Oder nie (20)

Bis mittags hat er bei Edith in der adretten Küche der Concierge-Wohnung gesessen, zugehört und einen Milchkaffee nach dem anderen getrunken. Ihre Lebensgeschichte aufgenommen und immer gedacht: Ja, das hört sich fremd und exotisch an, aber die Probleme und Anekdoten unterscheiden sich im Kern wenig von denen seines Großvaters, der 1913 aus Polen ins Ruhrgebiet gekommen ist. Auch der hat sich sofort der polnischen Gemeinde angeschlossen, allein schon, um nach der Messe mit den Landsleuten in seiner Muttersprache reden zu können. Auch die Geschichte der Auswandererfamilie Blascyk ist voller Trennungsschmerz. Pjotr hat nicht nur seine Eltern zurücklassen müssen, sondern auch seinen unehelichen Sohn. Der war der eigentliche Grund, warum der Opa damals Wloclawek verlassen hat, nicht die wirtschaftliche Situation, nicht die Armut und die Aussichtslosigkeit. Denn die Blascykowskis, so der eigentliche Name seiner Familie, zählten zum eher wohlhabenden Bürgertum. Pjotr war allerdings in mancher Hinsicht das schwarze Schaf der Familie, groß und stark, nicht besonders helle, trinkfest und rauflustig, aber für jegliche Tätigkeit im Sitzen völlig ungeeignet. So wurde er eben zum Auswanderer und in Recklinghausen angekommen Bergmann. Er änderte seinen Namen und brach jeden Kontakt in die Heimat ab. Der Großvater musste nun eine zweite Gattin finden, weil seine geliebte Maria 1914 im Kindbett starb und der noch ungeborene Sohn auch. Erst die Ehe mit der deutschen Therese, der Joseph und Peter die blonden Haare zu verdanken haben, war dann mit Kindern gesegnet und über fünfzig Jahre lang ausgesprochen glücklich.

Das alles vermag Peter der Dame von den Antillen nicht zu erzählen. Dazu reichen seine Sprachkenntnisse bei Weitem nicht aus. Also sagt er lieber nichts. Dann muss Edith los, eine ältere Frau aus ihrer Gemeinde besuchen, die unweit allein lebt und ein wenig pflegebedürftig ist, und auch Peter macht sich auf den Weg. Denn bevor er zu Giselle ins Büro fährt, will er unbedingt noch einen Gang durchs fünfzehnte Arrondisment machen, denn dieses Viertel kennt er noch nicht. Es ist mild in diesen Apriltagen des Jahres 1978, nur selten regnet es, und allein am Ostermontag fiel das Thermometer auf unter 15 Grad. Seinen Trenchcoat braucht er also nicht. Stattdessen hat er sich eine beige Windjacke gekauft, die seiner Einschätzung nach gerade sehr beliebt bei jüngeren Männern ist. Außerdem hat er eine schwarze Jeans angeschafft und weiche Wanderschuhe, die er im Kaufhaus Samaritaine entdeckt hat. Dort ist er seit seiner Ankunft jeden Donnerstag gewesen. Hat eigentlich nie etwas gekauft, sondern ist schließlich immer im Café ganz oben eingekehrt in der Hoffnung, die schöne Äthiopierin wieder zu sehen, aber bisher hat er immer Pech gehabt. Er hat sie insgeheim Gete getauft, weil er sich dunkel an eine äthiopische Teilnehmerin an der Olympiade in München erinnert, die so hieß.

Jetzt streunt er durch die Straßen von Saint-Lambert und findet das Viertel kein bisschen pariserisch. Mit der 8 ist er nach Balard gefahren und dann die Avenue Felix Faure entlang spaziert. Hier sind die Häuser durchweg aus hellem Sandstein, und in jedem Haus gibt es einen Laden. Auf der einen Seite hat man begonnen, Bäume zu pflanzen in Flächen, die mit gusseisernen Gittern geschützt sind. Zum ersten Mal sieht er streunende Hunde; vier, fünf Promenadenmischungen mittlerer Größe, die dicht an den Hauswänden traben und versuchen nicht aufzufallen. An der Ecke schiebt ein großer Afrikaner einen schwer gefüllten Verkaufskarren voller Obst. Dann hält er an, fixiert den Wagen und spannt ein Stoffdach auf. Sofort finden sich Käufer am Straßenrand ein. Peter versucht die Ware zu identifizieren, aber viele der Früchte sind ihm völlig unbekannt. In diesem Quartier geht es ruhig zu, selbst die Lieferwagen und Kleinlaster fahren ohne jede Hektik durch Siant-Lambert. Ihm gefällt es hier. Findet ein nettes Bistro, nimmt ein Sandwich, weil er ja noch nicht einmal gefrühstückt hat. Und weil er schon so viel Kaffee getrunken hat, bestellt er ein Glas Rose dazu. Hier sitzen die älteren Anwohner, und am Tresen stehen Handwerker und Kraftfahrer, die schnell einen kleinen Roten zwischendurch nehmen und dabei eine Zigarette rauchen. Er fragt den Wirt, ob er fotografieren darf. Der nickt kurz und desinteressiert, und Peter verschießt in kurzer Zeit einen Farbfilm mit der Leica.

Punkt sechzehn Uhr klingelt er bei Pommerau et Millet. Giselle öffnet und begrüßt ihn mit Wangenküssen: “Komm, Olivier wartet schon.” Der sitzt in seinem weitläufigen Büro hinter einem prächtigen Schreibtisch, auf dem sich außer dem Telefon kein weiterer Gegenstand befindet – außer einem mächtigen Füllfederhalter und einer Schachtel voll Pappkarten am Rand des grünen Ledereinsatzes der Oberseite. Monsieur Pommerau erhebt sich, er trägt einen sehr dunkelblauen Anzug mit seiner feinen Nadelstreifen, darunter ein himmelblaues Hemd mit einer rot-weiß-blau gemusterten Krawatte. Kommt um den Riesenschreibtisch herum, breitet die Arme aus und sagt auf deutsch: “Willkommen, mein Freund.” Er strahlt übers ganze alterslose Gesicht und nimmt die schwere Hornbrille ab. Peter ist unsicher und hält dem Modemann die Hand hin. Olivier spricht weiter Deutsch mit einem winzigen, charmanten Akzent: “Warum so förmlich? Komm in meine Arme.” Er lässt such umarmen und versucht sein Gegenüber ebenfalls zu umarmen, weil er aber seine Arme an denselben Seiten in Bewegung setzt, gelingt die Begrüßung nicht. Giselles Chef gibt ein kicherndes Glucksen von sich, das nicht zu seiner Sprechstimme passt. “Was kann ich dir anbieten, Pierre. Ich darf doch Pierre sagen? Nenn mich Olivier, bitte.” Sein Besucher ist überwältigt und der Situation nicht gewachsen, sodass Giselle eingreift.

“Wie wär’s mit einem Vermouth auf Eis?” fragt sie, und ihr Arbeitgeber sagt sofort: “Das ist eine hervorragende Idee, meine Liebe.” Giselle öffnet ein Abteil in der dunklen Schrankwand, die sich nahtlos in die Holzverkleidung des Raums einfügt, nimmt drei Gläser aus der eingebauten Bar, gibt Eiswürfel hinein und gießt jeweils einen guten Schluck Noilly Prat dazu. Stellt die Gläser auf ein Tablett und bringt sie zu den beiden Männern, die inzwischen am runden Tisch in der anderen Ecke Platz genommen haben. Sie prosten sich zu, und Olivier sagt: “Also, Pierre, erzähl. Wie gefällt es dir in Paris? Was machst du so? Und was sind deine Pläne?” Peter trinkt einen Schluck und noch einen Schluck und sieht zwischendurch hilfesuchend zu Giselle hinüber. “Weißt du, der Peter ist ein wenig schüchtern und erzählt nicht gern. Stimmt’s, Peter?” Er nickt. “Du weißt ja, woher ich Peter kenne, nicht wahr?” Jetzt nickt Olivier, und Giselle schaltet auf Französisch um, sodass ihr Freund dem Bericht über sich selbst kaum noch folgen kann.

Schließlich sagt Olivier – wieder auf Deutsch: “Ich sehe, du brauchst auf jeden Fall ein Labor. Da wüsste ich eine Lösung. Ich rufe gleich mal Lu an.” Steht auf, geht an den Schreibtisch, drückt einen Knopf und gibt Anweisungen. Es klingelt, und er nimmt an. “Ah, Lu, my friend…” Peter ist zu nervös, um diesem Telefonat zu folgen. Jedenfalls notiert Olivier nach dem Ende seines Gesprächs etwas mit dem dunkelblauen Füller auf einer Karte aus Büttenpapier einen Namen, eine Telefonnummer und eine Adresse. “Meld dich rasch bei Lu, der hilft dir weiter.”

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publiziert am 09.06.15 in Oder nie ¦ 640x gelesen ¦ noch kein Kommentar