Oder nie (33)

Als er kurz vor fünf im U Pinu einläuft und Claude ihn sieht, entfährt dem Korsen ein erstauntes “Putain!” Dann: “Du siehst fabelhaft aus! Wie ein Star.” Der Deutsche im schicken schwarzen Anzug dreht sich um die eigene Achse und sagt dann: “Man beachte die Stiefel.” In dem Moment kommt Giselle ins Bistro und erstarrt: “Peter, bist du das?” Der grinst wie er sonst so gut wie nie grinst. “Beruhigt euch mal, sind nur neue Klamotten.” – “Nein, nein”, ruft der Wirt, “das ist ein neuer Peter.” Seine Stammkundin nickt heftig. “Wir sind verabredet”, sagt er zu seiner Freundin, “du erinnerst dich?” Langsam beruhigt sich die Sache wieder. Claude bringt drei Likörgläser an den Stammtisch: “Heute eingetroffen – Muscat von der Insel. Stellt euch den Geruch von Pinien vor, Kräuter und Gewürze auf Felsen, ein stetiger Wind und pralle grüne Trauben…”

Sie stoßen an und trinken. Der kühle Süßwein geht im Mund auf wie eine Blüte. “Man sagt”, ergänzt der Wirt, “dieses Gesöff schmecke nur auf Korsika. Bringt man es aufs Festland, sei es nur noch eine ordinäre süße Brühe. Ich aber sage: Wenn du Muscat zusammen mit einem Korsen trinkst, schmeckt er immer wunderbar. Egal wo, egal wann.” Dann wendet er sich wieder den anderen Gästen zu. “Hab was ich für dich”, sagt Peter und gibt Gisela das Päckchen. Sie packt aus: “Oh, ein Bettelarmband, aber ein besonders schönes. Danke. Wir komme ich zu dem Geschenk?” Er druckst ein wenig rum. “Dafür dass du mir diese Chance eröffnet hast. Als Dank. Und weil ich dich mag.” – “Na, das wird sich zeigen, ob der Job für Elle-Elle Fluch oder Segen für dich ist. Sei mal nicht zu euphorisch. Solche Shootings – wie das in der Modebranche heißt – sind brutal und bösartig. Da machen sich die Leute gegenseitig fertig. Deshalb gibt es auch so viel Geld. Apropos: Was zahlt Lu dir?” Peter nennt den Betrag. “Nicht schlecht für einen Newcomer. Und du hast Vorschuss gekriegt. Und gleich richtig viel ausgegeben. Lass mich raten: Du hast nicht nur Anzug, Hemd und Schuhe gekauft, sondern gleich drei von den Armbänder. Eines als Mitbringsel für Karin, eines für mich und eines für deine Geliebte.”

Da beginnt Peter von der Sache mit Minh Chau zu erzählen. Auf Französisch, weil ihm da die Worte und Sätze flüssiger kommen. Giselle nickt ab und zu, lächelt oder schaut ernst. Als er von seinem Rausschmiss im Großmarkt berichtet, lacht sie schallend: “Wusste gar nicht, dass du ein Krawallbruder bist.” Dann die Begegnung mit seinem Beinahe-Zwilling. “Und da willst du wohnen bleiben? Da kannst du ja besser zu mir zurückkommen. Oder: Geh doch in ein Hotel. Zahlt bestimmt die Agentur. Hast ja schließlich keinen Wohnsitz in Paris.” Sie kramt eine Visitenkarte aus der Handtasche und schreibt etwas auf die Rückseite. “Das Hotel Bristol, sehr schön, gleich bei der Madeleine an den Boulevards. Kleines Haus, nettes Personal. Haben gerade renoviert. Tolle Zimmer. Hab da mal mit einem Bekannten übernachtet. Ruf an oder geh hin und frag nach Astrid. Die ist Schweizerin und arbeitet an der Rezeption. Grüß von mir.” Peter hat noch nie in seinem Leben in einem Hotel übernachtet. Während der wenigen Reise sind Karin und er immer bei Freunden untergekommen oder in der Jugendherberge oder bestenfalls in einer Frühstückspension. Die Vorstellung, in einem Hotel zu wohnen, fasziniert und erschreckt ihn zugleich. Er wüsste gar nicht, wie er sich zu benehmen hätte. “Gute Idee”, sagt er, “geh ich morgen hin. Kann ich denn heute Nacht noch einmal bei dir pennen?” Giselle zieht ein schiefes Gesicht. “Ja, klar, aber dein ehemaliges Zimmer ist gerade besetzt. Der Bruder von Francine aus Montpellier ist zu Besuch. MUsst eben bei mir auf dem Sofa schlafen.”

Peter erinnert sich noch daran, dass bei ihnen zuhause fast immer irgendwelche Gäste übernachteten. Meistens Männer, die sein Vater Kriegskameraden nannte. Vorwiegend missmutige Kriegsversehrte – noch so ein Wort aus dem Wortschatz seiner Kindheit -, schwere Trinker oder Typen, die nur darauf warteten, gleich wieder zum Militär zu kommen. Mit den Alkoholikern ging Joseph in die Kneipe zu Willi und Almut. Da konnte er anschreiben lassen, also seinen Gast einladen. Mitten in der Nacht polterten die alten Kameraden dann in die Wohnung und weckten die ganze Familie auf. Diese Sorte blieb immer so lange bis seiner Mutter der Geduldsfaden riss. Dann hörte er die Eltern nachts streiten, im Flüsterton. Und am nächsten Morgen war der Gast dann fort. Die Verwundeten, besonders die, denen man ein Bein oder einen Arm amputiert hatte, kamen betteln. Meist sprang aber nicht mehr als eine Übernachtung, Frühstück und ein Mittagessen heraus. Am unangenehmsten waren die, von denen Joseph als Kommissköppen sprach, die ihn überzeugen wollten, sich doch auch wieder der Wehrmacht anzuschließen, da müss er viel weniger arbeiten als bei der Bahn und habe große Aufstiegschancen. Sein Vater hörte sich diese Leier von einigen Männern an, sprach auch nicht dagegen. Aber immer, wenn der Besuch weg war, wurde klar, dass Joseph mit Militär und Krieg nie wieder zu tun haben wollte. Unter den Kriegskameraden gab es einen, der hieß Herrmann, der lebte mit seiner Frau und vier Kindern an der Grenzen zu den Niederlanden auf einem Gutshof, wo er als Melker arbeitete. Herrman selbst sagte von sich, er sei gelernter Schweizer, und es dauerte Jahre bis Peter Begriff, dass der Beruf rund um die Milch im Fachjargon so hieß.

Auf diesen Hof reisten sie einige Male in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren, um dort eine Woche Ferien zu machen. Für ihre zwei Zimmer im Gesindehaus mussten die Blaszcyks nichts zahlen, dafür aber für Pension, wie es hieß. Damit war die Teilnahme an den fünf Mahlzeiten pro Tag mit vier Personen in der Essscheune gemeint, wo die Mägde, Knechte und sonstigen Dienstboten samt ihren Familien speisten. Die Kinder der Familie Schneider hatten alle innerhalb einer Woche im Juni Geburtstag und waren jeweils genau zwei Jahre auseinander. Der älteste Sproß war ein Mädchen, dann kam ein Sohn, Tochter und der Kleine, wie alle das jünste Familienmitglied nannten. Die Schneider-Kinder kannten sich natürlich bestens aus auf dem Hof und in der Landschaft. Sie trieben merkwürdige Spiele, die dem Stadtkind Peter immer irgendwie gefährlich vorkamen, zumal Ingeburg, die Älteste auch um jede gemeinsame Aktion ein großes Geheimnis machte. Er selbst lag im Alter auf Höhe von Monika, der zweitjüngsten, die auf ihn anschmiegsam wirkte, aber genau wie er sehr schweigsam war. Als sie beide ungefähr elf waren, verbrachten sie einmal einen ganzen Nachmittag in der hintersten Ecke auf dem Heuboden damit, sich anzuschauen, Händchen zu halten und zu lächeln. Am Schluss drückte ihm Monika einen feuchten Kuss auf die Wange und rannte davon. Nach Feierabwend zogen die Väter los zum Wirtshaus an der Grenze, um dort über alte Zeiten – so nannte Joseph das – zu reden, zu saufen und sich gegenseitig ihrer Freundschaft und ihrer Verschwiegenheit zu versichern. Einmal schickte Frau Schneider den ältesten Sohn Rolf los, weil die Männer überfällig waren. Peter schloss sich an, und sie marschierten gut acht Kilometer entlang einer staubigen Landstraße, auf der nie ein Auto vorbeikam. Joseph und Herrmann saßen draußen unter Linde am Tisch, ein Mann in Uniform, der seine Mütze auf den Tisch gelegt hatte, diskutierte mit ihnen. Sie waren alle betrunken, und Peter verstand nicht so ganz, wer der Dritte war. “Ihr Tommys!” rief Joseph ein paar Mal, ohne den Satz fortzusetzen. Herrmann grummelte ein paar Mal “Bin doch kein Veräter.” und “Du bist doch auch kein Kameradenschwein, Joseph.” Mehrmals fielen die Worte Kronzeuge und Belohnung. Dann gelang des den Jungen, ihre Väter loszueisen. Der Offizier gab beiden zum Abschied je einen Umschlag. Während Rolf und Peter mit strammen Schritt Richtung Gutshof gingen, wankten die Väter hinter ihnen her, wild schimpfend und abfällige Bemerkungen grölend: “Alle vom andern Ufer, die Engländer!”

Sie lassen sich von Claude etwas Gutes zum Essen bringen, trinken korsischen Rose und unterhalten sich. Das heißt: Giselle unterhält Peter mit Geschichten aus der Modeszene. Davon hat sie einen großen Vorrat. Danach liefert sie ihm Anekdoten von fast allen nennenswerten Modefotografen der Stadt, und zum Dessert erzählt sie ihm von Oliviers Freund und Partner. Die seien ja beide homosexuell und quasi ein Paar. Also, fast wie verheiratet. Das fände sie schön. Und natürlich habe sie nichts gegen Schwule. Peter auch nicht, aber eigentlich hat er nie darüber nachgedacht, weil er noch nie einem Mann begegnet ist, von dem er annahm, er sei homosexuell. Und wenn, wär’s ihm egal. Dann gehen sie Hand in Hand nachhause und nehmen noch ein Glas zum Einschlafen. “Du”, sagt sie zu ihm, “kannst du bitte in meinem Bett schlafen? Ich will nichts von dir, aber ich brauche das so sehr, dass da ein Körper ist, an den ich mich schmiegen kann. Ist gut gegen die Angst. Bitte, Peter, bitte.” Sie ziehen sich aus und schlüpfen ins Bett. Peter dreht sich zur Wand, und Gisela rückt dich an ihn heran, sodass sich ihre nackten Körper von den Hacken bis zu den Schultern berühren. So schlafen sie ein.

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publiziert am 05.07.15 in Oder nie ¦ 600x gelesen ¦ noch kein Kommentar