Oder nie (19)

Wieder steht Giselle morgens einfach so in seiner Kammer. “Du musst dann heute um 16 Uhr bei uns im Büro sein. Olivier hat heute Zeit für dich.” Er richtet sich schwerfällig auf. Ist die ganze Nacht auf einem schnelle Gefährt durch U-Bahn-Schächte gerast im Traum. “Hä?” Sie tritt näher, stößt mit ihren spitzen Schuhen seinen Fuß an, der aus dem etwas zu kurzen Bett ragt: “Du kommen zu mir in Büro. Verstehn?” Peter nickt. “Sechzehn Uhr? Gemerkt?” Erneutes Nicken. “Okay, dann leg dich wieder hin.” Und weg ist sie. Heute hat er sich kein Programm zurechtgelegt. Vielleicht zum Pere Lachaise. Oder an den Kanälen entlang. Jedenfalls dreht er sich um und schläft durch bis nach zehn. Duscht, wäscht sich die Haare und rasiert sich sehr sorgfältig. Trinkt einen Kaffee und macht sich dann auf den Weg zu Claude. Edith, die Concierge aus der Karibik, lehnt in ihrem Schalterfenster zum Hausflur. “Bonjour, Monsieur Pierre”, kräht sie fröhlich. Er antwortet zu ihrem Erstaunen auf Französisch. “Haben Sie Lust und Zeit auf einen Kaffee?” Er nimmt die Einladung an, und sie lässt ihn ein. Die Küche grenzt direkt an das winzige Concierge-Büro und ist piccobello aufgeräumt. Neben dem Spülstein ein vierflammiger Gasherd, daneben ein Kühlschrank. Das Küchenbüffet scheint neu lackiert. Die Tapeten passen zum Linoleumboden, und auf dem quadratischen Tisch ist eine hübsche Decke ausgebreitet.

Während Edith mit der Kaffeemaschine am Herd hantiert und hin und her läuft, erzählt sie, was so alles in den letzten Tagen, Wochen und Monaten passiert ist. Peter passt eine Pause ab und fragt: “Gehen Sie nie aus dem Haus?” Sie lacht: “Sehr selten. Jeden zweiten Tag auf den Markt und sonntags in unsere Kirche.” Dann sitzt sie ihm gegenüber und horcht ihn aus. Wie wohl sein Verhältnis zu Giselle ist. Ah, beste Freundin der Ehegattin. Und Ihre Frau ist schwanger? So, so… Er stoppelt die Sätze zusammen und wundert sich, dass er eigentlich alle Vokabeln und Wendungen beherrscht, mit denen man soziale Verhältnisse und Beziehungen ausdrücken kann. Wovon er denn lebt? Ob er eine Arbeit hat? Was sein Beruf ist? Wie es so ist in seiner Heimatstadt. Peter versucht zu erraten, wie alt die Concierge ist. Sie hat ein rundes, faltenfreies Gesicht in einem gleichmäßigen Braunton, der an wertvolles Holz erinnert. Aber manchmal wird ihr Blick ganz müde, und sie sieht dann aus wie eine alte Frau. Also stellt er Detektivfragen. Woher sie denn kommt? Aus Martinique? Das ist doch in Südamerika, oder? Nein, sagt sie, in der Karibik. Inseln unter dem Wind. Neben Guadeloupe. Französische Kolonie, in der zuerst die Sklaverei abgeschafft wurde. Wann sie denn hergekommen sei? Edith lacht kurz auf: “Vor vielen, vielen Jahren. Mit meinem Mann. Der war Beamter, ein kleiner Beamter. Der konnte so schön tanzen. Gar nicht wie ein Weißer. Gut war der, freundlich und großzügig, aber sehr schüchtern. Ich musste ihn ansprechen. Musste ihn zum Tanz auffordern. Und ich musste ihn verführen.” Sie lacht, sodass ihr die Tränen über die Wangen laufen, aber es können auch Tränen der Trauer sein.

Es stellt sich heraus, dass sie damals rasch geheiratet hatten, er ihr aber keine Kinder machen konnte. Da hatte sie dann die Kinder von Verwandten aufgenommen, damit sie eine richtige Familie hatten. Drei Mädchen und zwei Jungen habe sie großgezogen. Und dann sei ihr Mann in die Heimat versetzt worden. Nach Caen. Er hasste den Norden. Und sie fror immer. Einen Tag nachdem er in Pension gegangen war, starb er plötzlich und unerwartet an einem Herzinfarkt. “In der Metro. Linie 16. Kurz hinter Denfert-Rocherau.” Denn sie waren gleich nach dem Ende seiner Dienstzeit nach Paris gezogen, weil hier seine Schwester lebte. “61 Jahre ist er alt geworden, mein Mann. Hat seinen zweiundsechzigsten Geburtstag nicht mehr erlebt.” Jetzt weint sie in ihr großes, spitzenbesetztes Taschentuch. Peter langt über den Tisch und tätschelt tröstend ihren feisten Unterarm. “Da war ich dann allein. Ich kann nicht allein sein. Da hab ich die Stelle hier angenommen, damit ich nicht allein bin. Müsste ja nicht arbeiten, hab ja seine Pension. Dann bin ich in die Kirche eingetreten, damit ich nicht mehr allein bin. Da bin ich Sängerin im Chor geworden. Bin Teil der Gemeinde der kreolischen Katholiken in Paris. Eine große Gemeinde. Wir haben unsere eigene Kirche, die Eglise Saint Martin des Iles. Liegt im Goutte d’Or. Ist eigentlich die Eglise Saint-Bernard de la Chapelle, aber für uns eben die Martinskirche. Komm doch mal vorbei.” Sie ist über ihr Erzählen zum Du gekommen, und auch er schaltet jetzt auf die informelle Anrede um. “Ja, das mach ich gern.”

Religion hat in der Familie Blascyk keine Rolle gespielt. Natürlich hat man die Kinder zur Erstkommunion geschickt und auch ein bisschen gefeiert, aber von Bedeutung war das nicht. Man war halt katholisch, weil Polen eben katholisch sind. Peter hat nach seiner Einsegnung nur noch einmal eine Kirche zu einem Gottesdienst besucht, bei der Hochzeit einer Nachbarin. Bei Karin sieht das ganz anders aus, da war und ist man protestantisch – weniger vom Glauben her, als vielmehr in moralischer Hinsicht. Sie selbst versteht sich als gläubig, hat aber mit der Amtskirche nichts im Sinn. Deshalb haben sie auch nicht kirchlich geheiratet, und niemanden in der Verwandtschaft hat das gestört. Sonst wäre vielleicht noch diese Mischehe selbst zum Thema geworden.

Ihn haben religiöse Rituale nie fasziniert, obwohl er sich selbst nicht einfach als Vernunftmensch sieht, sondern als aufgeklärtes Wesen, dem Religion nicht nur Aberglaube ist, sondern tatsächlich als Mittel, die Leute zu verdummen und in Abhängigkeit zu halten. Und das versteht Peter nicht als politische Haltung, eher als Selbstverständlichkeit. Denn auch Politik war bei den Blascyks kein Thema. Im Gegenteil: Wenn Onkel Theo, den sie den “Roten Theo” nannten, bei Familienfeiern zu vorgerückter Stunde am Männertisch mit seinen kommunistisch gefärbten Monologen ansetzte, unterband Peters Vater das, indem er unvermittelt leicht schmutzige Witze erzählte. Wenn man Joseph Blascyk fragte, was er den sei und damit eigentlich seine politische Richtung meinte, dann sagte der immer: “Ich bin Bahner.” Tatsächlich war er ja seit seinem vierzehnten Lebensjahr beruflich mit dem gleisgebundenen Personen und Güterverkehr verbunden.

Auch und besonders in der Zeit des NS-Regimes und des Weltkriegs. Joseph war vom Jahrgang 1921 und kam im November 1935 zur Reichsbahn. Meldete sich im Dezember 1939 freiwillig zur Waffen-SS, weil er gehört hatte, dass Männer von der Bahn dringend gebraucht wurden. Und landete tatsächlich bei einer Organisation, die für den Transport von Menschen in Güterwagen zuständig war. Joseph als gebürtiger Pole war erst 1927 Deutscher geworden, ging aber Zeit seines Lebens als Vorzeige-Arier durch: Semmelblond, großgewachsen mit kantigem Gesicht – genau wie sein Sohn. Peter hatte seinen Vater vor nicht allzu langer Zeit tatsächlich auf einem Foto in einem Bildband über die willigen Helfer entdeckt, in der Uniform der Waffen-SS, auf einem Bahnsteig, hinter sich eine lange Reihe Güterwaggons mit geöffneten Schiebetüren, in den Menschengesichter zu sehen waren. In der Mitte zwischen zwei Kameraden, und er war derjenige, der am deutschesten aussah.

Download PDF

publiziert am 07.06.15 in Oder nie ¦ 786x gelesen ¦ noch kein Kommentar