Oder nie (28)

Satt, zufrieden und entspannt wandert er nachhause. Und stellt plötzlich fest, dass es schon so spät ist, dass er kaum noch pünktlich auf der Arbeit sein kann. Minh Chau ist auch schon weg. Hat ihm einen Zettel hinterlassen: “Was ist los?” Schnell zieht er sich um: die fleckige Militärhose, das schmuddelige Amorlux und drüber den obligatorischen grünen Kittel. Hastet zum Bus und trifft gegen halb zwei am Stand von Monsieur Lebruine ein. Der winkt ihn zu sich: “Heute keine Prämie. Klar?” Peter setzt zu einer Erklärung oder Entschuldigung an, aber sein Chef hat sich schon umgedreht und ist zurück an seinem Stammplatz gegangen. Die Kollegen grinsen, und der Deutsche, so nennen sie ihn, spürt den vielen Alkohol, den er beim Abendessen getrunken hat. Ist außerdem unkonzentriert, und gleich die zweite Fuhre kippt ihm um. Je länger die Nacht sich zieht, desto öfter geht etwas schief. Dann schiebt er einem der wichtigsten Kunden, dem Einkäufer der Mercure-Hotels, den Hubwagen schwungvoll in die Haken, dass der nach vorne fällt. Peter hilft dem Mann auf, der sich nicht verletzt hat, und entschuldigt sich. Sein Opfer nimmt die Sache gelassen, aber Lebruine kommt angerannt, klopft dem Kunden die Sachen ab und beginnt, seinen Mitarbeiter unflätig zu beschimpfen. Die Tirade endet mit einer Flut massiver, antideutscher Beleidigungen. Der Typ von den Hotels versucht zu schlichten, aber der Großhändler ist außer sich. Schließlich packt er Peter an der Knopfleiste des Kittels und schüttelt ihn. Der stößt ihn zurück. Lebruine stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf an den Kantstein. Erhebt sich benommen, das Blut läuft ihm seitlich am weißen Hemd herunter. Die Männer, die schon länger für ihn arbeiten, kommen hinzu. Der erste macht drohende Gebärden in Peters Richtung, der Dicke mit den kurzen Armen schlägt nach ihm, alle beleidigen ihn, alle nutzen deutschenfeindliche Ausdrücke und Sätze.

Peter rastet aus. Versetzt seinem Chef einen rechten Haken, der den zu Boden schickt. Dem Dicken tritt er in die Weichteile, und der ewig grinsende Pole fängt sich einen Satz Ohrfeigen. Dann kommen die beiden Algerier und haben gleich Messer in der Hand. Peter dreht sich um und startet durch. An der Ecke der Hallengasse dreht er sich um. Niemand ist ihm gefolgt. Es ist kurz vor vier als er in der Fischhalle bei Minh Chau auftaucht. Die hat gerade keine Zeit, ein Dutzend laut schwatzende Männer aus Asien, allesamt mit qualmenden Zigaretten bewaffnet, will gleichzeitig bedient werden, und seine Freundin ist wieder einmal allein am Stand mit den Fischkisten voller Seegetier. Peter ruft ihr nur zu: “Bin rausgeflogen. Fahr jetzt nachhause. Wir sehen uns nachher.” Und ist weg.

Im Bus merkt er, dass er zittert, dass die Knöchel seiner rechten Faust bluten, dass der Kittel und auch das Ringelhemd zerrissen sind. Er ist erschrocken über sich selbst. Hat gedacht, er habe seinen Jähzorn im Griff, der ihm beinahe eine Vorstrafe eingetragen hätte, nachdem er vor vier, fünf Jahren eine Kneipenschlägerei angezettelt hat. Da war er mit Karin und ihrer Kollegin Gaby im Petit fleur. Gaby hatte Ernst mitgebracht, ihren damaligen Freund. Am Tresen hatten sie vier freie Barhocker gefunden, über Eck, zwischen ihnen der schwarzbraune Balken der das sinnlose Dach über dem Thekenkarree stützte, das mit drei Reihen Schindeln gedeckt war. Das Petit fleur galt in Dortmund als Bar. Es hieß, dort gäbe es die besten Cocktails der Stadt, aber die Männer tranken auch hier Pils, wie sie immer Pils tranken, und die Frauen griffen zum Wein. Die Musik kam von einer Tonbandmaschine mit riesigen Spulen; der Barkeeper erzählte, dass darauf gut zweiundzwanzig Stunden Musik seien. So würden sie sich den Diskjockey sparen. Der Inhaber selbst stelle das Programm zusammen, der besäße angeblich fast zehntausend LPs und verbrächte ganze Nächte damit, die Lieder auf Tonband zu bringen. Das Programm schwankte zwischen viel geruchs- und geschmackloser Instrumentalmusik, ein bisschen pflegeleichtem Jazz und Schnulzen aus vier Jahrzehnten. Das alles leise im Hintergrund, für die Atmosphäre. Die Bar war vorher eine Eckkneipe, die sich rustikal nannte, und dem Wirt, der den Laden Mitte der Sechzigerjahre umgemodelt hatte, war schnell das Geld ausgegangen, sodass die Einrichtung immer noch zu großen Teilen die einer Wirtschaft war.

An jenem Abend aber gab es Tanzmusik von der Schallplatte. Ein älterer Herr mit einer über die Glatze geklebten Strähne und blauem Glitzersakko gab den Conferencier. Sein Adlatus, ein blasses Mädchen im Blumenkleid, legte nach seinen Anweisungen die Scheiben auf. Und dann bewegten sich drei, vier Paare auf der Tanzfläche. Mehr hätten ohnehin nicht gepasst, denn die Blechplatte, die man auf den dunkelroten Teppichboden gelegt hatte, war vielleicht zwei mal zwei Meter groß. Dann kam “Je t’aime” von Serge Gainsbourg, und beide Paare fanden sich zum Klammerblues auf dem Blech. Karin konnte bei solchen Liedern und solchem Tanzen sehr anschmiegsam werden, und einmal hatte sie in einer ähnlichen Situation versucht, Peter auf die Damentoilette zu lotsen, um es dort mit ihm zu treiben. Gaby, die über den Abend hinweg nur noch wenig Lust auf ihren Begleiter hatte, hielt Ernst beim Blus auf halbe Armeslänge von sich weg. Dann war das Stück zuende, und die vier jungen Leute kehrten an ihre Plätze zurück. Und fanden zwei davon mit ebenfalls jungen Frauen besetzt. Ernst sprach sie an, es seien ihre Hocker, sie seien nur eben mal tanzen gewesen. Worauf sich die eine, eine mächtige Blondine mit stramm geschnürter Oberweite umdrehte und in breitestem Ruhrdeutsch sagte: “Mach dich vom Acker, du Arschgeige!” Dann sagte Karin etwas, was der Dicken nicht gefiel, worauf sich Peters Freundin eine Ohrfeige verpasste. Da rastete er aus und stieß die Wuchtbrumme mit Anlauf vom Hocker. Leider kamen in diesem Moment die beiden Begleiter der Damen vorbei, und schon war die schönste Prügelei im Gange. Im Prozess wurde er wegen erheblicher Beteiligung zu Sozialstunden und einer Geldstrafe von 300 Mark verdonnert, aber eben nicht wegen Körperverletzung bestraft. Immerhin hatte er dem einen Gegner das Nasenbein gebrochen und dem anderen zwei Zähne ausgeschlagen.

Er schläft traumlos bis zum hellen Mittag. Minh Chau ist schon wieder unterwegs, und er versucht, sich wieder in eine vorzeigbare Form zu bringen. Bei Claude sind gleich drei Zettel von Giselle für ihn hinterlegt. Der Wirt hat mit dickem Bleistift die Reihenfolge markiert. Auf dem Zettel A steht: “Herzlichen Glückwunsch und toi-toi-toi.” Den zweiten bedecken eine Reihe sehr klein geschriebener Zeilen, die Peter kaum entziffern kann. Blatt C trägt die Aufschrift: “Heute (Donnerstag) noch dringend bei P & M vorbeikommen! Wichtig! Uhrzeit egal.” Er lässt sich ein Omelette machen und trinkt jede Menge Kaffee dazu. Schließlich liest er sich den Zettel mit dem Kennbuchstaben B in Ruhe durch: “Lieber Peter, sei mir nicht böse. Ich bin dir auch nicht böse. Ich war einfach sehr enttäuscht, dass du einfach so ausgezogen bist. Du arbeitest ja jetzt für uns. Da werden wir uns ja regelmäßig sehen. Vielleicht können wir ja trotzdem mal zusammen ausgehen. Was meinst du? Oder auf ein Konzert. Im Olympia oder im Palais du Sport treten immer internationale Stars auf. Über Olivier komme ich jederzeit an Karten. Hast du morgen (Donnerstag) Zeit? Bin ab sieben hier. Vielleicht kommst du ja… Kuss, deine Giselle.”

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publiziert am 25.06.15 in Oder nie ¦ 833x gelesen ¦ noch kein Kommentar