Straße. Ein Junge von vielleicht zehn Jahren kommt herein und kauft drei Päckchen Gitanes bei Claude. Ein weißbrauner Hund hat sich ins Lokal gestohlen und sucht die Tür zur Küche. Peter sieht das alles in der Totalen und in Nahaufnahmen. “Bin müde. Lieber ein ander Mal.” Giselle zahlt und sie gehen zusammen heim. Sie hat sich bei ihm eingehakt. Sie hat ihm an der Tür einen Gutenachtkuss auf die Lippen gedrückt. Peter ist verwirrt und kann nicht einschlafen. Er kennt Gisela ja gar nicht so lange und so gut. Oder sind das typische Verhaltensweisen von Frauen in Paris: nackt vor Fremden herumlaufen und Männer auf den Mund küssen. Er überlegt, ob das noch im Rahmen von Freundschaft ist, was sie mit ihm macht, und denkt dann gleich, jetzt übertreibst du, Peter. Schläft ein und fährt im Traum mit der Metro.

Download PDF

publiziert am 19.05.15 in Oder nie ¦ 707x gelesen ¦ noch kein Kommentar