Oder nie (3)

Das Bier schmeckt fürchterlich, schal und abgestanden. Kein Schaum, das Glas angeschmuddelt. Reicht gerade, um den Durst zu löschen. Und essen müsste Peter langsam auch etwas. Aber nicht hier. Inzwischen ist es halb drei, und Gisela ist noch nicht aufgetaucht. Er hat auch eine Telefonnummer auf dem Zettel mit dem Treffpunkt. Hält Ausschau nach einer Telefonzelle. Erinnert sich dann, dass die Gangster in den Filmen, die in Paris spielen, immer im Bistro telefonieren. Außerdem muss er ohnehin auf die Toilette. Er zahlt vorsichtshalber und geht rein. Immerhin gibt es hier getrennte Klos für Männer und Frauen und eine Pissrinne für die Kerle. Das macht es leichter. Neben den Toiletten die Telefonzelle. Er kramt das Kleingeld raus, aber keine der Münzen will passen. Geht an den Tresen, wo ein vollbärtiger mit mächtigem Bauch Kaffeetassen poliert. Versucht mit Händen und Füßen sein Problem deutlich zu machen. Der Kerl geht zur Kasse und kommt mit einem Stapel Jetons wieder, metallenen Scheiben mit einem Hörer als Symbol. Bedeutet Peter, dass er dafür zehn Franc zu zahlen habe. Er reicht den Schein rüber und bekommt die Telefonmünzen. In der Box nimmt er den Hörer ab und wirft eine Münze ein. Will gerade beginnen zu wählen, da kommt eine Frauenstimme “Trocadero 7653 – quel numero?” Schnell hängt er den Hörer wieder auf. Und studiert die Anleitung. Findet die Knopf, den man drücken muss, will man selbst wählen und nicht verbunden werden. Dreht die Scheibe siebenmal, um die angegebene Nummer zu wählen.

Eine fremde Stimme spricht. Er sagt einfach nur Giselas Namen, und hört wie die Frau, die abgenommen hat, nach ihr ruft. “Hallo”, sagt Peter, “ich warte hier auf dich.” Gisela hört sich hektisch an: “Bin noch nicht fertig hier. Ist was dazwischengekommen. Kannst du nicht einfach herkommen? Bist du im Triadou? Ist nicht weit, vier Metrostationen nur. Gehst vor zum Saint-Augustin, dann mit der 9 Richtung Pont de Sevres. Steigst bei Alma-Marceau aus. Hast du einen Stadtplan? Dann suchst du die Rue Goethe. Rue Goethe Nummer 2, da ist unser Büro. Pomereau et Millet. Klingelst und kommst rauf. Die Empfangsdame weiß Bescheid. Du, ich muss jetzt weitermachen. Also, bis gleich.” Und legt auf. Peter hält den Hörer in der Hand und starrt die Wählscheibe an. Das hat er sich anders vorgestellt. Wusste auch nicht, dass Gisela Krögemöller so gehetzt sein könnte, die rotwangige Bauerstochter aus dem Münsterland, die eher etwas Schwerfälliges an sich hatte, als Karin sie kennenlernten in der Kanzlei. Zöpfe hatte sie damals getragen, als niemand Zöpfe trug. In Männerschuhen war sie ins Vorzimmer gestapft. Fröhlich grinsend. Hatte Karin die Hand über den Schreibtisch zur Begrüßung hingestreckt. “Tach, Krögemöller, muss zum Anwalt. Und wer bist du?” Hatten sich nach Feierabend auf ein Bier verabredet, und Peter war dazugestoßen.

Als Gisela die Nase endgültig voll hatte von Kühen und Schweinen und vor allem von ihrem tyrannischen Vater, der ewig heulenden Mutter den vier dumpfen Brüdern, hatten Karin und Peter ihr bei der Wohnungssuche in Dortmund geholfen. War in einer merkwürdigen Wohngemeinschaft draußen in Dorstfeld untergekommen. Lauter düstere Typen. “Alles Drogensüchtige”, hatte Karin immer gesagt, aber Peter tippte eher auf Terroristen. Gisela ging’s gut da, und sie war die perfekte Bedienung in der großen Kneipe mit dem Biergarten am Westpark. Und dann war sieals Au-pair-Mädchen nach Paris gegangen. Bei einer stinkreichen Familie mit Stadtvilla im sechzehnten Bezirk, die schon immer in Passy ansässig war und dort erheblichen Grundbesitz hatte. Der Hausherr und seine Gattin waren in den Dreißigern, und Madame hatte einen blutarmen Knaben geboren, den sie Eric nannten, nach dem Urgroßvater. Da er seine Tätigkeit als Immobilienverwalter nicht aufgeben wollte und Madame weiter ihren diversen karitativen und kulturellen Aktivitäten nachging, brauchte der kleine Eric Betreuung. So wurde Gisela Kindermädchen eines zukünftigen Generalerben. Nun hatte Monsieur einen etwas älteren Bruder, von dem es hieß, er lebe am anderen Ufer und können Hemden mit der flachen Hand bügeln. Der war Junggeselle und verkehrte im Hause. Olivier, so hieß dieser Bruder, hatte sich ganz der Herrenmode verschrieben und vertrat die Ansicht, auch die Mode für den Mann müsse nach denselben Prinzipien geschaffen, präsentiert und verkauft werden wie die Haute Couture für die Damen. Aus dieser Idee war ein florierendes Modehaus entstanden.

Gisela, die sich nun Giselle Krug nannte, lernte sehr rasch Französisch an der Abendschule. Und offensichtlich war sie dermaßen begabt, dass sie nach nur einem Jahr bei der Familie die Fremdsprache nicht nur fließend sprach, sondern mehrere Dialekte und Sprechweisen perfekt imitieren konnte. So die Mundart der Leute rund um Beziers, denn man hatte natürlich auch ein Sommerhaus, und das fand sich jenseits der Mündung der Aude in einer exklusiven Siedlung mit Privatstrand. Olivier liebte es, wenn Giselle im fröhlich perlenden Tonfall der Region dummes Zeug plapperte. Und überhaupt: Wenn er sich auch nur im geringsten für Frauen interessiert hätte, da hätte er sich sicher in dieses stramme Mädchen vom Lande verliebt. So aber wurden Eric, Olivier und Giselle den Sommer über ein perfektes Trio, das sich bestens ergänzte und immer Lust auf dieselben Aktivitäten hatte. Wobei die Hauptaufgabe der beiden Erwachsenen darin bestand, den blassen Jungen vor der Sonne zu schützen. Die Eltern hatte überhaupt keine Zeit Urlaub zu machen und flogen nur zu den Wochenenden ein, um dann aber die Abende auf wechselnden Partys in wechselnden Villen mit den immergleichen Reichen zu verbringen. Dann lernte Olivier einen etwas jüngeren Mann namens Frederic Millet kennen und lieben, und die beiden gründeten gemeinsam die Modefirma, die ihrer beider Namen trug.

Als nach zwei Jahren Giselles Au-pair-Zeit endete, machte ihr Olivier ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Sie wurde Assistentin der Geschäftsleitung bei Pommerau et Millet, und auch Frederic, der eine gewisse archaische Angst vor Frauen hatte, gewöhnte sich rasch an die patente junge Frau, die in wenigen Wochen ein funktionierendes Büro mit drei Sekretärinnen, einem Buchhalter, einer Telefonistin und Empfangsdame sowie einem Hausmeister aufbaute. Das ist nun beinahe sieben Jahre her. Karin und Gisela hatten regelmäßig telefoniert, während sich Peter und sie leiber Briefe schrieben, denen er immer ein Foto beilegte, auf das er besonders stolz war. Ob Gisela seiner Frau erzählte, was er ihr schrieb, wusste er nicht. Er jedenfalls erwähnte Giselas Briefe Karin gegenüber nicht. Vermutlich ahnte seine Frau nicht, dass es Gisela war, die ihm den Floh mit dem Paris-Aufenthalt ins Ohr gesetzt hatte. Er wusste nur, dass Karin froh war, dass sich die gemeinsame Freundin um ihn kümmern würde.

Und so macht sich Peter auf zur Metrostation Saint-Augustin. Auf Anhieb findet er den richtigen Automaten, und sofort versteht er, wie das mit dem Billet und den Sperren funktioniert. Und, ja, er landet auf dem richtigen Bahnsteig. Schon auf der Treppe, die nach unten führt, einem gewölbten und weiß gekachelten Gang, schlägt ihm der Gummigeruch entgegen, befördert von einem gleichmäßigen Luftzug. Die Werbeplakaten an den Wänden der Station sind gebogen wie die Wände selbst. Nur drei, vier Leute warten auf die Metro, auf der anderen Seite sind es Dutzende. Und dann rauscht die U-Bahn auf dieser anderen Seite auf leisen Sohlen in den Bahnhof. Die Bremsen zischen, ein Warnsignal ertönt, und die Schiebetüre schlagen beim Öffnen laut an. Er sieht das Bild: Querformat, Verhältnis drei zu eins; der Zug, darüber die Ränder der Reklamewände; durch die Fenster die Menschen, gelb und rot und Spiegelungen. Dann fährt sein Zug ein. Fast leere Waggons. Bevor die Türen schließen, erklingt ein gleichmäßiger Ton. Die Haltestangen sind gebogen und verchromt und zeigen verzerrte Reflektionen. Handzettel kleben an den Trennwänden. Hinten sitzt ein dunkelhäutiger Mann und hält einen kleinen struppigen Hund auf dem Schoß.

In der nächsten Station steigen mehr Menschen zu, und ab dem übernächsten Bahnhof ist der Wagen voll. Die Leute schweigen und schauen aneinander vorbei. Durch ein geöffnetes Klappfenster weht ein öliger Hauch hinein. Zwischen den Stationen sieht Peter trübe Lichter an den Tunnelwänden, die Leitungen und Schläuche beleuchten, die in Bögen an Halterungen befestigt sind. Ab und zu eine Nische mit einer Tür. Sie rasen an einer unterirdischen Gabelung vorbei, es geht leicht abwärts, dann wieder bergauf. Es fühlt sich ganz anders an als die Fahrt mit der Eisenbahn, aber Peter weiß, dass es an den luftgefüllten Gummireifen liegt, auf denen die Metro rollt. Dann erreicht er Alma-Marceau, steigt aus und ist oben geblendet vom Sonnenlicht, das an diesem Tag aus einem wolkenlosen Himmel auf die Erde strömt.

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publiziert am 03.05.15 in Oder nie ¦ 717x gelesen ¦ noch kein Kommentar