Oder nie (6)

Das Fenster zum Flur ist geöffnet. Fröhliche Musik drinnen. Irgendwie exotisch, lateinamerikanisch, afrikanisch. Giselle klopft an den Rahmen. “Ah, Mademoiselle Krug!” – “Madame Edith, c’est mon cher ami Pierre. Peter, das ist Madame Edith. Sie kommt von der Insel La Reunion.” Das einzige, was Peter über diese Insel weiß, weiß er aus dem Film mit Jean-Paul Belmonod und Catherine Deneuve. Er hatte nicht erwartet, dass die Concierge dunkelhäutig ist. “Bienvenue, Monsieur Pierre” ruft sie fröhlich, und er nickt der stolzen Frau in der bunten Kittelschürze höflich zu. Ein rundes Gesicht hat sie, darüber eine aschblonde Perücke im Stil der frühen Sechziger. Peter schätzt sie auf mindestens fünfzig Jahre wie sie da den Fensterrahmen mit ihrem Oberkörper und den großen Brüsten, unter denen sie jetzt die Arme verschränkt hat, ausfüllt. Sie mustert den Deutschen von oben bis unten als wolle sie eine Fotokopie von ihm anfertigen. Dann plappern die beiden Frauen ein bisschen, lachen zwischendurch auf. “A toute a l’heure”, sagt Giselle zum Abschied, und die Concierge schließt ihren Schalter. Sie schleppen das Gepäck hoch in seine Mansarde. “Pass auf”, sagt Giselle, “ich lass dich jetzt allein. Hab einen Abendtermin mit Kunden. Muss mich noch schick machen. Außerdem wirst du müde sein. Wenn du duschen willst, komm einfach runter, aber gibt mir noch ne Dreiviertelstunde. Was zu essen und Wein findest du in der Küche. Bedien dich einfach. Und wenn du Appetit auf irgendwas anderes hast: um die Ecke ist eine Alimentation, die ist bis mindestens elf Uhr auf.”

Peter bedankt sich. Kaum ist Giselle aus dem Zimmer, fällt er rückwärts aufs Bett und ist eingeschlafen nach dieser anstrengenden Reise. Er träumt immer schon in Filmszene, ja, selbst die typischen Überblendungen träumt er mit. Nur stumm sind diese geträumten Filme. Niemand spricht, keine Musik, keine Geräusche. Jetzt fliegt er über eine Tropeninsel. Dichter Regenwald. Oben auf einem Hügel eine weiße Villa. Dann eine riesige Plantage, die sich über sanfte Hügel bis zum Horizont hinzieht. Blende. Totale der Villa. Hell gekleidete Menschen auf der Veranda. Das Vordach auf hohen Säulen. Südstaatenatmosphäre. Madame Edith bringt ein Tablett mit einer Karaffe und Gläsern. Giselle in einer heftigen Umarmung mit einem Mann, der sein Gesicht abgewandt hat. Die Kamera umkreist das Paar, aber nie zeigt sie das Gesicht des Liebhabers. Der trägt über dem weißen Leinenanzug ziemlich lange, hellblonde Haare. Edith steht am Tisch und wartet auf Anweisungen. Er wird wach, und draußen ist es bereits dunkel. Sacre Coeur leuchtet, die Fenster im Hochhaus gegenüber sind alle dunkel. Peter weint und weiß nicht warum.

Es wurde nicht geweint im Hause Blascyk. Nie hat jemand geweint. Mutter hatte kurz geweint, als der Sarg mit seinem Vater in die Grube gesenkt wurde. Peter hatte da nicht geweint. In der letzten Nacht saß die Familie zusammen. Eine schwüle Nacht im Juni, immer kurz vor einem Gewitter. Tante Lisbeth war da, Onkel Ewald auch, die Jüntgens mit Rosi, seiner Cousine, die er sehr mochte. Onkel Herbert, der ewige Junggeselle, war spät noch gekommen, um der Familie seines Schwagers beizustehen. Seine Schwester Inge hatte man früh ins Bett gesteckt, und sein älterer Bruder Ralf war auf Kneipentour, von der nie wieder zurückkehren würde. Schon zur Beerdigung des Vaters kam er nicht mehr. Er blieb einfach weg, und Peter hat sei damals nie wieder etwas von Ralf, der eigentlich nur ein Halbbruder ist, gehört. Es wurde auch von dem nicht mehr gesprochen. Der hat ja nie richtig zur Familie gehört, sagten die Verwandten des Vaters. Ralf war Sohn der Mutter, die ihn kurz nach dem Kriegsende geboren hatte. Da war sie siebzehn, und der Vater war ein Kriegsgefangener Franzose, der sich nach der Befreiung verdrückt hatte. Jean war sein Name, hatte die Mutter später einmal erzählt, und dass der Vater immer gesagt hat, dein Liebhaber war doch ein Halbneger. Tatsächlich hatte Ralf eine ungewöhnliche Hautfarbe und krauses Haar. Peter hatte den älteren Bruder sehr bewundert, weil der ganz selbstständig war und weder auf die Mutter, noch auf den Vater hörte, sondern sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Dreher hatte Ralf gelernt, aber immer davon gesprochen, zur See zu fahren.

Peter packt aus. Zuerst die Ausrüstung. Die Nikon, natürlich, und auch die alte Practica mit der Allzweckoptik. Dazu die brandneue Mamiya 645, seine erste Mittelformatkamera, eine sündhafte teure Maschine, die er heimlich anschaffen musste, weil Karin den Kauf sicher nicht zugelassen hätte. Die Tasche war für den Transport randvoll gestopft, er wird bei seinen Expeditionen immer nur mitnehmen, was er wirklich braucht. Für seine geliebte Nikon hat er neben dem 50er-Objektiv auch eine lichtstarke Weitwinkeloptik und ein Telezoom; auch das eigentlich viel zu teuer für sein Budget. Filmmaterial hat er nicht mitgebracht, er ist sich sicher, dass er seine Ilford-Filme FP4 und HP5 auch in Paris bekommt. Ja, er wird fast nur schwarzweiß fotografieren, wie er das auch sonst tut. Vielleicht ein paar Dia-Filme ab und zu. Und möglichstbald will er ein Labor finden, wo er die Dunkelkamera benutzen kann. Dann sucht er Unterwösche, Hemd und Hose zum Wechseln heraus, schnappt sich den Kulturbeutel und geht runter in Giselles Wohnung. Er duscht lange und mit wechselnden Wassertemperaturen, rasiert sich dann und setzt sich an den kleinen Tisch in der Kochnische. Dort hat ihm seine Gastgeberin eine Flasche Wein hingestellt, ein Glas und auch den Korkenzieher. Das Fenster geht auf die schmale Straße hinaus, und er sieht das Haus gegenüber, dessen Fassade auch ganz glatt und weiß ist. Fast auf gleicher Höhe, ein bisschen tiefer und nach rechts versetzt gibt es dort ein Fenster. Ohne Vorhänge, zwei Flügel, bodentief. Dahinter warmes Licht, das im Kontrast zur bläulichen Dämmerung steht. Eine schwarze Katze sitzt an der geöffneten Fensterhälfte und schaut hinaus.

Er trinkt nicht gern Wein. Ist natürlich Biertrinker, auch aus Solidarität mit der Brauerei, die ihm seinen Weg erst möglich gemacht hat. Zuhause wurde ohnehin nur Bier getrunken. Jeden Abend trank der Vater genau drei Flaschen. Die eine direkt nachdem er die Wohnung betreten hatte, noch vor dem Waschen und Umziehen. Fast auf ex. Er ließ den Bügelverschluss aufploppen und sagte nach dem langen ersten Schluck immer: Ah, das hat er sich verdient. Mutter trank überhaupt keinen Alkohol. Selbst wenn Tante Lisbeth zu Besuch war und nach einem Likörchen fragte, blieb sie abstinent. Ralf trank zuhause nie, schon gar nicht gemeinsam mit dem Stiefvater. Wenn er Peter von seinen Saufabenden mit den Kumpels erzählte, dann war dabei immer von viel Schnaps die Rede, vom Knobbeln und vom Stiefeltrinken. Bei Familienfeiern, die praktisch an jedem Wochenende irgendwo stattfanden, gab es Rheinwein zum Essen. Dann tranken die Männer wie üblich Bier und Schnaps, während die Frauen auf liebliche Rotweine umstiegen und auf süße Liköre. Nur Onkel Herbert vertrug keinen Alkohol und wurde nach ein, zwei Gläsern Wein immer komisch. Riss anzügliche Witze und wurde dann sentimental. Ach, die Heimat, die Heimat, sagte er dann und schüttelte den Kopf.

Wie ein Fotoalbum blättern sich diese Erinnerungen jetzt auf, wo Peter in der Fremde in einer fremden Wohnung allein an einem fremden Tisch sitzt. Er hat ganz vergessen, Karin anzurufen. Giselle hat ein Telefon, das neben der Wohnungstür an der Wand hängt. Der Hörer hängt an einem sehr langen Spiralkabel, sodass man sich telefonierenden durch den ganzen Raum bewegen kann. Er ist sich nicht sicher, ob er einfach so ein Ferngespräch führen darf. Aber die Freundin wird wohl nichts dagegen haben. Außerdem gibt es einen Gebührenzähler am Apparat, und da kann er ja die Einheiten notieren und später bezahlen. Über dem Kühlschrank hängt eine Uhr, eine Sonne mit Zeigern. Es ist gegen zehn, da wird Karin noch wach sein. Er dreht die Landesvorwahl, wartet auf das Freizeichen und wählt dann die Nummer seines Anschlusses in Dortmund. Karin nimmt nach dem siebten Klingeln ab: “Ja, Blascyk, hallo?” Peter holt tief Luft: “Ich bin’s, Schatz. Bin jetzt bei Gisela. Wie geht’s? Was macht das Baby?” Er hört Karin über die weite Entfernung hinweg atmen. “Gut, alles gut. Und bei dir? Gute Fahrt gehabt? Gut angekommen?” – “Ja, ja, alles gut. Du, ich muss Schluss machen, sonst wird das zu teuer. Rufe von Giselas Apparat an.” Wieder Stille zwischen den beiden. “Meld dich wieder, Peter. Ich vermiss dich.” Er hört, dass sie ein Schluchzen unterdrückt. “Ich dich auch. Meld mich bald wieder. Schlaf gut. Hab dich lieb.” – “Ja, ich dich auch. Tschüss.” Und hängt auf.

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publiziert am 09.05.15 in Oder nie ¦ 668x gelesen ¦ noch kein Kommentar