Oder nie (31)

Die Fahrt mit dem Taxi hat ihm gefallen. Wie der Armenier mit seinem 404 geschmeidig mitgeschwommen ist im Strom der Autos, durch den sich hier und da Motorrad- und Rollerfahrer schlängeln. Fußgänger steigen ebenfalls an den seichten Stellen in diesen Strom und nutzen die Bewegung um sich auf die gegenüberliegende Straßenseite treiben zu lassen. Das alles frei von Aggression, ganz anders als Peter das aus Deutschland kennt, wo jeder den anderen besiegen will. Nein, das Verhalten der Leute an den Lenkrädern hat nichts mit Rücksicht zu tun, dass sie ausweichen, scheint mehr eine instinktive Handlung zu sein. So wie sich Vögel in einem Schwarm untereinander ausweichen, damit keiner von ihnen abstürzt. Auch das ständige Hupen hat eine eher biologische Funktion; Stimmfühllaute nennt man das in der Verhaltensforschung. Damit kennt Peter sich mehr aus als mit dem Autofahren, denn sein Lieblingslehrer, der Dr. Steinhoff, Mathematik und Biologie, war ein glühender Anhänger von Konrad Lorenz und hatte die jungen Schüler schon mit dessen Thesen vertraut gemacht. Natürlich kennt er “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen” fast auswendig und “So kam der Mensch auf den Hund” auch. Rüdiger Steinhoff, der sich kleidete wie eine Mischung aus Förster und Wandervogel, hatte ihnen beide Bücher vorgelesen im freiwilligen Zusatzunterricht, den er im Sinne einer Arbeitsgemeinschaft anbot. Da hatte er auch seinen Wolfsspitz Adam mitgebracht, einem offensichtlich schlauen, aber vorwiegend übellaunigen Rüden, der außer seinem Herrn keinen anderen Menschen gelten ließ. Und an den Wandertagen führte Dr. Steinhoff seine Jungs regelmäßig in unwegsame Naturschutzgebiete zum Pflanzenbestimmen und -sammeln und dem Beobachten von Vögeln und Insekten.

Wenn Peter eines von Steinhoff gelernt hatte, dann den Respekt vor der Natur, vor der Schöpfung, wie es der Lehrer ausdrückte, der sich selbst – das verriet er seinen Jungs allerdings erst nach der Abiturfeier beim Bier in seinerm Stammwirtschaft – keiner Kirche zurechnete, aber auch kein Atheist war. Er sei ein gottgläubiger Rationalist und Humanist, hatte er gesagt, und die Hälfte seiner Klasse wollte auch so werden. Nur ständig in Grün und Braun gewandet wollte niemand von denen herumlaufen. Kaum hatte Peter und seine Klassenkameraden das Abitur gemacht, ließ sich Dr. Steinhoff vorzeitig pensionieren. Es hieß, er sei nach Norwegen ausgewandert, um sich ganz der Natur widmen zu können. Oder: Er wolle endlich sein Buch schreiben, von dem erschon seit fünfzehn Jahren sprach, eine Art Vereinheitlichungstheorie von Genetik, Musik und Verhaltensforschung. Die Kollegen waren allerdings nicht sehr unglücklich über den Ausstieg des Sonderlings, der sich allen üblichen Gymnasiums- und Kollegiumsritualen so weit wie möglich entzogen hatte. Steinhoff hatte die Stadt gehasst, vermutlich wäre ihm das Paris der späten Siebzigerjahre als die Kumulation aller Dekadenz erschienen, die den Menschen von seiner Natur und von der Schöpfung weggetrieben hat. Sicher hätte er keine Analogien zwischen dem fließenden Verkehr und dem Verhalten von Vogelschwärmen erkannt.

Und weil es so schön war, nimmt sich Peter gleich wieder eine Droschke für den Heimweg. Dieses Mal nimmt er im Fond eines dunkelgrauen Citroen CX Platz, der von einem sehr schwarzen Mann mit polierter Glatze chauffiert wird. Der Schädel glänzt so stark im Licht dieses frühen Juniabends, dass sich die Sonnenreflexe drin spiegeln. Hier läuft keine Musik, aber der Fahrer unterhält seinen Gast mit einem endlosen Schwall an Beleidigungen, die er in einem Französisch von südlich des Äquators ausstößt. Ob er dabei ausschließlich Schimpfwörter benutzt, ist Peter nicht klar. Er sieht nur das angestrengte Gesicht des Kutschers im Rückspiegel. In der Rue Dessous angekommen, öffnet er Peter die Tür auf der rechtenn Seite, ohne vom Fahrersitz aufzustehen. Der reicht ihm einen Zwanzig-Franc-Schein, der wortlos kassiert wird. Es ist exakt die Zeit, in der die Wahrscheinlichkeit, Minh Chau zu treffen, am höchsten ist. Aber wieder ist sie nicht da. Seit der Nacht, in der Lebruine ihn raugeworfen hat, ist er ihr nicht mehr begegnet. Und wie er im großen Zimmer steht und sich umschaut, stellt er fest, dass es ihm auch nichts ausmacht, was ihm ein schlechtes Gewissen bereitet. So wie er immer ein schlechtes Gewissen hat, wenn er nicht oft genug an Karin denkt, wenn er sie ihn genug vermisst, wenn er sich nicht nach ihr sehnt. Aber der geht es offensichtlich ähnlich, nur ohne schlechtes Gewissen. Vielleicht ist es ja auch einfach vorbei mit seiner vietnamesischen Freundin, die mit ihm wohnen, aber nicht mehr schlafen will. Einen ganz kurzen Moment denkt Peter, dass es vielleicht auch mit Karin vorbei sei und wünscht sich in dieser Millisekunde, sie möge einen Neuen gefunden haben, der gut zu ihr passt.

Er packt die schnelle Leica ein und macht sich auf einen ziellosen Weg. Über Tag haben sich die Wolken über der Stadt versammelt bis eine durchgehende graue Decke über den Straßen schwebt, aus der inzwischen ein dünner, warmer Regen fällt. Peter hat seinen Trenchcoat vergessen, aber es macht ihm nichts aus, ein bisschen nass zu werden. Gehen will er und dabei fotografieren. Er wandert zur Place d’Italie und weiter Richtung Jardin du Luxembourg. Um den Park herum hinein nach Saint Germain des Pres. Und hier findet er sein Motiv: Die hellerleuchteten Terrassen der Cafes, wo die Menschen streng nach vorne blickend ausgerichtet sind, um gesehen zu werden – besonders im Cafe de Flore, weil da der Geist von Sartre weht und von Simone de Beauvoir. Mittelalte Frauen mit mittelgescheitelten Post-Hippie-Frisuren tragen Sonnenbrillen und sehr lange Zigaretten. Sie trinken helle Weine aus kleinen Gläsern. Intellektuelle erkennt man an ihren Lederjacken und dem angestrengten Blick. Stars sind die Kellner, die niemand wagt anzusprechen. Peter legt jede Scheu ab, baut sich auf dem Gehsteig auf und schießt ein Foto nach dem anderen. Bis der arroganteste der Kellner auf ihn zuschießt und mit Handbewegungen verjagt, mit denen man sonst Tauben verscheucht. Gleich um die Ecke das Deux Magots, in dem es nach Hemingway riecht und Picasso, Francoise Truffaut nicht zu vergessen. Wo die Ober freundlich sind, aber nicht servil, und die Gäste sich teilweise sogar miteinander unterhalten. Aber die Brasserie Lipp gleich gegenüber gefällt ihm besser, da kehrt er ein. Findet einen Zweiertisch ganz außen auf der Terrasse und dicht am Fenster, bestellt ein Croque Monsieur und ein Kronenbourg. Hat die Kamera im Anschlag und fotografiert Passanten aus der Hüfte.

Wandert den Boulevard Saint-Germaine entlang bis zum Boulevard Saint-Michel, den die Studenten kurz Boul’mich nennen. Die Füße tun ihm weh. Obwohl ihm klar ist, dass das Cafe hier an der Ecke ein Touristenmagnet ist, kehrt er im Depart ein. Und beschließt, es zu seinem Stammcafe an den Abenden zu machen, an denen er nicht bei Claude im Sous la pin ist. Sogar einen Lieblingsplatz hat er gleich entdeckt: mit Blick auf den Platz, ganz rechts, mittem Rücken zur Fensterscheibe. Der Blick durch die leicht vergilbten Seitenteile aus einem durchsichtigen Material könnte ein schönes wiederkehrendes Motiv ergeben. Gegen halb zwei stellen die Kellner die Stühle hoch. Peter legt schnell einen HP-X in die Leica ein, dreht den DIN-Wert aufs Maximum, zahlt und geht. Mit dem 50-mm-Objektiv dieser Lichtstärke und dem extrem empfindlichen Film kann er praktisch im Dunkeln fotografieren. Die Bilder werden sicher recht körnig, aber das kann als Effekt durchgehen. Er schleicht durch die Gassen und sucht nach Bildern. Schon bald merkt er, dass sein Kopf voller Fotos von Brassai und Cartier-Bresson steckt. Dass es keinen Zweck hat, deren Arbeiten noch einmal zu erzeugen. Aber dann sieht er doch einen einsamen alten Mann vor einem Hauseingang im Laternenlicht stehen, das sich in einer großen Pfütze spiegelt. Und bald findet er den Unterschied zwischen den Fotos der großen Vorbildern und dem, was er hier aufnimmt. So bewegt er sich über die Ile de la Cite Richtung Bastille, biegt ins Marais ab, landete am Place des Voges und schließlich in den stillen Straßen östlich des Gare du Lyon.

Seine Füße schmerzen sehr, und er ist froh, am Boulevard Diderot ein Taxis zu erwischen, das langsam über den feuchten Asphalt gleitet. Peter ist so müde, dass er kaum sein Ziel nennen kann und nicht einmal wahrnimmt, von welchem Typ das Taxi ist und woher der Fahrer kommt, der eine kleine weiße Strickmütze auf dem Hinterkopf trägt und zum Glück kein Wort sagt. Beinahe halb fünf ist es als er den großen Raum betritt und gleich hört, dass Minh Chau nicht allein in ihrem Bett hinter dem Paravent liegt und dass sie mit jemandem Liebe macht. Leise schleicht er in sein Zimmer, zieht sich aus, legt sich hin und schläft auf der Stelle ein.

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publiziert am 01.07.15 in Oder nie ¦ 736x gelesen ¦ noch kein Kommentar