Oder nie (29)

Francine öffnet die Tür, lässt ihn stehen, rennt los und ruft in den Besprechungsraum, dessen Tür offen steht: “Er ist da!” Wieder kommt ihm Olivier mit weit ausgebreiteten Armen entgegen und wieder will er ihn mit Wangenküssen begrüßen: “Mein Lieber…” Und drängt ihn in den großen Saal mit dem ovalen Tisch, an dem sieben Herren sitzen. Ganz unterschiedliche Typen: zwei in sehr formellen Anzügen mit hochgeschnürten Hemdkragen und straffen Krawatten, drei Männer mittleren Alters in pastellfarbigen Stricklacken, ein Bursche in Tarnfleckenhosen mit weißem T-Shirt und schwarzer Lederweste darüber und Ludwig, dieses Mal ganz in Rot: bordeauxfarbige Hose, feuerrotes Hemd mit riesigem Kragen und darüber einen Pullunder am Rande von Orange. Der wedelt: “Peter, mein Peter, so gut dass du da bist.” Der ist ein wenig überfordert und lässt sich von Olivier auf einen Stuhl am Kopfende drücken. “Das”, sagt der Modemann auf französisch, “ist unser Pierre, den ich euch vorstellen möchte. Eigentlich heißt er Peter und kommt aus Deutschland. Er ist Fotograf und vielleicht der kommende Star am Himmel der Herrenmodenfotografie. Was sagst du, Lu?” LaBanda schaltet auf englisch um: “I admire this young guy. He showed us some of the most remarkable photographs I have seen in a while. All taken in situations with working men here in Paris.” Olivier enthüllt nach und nach die sieben großen Fotos, die schon seit dem Gespräch der drei hier hängen und die mit weißen Tüchern bedeckt waren. Die Männer stehen auf, und dann beginnt der eine Anzugträger zu applaudieren.

“Und jetzt, lieber Peter, möchte ich dir die Anwesenden vorstellen.” Die drei Pastellfarbigen sind angesagte Couturiers, und zumindest den Namen des einen meint Peter bereits irgendwo gelesen zu haben. Die steifen Herren sind Vertreter der amerikanischen Investoren und heißen tatsächlich Smith und Wesson. Und der militärische Typ entpuppt sich als Organisationschef, zuständig für die Orte und Szenerien bei Foto-Sessions. Dann stellen die Männer durcheinander und in verschiedenen Sprachen Fragen, die Peter beantworten soll. Zum Glück übenehmen Olivier und Lu das abwechselnd für ihn, und er nickt eigentlich durchgehend. Schließlich sitzen wieder all, und der Hausherr beginnt mit seinem Vortrag: “Meine Herren, wie Sie wissen, steht die diesjährige, von uns vorgestellte Kollektion der Stücke von Yves, Boris und Mike unter dem Motto ‘men at work’. Durch Zufall haben wir Peter kennengelernt, der genau an diesem Thema arbeitet. Und das schon seit Jahren. Lu hat ihn deshalb vom Fleck weg engagiert, und er wird unter seinem Künstlernamen… Peter, wie ist nochmal dein Künstlername?” Der erinnert sich nicht genau und sagt: “Pierre Bertrand.” Weil er gerade an den Sänger denkt, der sich den Vornamen Plastic gegeben und im Vorjahr einen schwungvollen Song in französischer Sprache in die Hitparadden gebracht hat. “Ah”, sagt Yves, “wie Plastic Bertrand! Ca Plane Pour Moi…” und beginnt zu singen. Bis ihn die indignierten Blicke der Kollegen zum Schweigen bringen.

Yves scheint der Wilde unter den Modeschöpfern zu sein, den er trägt ein dunkelblaues Hemd mit neongrünen Längsstreifen unter der rosafarbenen Strickweste. Mike ist dagegen Ton ind Ton gekleidet, wobei er sich die Farben um ein mattes Umbra gruppieren, und Boris hat weiße Hosen und ein klassisches weiße Oberhemd mit hochgekrempelten Ärmeln an, sein Pullunder ist hellgelb. Außerdem trägt er durchgehend eine ziemlich arrogante Miene zur Schau und hat als einziger bei der Enthüllung der Fotos nicht geklatscht. “Und so wird Pierre Bertrand in dieser Saison unser Fotograf für die gesamte Kollektion. Sie wissen, dass ist ein ungewöhnlicher Schritt, weil wir ja bisher immer zwei, drei oder gar vier Fotografen aus dem Elle-Elle-Stall engagiert haben. Aber wir sind uns bei Pierre ganz, ganz sicher. Nicht wahr, Lu.” Ludwig LaBanda steht auf und erzählt dasselbe noch einmal, auf englisch und in seinen Worten.

Peter kommt sich vor wie in einem Raumschiff voller Außerirdischer. In seinem Leben ist er noch nie mit Mode, schon gar nicht Männermode in Berührung gekommen. Als er noch klein war, schleiften ihn die Eltern zweimal im Jahr zu C&A, wo er für die jeweilige Jahreszeit mit dem Notwendigsten eingekleidet wurde. Die Bilder aus der Hippiezeit, besonders aus Woodstock waren für ihn eine Erleichterung, weil er schnell erkannte, dass er sich nur für eine Uniform entscheiden müsste, um in Zukunft immer passend gekleidet zu sein. So kam er auf die obligatorischen Jeans, das blaue Hemd – erst aus Nyltest, später aus Mischgewebe und seit Neustem auf Karins Wunsch aus Baumwolle – und den Bundeswehr-Parka. Er besaß keine anderen Kleidungsstücke außer einem dunkelblauen Nicki und einem schwarzen Pullover mit V-Ausschnitt, den er anzog, wenn es kälter war. Bei der Beerdigung des Vaters trug er einen geliehenen schwarzen Anzug, der so weit auch bganz gut saß, außer dass die Ärmel und die Hosenbeine deutlich zu kurz waren. Weil er aber nie mit den entsprechenden Kreisen in Berührung kam und auch entsprechende Zeitschriften nie las, hatte er keine Vorstellung von Herrenmode. Als ihm Karin vor einem Jahr bei Peek & Cloppenburg in Düsseldorf einen Anzug verpassen wollte, war er noch vor der ersten Anprobe geflohen.

Die Gespräche der Runde flossen anihm vorbei, als hätten sie nichts mit ihm zu tun. Dann erhoben sich alle, kamen zu ihm, schüttelten ihm die Hand und verabschiedeten sich. Jeder gab einen kurzen optimistischen Spruch, und der Organisationskerl schlug ihm freundschaftlich aufs Schulterblatt. Als die Bande das Büro verlassen hatte, sagte Olivier: “So, und jetzt gehen wir an die Details.” Termine und Orte wurden genannt, Namen von männlichen Mannequins und Visagistinnen. Lu und Olivier pflegten einen von englischen Fachbegriffen durchsetzen Jargon, den er nicht verstand. Schließlich sagte Lu: “Und, Peter, welches Equipment hättest du denn gern?” Da wachte er auf und sagte schnell: “Hasselblad, das mache ich mit der Hasselblad.” Der Fotoagent nickte wissend und meinte nur: “Gute Wahl. Welche Optiken?” Und schon waren sie in einer Expertendiskussion gefangen, der Olivier nicht mehr folgen konnte. “Bitte, das könnt ihr später noch untereinander klären. Lasst uns über Honorare reden.”

Zwanzig Minuten später verlässt Peter das Haus an der Rue Goethe mit einem Scheck über zfünfzehntausend Franc als Vorschuss und einer von allen dreien unterschriebenen Absichtserklärung, dass sich sein Honorar für die Kampagne auf fünfundsiebzigtausend Franc belaufe, Spesen selbstverständlich separat. Dass die Rechte an den entstandenen und vom Auftraggeber, in diesem Fall die Firma Pommerau et Millet, beim Fotografen verbleiben, der Auftraggeber aber das Recht erwerbe, diese Fotos nach Bedarf und Wunsch in allen möglichen Medien zu verwenden. Die Provision für die Agentur Elle-Elle betrage die üblichen zweiundzwanzig Prozent und werde auf das Honorar aufgeschlagen. Das Honorar werde Peter per Scheck in fünf Tranchen zu je fünfzehntausend Franc ausgezahlt, die erste Rate sofort und als Vorschuss. Peter ist jetzt also reich. Und weiß nicht, was er nun tun muss oder tun soll oder tun will.

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publiziert am 27.06.15 in Oder nie ¦ 869x gelesen ¦ noch kein Kommentar