Oder nie (30)

Da ist eine Credite-Lyonnais-Filiale. Peter geht rein und tritt an einen freien Schalter. Der Bankbeamte fragt nach seinen Wünschen, und er schiebt den Scheck rüber. Ob er den auf ein Konto gutschreiben lassen oder Bares haben möchte. Peter verlangt Bares und muss dazu seinen Pass vorlegen. Der Mann hinter dem Tresen hakt nach: Er solle doch besser ein Konto eröffnen und nicht mit so viel Bargeld durch die Stadt laufen. Peter lehnt ab, er will die Scheine sehen. Also blättert ihm der Banker zehn nagelneue Tausender hin, acht ebenfalls fast unbenutzte Fünfhunderter und weitere tausend Franc in kleinen Scheinen. Er zählt nicht nach und bittet um ein Couvert. Dort bringt er die vierzehntausend unter. Den Rest stopft er in die Hosentasche. Bedankt sich und steht mit jeder Menge Schotter auf der Avenue George V. Dann hat er die Idee. Ruft ein Taxi herbei und lässt sich zum Kaufhaus Samaritaine kutschieren. Die Droschke ist ein betagter 404 mit einem Chauffeuer unbestimmten Alters mit dichtem Vollbart, mächtigen Augenbrauen und einer speckigen Ledermütze auf dem Kopf. Ob er das Radio einschalten könne, fragt er. Peter nickt. Und dann hört er zwei Menschen in einer ihm völlig unbekannten Sprache wild diskutieren. Danach eine ebenfalls sehr fremde Musik, irgendwie orientalisch. “Aus ihrer Heimat?” Der Fahrer dreht sich halb um und sagt: “Heimat kaputt. Leute kaputt. Verstreut in aller Welt. Bin ich Armenier.” Und nach einer Weile: “Wie Aznavour. Kennen Sie Aznavour?” Natürlich kennt Peter den großen Chansonnier. “Auch Armenier.” Dann haben sie ihr Ziel erreicht.

Onkel Eduard, ein Halbbruder seines Vaters, war Taxifahrer. In Essen. Joseph hatte wenig Kontakt mit ihm, die Brüder waren zu ungleich. Eduard galt als lockerer Vogel, der so wenig wie möglich arbeitete und sein Geld zum Teil auch auf anderem Wege verdiente. Es hieß, er sei Hehler. Bei ihm bekäme man alles, was das Herz begehrt, für kleines Geld. Wenn er – und das gehörte zu seinen Gewohnheiten – zum Geburtstag des Halbbruders nach Dortmund kam, hatte er immer haufenweise Geschenke für alle dabei. Peters erster Fotoapparat, eine Instamatic, war eines dieser Geschenke. Oder die Walkie-Talkies, mit deren Gequäke er tagelang die Familie in den Wahnsinn trieb. Bis die Batterien leer waren und die Dinger mit neuen nicht wieder funktionieren wollten. Mit zwölf oder dreizehn war Peter einmal auf eigene Faust nach Essen gefahren mit dem Nahverkehrszug. Mit der Familienkarte der Bahnbeamten, die er sich ohne Wissen der Eltern ausgeborgt hatte, kostete das ja nichts. Zufällig stand Eduard mit seiner Droschke am Hauptbahnhof. Freute sich sehr über den Besuch und lud Peter erst einmal auf eine heiße Wurst ein. Dann sagte er: Komm steig ein, ich zeig dir die Stadt. Die Rundfahrt dauerte beinahe zwei Stunden und wurde unterbrochen durch ein großes Eis bei Möhrchen auf der Rüttenscheider Straße und einer Limo unten am Baldeneysee. Wenn du groß bist und deinen Führerschein hast, hatte Eduard beim Abschied gesagt, dann kommst du zu mir und wirst auch Taxifahrer, abgemacht? Peter wusste nicht, wie er das Angebot ablehnen sollte und sagte nur: Mal sehen.

Also begibt er sich in die Herrenabteilung im zweiten Stock. Steht orientierungslos herum bis ihn ein Verkäufer schrägt von hinten anspricht. “Einen dunklen Anzug”, sagt Peter. Sein Berater kommt ihm vor wie ein Adliger oder ein Diplomat, sicher an die sechzig Jahre mit silbergrauem Haar auf dem Kopf, schön zu Flügel geföhnt, und einem sorgsam gestutzten Schnurrbart. Sein Nadelstreifenanzug sitzt perfekt, und das ochsenblutfarbige Einstecktuch harmoniert wunderbar mit dem hellblauen Hemd und der Krawatte mit einem Pasley-Muster in rötlichen Tönen. Mit einem Griff hat der Verkäufer sein Maßband gezückt und lässt sich anmutig auf ein Knie herunter, um Peters Beine und den Schritt zu vermessen. Dann richtet er sich auf, steht auf Zehenspitzen, um die Maße vpm Halsumfang und den Schultern zu nehmen. Während bei C&A und P&C in Düsseldorf nur noch Kleiderständer herumstehen und Kleiderstangen an den Wändenentlang mit dem Angebot behängt sind, finden sich die Anzüge in hölzernen Schränken hinter einer Theke, die als Vitrine gestaltet ist, in der Oberhemden und Accessoires ausgestellt sind. Der Verkäufer tritt an seinen Arbeitsplatz, schiebt Türen auf und wieder zu, blättert durch die Kleidungsstücke darin und wirft ab und an einen Anzug schwungvoll auf den Tresen bis dort insgesamt fünf Stück liegen.

Es folgt zu jedem Anzug eine weitschweifige Erklärung, der Peter nicht folgen kann. Und dann die Frage, welchen er gern anprobieren möchte. Er zeigt auf den schwärzesten der schwarzen. Sein Berater legt sich das Teil über den Arme und führt seinen Kunden in die Umkleide am anderen Ende des Stockwerks. Hier ist der Boden mit einem dicken Teppich belegt, die Kabinen sind groß wie Kinderzimmer und über dem zentralen Raum dreht sich langsam ein Ventilator. Der Verkäufer zieht den Vorhang zu. Peter zieht sich aus und den Anzug an. Ist völlig überrascht, dass das Kleidungsstück richtig gut passt. Das kennt er so von den Einkaufsqualen seiner Kindheit nicht. Dieser Anzug sitzt, nur die Hosenbeine und die Sakkoärmel sind ein wenig zu kurz. Er tritt aus der Kabine und präsentiert sich. Der Mann vom Samaritaine mustert ihn kritisch und gibt dann eine relativ lange Analyse ab. Zupft an den Ärmeln und zeigt auf die Hosenbeine. Peter sagt: “Den nehm ich. Was kostet er?” Eintausendzweihundert Franc soll er zahlen, die Kosten für die Änderung seien inbegriffen. Er solle einen Moment warten, der Schneider werde gerufen. Also steht er da auf flauschigem Boden inmitten alten Holzes und umgeben von acht Spiegeln. Sieht sich selbst gleichzeitig von allen Seiten. Das erinnert ihn an ein Projekt, das er nie vorangetrieben hat: Fotos von Spiegelungen, in Schaufenstern, auf blankpoliertem Autoblech, Chrom und dergleichen. Das achtfache Bild aber ist ihm fremd. Nicht dass ihm nicht gefiele, was er sieht, aber der Mann, den er sieht, ist nicht der Peter, den er kennt. Dann kommt ein hinkendes Hutzelmännlein im blaugrauen Kittel und beginnt sofort an ihm herumzuzupfen, markieren mit Kreide auf den Anzugstoff zu malen und mit Nadeln, die er im Mund trägt, das Futter umzuheften. Der Verkäufer bittet ihn, sich wieder umzuziehen. Der Anzug sei am folgenden Tag ab elf Uhr vormittags fertig und könne dann im Basement am Schneidereischalter abgeholt werden. Peter möge ihn nun zur Kasse begleiten.

Eher zufällig kommt er im Erdgeschoss an einem Stand mit Modeschmuck vorbei. Goldkettchen für das Handgelenk, an denen sieben goldene Anhänger baumeln. Er denkt sich, dass Frauen solche Dinge gefallen und kauft eine Kette für Karin. Als die Verkäuferin sie einpackt, sagt er: “Halt, geben sie mir noch drei davon.” Und lässt sie einzeln verpacken. Fährt mit dem rumpelnden Aufzug ins Dachgeschoss. Seine Gete hat Dienst, erkennt ihn aber nicht. Er nimmt einen großen Milchkaffee und setzt sich nach draußen auf die Terrasse über der Seine. Der Himmel ist diesig, aber geschmückt mit Schäfchenwolken, die gemächlich vorbeisegeln. Die Durchsagen von den Sighseeing-Booten dringen zu ihm durch. Er raucht nach langem wieder eine Zigarette. Und traut sich dann. Geht zur schönen Äthiopierin, sagt er: “Ich habe ein Geschenk für Sie.” Reicht ihr das verpackte Kettchen und geht, ohne darauf zu warten, dass sie es auspackt.

Schmuck hatte Eduard auch immer im Angebot, aber Peters Mutter wollte davon nichts haben. Sagte immer, das sei schmutziges Gold. Eduard lachte dann und sagte jedes Mal: “Alles Gold ist schmutzig.” Heute denkt Peter, dass sein Vater sich vielleicht hätte verführen lassen von seinem ungleichen Bruder, gestohlene Ware anzunehmen. Weil sie so wenig hatten, weil er so wenig verdient, weil die Nachbarn alle schon Fernsehapparate hatten, nur die Blascyks nicht. Von einem Auto ganz zu schweigen. Wo doch die Klassenkameraden mit ihren Eltern in den Sommerferien an die See fuhren oder nach Bayern oder Österreich, und die Blascyks schön daheim blieben und am Wochenende mit dem Bus an den Baggersee fuhren. Ja, sie waren arm, aber Joseph Blascyk war stolz darauf, das bisschen Geld mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Peter war nie neidisch auf das, was andere hatten. Nur das mit dem Fernseher, das wurmte ihn. Denn wenn er “Sport, Spiel, Spannung” oder gar den Beatclub sehen wollte, musste er jemanden aus der Klasse oder der Nachbarschaft finden, der ihn einlud. Außer in der Zeit als er mit Michael befreundet war, blieb nur der Oertzel, der mit seiner Mutter nebenan wohnte und von dem es hieß, der sei geistig behindert. In Wirklichkeit hieß der Günter Sobszczinski und war schon weit über zwanzig, hatte aber nie eine Schule besucht. Keiner wollte mit dem befreundet sein, deshalb freute sich Frau Sobszcsinski, wenn Peter vorbeikam, um das Nachmittagsprogramm anzuschauen. Der Oertzel nahm nie so recht wahr, ob und wer da war. Der war ganz konzentriert auf das Flimmern und dem Versuch es zu entschlüsseln. Nur wenn man ihn am Arm berührte, nahm er kurz an der Realität teil. Aber als Günter mit nicht einmal dreißig Jahren starb, da begleitete ihn mehr als die halbe Nachbarschaft auf seinem letzten Weg. Pfarrer Rosemann sagte am Grab, Günter sei ein guter Mensch gewesen. Und Peter fragte sich, woher der Priester, der nie sein Pfarrhaus verließ außer zu Beerdigungen, das wissen konnte.

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publiziert am 29.06.15 in Oder nie ¦ 796x gelesen ¦ noch kein Kommentar