Oder nie (14)

Dann hatte er sich an dem Tag, dem man ihm per Brief mitgeteilt hatte, an der Kunstakademie eingefunden. Peter erinnert sich noch genau wie er vor dem Portal, hoch aufragend, wie eine Kathedrale, wie ein Tempel. Wie er die schwere Tür aus Eisen mit kleinen Glasscheiben aufdrückt und im Vorraum steht. Der Geruch nach Terpentin und alten Lumpen. Hall von Gesprächen von weit hinten. Weiß und grau, und alles im Hochformat oder quadratisch. Wie er die Praktika auspackt und sein allererstes Foto in der Akademie macht, dem Hunderte folgen werden. Dass der Empfang im Sekretariat eher nüchtern aus fiel, wo er doch beinahe ein Ritual wie bei einer Priesterweihe erwartet hat oder bei der Aufnahme neuer Mönche in ein buddhistisches Kloster. Statt dessen händigte ihm die schweigsame Dame sein Studienbuch aus, den Enpfang musste er quittieren. Dann nimmt er sich ein Vorlesungsverzeichnis vom Tresen und geht wieder. Vorher war er vielleicht drei- oder viermal in Düsseldorf. Einmal beim Schulausflug in die Landeshauptstadt. Den Landtag hatten sie besichtigt, ein rechteckiger Bau an einem Weiher, nicht sehr hübsch. Wie er überhaupt enttäuscht war, denn er hatte eine strahlende Metropole erwartet, einen bedeutenden Ort, wo die Geschicke seines Bundeslandes gelenkt werden. Aber beim Gang durch die Altstadt an einem grauen Vormittag kam ihm Düssedorf eher vor wie eine Kleinstadt. Erst der mächtige Strom jenseits der stark befahrenen Bundesstraße, der schien zur Bedeutung der Stadt zu passen.

Auch währen des Studiums lernte Peter von Düsseldorf wenig mehr kennen als die Akademie und die Altstadt, das Rheinufer und den Hofgarten. Und natürlich den Hautbahnhof, denn er fuhr jeden Morgen von Dortmund zum Studieren. Wie ein Arbeiter eben zur Arbeit fährt. Mit Thermoskanne und Butterbroten in der Aktentasche. Meist nahm er die K-Bahn in Richtung Altstadt, die Straßenbahn mit dem berühmten Speisewagen, die über Büderich und Osterrath bis nach Krefeld fuhr. Oder die 5 Richtung Handweiser. Am Ratinger Tor stieg er aus und ging am Arbeitsamt vorbei zur Akademie. Die Fotoklasse war oben am vorderen Treppenhaus in einem eher kleinen Raum untergebracht, das Labor und die Dunkelkammer lagen im Kellergeschoss. Ein paar ältere Kommilitonen hatten die Hälfte des Klassenraums in eine Art Studio verwandelt, einen Kubus aus weißen Rigipswänden, an dessen Rückwand verschiedenfarbige Hintergründe befestigt werden konnten oder eine Hohlkehle. Der Dozent hatte irgendwo eine Blitzanlage abgestaubt, und für Sachfotos reichte diese Konstellation aus.

Aber das ist nicht seine Sache, Dinge abzufotografieren. Wie er es ohnehin hasst, irgendetwas abzufotografieren. Seinem Professor hat er einmal bei einer Korrektursitzung gesagt: “Ich mach keine Fotos. Ich mach Bilder.” Dem gefiel das, und er interpretierte diese Aussage rasch um: “Wollen Sie sagen, dass die Kamera quasi Ersatz für Pinsel und Leinwand sind, dass Sie quasi ein Bild im Kopf haben und es dann quasi mit der Kamera quasi schaffen wollen?” Peter nickte, und nannte seitdem den Professor nur noch Herr Quasi. Tatsächlich hat er bis heute eine schlüssige Theorie seiner Fotografie im Kopf, findet aber keinen Weg, diese so auszuformulieren, dass andere sie verstehen könnten. Nach seinem Konzept gibt es nur drei Möglichkeiten für Fotos: Bühnen, Spiegel und Bewegungen. Alles immer im rechteckigen Rahmen eines Abzugs. Menschen agieren auf Bühnen mit einem Oben und Unten, einem Links und Rechts und einem Hintergrund – wie in einem Kasten also. Szenen spiegeln sich irgendwo, manchmal bloß auf der Linse der Kamera, oft aber in Fenstern und in glatten Flächen. Und Bewegungen sind nicht mehr als eingefrorener Film. So würde er das seinen Studenten erklären, wenn er selbst Dozent wäre. Vorher würde er die aber dazu zwingen, jedes handwerkliche Detail des Fotografierens zu erlernen und wieder und wieder zu üben. So wie er dies sechs Semester lang getan hat. Also vor dem Gespräch mit Professor Quasi, denn bis dahin hat er Tausende mehr oder weniger handwerklich saubere Fotos produziert, ohne auch nur einen Gedanken an Kunst zu verschwenden. Weil ihm damals klar war und immer noch ist, dass er nur würde Bilder machen könne, wenn er sich nicht mehr mit der Technik rumschlagen müsste.

Jetzt ist es weit nach Mitternacht, und Peter taumelt zu Fuß durch die Stadt. Plötzlich ein weiter Platz, über den die Metro auf eisernen Stelzen führt, an zwei Ende spiegelt sich der Viertelmond durch Wolkenlücken in Wasserflächen. Nur noch Taxen sind unterwegs. Die Bars und Bistros haben alle geschlossen, in den Seitenstraße geben trübe Leuchten, die an Drähten über der Fahrbahn hängen, wenig Licht ab. Alles ist in Blautöne getaucht, nur die Laternen malen gelbe Flecken in die Nacht. Es geht bergauf, und dann landet er am Hang des Buttes-Chaumont. Umgeht den Park und seinen Hügel und findet Straßen, die ihm bekannt vorkommen. Um halb drei liegt er in seinem Bett in der Kammer unterm Dach. Bei Giselle schien kein Licht mehr, sonst wäre er gern noch zu ihr gegangen, um sich anzuhören, was sie an diesem Abend erlebt hat.

Im Traum schwimmt er durch eine Stadt, in der die Straßen allesamt Kanäle sind. Nicht wie in Venedig, sondern so, als ob man alle Boulevards und Gassen in Paris mit Wasser gefüllt hätte. Aber es ist nicht Venedig, sondern ein Ort, der sich aus vielen Orten zusammensetzt: sein Dortmund, das Düsseldorf seiner Studienzeit, Hamburg, Amsterdam und, ja, auch Paris. Er hat das schon oft geträumt, dass er nackt im Wasser schwebt wie eine Robbe, nicht atmen muss, sich nicht viel bewegen muss, um voranzukommen. Vorbei an den Häusern, die Parks geschützt in riesigen Vitrinen, keine Boote nur andere Schwimmer und Schwimmerinnen, manche sind Fische, andere erscheinen wie Schwäne oder Wale. Keine Geräusche, ein Stummfilm ohne Ende und ohne Geschichte. In den Fenstern liegen nackte Damen mit schweren Brüsten auf den Unterarmen, die auf bunten Kissen ruhen. Hier und das die Silhoutte einer jungen Frau. Und starre Männer hinter geschlossenen Fensterflügeln. Schnelle Vögeln schießen über dem Wasser hin und her, und immer wieder erscheint ein Albatros direkt vor ihm, als wolle er Peter den Weg weisen. Das alles macht ihn traurig, und er muss im Traum weinen, sodass der Wasserspiegel steigt, denn alle Schwimmer weinen, und es sind ihre Tränen, die diese Stadt überflutet haben. Diese sprachlose Stadt.

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publiziert am 27.05.15 in Oder nie ¦ 732x gelesen ¦ noch kein Kommentar