Oder nie (15)

Zehn Tage ist Peter jetzt in der Stadt. Dabei ist schon ein wenig Routine entstanden, hat er Gewohnheiten entwickelt. Nach dem Aufstehen geht er runter in Giselles Wohnung. Die ist dann schon weg zur Arbeit. Er duscht und frühstückt. Manchmal hat seine Gastgebern frische Croissants geholt, manchmal nicht. Je nachdem trinkt er nur einen Kaffee und geht dann später bei Claude, um dort etwas zu essen. Dann macht er sich auf den Weg. An der Wand in seinem Zimmer hängt jetzt ein großer Stadtplan, und er markiert die Viertel und Stellen, die er schon besucht hat. Außerdem hat er ein Schreibeft angeschafft, in dem er jeden Tag notiert, wo er war, was er getan und ob er auch fotografiert hat. In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Giselle mitten in der Nacht zu ihm gekommen und zu ihm ins Bett gekrochen. “Bin so einsam”, hat sie gesagt, und er hat Platz für sie gemacht. Sie hat sich an ihn geschmiegt und beide sind sofort eingeschlafen. Morgens war sie schon fort, und übers Wochenende sah Peter sie gar nicht.

Meist hat er nur die Leica dabei, die passt sogar in die Innentasche seines Trenchcoats. Den hat er am Mittwoch bei einem Klamottenhändler auf dem Flohmarkt erstanden. Den Stand, an der er seinen Parka gegen das Jackett getauscht hatte, hat er nicht wieder gefunden. Dieses Mal war es ein mürrischer Nordafrikaner unbestimmten Alters, der Dutzende echter englischer Trenchcoats im Angebot hatte, allesamt getragen und teilweise mit erheblichen Gebrauchsspuren. Peter hatte sich für einen fast knöchellangen Aquascutum aus den Vierzigerjahren entschieden, ein schweres Teil, bei dem durch die Taschen in die Innentaschen greifen kann. Mit einem Kragen, der sich hochstellen lässt bis an die Ohren, und einem doppelten Gürtel um die Mitte. Der Mantel ist an ein paar Stellen abgeschabt, und zwei Gürtelschlaufen sind abgerissen. Aber gleich nachdem er den Markt verlassen hatte, bewährte sich der Trenchcoat, denn aus dem dunkelgrauen Himmel fiel plötzlich Regen wie aus Eimern. Peter stellte sich an einer Bushaltestelle unter, aber das Wasser wurde vom Wind an seinen Rücken gepeitscht. Unter dem Mantel aber blieb er trocken. Jetzt fehlt ihm nur noch der Hut, aber er traut sich nicht, eine passende Kopfbedeckung zu kaufen, weil er nicht aussehen will wie ein Typ aus einem Detektivfilm der Fünfzigerjahre.

Am Donnerstag hat er Karin angerufen. Morgens, kurz bevor er das Haus verlassen wollte. Sie klang fröhlich, aufgeräumt, fast albern und irgendwie erleichtert. Es gelang ihm nicht, zu fragen, was sie so erfreute, sondern erzählte in Stichworten, was er erlebt hatte. Auf die Frage “Und bei dir?” hörte er ihr Lachen so wie sie zuvor noch nie gelacht hatte. Und eigentlich erfuhr er nur, dass das Baby in ihrem Bauch stetig wachse und alles gut sei. Natürlich überlegte er nach dem Gespräch lange, was diese Fröhlichkeit mit ihm zu tun hatte. Da ihm Eifersucht völlig fremd ist, findet er keine Lösung. Und weil er nicht eifersüchtig ist, betrachtet Peter sich selbst als zwanghaft monogam. Ja, er weiß aus den Jahren in der Akademie, dass er selbst eindeutigste Signale von Frauen nicht erkennt und sich erst Stunden nach Begegnungen, die eine Affäre hätten auslösen können, merkt, was möglich gewesen wäre. So wie mit Pia, einer Kommilitonin, die zwei Semster nach ihm in die Fotoklasse kam. Ein knabenhaftes Mädchen, biegsam und beweglich, immer leicht aufgeregt, immer neugierig und interessiert. Eine Person, die immer ein bisschen zu nah an andere andere heranging und selbst fremden Menschen direkt ins Gesicht Fragen stellt. Sie war klein und trug einen kleinen Kopf auf ziemlich breiten Schultern; ihre Minolta war im Vergleich so groß, dass man ihr Gesicht nicht sah, wenn sie die Kamera im Anschlag hatte. Pia fotografierte nur Menschen und Tiere, und zwar aus nächster Nähe. Ihr Ideal eines Porträts, das hatte sie einmal in der Korrekturrunde gesagt, war eine Nahaufnahme, bei der das Gesicht das Format restlos füllte, also auf dem dem frontal nur Augen, Nase und Mund zu sehen sind. Auch Peter stand ihr einen Nachmittag lang Modell, fand sich aber auf ihren Fotos ausgesprochen hässlich.

Im heißen Sommer seines dritten Jahres an der Akademie sprach sie ihn eines Tages an, ob er ihr mit einem schweren Schrank helfen könne. Der müsse in der Wohnung, die sie mit ihrem aktuellen Freund bewohnte, beiseite geschoben werden, damit die Handwerker einen Wasserschaden beheben konnte. Und Ulli, ihr Freund, sei nicht da. Und er, Peter, sei ja kräftig genug. So begleitete er sie nach Bilk, wo sie in einer ziemlich großen Altbauwohnung hauste, in einem verkommenen Altbau an der Lorettostraße, gleich gegenüber vom Kaiser’s. Sie zeigte ihm das Möbel und bat ihn, kurz zu warten, sie wolle sich vor der Arbeit umziehen. Er hatte schon das Hemd ausgezogen, stand im Altmännerunterhemd da und schwitzte. Da kam Pia aus dem Schlafzimmer, nur noch bekleidet mit einem winzigen Slip. So, hatte sie gesagt, kann ich arbeiten. Und tatsächlich hatten sie das zentnerschwere Teil Stück für Stück bewegt bis die Klappe zum beschädigten Rohr zugänglich war. Puh, sagte sie, jetzt ein Bier, und holte zwei Flaschen aus dem Kühlschrank. Willst du duschen? Aber Peter schüttelte den Kopf: Muss los. Und verließ Pia, die ihm von diesem Tag an nur noch ausgesprochen kühl begegnete.

Am Sonntag fuhr er mit dem Bus in den Bois de Boulogne, den er sich einfach als großen Park vorgestellt hatte. Statt dessen fand er eine ausgedehntes Waldgebiet vor, durchzogen von stark befahrenen Straßen und breiten Alleen, auf denen Scharen von Spaziergänger, aber auch Radfahrer, die er sonst in Paris überhaupt noch nicht gesehen hatte, unterwegs waren. Im Wald selbst gab es mit Gittern umfriedete Parks, und irgendwann stieß er auf die Galopprennbahn, auf der gerade viel Betrieb war. Er fand ein Café in einem Pavillon, wo er ausgiebig Pause machte und wanderte auch nach der Dämmerung weiter durch den Bois. An der schwach beleuchteten Straße, die von der Ausfahrt des Periphérique in den Wald führt, standen jetzt Prostituierte, unter jeder der immer gut dreißig Meter voneinander entfernten Laternen je zwei oder drei. Die meisten unbeweglich wie Statuen, alle rauchend. Manche gingen langsam die Kante zur Fahrbahn auf und ab, immer sechs Schritte, wie die Tiger in ihren Käfigen. Er beobachtete die Frauen von der anderen Straßenseite aus und fand, dass einige Schönheiten darunter waren, besonders bei den Dunkelhäutigen. Aber die Vorstellung, eine der Prostituierten anzusprechen und mit ihr zu gehen, womöglich in ein schäbiges Stundenhotel, wo man ihn überfallen und ausrauben würde, machte ihm Angst. Auch wenn er in diesen Tage spürt, wie sehr ihm der Sex mit Karin fehlt.

Download PDF

publiziert am 29.05.15 in Oder nie ¦ 805x gelesen ¦ noch kein Kommentar