Oder nie (24)

Nach zwei Wochen stellt sich Routine ein. Peter gefällt die Arbeit, ihm tut die körperliche Tätigkeit gut. Und auf diese Weise Geld zu verdienen macht ihn stolz. Auch wenn er so gut wie keinen privaten Kontakt mit den Kollegen bei Lebruine und den Nachbarständen hat, fühlt er sich als Teil einer Gemeinschaft. Und verbessert ständig sein Französisch. Der Chef lobt ihn regelmäßig, wenn auch mit äußerst knappen Worten. Und gestern hat er ihm in Aussicht gestellt, demnächst für einen besseren Lohn als Staplerfahrer einsteigen zu können. Weil er aber an seinen Arbeitstagen bis in den frühen Nachmittag hinein schläft, zieht er nur noch wenig von der Stadt. Immerhin hat er bereits zweimal die Leica mit nach Rungis genommen und vor und nach der Schicht in den Hallen und draußen fotografiert, vor allem natürlich die Männer mit den Kisten und Hubwagen. Wie sie schuften, wie sie Pause machen und nach Feierabend am Kiosk ein Bier oder einen Wein trinken. Das grelle Licht in den Hallen zeichnet harte Schatten in die Gesichter, weil es von oben kommt, sieht man die Augen der Männer kaum. Er nimmt sich vor, von den Kollegen Porträts anzufertigen, hier vor Ort mit der realen Beleuchtung.

Minh Chau fährt vom Großmarkt aus direkt zu ihrer Putzstelle im 18. Bezirk und ist dann morgens um zehn daheim. Manchmal kriecht sie dann zu ihm ins Bett, aber schlafen will sie nicht mehr mit ihm. An den freien Tagen fahren sie in den Bois oder zu den Champs Elyssee, bummeln über die Boulevards. Ja, endlich hat Peter auch den Louvre kennengelernt, obwohl er Kunstmuseen hasst und während des Studiums jede Exkursion in irgendeines der vielen Bauten voller Kunst in Düsseldorf, in Köln und sonstwo mit Methode geschwänzt hat. Auch das Museum aller Museen fasziniert ihn nicht wegen der Bilder, der Schinken, wie er sie nennt, sondern wegen der besonderen Stimmung am frühen Vormittag, wenn die Räume noch leer sind, weil die Touristen noch schlafen. Auch der Treppenaufgang mit der kopflosen Nike gefällt ihm sehr. Aber ihm ist auch klar, dass es hier wie an den meisten anderen touristischen Zielen der Stadt für ihn nichts zu fotografieren gibt, weil die Bauten und Denkmäler schon vor vielen Jahren zu Tode fotografiert wurden. Von der Mona Lisa ist er enttäuscht, nur das Floß der Medusa von Delacroix gefällt ihm sehr. Denn eigentlich ist das kein Gemälde, sondern ein Foto ohne Kamera, das von einem Schlauchboot aus aufgenommen wurde.

Über die Arbeit wurde zuhause nicht gesprochen. Peters Mutter fragte Joseph nie, wie denn sein Tag gewesen sei. Als er zehn oder elf Jahre alt war, nahm der Vater den Sohn einmal in den Sommerferien mit auf den Rangierbahnhof. Die Rangierer hatten einen Aufenthaltsraum im Erdgeschoss des Stellwerks. Da saßen sie schweigend, wenn gerade kein Zug zusammenzustellen war. Die einen lasen in der Bildzeitung, und wenn sie die durch hatten, fingen sie mit der Titelseite wieder an. Die anderen starrten Löcher in die verqualmte Luft, den fast alle rauchten unentwegt. “Na, Kleiner”, hatte zumindest ein Kollege seines Vaters gesagt. Und ein anderer hatte einen derben Scherz gemacht, den Peter nicht verstand. Dann gab es eine Durchsage aus dem knarzenden Lautsprecher, eine Folge von Buchstaben und Zahlen. Einige der Arbeiter standen auf, zogen ihre Handschuhe an und gingen raus. Der Vater nahm ihn mit an den Ablaufhügel und schärfte ihm ein, sich keinen Zentimeter zu bewegen. Joseph stand mit einer Eisenstange ganz oben auf der Erhebung. Dann schob die Lok langsam eine Reihe Waggons hinauf. Der Vater hebelte mit der Stange die Kupplung auf, und die so freigesetzten Wagen rollten hügelabwärts. An den Weichen standen Kollegen, die anhand von Listen wussten, welche Teile wohin zu rollen hatten. Später folgte er Joseph in den Bereich, wo die neuen Züge zusammengestellt wurden. Schwere, knallgelbe Bremsschuhe galt es, im richtigen Moment auf die Schiene zu legen, um die heranrollenden Waggons zu verlangsamen bevor die auf bereits stehende Wagen prallte. Nahm ein Waggon den Bremsschuh mit, quietschte es so, dass es an den Zähnen weh tat. Und dann krachte es, wenn die Puffer aufeinanderstießen. Nun kletterte ein Rangierer unter den Kupplungen durch und verband die Waggons. Noch nachts im Traum hatte er das Quietschen und Krachen im Ohr. Joseph nahm ihn nie wieder mit zur Arbeit. Vor allem nicht nach dem Unfall, denn danach wurde er ins Stellwerk versetzt, wo er nur noch Listen abhakte und Laufzettel einsammelte.

Dann fand Peter am Sonntag die Büttenkarte mit der Adresse des prominenten Fotografen in der Sakkotasche, die ihm Giselles Chef gegeben hat. Das Treffen lag schon fast drei Wochen zurück, und er hat überhaupt nicht mehr daran gedacht, den Kontakt zu nutzen. Also rief er die angegebene Nummer an und landete bei einer sehr jungen, männlichen Stimme, die ihn auf Englisch begrüßte. Peter nannte seinen Namen und erklärte kurz sein Anliegen. Der Angerufene war bestens informiert und bat Peter, am Montag vorbeizuschauen, um die Details der Kooperation – so nannte er das – zu klären.

Lu LaBanda, geboren als Ludwig Labander in Leipzig im Jahr 1917, heißt bei Insidern nur LL. Folgerichtig hatte er seine Agentur “Elle-Elle” genannt. Er selbst fotografiert nur noch Päpste, US-Präsidenten und gekrönte Häupter oder Menschen, denen ein von LaBanda persönlich geschossenes Porträt eine halbe Million Dollar wert ist. Ansonsten heuert er jedes Jahr drei, vier begabte Jungfotografen an, die zunächst unter seinem Namen und in seinem Stil zu fotografieren haben, bevor sie – so sie diese grausame Phase durchhalten – auch nach außen hin persönlich präsentiert werden und dann auch ihre eigene Art und Weise Fotos zu machen, praktizieren können. Elle-Elle ist auf Modefotos spezialisiert oder allgemein ausgedrückt: auf inszenierte Bilder. Natürlich ist das führende Haus der Herrenmode, Pomereau et Millet, Kunde bei Elle-Elle. Zumal Olivier und Lu eine sehr lange, sehr innige Freundschaft verbindet. Diese besondere Beziehung ist der Schlüssel dazu, dass Peter nun in einem Labor samt Dunkelkammer schalten und walten kann, denn Lus Assistent hat ihm auf Weisung des Chefs gleich die Schlüssel für das Hofgebäude und den Labortrakt übergeben. Und nun verbringt Peter, dem man gebeten hat, die Ressourcen außerhalb der normalen Arbeitszeit zu nutzen, bereits die zweite Nacht an der Rue Vercingetorix, gleich bei den Gleisen, die zum Gare du Montparnasse führen, unweit der Metro-Station Plaisance.

Dank der Zehnertanks, die bereits für den Negativprozess von Ilford-Material vorbereitet sind, hat er die gut dreihundert Schwarzweiß-Filme rasch entwickelt, getrocknet, geschnitten und eingetütet. Nun arbeitet er anhand des Logbuchs die Kontaktabzüge ab. Dabei stellt er als erfahrener Fotograf meist auf einen Blick fest, an welchem Film sich die Arbeit und Mühe in der Dunkelkammer lohnt. Das Resultat fällt ernüchternd aus, denn fast alle Straßenszene, die er aufgenommen hat, wirken schon im Kleinformat banal. Nur die Fotos aus dem afrikanischen Viertel, die er nachts geschossen hat, geben etwas her. Und die sieben Filme von der Metro-Baustelle erscheinen vielversprechend. Also konzentriert er sich auf diese Serien. Wählt aus den gut achthundert Aufnahmen drei Dutzend aus, um Abzüge zu machen. Zunächst auf Kontaktpapier, denn er mag den nüchternen Charme der Bilder, die auf diesem recht dünnen, sehr weißen, aber matten Papier entstehen. Dann nimmt er sich sieben der Bilder aus den Tunneln vor und arbeitet mit verschiedenen Ausschnitten und verschiedenen Größen bis er zufriedenstellende Ergebnisse hat. Eins der Fotos gefällt ihm uneingeschränkt, und er fertigt einen Abzug in der Größe sechzig mal vierzig an. Dazu drei Varianten mit anderen Zeiten. Das Bild, ein Querformat, zeigt den nachtschwarzen Tunnel, der rechts fast Zweidrittel einnimmt, während man rechts die von der Arbeitsleuchte angestrahlten Arbeiter fast in Nahaufnahme sieht. Mitten aus der Gruppen entspringt eine Fontäne von Funken, die beim Schweißen entstanden sind.

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publiziert am 17.06.15 in Oder nie ¦ 705x gelesen ¦ noch kein Kommentar