Oder nie (27)

Claude ist nicht da, und mit seiner Frau, dessen Namen er immer noch nicht weiß, gibt es nichts zu reden. Er nimmt nur einen Kaffee und macht sich auf den Heimweg. Unterwegs will er im Postamt telefonieren, will versuchen Karin zu erreichen. Er rüstet sich mit einem Vorrat an Telefonmünzen aus und betritt die nächste freie Kabine. Dreht die Nummer und wartet auf das Rufzeichen. Lässt fast zwanzigmal läuten, aber niemand hebt ab. Bleibt einfach sitzen und versucht es nach einer halben Stunde noch einmal. Wieder geht keiner dran. Immer noch verwirrt und einigermaßen frustriert nimmt er die Metro nach Olympiades und wandert über die Rue de Tolbiac Richtung Zuhause. Wobei er selbst nicht “Zuhause” denkt, sondern “zu Minh Chau”, die dann aber natürlich gar nicht da ist. Zuhause ist für Peter immer noch die Wohnung der Eltern, wo er bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr gewohnt hat. Fünfte Etage ohne Aufzug. Sechs verwinkelte Räume. Die Fenster auf der Straßenseite etwa auf Kopfhöhe. Wohnküche mit Platz für zehn Leute am Tisch. Ofenheizung. Das Badezimmer hat Joseph höchstpersönlich eingebaut. Vorher wurde in der Küche in der Zinkwanne gebadet. Da stand neben dem Gasherd noch ein altes Stück, der mit Kohle gefüttert wurde. Auf dem machte Mutter das Badewasser heiß in einem Topf, der ansonsten fürs Einwecken benutzt wurde. Nicht jeder bekam frisches Badewasser – die Kinder teilten sich eine Ladung. Mutter und Elfriede, die Tante, die damals bei den Blascyks wohnten, auch. Nur der Vater, der bekam ganz am Ende des Badetags seine ganz eigene Wasserfüllung und nutzte die auch aus. Er trank Bier beim Baden und rauchte seine Zigaretten.

Das war Zuhause. Als Karin und er beschlossen hatten zu heiraten, waren sie erst überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, sich eine Wohnung zu suchen. Erst als ihre Mutter fragte, wo das junge Paar denn wohnen wolle, machten sie sich auf die Suche und fanden das winzige Gartenhäuschen im Schatten der neuen Wohnblocks an der Westfilder Straße, fast schon in Castrop-Rauxel, weitab vom Schuss. Da gab es die S-Bahn noch nicht, und man musste bis zur Emscherallee laufen, um den Bus in die Stadtmitte zu erreichen. Aber sie waren für sich, mussten sich nicht mit Nachbarn plagen, keiner konnten ihnen in die Fenster schauen, und fast zwanzig Qaudrameter Nutzgarten hatten sie auch. Da blieben sie zwei Sommer lang. Bis Karins Mutter ihnen eröffnete, sie werde wegziehen zu einer entfernten Verwandten im Schwarzwald, hier brauche sie eh keiner mehr, und ob sie ihre Wohnung übernehmen wollten. Karin sagte sofort Ja, fragte Peter nicht einmal. Aber der hatte auch nichts dagegen. Denn weil es sich um eine Genossenschaftswohnung handelte, war sie sehr preisgünstig und schön groß mit einem schönen Südwestbalkon. Und genau in diesem Moment ist Karin eben nicht in dieser Wohnung an der stillen Lambachstraße.

Er steht am Fenster in seinem Zimmer und sieht zu, wie die Regenwolken rasch durch den schmalen Ausschnitt vom Himmel fliegen, den er sehen kann. Er hat das Radio im großen Raum eingeschaltet und seine Tür offen stehen lassen. Nur jedes vierte oder fünfte Lied ist in französischer Sprache, die üblichen Popmusik von Boney M. und anderen Gruppen, die nicht mag, dominiert. Geht rüber und achaltet um auf Mittelwelle. Findet diesen Piratensender, der auf einer Plattform mitten im Meer sitzt und die richtige Musik bringt. Jetzt läuft “The lamb lies down on Broadway” in voller Länge. Peter mag Genesis, aber er kann sich nicht vorstellen, dass die Band ohne Peter Gabriel und Steve Hackett noch so gut sein wird. Er hört sich das Stück bis zum Ende an und macht sich dann noch einmal auf den Weg zur Post.

Es ist stickig in der Zelle. Auf dem Kunstlederpolster des Klappsitzes ist ein merkwürdiger Fleck. Also bleibt er stehen. Häuft die Jetons in Zehnerstappeln oben auf dem Blechgehäuse des Fernsprechers auf. Vier Stück baut er auf; das wird für knapp zwanzig Minuten Gespräch nach Deutschland reichen. Es ist nach sechs, und er ist sich sicher, dass Karin nun zuhause ist. Wählt und lauscht auf das Läuten am anderen Ende, das durch den Draht zwischen Paris und Dortmund hallt. Beim zwölften Klingeln hebt jemand ab und sagt: “Ja, hier bei Blaszcyk.” Eine unbekannte Frauenstimme. “Hier ist Peter. Kann ich Karin haben?” Auf der anderen Seite wird gekichert, dann wird der Hörer abgelegt. Vermutlich auf der weißen Kommode neben der Garderobe im Flur. Er hört Schritte. Dann ertönt das Warnsignal, und er wirft die nächsten fünf Münzen nach. Es wird gelacht, wahrscheinlich in der Küche, und er meint, Geräusche von Gläsern, mit denen angestoßen wird, zu vernehmen. Jetzt hört er Karin etwas rufen, und ein paar Sekunden ist sie am Apparat: “Peter! Wie geht’s? Was machst du?” – “Gut. Was ist bei dir los?” Karin gluckst, als müsse sie ein Lachen unterdrücken. “Wir feiern ein bisschen.” – “Wer?” – “Na, die Brigitte ist da, die Ulrike mit Manni, Elke, Gaby, Uwe, Manfred und Klaus, die Kollegen, eben.” Peter schnauft: “Und warum?” Wieder gibt Karin ein unterdrücktes Geräusch von sich: “Gehaltserhöhung, ich hab eine Gehaltserhöhung bekommen. Stell dir vor: 120 Mark mehr jeden Monat! Trotz Schwangerschaft. Ist das nicht toll?” – “Ja, toll. Muss mit dir reden, Brauch deinen Rat.” Die nächsten zehn Münzen sind durchgelaufen. “Sag mir, wann ich anrufen soll.” – “Soll ich dich nicht besser anrufen?” – “Hab kein Telefon in der Wohnung.” Karin schweigt einen Moment: “Wohnst du nicht mehr bei Gisela? Die hat doch Telefon…” – “Nein. Erzähl ich dann auch. Also, wann?” Es dauert einen Augenblick. Peter wirft Jetons nach. “Heute ist schlecht. Darf ja nicht so spät ins Bett, weil ich früh raus muss. Kann ja die Gäste nicht einfach rauswerfen.” – “Dann ruf ich morgen Mittag in der Kanzlei an, okay?” Schweigen am anderen Ende. “Gut. Aber Punkt zwölf, bitte. Bis dann…” – “Moment! Warum ist Klaus da? Ist doch kein Kollege?” – “Den hat Brigitte mitgebracht.” Jetzt sagt Peter einen Zeitlang nichts, und beide hören die letzten Münzen fallen. “Hab dich lieb. Bis morgen.” – “Ich dich auch, Peter.”

Peter ist der letzte Kunde im Postamt. Die Rolläden an den Schaltern sind schon alle geschlossen. Ein Beamter steht ungeduldig an der Tür mit einem schweren Schlüsselbund und bedeutet ihm, sich rasch davonzumachen. Zwischendurch wird es stark geregnet haben; die Fahrbahn dampft, in der Gosse braust das schmutzige Wasser zum nächstgelegenen Gulli. Die Luft zwischen den Dingen lässt sich beinahe mit den Händen greifen, diesig, neblig. Zerstreut alles Licht: Über den Dächern dämmert es, und fahren die Autos mit Standlicht, gelbe Punkte, die sich in Pfützen spiegeln. Wieder hat er vergessen, etwas zu essen. Er ist in Richtung Place nationale gelaufen, auf die Hochhäuser zu, wo die Vietnamesen wohnen, wo viele Wohnungen noch leerstehen, wo es Baulücken gibt, weil das große Renovierungsprogramm abgebrochen wurde. Direkt am Platz findet er ein Restaurant, das in einem modernen Pavillon untergebracht ist, Chez Trassoudaine heißt es und sieht einladend aus. Er betritt die Brasserie und wird von einer jungen Frau in klassischer Kellnerkleidung freundlich empfangen. Sie bietet ihm zwei Plätze zur Auswahl an, und er entscheidet sich für einen Zweiertisch am Fenster, sodass er hinausschauen und den Verkehr beobachten kann. Dann bringt sie die Speisekarte, empfiehlt das Tagesmenü und fragt, ob er einen Aperitif möchte. Peter macht es sich einfach, entscheidet sich für das Menü und bestellt eine Flasche Roten, also die Hausmarke, und Wasser.

Mehr als zwei Stunden verbringt er im Trassoudaine, das sich langsam füllt und gegen acht fast komplett belegt ist. Trotzdem bleibt die Atmosphäre ruhig, die Kellnerinnen und der Mann hinter der Theke arbeiten gelassen, aber zügig. Die Gäste unterhalten sich leise, und oft sind die Rufe der Leute in der Küche das lauteste Geräusch. Nach einer feinen Cremesuppe serviert man ihm einen Teller Muscheln in Tomatensosse. Als Hauptgericht bekommt er ein wunderbares Kalbskotelett vom Grill mit Pommes Frites und einem gemischten Salat. Und das Limonensorbet bildet einen glanzvollen Abschluss. Er lässt sich die Käseplatte zeigen und wählt drei kleine Stücke. Ein Kaffee und ein kleiner Schwenker Calvados müssen sein. Am Tresen holt er sich ein Zigarillo. Und so kommt er zur Ruhe und zum Entschluss, dass seine Entscheidung heute beim Gespräch mit Olivier und Ludwig ganz richtig war und er keinen Rat von Karin braucht.

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publiziert am 23.06.15 in Oder nie ¦ 719x gelesen ¦ noch kein Kommentar