Oder nie (5)

Die Frage ist: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Peter hat seid seiner Kindheit oft das Gefühl, zu spät dran zu sein, etwas verpasst zu haben, seltener zu früh da gewesen zu sein. Die Fälle, in denen er spürte, er habe etwas genau im bestmöglichen Moment getan, kann er an einer Hand abzählen. Merkwürdigerweise sind dies genau die Augenblicke gewesen, in denen er – zumindest in der Rückschau – glücklich war. Zum Beispiel als er Karin gefragt hatte. ob sie mit ihm schlafen wolle. Sie kannten sich da bereits seit ihrem dreizehnten beziehungsweise vierzehnten Lebensjahr, und alle Leute dachten, sie gingen zusammen. Aber erst nach dem ersten gemeinsamen Sex fühlten sich beide als Paar. Bis dahin war Karin in geschlechtlichen Dingen ausgesprochen spröde. Einmal hatte Peter das versucht, was er aus der Bravo als Petting kannte. An einem Abend als seine Mutter gerade ein paar Tage zur Schwester nach Hamburg gereist war. Aber das führte für beide nicht zur Befriedigung. Einige Wochen später hatte sie sturmfreie Bude. Sie hatten eine kleine Radtour unternommen, waren bis an den kleinen See mitten im Forst gekommen. Einen Ort, den kaum einer kannte. Waren ins Wasser gesprungen in ihrer Unterwäsche. Knutschten hinterher im Gras herum, dass Peter es kaum aushalten konnte. Und dann vor ihrer Haustür sagte er nur: “Ich komm mit rauf, okay?” Sie hatte genickt, und danach war alles ganz einfach. Und schön für beide. Eigentlich, denkt Peter gerade während er mit der plappernden Giselle im Aufzug langsam nach unten fährt, hingen alle richtigen Momente mit Karin zusammen. Außer dem Zeitpunkt als er ganz alleine seine Paris-Reise beschlossen hatte.

Giselle geht vor mit schnellem Schritt. Peter hätte sich lieber noch umgesehen, aber schon ist er in der Metro-Station. Im Feierabendverkehr sind alle Züge gestopft voll. Quer durch die Stadt müssen sie bis nach Belleville unterhalb vom Buttes-Chaumont. Dreimal umsteigen. Es ist stickig in den Waggons, stickig in den Tunneln und stickig in den Verbindungsgängen, in denen Peter sich ohne seine Anführerin verirren würde. Aber dann sind sie endlich in der Rue des Rigoles, einem schmalen Sträßchen mit schlichten vierstöckigen Häusern. Hier sieht alles modern aus. Weiter oben sieht er weißen Hochhäuser am Hügel, an der Ecke ein Sandsteingebäude wie es in jeder Stadt stehen könnte. Natürlich hat er sich keine Vorstellung von Giselles Wohnung gemacht, hatte einfach angenommen, sie habe ein schnuckeliges Zwei-Zimmer-Appartement mit Küche, Diele, Bad. Sie öffnet die Wohnungstür, und sie stehen im einzigen Zimmer. Vielleicht zwanzig Quadratmeter groß mit winziger Kochnische, das Bett hinter einer Reihe halbhoher Regale. “Das Bad ist da”, sagt sie und zeigt auf eine Tür neben der Schlafecke. Zwei Fenster hat das Appartement, eines davon bodentief, davor ein Austritt, auf den gerade ein paar Füße mit Schuhgröße unter 46 passt. “Ja, aber…” fängt Peter an, aber sie schneidet ihm das Wort ab: “Du kriegst ein eigenes Zimmer unterm Dach. Hab ich organisiert. Lass mich nur eben bisschen frischmachen.” Sie zieht sich bis auf die Unterwäsche aus und geht ins Bad. Ihm ist es ein wenig peinlich, sie halbnackt zu sehen. So intim waren sie zuvor nie miteinander. Setzt sich an den Tisch und wartet.

Hört sie duschen. Dann kommt sie nackt aus dem Bad, ruft “Nicht gucken” und verschwindet hinter den Regalen. Peter sieht das als Foto: ein stilles Bild einer einfachen, vorwiegend weiß möblierten Wohnung, durch das eine nackte Frau huscht, Bewegungsunschärfe, hautfarben vor weiß. Dann kommt sie wieder hevor, jetzt in Jeans und Männerhemd, barfuß. “Komm”, sagt sie, und schiebt ihn aus der Wohnung ins Treppenhaus. Oben unter dem leicht geneigten Dach gibt es einen Gang mit je drei Türen links und rechts. Giselle schließt das letzte Zimmer hinten links auf. Eine Kammer mit einem schmalen Bett, kleinem Schrank, winzigem Tisch samt Stuhl. “Dein Reich”, sagt sie, “kostenlos, hab ich organisiert. Freust du dich?” Er nickt und probiert das Bett aus. Sie lässt sich neben ihn fallen. “Geht doch.” Und überreicht ihm ein Bund mit drei Schlüsseln: “Der ist für hier oben, der ist für die Haustür und der für meine Wohnung. Das Bad müssen wir uns teilen.” Das Fenster geht nach Nordwesten, er sieht am Rande die Kirche auf dem Montmartre. “Wo ist dein Gepäck?”

Giselle hat ein Taxi spendiert und begleitet ihn. Auf der Hinfahrt schildert sie ihren Tag und was sie sonst so macht. Peter hört nicht zu. Sieht die Autos, die Menschen, die Häuser, die Brücken, de Kreuzungen. Findet sein Schließfach nach einigem Suchen, während sie im Taxi wartet. Auf der Rückfahrt sagt sie: “Wir haben eine Concierge.” Er weiß nicht genau, was das ist, kennt aber den Begriff. “Das ist unser Hausdrache. Mag sie dich, ist sie eine Perle, die fast alles für dich möglich macht. Mag sie dich nicht, macht sie dir das Leben zur Hölle. Unsere Concierge heißt Edith, sie kommt von La Reunion. Mich mag sie. Sie wohnt im Erdgeschoss und hat ein Fenster in den Hausflur, wie ein Schalter in der Post. Wenn du etwas brauchst, klopfst du an die Scheibe. Edith ist eigentlich immer da. Außer ihr Sohn ist zu Besuch, dann ist sie nie da.” Sie lacht, und Peter fragt sich, was seine solche Concierge einem denn Gutes tun kann. “Gleich stell ich dich erstmal vor. Denn Edith muss wissen, wer im Haus verkehrt, also wer dazugehört. Sie passt auf uns auf.”

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publiziert am 07.05.15 in Oder nie ¦ 681x gelesen ¦ noch kein Kommentar