Oder nie (22)

Peter geht es gut. Er ist zufrieden. Er ist glücklich. Und befriedigt. Alles ist wie sein soll. Schließlich ist Paris ja die Stadt der Liebe. “Paris, o-la-la”, hieß es früher manchmal in den Männerrunden bei Familienfeiern oder beim Sängerfest oder Frühschoppen. Immer war einer dabei, der 1940 in Paris war. Der von den Mademoiselles schwärmte. Vom lockeren Leben. Und dass alle Französinnen ganz scharf auf die Männer in Wehrmachtsuniform gewesen seien. Dazu dann der Mythos von den fröhlichen Nutten, Irma la Douce etc. Die Filme der Vierziger- und Fünfzigerjahre, das Millieu. Kleine Gauner, schöne Dirnen. Eine Stadt zum Verlieben, dieses Paris. Eine Stadt der Liebenden. Und, was ist schon dabei. Es ist gegen drei Uhr morgens, und Peter spaziert, eine Kippe zwischen den Lippen, beschwingt nachhause. “Man muss ja nicht gleich ein Paar werden, wenn man einmal Liebe gemacht hat”, hat Minh Chau gesagt. “Fünfmal!” hat er geantwortet. Aber ihr Satz hat ihn ein wenig verschreckt, weil er überhaupt nicht daran gedacht hat, dass die ganze Geschichte mehr als ein Abenteuer werden könnte. Der Place de Bastille liegt still, ein Mofa knattert im Hintergrund, und die Ampeln sind auf gelbes Blinken umgestellt. In einer Seitenstraße schlafen zwei Flics in ihrem Streifenwagen. Am Fischgeschäft sind die Rolläden heruntergelassen, zwei bunte Katzen hocken davor wie wartende Kunden.

Wein, er braucht noch einen Wein. Versucht, möglichst geräuschlos Giselles Wohnung aufzuschließen. Aber dann fällt ihm der Schlüssel aus der Hand, und schon schreckt seine Gastgeberin auf: “Peter? Du? Komm schon ins Bett.” Und legt sich wieder hin. “Muss noch Wein trinken”, sagt er. Nimmt einen langen Zug aus der Flasche, die auf dem Tisch steht, zieht sich aus und kriecht zu Giselle ins Bett. Sie dreht ihm den Hintern zu, und er tut, was sie erwartet.

Wacht am frühen Nachmittag auf: unter die Dusche, Kaffee kochen, Kaffee trinken. Will wieder zu Minh Chau. Stattdessen geht er ins Bistro zu Claude. “Pierre, mein Freund, geht’s gut?” Haut ihm gefährlich auf die Schulter mit seiner Rugby-Hand. Peter sieht sich im Spiegel hinter der Theke. Sieht sich zum ersten Mal im Spiegel seit er sich am Vortag rasiert hat. Erkennt sich kaum. Das ist ein anderer. Einer, der seine Frau betrügt, einer der fremdgeht, einer der lügt. Sich selbst belügt. “Gut, gut”, sagt er trotzdem und bestellt einen Café creme. “Hast du noch Croissants?” Claude schüttelt den Kopf. “Dann bitte ein Sandwich mit Käse.” Der Wirt brüllt die Bestellung durch die Klappe in die Küche. Dann setzt er sich zu Peter an den Tisch: “Liebeskummer?” Der ist schockiert: “Woher weißt du das?” Sein Gegenüber kichert: “Sieht man. Sieht man immer. Du bist verheiratet in Deutschland. Richtig? Du warst deiner Frau immer treu. Stimmt’s? Und gestern hast mit einer anderen Frau Liebe gemacht. Oder?” Peter reagiert nicht. “Und jetzt willst du diese Frau als Geliebte. Was sagt Giselle dazu?” Sein Gast sagt nur: “Ich möchte darüber nicht reden. Kannst du mir das Sandwich bitte einpacken?”

Er hat den steilen Hügel des Buttes-Chaumont erklettert und hockt nun auf den Steinen am Tempel ganz oben. Kaut lustlos an seinem Frühstück, jetzt um fünf Uhr am Nachmittag. Auf dem Weg ein paar Meter unter ihm führen zwei jungen Frauen einen Trupp Kinder in Uniformen durch den Park. Die eine schaut zu ihm hoch, und er meint, sie habe gelächelt. Hinter Montmartre bereitet sich ein Sonnenuntergang vor. Dunstig-gelbe Luft steigt aus der Stadt hoch. Ein stetiges Rauschen vom Autoverkehr, Hupen, Sirenengesang. Krähen hüpfen im gleichbleibendem Abstand um ihn herum und hoffen auf den Rest seines Sandwiches. Peter ist sehr traurig. Hat Heimweh. Und fragt sich, ob er das Experiment jetzt abbrechen sollte. Zumal auch seine Reisekasse schon fast aufgebraucht ist; mehr als 600 Franc besitzt er nicht mehr. Oder er müsste sich einen Job suchen. Weg von Gisela muss er, so viel ist klar. Und macht sich auf den Weg ins asiatische Viertel. Dann steht er vor der blauen Tür in der grauen Mauer. Aber da ist keine Klingel. Eine Telefonnummer von Minh Chau hat er auch nicht. Und die nächsten Unterrichtsstunden sind erst übermorgen. Er setzt sich auf die Stufen eines Hauseingangs gegenüber und wartet.

So wie er vor vielen Jahren einmal auf Karin gewartet hat. Da waren sie zwölf und dreizehn Jahre alt; Nachbarskinder, denn die Höppners wohnten gleich ums Eck. Natürlich kannten sich die beiden vom Sehen, besuchten aber nicht dieselbe Schule. Es wird der Sommer 1964 gewesen sein, ein ziemlich heißer Sommer. Im Juli fiel das Thermometer tagsüber nie unter 25, 26 Grad. Dementsprechend heiß waren die Nächte. Und weil es in den schlecht isolierten Nachkriegsbauten drinnen kaum auszuhalten war, durften die Kinder bis nach Mitternacht auf der Straße bleiben; es waren ja auch schon Sommerferien. Und so saßen die Jungs an der warmen Mauer der Josephskirche und redeten dummes Zeug. Einer hatte eine Flasche Sinalco dabei, und jeder durfte reihum einen kleinen Schluck nehmen. Dann kamen die Mädchen vorbei. Peter blickte auf und sah der Schönsten von allen direkt in die Augen. Sie lächelte. Er stand unauffällig auf und folgte der Gruppe so unauffällig wie möglich. In die Lambachstraße bogen die Mädchen ab. Sie wohnte dort, ein Haus von der Ecke Nordstraße entfernt. Zwei Nächste später, man hatte spät gegessen bei den Blascyks, ging er nach dem Abendbrot gegen acht raus und steuerte das Haus an, in dem sie wohnte. Setzte sich gegenüber auf die Stufen eines Hauseingangs und wartete.

Dann kam Karin aus der Tür. Sah ihn sofort und lächelte wieder. Peter stand auf und ging zu ihr rüber: “Haste was vor?” Sie schüttelte den Kopf. “Magst du ein Eis?” Karin nickte. In der Eisdiele an der Bornstraße nahm sie eine Kugel Mokka und eine Kugel nuss. Peter bestellte Zitrone und Aprikose und bezahlte. Schweigend und an ihren Eistüten leckend spazierten sie zum Bürgergarten. Und als sie ankamen, hatten sie beide schon die Waffel aufgegessen. “Und”, fragte Peter, “morgen wieder?” Karin zögerte. Dann sagte sie: “Okay. Aber dann schon um sieben.” Ihre Wege trennten sich an diesem Abend, aber seit diesem Tag waren die beiden beinahe unzertrennlich und galten ungefähr drei Jahre später als Paar, als zwei, die miteinander gingen.

Peter ist in seiner Zeitreise gefangen als seine Freundin ihm auf die Schultern tipp: “Was machst du hier?” Er erschrickt: “Auf dich warten.” Minh Chau sieht ihn eine Weile an und fragt dann: “Warum?” – “Weil ich bei dir sein will.” Sie lächelt nicht, sondern sagt nur “Komm.” Nimmt ihn wieder mit in die Wohnung. Macht Kaffee, stellt ihm seine Tasse hin uns setzt sich ihm gegenüber. “Also”, beginnt sie, “was ist los?” Peter ist verlegen, weil er wirklich nicht genau weiß, was er von der kleinen Frau will. Ja, sicher, mit ihr schlafen. Aber das kann er ihr doch nicht sagen. Also beginnt sie: “Du willst, dass ich deine Geliebte werde, richtig? Gut. Ich brauche aber mehr einen Gefährten, einen Freund, einen Kerl, der zu mir hält. Einen, mit dem ich ein Stück Leben teilen kann. Muss nicht für immer sein. Muss nicht für lange sein. Was ich nicht will, ist ein Mann, der zu mir kommt, wenn er Liebe machen will und weil er einsam ist. Davon hatte ich genug, davon kann ich an jeder Ecke welche haben. Verstehst du?” Er fühlt sich erleichtert: “Ich brauche hier in dieser Stadt eine Frau, die sich besser auskennt und die mir ein bisschen helfen kann. Aber das muss eine Frau sein wie du, mit der ich alles gern gemeinsam mache.” Sie lächelt zum ersten Mal an diesem Abend und sagt: “Dann sind wir uns ja fast einig. Eins noch: Es war schön mit dir zu schlafen, aber ich möchte das nicht wiederholen. Ist das in Ordnung für dich?” Er trinkt von seinem Kaffee und schaut sie über den Tassenrand hinweg an: “Warum?” – “Weil es so ist. Frag nicht. Wenn du mich besser kennenlernst, wirst du verstehen, warum.” Er nickt.

Dann macht sie ihm zwei Angebote, die genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Ob er zu ihr ziehen möchte. Die Zwillinge hätten angerufen und gesagt, dass sie nicht vor Oktober zurück seien. Sie würden gern die Miete sparen. Er könne also deren Anteil und deren Zimmer übernehmen. Müsste 60 Franc pro Woche zahlen. Und weil Minh Chau weiß, dass er vom Ersparten lebt, fügt sie hinzu: “Und einen Job hätte ich auch für dich. Kannst wie ich im Großmarkt von Rungis arbeiten. Was meinst du?”

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publiziert am 13.06.15 in Oder nie ¦ 690x gelesen ¦ noch kein Kommentar