Oder nie (18)

Es ist halb sechs am Morgen, und Peter ist ganz ohne Wecker pünktlich wach geworden. Um Viertel vor sechs soll er Pierot am Bistro treffen. Claude wird ein bisschen früer öffnen, damit die zwei schnell einen Kaffee nehmen und ein Croissant essen können. Er hat sich wieder für die Leica entschieden und den HP-S, den er so hochziehen wird, dass er im Untergrund auch ohne Blitz fotografieren kann. Arbeitskleidung, hat Pierot gesagt, bekomme er an der Baustelle. Sie begrüßen sich mit Handschlag und trinken schweigend ihren Kaffee. Auch Claude ist maulfaul und wünscht seinem Freund Pierre viel Erfolg. Sie fahren nach Chatelet. Pierot geht vor. Er hat einen Spezialschlüssel, öffnet eine unauffällige Stahltür in einem der Gänge. Sie stehen in einem Treppenhaus, das nur alle paar Meter schwach erleuchtet ist. Peter zählt die Stufen mit: erst führen sechsundsiebzig abwärts, dann ein Knick und weitere achtzehn Schritte. Wieder eine Tür, dahinter ein Gang mit Türen links und rechts. Der Metro-Arbeiter öffnet eine, und sie landen in einem Umkleideraum mit drei Reihen Spinde. Sein Begleiter zeigt ihm einen, in dem Peter Stifel, Hose und Jacke aus Gummi und einen Helm mit Lampe findet. Er zieht sich um. Dann geht es den Gang in der anderen Richtung entlang. Achtundfünzig Stufen führen aufwärts. Erneut eine Tür. Und dann stehen sie an einem schmalen Absatz mitten im Tunnel. Zwei Gleise, auf dem einen eine dunkelblaue Elektrolok mit drei offenen Waggons. Pierot begrüßt die Kollegen und stellt Peter vor. Drei der sieben Männer sind Afrikaner, zwei haben die dunkle Haut der Maghrebiner, nur zwei sehen aus wie Franzosen. Der Vorarbeiter trägt als einziger einen roten Helm und gibt Kommandos. Die Fahrt dauert zehn, fünfzehn Minuten. Dann steigen sie aus, und nach einem kurzen Fußmarsch durch Tunnelstücke und Verbindungsöffnungen sind sie an der Baustelle.

Kein fragt, wer er ist, was er hier tut. Selbst der Capo nicht. Offensichtlich hat Pierot ihn angekündigt. Jetzt haben die Arbeiter den Schweißgenerator eingeschaltet und beginnen, die Schienen zu reparieren. Andere holen Gleisstücke vom Wagen und tragen sie an die passende Stelle. Ausgeleuchtet wird die Szene mit zwei starken Quecksilberlampen. Peter ist immer nah dran und drückt ab. Legt sich flach auf den Bauch und nimmt die Gesichter von unten. Es ist erstaunlich warm im Tunnel, und die Männer schwitzen. Funkenflug, gleißende Lichtbögen. Manchmal trifft das Licht Teile der Tunnelwand; die ist nicht betoniert, sondern gemauert. Man hört die Bahnen durch die parallel verlaufenden Röhren rasen. Die Lichter stroboskopisch durch die Bögen der Verbindungen. In den Anfangstagen der Metro. So geht das drei Stunden lang. Dann ertönt die Sirene. Pause. Auf dem Wagen steht eine Kiste. Sandwiches, Wasser, Obst. Peter kriegt natürlich etwas ab. Keiner spricht. Wieder betätigt der Vorarbeiter das Horn. Es geht weiter. Er hat den vierten Film durch und ist erschöpft. Entfernt sich von der Gruppe, hinein ins Dunkel der alten Metro-Röhre. Hunderte Ratten im Halbschatten. Sprüche mit Kreide an die Wand geschrieben. Da liegen Weinflaschen und eine Pferdedecke. Eine stetige warme Brise kommt ihm entgegen. Er dreht sich um. Das Licht der Baustelle nur noch ein Punkt im lichtlosen Tunnel. Dann ist Feierabend. Die Mannschaft fährt zurück. In der Umkleide reden alle durcheinander. Die Arbeiter duschen und machen laute Witze dabei. Peter zieht sich nur um und wartet auf Pierot.

Die anderen haben ihn ignoriert. So wie ihn die Arbeiter bei Phoenix und der Westfalenhütte, auf Minister Stein und Gneisenau, in der Kokerei Hansa und auch in den kleinen Gießereien und Industriebetrieben immer ignoriert hatten. Oberschüler hatten sie ihn abfällig genannt, auch manchen groben Witz auf seine Kosten gerissen. Aber wenn dann seine Fotos als Ausrisse aus Zeitungen und Illustrierten an den schwarzen Brettern hingen, dann waren sie doch stolz, dass einer von ihnen so tolle Bilder geschossen hatte. In der Brauerei war das anders, da kannte ihn die meisten mit Namen, da gehörte er dazu. Besonders bei den Kollegen von der Stangeneisherstellung und in der Picherei, wo die Holzfässer aufgearbeitet wurden, wo es heiß war, laut und stinkend, wo am meisten Bier gesoffen wurde, das die Arbeiter sich in der Pforte in eigene Krüge abfüllen ließen. Und als da bekannt wurde, dass Peter in Düsseldorf angenommen worden war, da schenkten sie ihm einen eigenen Krug mit Zinndeckel. Auch an der alten Arbeitsstelle des Vaters hatte er oft und viel fotografiert. Weniger die Rangierer und die Beamten in den Leitstellen, eher die Waggons, die Details des rollenden Materials und die bizarre Landschaft des Güterbahnhofs am Hafen. Ab 1970 dann zunehmend die stillgelegten Betriebe, die Industrieruinen, das gewaltige Drahtlager von Hoesch, wo das teure Material vor sich hin rostete. Auch außerhalb Dortmunds, quer durchs Ruhrgebiet. Verbrachte eine Woche auf Zollverein im Auftrag der Werksleitung und brachte dabei an der Kokerei Bilder vom Instandhaltungspersonal zustande, die viele Jahre lang immer wieder in Broschüren und Büchern auftauchten.

Und trotzdem fühlte er sich nie selbst als Teil der Arbeiterschaft. Die Rituale der Männer waren ihm fremd, der Humor unangenehm, und vor allem die hysterische Begeisterung für diesen oder jenen Fußballverein ging ihm vollständig ab. Auch fand er nie Gefallen daran, Abende lang bei Bier und Schnaps in verräucherten Kneipen zu sitzen und kartenzuspielen oder am Automaten zu zocken oder einfach stundenlang dummes Zeug zu reden. Natürlich rauchte er selbst wie alle in seinem Alter. Wie der Alte, der immer zwei verschiedene Marken dabei hatte, Rothhändle und HB. Wie Harald, der Bruder der Mutter, der schwerer Trinker war und ausschließlich Selbstgedrehte aus Schwarzer Krauser qualmte und ihn immer um eine Aktive anhaute. Aber nach ein, zwei Stunden in einem Rauch voller Zigarettenrauch bekam er Kopf- und Augenschmerzen. In Paris stört ihn das nicht, dass alle ununterbrochen an Kippen ziehen, die sie manchmal eine Viertelstunde lang zwischen den Lippen halten, ohne sie je zum Abaschen aus dem Mund zu nehmen. Er selbst hat immer noch die Packung Gauloises, die er am ersten Tag gekauft hat. Raucht draußen nie, meist nur bei Claude im Bistro, wo er dann aber immer wieder eine Kippe angeboten kriegt, sodass sein Vorrat nicht schrumpft.

Download PDF

publiziert am 05.06.15 in Oder nie ¦ 763x gelesen ¦ noch kein Kommentar