Oder nie (21)

Am nächsten Morgen freut Peter sich auf den Nachmittag bei Madame Krugelheim, auf den Unterricht und vor allem darauf, Minh Chau zu sehen. Langsam kommt es ihm vor, als sei er ein bisschen verliebt in sie. Weil er in seinem Leben erst einmal so verliebt war, dass er dieses Gefühl als solches hatte benennen können, ist er sich nicht sicher. Keine Frage, er findet die kleine Person mit dem kleinen Gesicht und dem ausdrucksstarken Körper sehr attraktiv. Er fühlt sich zu ihr hingezogen und, ja, er hat schon zwei erotische Träume gehabt, in denen sie vorkam. Allerdings ist ihm völlig unklar, ob und in welchem Maße sie diese Gefühlsmischung teilt. Außerdem ist er, das hat ihm Giselle nach der gemeinsamen Nacht ohne Sex an de Kopf geworfen, krankhaft monogam. Weshalb er auch viel öfter an Karin denkt. Und vor einer knappen Woche hat er seiner Gattin einen Brief geschrieben. Der bestand vor allem aus einem minuziösen Bericht, den er anhand seiner Notizen anfertigte.

Über dem Schlussteil, indem er ihr seine Gefühle ausbreiten wollte, saß er mehrere Stunden. Und beließ es dann bei einem einfach “Hab dich lieb und vermiss dich”. Dabei ist die Schriftsprache neben dem Bild sein zweitliebstes Ausdrucksmittel, wobei er beim Geschriebenen eher zu einer spröden Form neigt. Immer hat er sich gewünscht, formulieren zu können wie ein Schriftsteller. Deshalb hat er sehr viel Belletristik gelesen, um von den Autoren zu lernen. Und damit hat er sehr früh begonnen. Im Hause Blascyk gab es kaum ein Dutzend Bücher, die nicht Nachschlagewerke oder Ratgeber oder Kochbücher waren. Joseph Blascyk war natürlich in der Gewerkschaft und deshalb auch Mitglied im gewerkschaftseigenen Buchclub. Romane waren da eher lästiger Zwang, den wer nicht mindestens drei literarische Werke im Quartal bestellte, bekam den Vorschlagsroman ohne Aufforderung ins Haus geschickt. Als Peter mit zehn Jahren das systematische Lesen begann, nahm er eines dieser Werke aus dem Regal und öffnete den Buchdeckel. Das hatte vorher noch niemand getan, und das Paper gab ein leichtes Knistern von sich. Zufällig hatte er Steinbecks “Früchte des Zorns” gegriffen und las nun täglich eine Stunde darin. Es folgte “Jenseits von Eden”, ebenfalls von Steinbeck, der einer seiner Lieblingsschriftsteller bleiben sollte, dann “Krieg und Frieden”, aber auch das schwülstige Nordlandepos “Ewig singen die Wälder”. Joseph war ganz sicher nicht wegen der Romane Mitglied im Buchclub geworden, sondern vermutlich wegen der Musik. Denn im Jahr seines Beitritts hatte der Club einen Plattenspieler mit automatischem Wechsler im Angebot, zu dem ein Paket der neumodischen Vinylscheiben geliefert wurde.

Joseph liebte die Musik, vor allem das damals aus Amerika aufkommende Musical, die Oper und die Operette, aber auch klassische Werke mit und ohne Gesang. Bald besaß er über hundert Platten und stellte gern kleine Konzerte zusammen, wenn die Verwandtschaft sonntags zu Besuch kam. Er, der sich selbst in erster Linie als Bahner sah, beinahe ausschließlich als Bahner, hatte auch nur ein Hobby: den Gesang. Und so wurde er mit 42 Jahren Mitglied im Männergesangsverein “Grüne Linde”, einem durchaus ambitionierten Club mit immerhin vierzig Mitgliedern, die vom Kantor der Viertelskirche betreut und angeleitet wurden. Weil der Vater ein eher nüchterner Mensch war, überraschte es Peter immer wieder, wenn Joseph Blascyk zuhause und ohne Grund begann, Lieder zu singen. Nicht selten auf polnisch, der Sprache seiner Eltern, die er nicht mehr wirklich beherrschte. Stattdessen gehörte er zu der Sorte Ruhrgebietsmenschen, die den westfälischen Zungenschlag adaptiert hatten, aber mit polnischen Vokabeln durchmischten. So war ein Hammer “die Mottek”, und den Groschen nannte man “einen Tacken”. Der Großvater, der starb als Peter gerade sieben war, der sprach noch Polnisch und tat dies gern, wenn die Enkel sich das von ihm wünschten. Joseph war dann immer peinlich berührt, weil der alte Pjotr vor allem schlimme Flüche und schmutzige Witze erzählte.

Minh Chau wartet am Eingang zum Institut und begrüßt ihn mit einem Kuss auf den Mund. Mit einem Winken, das er so noch nie bei einem Menschen gesehen hat, forderte sie ihn auf, sich herabzubeugen. Immerhin ist er über 35 Zentimeter größer als sie. Sie hat die Handfläche der Rechten nach oben gedreht und dann die Finger ganz langsam auf die Handfläche zu bewegt, es sah aus wie eine Blüte, die sich öffnet und schließt. Dann hat sie seinen Kopf mit beiden Händen an den Wangen berührt und ihre Lippen auf seine gedrückt. Der Unterricht ist für Peter gelaufen. Der Kuss hat ihn entzündet. Er ist auf einem anderen Planeten, während die Krügellem den anderen elf die Formen der höflichen Sprache beibiegt. Seine Freundin dreht sich ab und an zu ihm herum und lächelt ein wenig schadenfroh. Nach den drei Stunden fragt sie ihn draußen vor der Tür: “Wollen wit gemeinsam zu Abend essen?” Peter kann nur nicken und trottet einfach hinter ihr her. Sie fahren nach Olympiades und gehen durch eine Straße, in der es in beinahe jedem Haus ein asiatisches Restaurant gibt: chinesisch, vietnamesich, thailändisch, phillipinisch, indonesisch. Aber Minh Chau geht dran vorbei und biegt dann in die Rue du Dessous des Berges ab. Zwischen zwei verschieden hohen Gebäuden, einem sehr modernen und einem halb verfallenen, schließt sie eine blaue Tür auf, die durch eine Mauer in einen Hof führt. Weiter hinten öffnet sie die Tür zu einem Anbau, und gemeinsam steigen sie bis in die vierte Etage hoch.

“Hier wohnen wir”, sagt die kleine Frau. “Wir?” fragt Peter. “Meine zwei Freundinnen und ich. Wir sind eine Wohngemeinschaft.” Hinter der Eingangstür liegt ein ziemlich großer Raum mit drei schmalen, raumhohen Fenstern. Eine Ecke ist als Küche enigerichtet, direkt daneben steht eine Duschkabine. Aus dem Zimmer führen am schmalen Ende zwei Türen. Minh Chau zeigt auf die eine: “Toilette.” Dann auf die andere: “Schlafzimmer.” – “Nur ein Schlafzimmer?” fragt er. “Das ist das Zimmer der Zwillinge. Ich schlafe hier.” Und zeigt auf eine Matratze hinter einem Paravent. Sie öffnet die Fenster. In den Bäumen zwitschern allerlei Vögel. “Willst du erst etwas essen, oder wollen wir vorher Liebe machen?” Peter steht da wie gelähmt. “Und die anderen? Wenn die kommen?” Sie lacht: “Sind für zwei Wochen im Süden. Arbeiten. Bin ganz allein hier.” Sie zieht sich langsam aus, und er steht immer noch mitten im Raum. Unbeweglich. Dann hat sie nur noch einen Slip am Leib und kommt zu ihm. Wieder winkt sie ihm, wieder küsst sie ihn. Streift seine Windjacke ab, knöpft sein Hemd auf. Immer wieder Küsse, die er beantwortet. Dann steht auch er nackt bis auf die Unterhose da. Sie nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zum Lager in der Ecke. Legt sich hin.

Das Bild der unbekleideten Minh Chau. Fest eingebrannt in seinem Hirn. Milchbraune Haut, beinahe olive, auf dunkelblauem Laken. Alles gerundet. Der vorstehende Nabel. Ein blauschwarzer Busch zwischen den Beinen. Kleine Brüste mit fast schwarzen Warzen. Anders ist sie. Sie sieht anders aus. Sie fühlt sich anders an. Sie riecht anders. Sie schmeckt auch anders. Und sie bewegt sich anders. Sie machen Liebe miteinander, fünfmal. Und dann ist es schon ganz dunkel draußen. Beide haben geschlafen. Ein paar Stunden sicher. Peter hat Durst. Leise steht er auf und geht erst aufs Klo. Er riecht nach ihr. Dann öffnet er den Kühlschrank und findet eine angebrochene Flasche Weißwein. Nimmt zwei Gläser vom Bord über der Spüle und geht zurück zu ihr. Minh Chau ist wach und lächelt. Er füllt die Gläser. Gibt ihr eins und setzt sich zu ihr. Beide lehnen an der Wand. An einem bunten, weichen Vorhang. Sie trinken schweigend. “Es war schön”, sagt sie. Er nickt. Mehr haben sie nicht zu sagen. Nach dem sie beide geduscht haben, gehen sie zum Essen in ein vietnamesisches Bistro, dessen Patron Minh Chau gut kennt.

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publiziert am 11.06.15 in Oder nie ¦ 765x gelesen ¦ noch kein Kommentar