Oder nie (17)

Es hat eine Zeit gedauert bis Peter aus Minh Chau so richtig schlau geworden ist. Sie unterhalten sich inzwischen auf Französisch. Er hat in de fremden Sprache viel weniger Schwierigkeiten mit der Wortfindung als wenn er Deutsch spricht. Als er acht war, ist einer Lehrerin seine Behinderung aufgefallen. “Ihr Sohn ist sehr still, Frau Blascyk”, hatte sie der Mutter gesagt, “und wenn er was sagt, dann kann man ihn manchmal kaum verstehen.” Peters Mutter hatte dann erklärt, dass der Junge zuhause auch kaum redete und sich oft mit den Wörtern verhaspelte. “Wir sollen sehen”, hatte die Pädagogin angemerkt, “wie sich das im zweiten Halbjahr entwickelt und dann eventuell fachmännischen Rat einholen.” Er war dann in logopädische Therapie bei Frau Dr. Zeisig gekommen, einer gelernten Buchhändlerin, der das Wort an sich am Herzen lag – ob geschrieben und gedruckt oder gesprochen oder gesungen. In den Stunden saß sie Peter meist mit geschlossenen Augen gegenüber und führte ihm die Übungen vor: “A, o, u, i, i, o, a, u. Bsss, bsss. Trrr, trrr.” Aber die Laute zu bilden, damit hatte er keine Probleme. Wenn er einen Satz dachte, dann kam der eben nicht einfach heraus aus seinem Mund, sondern etwas andere, etwas ähnliches, etwas, das sich annähernd so anhörte wie das, was er meinte.

Wer ihn gut kannte, kam mit dieser Geheimsprache zurecht. Wer ihn nicht kannte, hielt ihn für geistig behindert. Und um diesen Anschein zu vermeiden, wählte er in fremder Umgebung eigentlich immer das Schweigen. Nachdem ihn Frau Zeisig einmal besonders mit der Lautbildung gequält hatte, versuchte er, ihr zu erklären, was da zwischen Gehirn und Zunge passierte. Aber sie erklärte sich spontan für überfordert, und so reiste Frau Blascyk mit ihrem Sohn Peter, inzwischen neun Jahre alt und inzwischen in der dritten Klasse, zu Professor Ludwig Himmelreich, erster Lehrstuhlinhaber im Fach Logopädie an der noch jungen medizinischen Fakultät der RWTH in Aachen. Vom Doyen der noch jungen Wissenschaft der Logopädie untersucht zu werden, hätten Mutter und Sohn als Ehre empfinden können, hätten sie gewusst, dass es in Aachen die einzige Universität gab, in der man dieses Fach studieren konnte und der Professor einen weitreichenden Ruf zumindest im deutschen Sprachraum genoss. Der setzte sich für eine halbe Stunde mit Peter in einen Raum und sprach mit ihm, kam raus mit dem Jungen und sagte trocken: “Kognitive Dysphasie attentionaler Genese.” Zwei Studenten, die mit im Warteraum gesessen hatten, schrieben eifrig mit. Professor Himmelreich verabschiedete sich bei Frau Blascyk mit Handschlag, und die nahm einen Überweisungszettel entgegen, den ihr eine der Studentinnen hinhielt. Aber auch Frau Dr. Zeisig konnte kognitive Dysphasie behandeln, glaubte sie.

Fünf Jahre lang ging Peter ein- oder zweimal die Woche zur Logopädin, die zwischendrin dreimal umzog und zuletzt ihre Praxis in einem schlichten Einfamilienhaus im Märchenviertel von Ewing betrieb, hinter dem sich ein paradiesischer Garten befand. Im Sommer fanden die Stunden draußen auf der Terrasse statt, und Frau Zeisig servierte selbstgemachte Limonade. Aber da hatte sie es schon längst aufgegeben, ihn heilen zu wollen. Sie glaubte nicht daran, dass man Dysphasien heilen könne, sondern nur, dass man den Betroffenen das Leben im sozialen Raum erleichtern könne. Also hatte sie irgendwann begonnen, Peter mit einem Baukasten an Allzweckfloskeln und neutralen Sätzen auszustatten, die ihn an Gesprächen teilnehmen ließen. Und die lernte er auswendig, sodass er sie auch dann fehlerfrei von sich geben konnte, wenn er einen passenden Beitrag nicht herausbrachte. Dieser Satz an Phrasen hat sich über die Jahre bewährt, und natürlich hat er inzwischen so viel Erfahrung mit dieser Methode, dass er fast immer die passenden Äußerungen an den richtigen Stellen platzierte. Saß er in einer diskutierenden Runde, schaltete er sich notfalls mit “Das kann man auch ganz anders sehen” ein, wenn die Teilnehmer ihn erwartungsvoll ansahen, um seine Reaktion zu hören. Auch ein eingeworfenes “Moment mal, versteh ich nicht” signalisierte den Leuten, er sei voll dabei. Hinzu kommt ein ganzer Sack voller Höflichkeitsfloskeln und Formulierungen für den Alltag.

Und jetzt das. Auch wenn sein Wortschatz in der Fremdsprache noch klein ist und im Gegensatz zu den Schwierigkeiten, die er im Englischen hat, parliert er auf Französisch munter mit, wo immer sich die Gelegenheit bietet. Besonders beeindruckt ist Claude vom Bistro, der mittlerweile so etwas wie Peters Freund geworden ist. Zudem beinahe der einzige echte Franzose, den er bisher in Paris kennengelernt hat. Claude ist auch der erste Mensch mit Tätowierungen, de Pierre, wie ihn jetzt alle nennen, bisher begegnet ist. “Alle in Amsterdam gestochen”, hat ihm der Wirt erzählt. “Mein Vater war Seemann, die Familie kommt aus Le Havre. Und wenn der nach einer Reise heimkam, dann hatte er jedesmal ein neues Tattoo. Und das zeigte er uns Kindern und erklärte dann genau, wann und wo er es hatte machen lassen und welche Geschichte dazugehörte. Also saßen wir neun Kinder, sechs Mädchen, drei Jungs, um den Vater mit entblößtem Oberkörper herum und hörten zu. Also kannte ich das. Als ich dann nach einer Länderspielreise in Amsterdam strandete und mich mit zwei Mannschaftskameraden fürchterlich besoffen hatte, landeten wir mitten in der Nacht bei einem Tätowierer. So kam ich an dieses Tattoo.” Claude hatte den rechten Ärmel hochgerollt und die fette 7 gezeigt, die auf seinem Bizeps in einem Gewusel aus Ranken und Blättern, aus Blüten und Blättern, Käfern und Skorpionen versteckt ist. Der ehemalige Rugby-Profi ist auch derjenige, der ihm den entscheidenen Tipp für seine erste richtige Fotoreportage gibt. “Frag mal den Pierot da drüben, der arbeitet bei der Metro in einem Bautrupp. Vielleicht nimmt der dich mal mit in den Tunnel.”

Download PDF

publiziert am 02.06.15 in Oder nie ¦ 830x gelesen ¦ noch kein Kommentar