Oder nie (25)

Peter erlebt kaum noch Tageslicht, denn wenn die anderen arbeiten und die Touristen in Scharen durch Paris laufen, schläft er. Wenn er nicht auf dem Großmarkt zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens Hubwagen belädt nund hin und her schiebt, dann sitzt er im Labor auf der Rue Vercingetorix. Da kann er ab acht Uhr abends anfangen und muss vor sieben Uhr in der Früh wieder weg sein. Er hat jetzt fast sein gesamtes Filmmaterial entwickelt und gesichtet. Die Negative und die Kontakte füllen seinen Schrank im Labor schon fast ganz. Die Abzüge, die er aus dem Trockenschrank holt, kann er an einer Wand im Nebenraum aufhängen. Immer wenn er reinkommt, schaut er sich diese großen Fotos an – wieder und wieder. Manchmal nimmt er eins ab, das seinen Ansprüchen nicht genügt. Und hängt einen anderen Abzug auf. Nach und nach kristallisiert sich das Beste aus zweieinhalb Monaten Fotografie in Paris heraus. Nur am Wochenende, da hat er frei für seine Freundin, die jetzt eher seine Gefährtin ist als seine Geliebte. Aber dass sie keinen Sex mehr mit ihm will, ist auch in Ordnung. Ja, es entlastet ihn, denn so fühlt er sich zu nichts verpflichtet, außer ein guter Wohnungsgenosse zu sein. Dienstags geht er vor der Arbeit immer zu Ckaude ins Bistro. Der Korse serviert jedes Mal eine Spezialität aus seiner Heimat, und sie plaudern ein wenig. An einem dieser Dienstage begrüßt ihn der Wirt mit einem Zettel in der Hand: “Hier, soll ich dir von Giselle geben. Ist wichtig, sagt sie.”

Er liest: “Lieber Peter, ganz wichtig! Kannst du bitte am Donnerstnachmittag um 16 Uhr bei uns im Büro sein? Lu LaBanda möchte dich kennenlernen. Kuss – Gisela.” Peter freut sich, seinen Gönner zu treffen. Überhaupt: Endlich einem Fotografen zu begegnen, von dem er möglicherweise noch etwas lernen kann. Von Professor Quasi in der Kunstakademie hat er alles in allem nichts gelernt. Der konnte mit seinen Bildern wenig anfangen, und Peter mochte dessen Arbeit überhaupt nicht, eine Art weichen Neorealismus in großen, ungewöhnlichen Formaten; darunter das berühmte Foto, das auf zwei Metern Länge, aber nur fünfundzwanzig Zentimetern Höhe ein Stück Nordseestrand in Originalgröße zeigt, bei Nebel. Dieses Werk hat seinem Lehrer bekannt gemacht, und als er das Angebot bekam, die Fotoklasse in der Akademie zu übernehmen, hatte der sofort zugeschlagen und die eigene künstlerische Arbeit fast vollständig eingestellt. Gefragt, was er denn noch so tue, sagte Professor Quais immer: “Ich arbeite quasi an Konzepten für die neue Fotografie.” Und verzapfte Dutzende kryptischer Artikel in irgendwelchen Kunstzeitschriften. Profitiert hat Peter dagegen vom alten Speck, dem ewigen Laborleiter und Dozenten in Sachen Dunkelkammer. Ein schweigsamer, hagerer Typ jenseits der Sechzig, der lieber etwas demonstrierte, als es zu beschreiben. Speck war ein Handwerker und als guter Handwerker sehr sicher in seinem Urteil. Zeigte er auf einen Abzug und sagte “Scheiße”, wusste jeder Student, dass er das Papier wegwerfen konnte. Lautet sein Kommentar “Geht”, war dies das maximale Lob.

Die Arbeit in der Dunkelkammer hat Peter von Beginn an geliebt. Vor allem, wenn er allein dort wirken konnte. Stundenlang. Voll konzentriert. Mit wachen Sinnen. Bereit, Entscheidungen zu treffen. Etwas auszuprobieren. Missratenes sofort zu vernichten. Sich bei guten Ergebnissen genau zu merken, wie er dorthin gekommen war. Er war so souverän an den Schalen und am Vergrößerer, dass er sicher auch als Fotolaborant jederzeit sein Geld verdienen könnte. Tatsächlich trägt er diesen Gedanken immer im Hinterkopf – gerade angesichts der Tatsache, dass er demnächst Vater sein würde und eine Familien zu ernähren hätte. Als solider Handwerker ordentlich Geld zu verdienen und sich diese ganze Kunst endgültig abzuschminken. Vielleicht müssten sie dann nach Düsseldorf ziehen, wo es Dutzende von Profilabors gibt, weil es Hunderte Fotografen und Studios gibt in der boomenden Werbebranche und natürlich rund um die Mode, die hier gezeigt wird. Aber in die verhasste Stadt am Rhein zu ziehen, das würde ihm sehr schwerfallen. Hat er nie gemocht, diese feingeputzte, etwas zu stark geschminkte Stadt mit den Einwohnern, die irgendwo zwischen arroganter Euphorie und zynischer Depression schwanken. Zumal nach der Schließung fast aller Industriebetriebe kaum noch Gemeinsamkeiten zu Dortmund bestehen, und selbst die sogenannten Arbeiterviertel schick sind wie in seiner Heimat die Villenvororte. Karin könnte es in Düsseldorf gefallen, sie hat ja einen Faible für das Schöne und Glänzende. Würde sich vermutlich prima einfügen in die Nachbarschaft in einer der Vorortsiedlungen. Aber er muss jetzt und hier keine Entscheidung treffen. Erst nach seiner Rückkehr.

Und so findet er sich am Donnerstag bei Pommerau et Millet ein. Die junge Frau am Empfang führt ihn gleich in Oliviers Büro, wo er mit offenen Armen und kratzigen Wangenküssen empfangen wird: “Mein Freund! Darf ich dir meinen Freund Ludwig vorstellen. Ludwig, das ist Peter.” LaBanda fläzt im Louis-Quinze-Sesselchen neben den schweren Volants am Fenster und macht eine ungenaue Handbewegung in Peters Richtung. Der vermutlich berühmtest und erfolgreichste Mode- und Prominentenfotograf der Zeit erweist sich als dürres Männchen, dem die wenigen grauen Haare vom Kopf abstehen wie die Stachel eines Igels. Sein Gesicht ist braunverbrannt, sieht aus wie die Haut eines Grillhähnchens. Er trägt eine deutlich zu große, verspiegelte Sonnenbrille im Pilotenstil und erhebt sich mit einem seitlichen Ruck. Steht nun vor Peter und reicht ihm kaum bis ans Schulterbein: “Deutscher, hä?” Peter nickt. LaBanda wendet sich seinem Freund zu: “Deutscher, der. Sieht man. Findest du nicht?” Und das mit sächsischem Tonfall, der dieser Bemerkung alle Schärfe nimmt. Olivier lächelt amüsiert: “Gehen wir rüber in den Besprechungsraum.” Ein Saal von unerwarteten Ausmaßen, ausgefüllt von einem ovalen Tisch mit anderthalb Dutzend Stühlen, alles im dänischen Stil, alles sehr hell. Dazu ein schneeweißer Teppichboden und weiß gestrichene Wände. Da hängen sieben, acht der großen Abzüge, die Peter in den letzten Tagen angefertigt hat. “Hast du gemacht?” beginnt LaBanda. “Kannst auch du zu mir sagen. Aber lieber Ludwig als Lu. Ist ja bloß en Künstlername.” Und keckert wie ein betrunkener Ziegenbock. Peter nickt. “Hab ich vorgestern im Labor gesehen. Gleich eingesackt und hergebracht. Wundervoll!” Sie stehen schweigend vor den Bildern. Olivier murmelt etwas auf Französisch vor sich hin.

Dann dreht sich der Modemann zum deutschen Freund seiner Assistentin um und sagt: “Du fotografierst unsere nächste Kampagne. Willst du?” Peter ist schockiert. Er hatte nicht damit gerechnet, dass hier und heute mehr als ein kurzes Kennenlernen mit ein bisschen Smalltalk stattfinden würde. Ludwig trippelt nervös von einem Fuß auf den anderen: “Sach schon. Sach schon ja.” – “Sie mal”, setzt Olivier fort, “Ludwig arbeitet seit Jahren für uns, exklusiv versteht sich. Außer den Kollektionen unserer Couturiers fotografiert er keine Männermode. Das haben wie vor … sind es schon zwölf Jahre, Ludwig? Also vor mehr als zwölf Jahren so vereinbart. Kein Vertrag. Nur ein Versprechen. Und nun arbeitet mein Freund ja schon seit einiger Zeit nicht mehr selbst, sondern lässt junge Talente ran, die dann unter seinem Namen die Kollektionen fotografieren. Und jetzt bist du da.” Der Startfotograf steht nun direkt vor ihm und blick ihm von unten in die Augen: “Viel Geld!” stammelt er. Peter denkt nach. Olivier ist noch nicht fertig: “Wer für Elle-Elle im Namen von Lu LaBanda eine Kollektion fotografiert hat, ist durch. Ist im Geschäft und muss sich auf lange Zeit keine Sorgen mehr um Aufträge zu machen. Dann kannst du die Akademie vergessen, die Abschlussarbeit, dann bist du auf einen Schlag ein Name in der Szene. Denn natürlich wissen die Fachleute alle, dass nicht Ludwig die Bilder gemacht hat, sondern du. Und natürlich streuen wir unter der Hand deinen Namen.” Peter setzt an: “Ich möchte nicht unter anderem Namen fotografieren.”

Seine Gesprächspartner erstarren. “Wie jetzt?” reagiert LaBanda. Und Olivier seufzt, zieht ein hellblaues Taschentuch aus der Hose und wischt sich den nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn. “Was gefällt Ihnen an den Fotos?” – “Sag du, bitte.” Ludwig hat such breitbeinig vor der Wand mit Peters Fotos aufgebaut. Zeigt auf ein Querformat, auf dem sieben Großmarktarbeiter bei der Pause zu sehen sind, sie sehen alle in die Kamera und werden vom Schein beleuchtet, der aus der Halle kommt. Kontrastreich, sehr scharf, sehr viele Details, sehr genau. “Das da” der Profifotograf malt Silhoutetten des Fotos mit der linken Hand in die Luft, “das ist ein Foto, das ich gern gemacht hätte. Wenn ich’s könnte. Das ist perfekt.” – “Und”, ergänzt Olivier, “wenn wir uns nicht einig werden sollte, was ich weder glaube, noch hoffe, dann, also in diesem unwahrscheinlichen Fall würde ich dir diese sechs Fotos gern abkaufen. Sagen wir für 9000 Franc. Außerdem würde ich dir anbieten, dein Agent zu werden….” – “Nö, nö”, greift LaBanda ein, “der Agent bin ich!” Peter ist die Situation unangenehm, er kann mit so viel Lob, ja, Bewunderung nicht umgehen. Er traut der Sache nicht, er hat Angst, über den Tisch gezogen zu werden. “Kann ich was trinken?” – “Francine”, ruft Olivier durch die offene Tür ins Vorzimmer, “schnell, schnell, bring uns Champagner!”

Und dann sitzen sie zu dritt, schlürfen teuren Champagner, und diskutieren Peters Arbeiten als seien es die Werke eines bedeutenden Künstlers. Wie er bei dem einen Foto aus dem afrikanischen Viertel die Perspektive verschoben hab, wie das Licht der Straßenbeleuchtung eine stille Szene dramatisiert, die Gesichter der Arbeiter auf dem Gruppenporträt. “Genau diesen Stil möchte ich bei unseren Kampagne sehen, Peter, genau so.” Da klatscht Ludwig mit beiden Händen auf den Tisch und ruft: “Soll er haben. Alles unter seinem Namen. Ist doch gut. Ist doch auch gerecht. Würd mir eh keiner abnehmen, solche Fotos. Kommt, trinken wir auf Peter.” Sie stoßen an. Dann strecken ihm beide die Hände hin, und er schlägt erst bei Ludwig, dann bei Olivier ein. “Ich freue mich!” sagt der Modemann. “Ich auch, ich auch”, schließt sich der Fotografenstar schnell an. Dann verabreden sie sich für Dienstag in zwei Wochen für ein erstes Gespräch über den Auftrag und die Konditionen.

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publiziert am 19.06.15 in Oder nie ¦ 671x gelesen ¦ noch kein Kommentar