Oder nie (2)

Die Oper sieht von hinten unspektakulär aus. Peter muss rechts dran vorbei, passiert das Kaufhaus Lafayette auf dem Boulevrad Haussmann, wo schon früh am Morgen die feinen Damen aus den Limousinen steigen, mit denen die Chauffeure sie hergebracht haben. An der spitzen Ecke zur Rue de Rome liegt das Triadou Haussmann, eine Brasserie im klassischen Pariser Stil. Viel zu fein für Peters Geschmack. Hochnäsige Kellner, die ihn lange ignorieren. Er ist ja auch viel zu früh da und verlässt den Laden wieder. Findet weiter weg eine stille Grünanlage. Plötzlich ersetzt Vogelgezwitscher den Verkehrslärm. Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken schlurft den Weg entlang, zieht eine prall gefüllte Plastiktüte an einer Schnuer hinter sich her. Der Park liegt im Schatten, ihm wird kühl. Er fühlt sich sehr fremd hier, sehr einsam. Seit seinem siebzehnten Lebensjahr hat er vielleicht fünf oder sechs Tage ohne Karin verbracht. Alle Reisen haben sie zusammen gemacht: an die Nordsee, an die Ostsee, an den Bodensee, nach Berlin und München. Dreimal waren sie in Holland am Meer, einmal ganz kurz in Dänemark. Das war alles an Ausland, was sie kennengelernt haben. Für Karin ist das okay, sie reist nicht gern. Fliegen würde sie niemals, und auf ein Schiff bekäme Peter sie auch nicht. Immer wenn sie mit der Eisenbahn gereist sind, hatte sich Karin während der Fahrt wohlgefühlt, aber wäre nach der Ankunft am liebsten gleich wieder umgekehrt. “Zuhause ist am schönsten”, sagte sie dann. Er war dagegen neidisch auf seine Schulkameraden, die sich nach dem Abitur in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben: nach Indien, nach Amerika oder auch bloß nach Sizilien.

Sein Vater hatte nie genug verdient, sich ein Auto leisten zu können oder der Familie einen Urlaub im Ausland zu bieten. Gestorben ist der, da war Peter gerade elf. Danach war die Familie richtig arm, weil Mutter nichts gelernt hatte und mit der Witwenrente und dem Kindergeld auskommen musste. Mit vierzehn hatte er beschlossen, für sich selbst zu sorgen. Jobbte während des Schuljahrs und malochte in der Fabrik in den Ferien. Mit siebzehn auch Doppelschichten. Ließ seiner Mutter nicht nur die Waisenrente, sondern steuerte regelmäßig hundertfünfzig Mark zum Haushalt bei. Der Vater war Bahner gewesen, aber nicht Beamter. Rangierhelfer nannte man die Männer, die auf dem Güterbahnhof dafür sorgten, dass die Waggons neu zusammengestellter Züge richtig verkoppelt waren. Ein harter Beruf und gefährlich dazu. Vielleicht war der Vater sogar an den Folgen eines Arbeitsunfalls gestorben, das wurde nie untersucht. War mal zwischen Puffer geraten. Brustkorb gequetscht, nur noch eine halbe Lunge funktionsfähig. Danach kriegte er immer Atemnot und hatte ständig Bronchitis. Starb an einer Lungenentzündung. Peter hätte auch bei der Bahn anfangen können. Werd doch beamter, hatte die Mutter gesagt. Aber er wollte ja irgendwie Künstler werden. Weil er im Gegensatz zu den meisten Klassenkameraden kein Instrument spielen konnte, fiel eine Karriere als Beat-Musiker flach. Für die Bühne war er zu schüchtern. Und sein leichter Sprachfehler hätte es auch schwierig gemacht, Schauspieler zu werden. Auch zum Schriftsteller fehlte ihm das Talent. Dafür konnte er prima zeichnen.

Den heißen Sommer 1973 über jobbte er in der Union-Brauerei. In der Fasswäscherei und da, wo die Fässer von innen mit Teer abgedicht wurden. Knochenharte Maloche. Überstunden ohne Ende. Und dann sah er die Anzeige dieses Versandhauses für Fotosachen. Da gab es eine Spiegelreflexkamera aus der DDR mit allem Zubehör für zweihundert Mark. Spontan bestellte er die. Fand sich rasch mit der Technik zurecht und nahm die Kamera mit auf die Arbeit. Verbrauchte drei, vier Schwarzweißfilme pro Woche und zahlte Unsummen für Entwicklung und Abzüge. Zeigte die Bilder dem Vorarbeiter, der sie dem Leiter der Abfüllung zeigte, der sie dem Braumeister zeigte, der sie einem der Geschäftsführer vorlegte. Alle waren begeistert, und so wurde Peter Haus- und Hoffotograf der Brauerei. Verdiente damit übers Jahr mehr als mit der ganzen harten Arbeit sonst. An seinem achtzehnten Geburtstag schenkte ihm der Geschäftsführer im Namen der Firma eine Nikon, seine erste Nikon. Und der Chef vom Fotolabor, dem er immer seine Filme brachte, bot an, ihm die Arbeit in der Dunkelkammer beizubringen. Peter hatte seine Kunstform gefunden.

Er sitzt auf einer abgewetzten Holzbank mit schön geschwungenen Beinen aus Gusseisen und sieht überall Motive. Hätte jetzt gern seine Kamera dabei. Würde hier anfangen mit seinen Paris-Fotos. Würde sich von hier aus spiralförmig durch die Stadt bewegen und fotografieren, fotografieren, fotografieren. Dann wäre er nicht mehr fremd hier und einsam. Dann wäre Paris seine Stadt. So stellt er sich das jedenfalls vor. Aber jetzt noch einmal zum Gare du Nord zu laufen, die Fototasche zu holen und wieder zurückzukehren, dafür reicht die Zeit nun nicht mehr aus, denn inzwischen ist es ein Uhr geworden, und er muss ja wieder zurückfinden zum Triadou Haussmann, wo er Gisela treffen wird.

Der Park bleibt menschenleer und still in der Aprilsonne zurück. In der Seitenstraße nur Fußgänger, am Boluevard dann wieder der hektische Strom der Autos, die sich beinahe organisch zueinder bewegen wie Blutkörperchen in den Adern. Niemand hält sich an Fahrstreifen oder Ampeln. An Kreuzungen bremsen alle leicht ab, auch wenn ihre Ampel gerade Grün zeigt. Gehupt wird, um andere auf sich aufmerksam zu machen. Niemand ist aggressiv, aber niemand nimmt wirklich Rücksicht. Passanten achten auf sich selbst und kreuzen die Fahrbahn in sorgfältig gesetzten Schritten mitten durch den schnell fließenden Verkehr. Wieder hört er eine Sirene. Dieses Mal ist ein blauer Kleinlaster der Gendamerie, der in der Mitte des Boulevard mit sicher 80 Stundenkilometern Richtung der Madeleine rast. Kein Wagen macht Platz, die freie Spur entsteht einfach so. Je feiner die Leute werden, die an den Modegeschäften vorbeischlendern, desto mehr Bettler hocken an den Hauswänden. Clochards nennt man die, weiß Peter. Der weiß viel über Paris, aber vor allem aus den Schwarzweißfilmen mit Jean Gabin und Lino Ventura, aus den Büchern von Henry Miller und Ernest Hemingway und vor allem von den Fotos seiner großen Vorbilder.

Jetzt sitzt er draußen vor dem feine Café am feinsten der feinen Boulevards, und ein Kellner hat sich nach einer Viertelstunde erbarmt, mit einer Kopfbewegung seine Bestellung anzufordern. Bier hat er geordert, die Rückfrage des Kellners aber nicht beantworten können. “Irgendein Bier”, hat er auf deutsche gesagt, und der Ober hat sich wortlos entfernt. Zehn Minuten später steht ein halber Liter dünner Flüssigkeit vor ihm, und der Bon lautet auf achtzehn Franc. Er wird sehr auf sein Budget achten müssen, denn seine Barschaft beläuft sich, die hundert Dollar von den Seeleuten eingerechnet, auf nicht mehr als rund tausend Markt, also etwa dreitausend Neue Franc. Die undatierte Rückfahrkarte ist seine Versicherung, denn wenn das Geld alle wäre, müsste er nachhause fahren. Es sei denn, er fände irgendeine Möglichkeit, in Paris neues Geld zu verdienen.

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publiziert am 01.05.15 in Oder nie ¦ 785x gelesen ¦ noch kein Kommentar