Oder nie (13)

Peter liegt auf dem Bett in der kleinen Dachkammer und versucht nachzudenken. Immer wieder verliert er das Ziel aus den Augen. Wenn sein Aufenthalt in Paris überhaupt ein Ziel hat. Tourist will er nicht sein, der die Sehenswürdigkeiten abklappert, Einheimischer kann er nicht sein. Was er in der Stadt überhaupt sein kann, das ist ihm nicht klar. Es ist später Nachmittag, und der Himmel ist schon beinahe schwarz hinter den dichten Wolken. Es klopft: “Kann ich reinkommen?” fragt Giselle und steht auch schon mitten im Zimmer. “Na, wie war dein Tag? Ordentlich rumgekommen? Viel gesehen?” Er richtet sich auf: “Sehe immer viel.” Wenn sie einen Bericht von ihm erwartet, dann wird er sie enttäuschen müssen. So wie Karin immer enttäuscht ist, wenn er mit den Kameras unterwegs war, manchmal zwei, drei Tage lang, und sie nach seiner Rückkehr hören möchte, was ihm alles passiert ist. Und er dann nur sagt: “Warte bis ich die Abzüge habe.” Weil er aber an diesem Tag nichts fotografiert hat, kann er Giselle so nicht vertrösten. Sie hat die Tür hinter sich geschlossen und lehnt am Türrahmen. “Und morgen?” Peter zuckt mit den Schultern. “Ach, eh ich’s vergess. Olivier möchte dich bei Gelegenheit kennenlernen. War seine erste Reaktion als ich erzählte, dass du Fotograf bist.”

“Gut”, sagt Peter und: “Wieder essengehen?” Giselle streicht sich das Haar hinters Ohr, lächelt milde und sagt: “Heute nicht, ich hab ein Rendezvous. Muss mich jetzt auch fertig machen. Und du: Gehst du ins Bistro zu Claude?” – “Weiß noch nicht.” Sie öffnet die Tür, bleibt kurz auf der Schwelle stehen: “Was auch immer, viel Spaß.” – “Dir auch”. Kaum ist sie gegangen, steht Peter auf und baut seine Ausrüstung auf dem kleinen Tisch auf. Prüft die Kameras, putzt und wechselt die Objektive. Schaut nach, ob Filme eingelegt sind und macht ein paar Probeschüsse mit dem Blitz an der Canon. Entscheidet sich dann für die Leica mit der lichtstarken 50-Millimeter-Optik. Er wird auf Jagd gehen heute Nacht.

Er steigt an der Station Barbes-Rochechouart aus. Und landet im Orient, in einem Souk, einem Viertel von Lagos oder Tanger. In der kühlen Nacht ist der Boulevard Barbes voller Menschen, die in dichten Strömen die Gehsteige bevölkern. Überall geöffnete Läden, immer mit Auslagen vor der Tür, Obst und Gemüse, Fisch und Fleisch, Kleidung, Küchengeräte, Gewürze, Konserven, alles riecht anders und es ist einfach nur laut. Jeder hat ein Kofferradio, aus dem andere Musik erklingt, fremde Musik. Da drüben streiten zwei Männer mit dunklen Gesichtern, die helle, dreiteilige Anzüge, Oberhemden und Krawatten tragen. Aus einem dunkelroten Citroen steigt ein junger Mann in einem schweren Kamelhaarmantel. Frauen tragen bunte Turbane auf den Köpfen und Kleider aus Kattun mit wilden Mustern. Er ist der einzige Weiße im Getümmel. Außer einer alten Dame, die dich an den Hauswänden entlang wackelt, zwei schwere Einkaufstaschen in den Händen. An jeder Kreuzung haben sich je vier Polizisten mit Helmen und Gewehren aufgebaut. Kinder wuseln durch die Menge und rennen durch den langsam fließenden Verkehr über die Straße.

Jeder Blick ein Foto. Er hat einen HP-S eingelegt und auf 36 DIN eingestellt. Traut sich nicht, zu visieren und zu schießen. Findet einen Hauseingang mit ein Paar Stufen. Steht dann leicht erhöht und macht Aufnahme um Aufnahme um die Ecke herum. Gesichter, die vor dunklem Hintergrund unsichtbar werden, wenn sie die Augen schließen. Gruppen in sehr heller Kleidung. Ein junger, großgewachsener Kerl, der einen Metalleimer auf dem Kopf trägt wie eine Krone. Zwei Kinder, die unter dem Baum gehockt sitzen und Dinge tauschen. Das stark beleuchtete Schaufenster eines Ladens voller Musikkassetten und ein paar Kisten mit LPs. Ein Paar tanzt hinter der Scheibe. Peter spannt und drückt, spannt und drückt. Und hat in kaum zehn Minuten den Film voll. Wechselt rasch und nimmt jetzt einen 200er Kodachrome. Nun muss er näher ran, und jetzt ist er im Rausch, nimmt die Leica kaum noch vom Auge, steht inmitten des Menschenstroms, der um ihn herumfließt. Bis dann ein breiter Mann mit kugelrundem Gesicht vor ihm steht und anschreit: “Pas de photos!” Versucht, ihm die Kamera aus der Hand zu schlagen. Aber Peter hat den Anrgiff erahnt, reißt die Kamera nach unten, dreht sich um und rennt in der richtigen Richtung durch den Fluss der Passanten. Der Dicke kann ihm nicht folgen.

Geht jetzt einfach immer weiter. Biegt in eine Seitenstraße ab. Die Geschäfte tragen hier Schilder mit arabischer Schrift. Es duftet nach verschiedenen Kräutern und nach Haschisch. “Vouloir acheter?” spricht ihn eine heisere Stimme von links hinten an. Er schüttelt den Kopf und geht weiter. Ältere Damen mit verschleierten Gesichtern. Dazwischen junge Frauen in Jeans und kurzen Lederjacken über den dicken Rollkragenpullis, stark geschminkt. In jedem Hauseingang sitzen junge Männer auf den Stufen und rauchen. An der Ecke ein Geschäft, aus dem es nach gebratenem Fleisch duftet. Lange Spieße drehen sich über Wannen mit glühender Kohle. Ein zahnloser Alter mit weißem Kurzhaar lacht Peter an und winkt ihn herein. Aber er muss weiter. Und jetzt auch weg von hier. Es ist nicht die Angst die ihn treibt, sondern das Gefühl, mit jedem Schritt mehr durch dieses Viertel immer fremder zu werden. Immer weiter weg zu geraten von zuhause und von seinem Leben. Dann wird es immer ruhiger, immer weniger Leute auf der Straße. Kaum noch Autos. Eine Brücke überquert eine Gleisanlage. Drüben ist eine andere Welt. Er hat die Orientierung verloren.

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publiziert am 25.05.15 in Oder nie ¦ 698x gelesen ¦ noch kein Kommentar