Oder nie (34)

Am 3.Juli, einem Montag, ist die Stadt zur Hälfte geleert. Die Pariser, die es sich leisten können, sind in die Sommerfrische gefahren. An die Cote d’Azur, an die Atlantikküste, nach Deauville oder einfach in den Süden. Wer Verwandtschaft auf dem Land hat, fällt denen in den nächsten Wochen zur Last. Und wem beides nicht vergönnt ist, der bleibt schlechtgelaunt zuhaus. Auch wenn für die Franzosen der Sommer aus den Monaten Juli und August besteht, deutet das Wetter noch eher auf einen launischen April hin. Im Juni ist es nur an wenigen Tagen wirklich sonnig gewesen, und die Temperaturen erreichten kaum zwanzig Grad. Blieb der Himmel mehr als vierundzwanzig Stunden blau, folgte beinahe zwangsläufig ein Gewitter. Jetzt wälzen sich Touristen durch Paris, immer auf der Spur der obligatorischen Sehenswürdigkeiten; von Notre Dame und dem Hotel de Ville zum Louvre und den Tuilerien, dann natürlich die Champs Elyssee hoch bis zum Arc de Triomphe und rüber zum Eiffelturm. Später dann ein bisschen Place Pigalle und Monmartre oder gar einen Kaffee auf dem Place du Tertre, wo die Porträtisten das immergleiche Gesicht zeichnen und als Bildnis des willigen Opfers bezeichnen. Bis auf den Louvre hat Peter noch keine dieser Attraktionen besichtigt. Dabei ist er jetzt schon über drei Monate in der Stadt.

Gut, den Eiffelturm hat er zwangsläufig gesehen, und einmal hat er die Champs Elyssee überquert. Aber sonst hat er sich ebenso wenig dafür interessiert wie die Einheimischen, denen er sich immer mehr zugehörig fühlt. Und das obwohl er nun schon seit fast zwei Wochen im Hotel Bristol an der Rue de l’Arcade wohnt. Er hat seine Sachen gepackt als Minh Chau unterwegs war und seinen Schlüssel auf dem Küchentisch liegenlassen. Die Wahrscheinlichkeit, ihr zu begegnen, ist gering. Aber das macht ihm nichts aus. Stattdessen trifft er sich wieder öfter mit Giselle. Holt sie manchmal zuhause ab. Und dann gehen sie gemeinsam Hand in Hand zu Claude. Edith hat sich gefreut, ihn nach Langem wieder einmal zu sehen, und natürlich gefragt, wann er sie denn mal in der Kirche besuchen kommt, wann er am Gottesdienst teilnimmt. “Bald”, hat er geantwortet und es sich auch fest vorgenommen. Aber eigentlich hat er seit der ersten Besprechung zu seinem Auftrag kaum noch Zeit.

Vielleicht hätte das Wort Abendmahl besser gepasst zu diesem Treffen aller Beteiligten an der zukünftigen Fotoaktion. Plötzlich waren statt der neun Teilnehmer der Runde bei Pommereau et Millet vor drei Wochen anwesend, und die Sache fand in einer angesagten Diskothek im 19. Arrondissement statt, morgens um elf. Peter war einer der ersten und betrat den fast völlig dunklen Raum von der Größe und Höhe einer Fabrikhalle. Nur die Tanzfläche, ein Quadrat aus Stahlblech, sicher über hundert Quadratmeter groß, war ausgeleuchtet von zwei starken Scheinwerfern, die ihr bläuliches Licht auf zwei lange Tische warfen, die sich im Abstand von vielleicht einem Meter gegenüberstanden. An den beiden Außenseiten je zwölf Stühle. Hinter dem zentralen Platz stand Olivier, dieses Mal im schwarzen Anzug mit weißem Oberhemd, aufgeknöpft bis übers Brustbein. Schräg dahinter, dämonisch illuminiert im Halbschatten, Ludwig. Beide zuckten ein wenig zusammen als Peter die Lichtkegel betrat. “Peter, bist du das?” Dann musste Olivier lachen, und Peter stimmte höflichkeitshalber ein. Er sah die Szene als überlanges Querformat, vielleicht mit weniger Kontrast aufgenommen, aber auf keinen Fall in Schwarzweiß. Als hätten sich alle abgesprochen, trugen die Modeschöpfer, die Firmenvertreter, die Techniker und Werbeexperten alle schwarzweiße Kleidung. Die drei Couturiers hatten, damit man sie unterscheiden konnte, verschiedenfarbige Einstecktücher in ihren ultraschmalgeschnittenen schwarzen Sakkos.

Es gab eine Tischordnung, angezeigt durch Karten auf den Plätzen, die jeweils mit einem dicken Schreibblock und einem Satz Bleistifte ausgestattet waren. Dazu je ein Wein- und ein Wasserglas. Peter hatte man zwischen Olivier und Ludwig platziert. Als alle Stühle bis auf einen am vorderen Tisch besetzt waren, machte der Modeagent ein Zeichen, und aus den Lautsprechern kam eine markante Stimme, die Peter vage bekannt vorkam. “Welcome to the Working Class, gentlemen. The task is about to start. Roll up your sleeves. Let’s work together.” Und dann der passende Song von Canned Heat. Danach applaudierten alle einen Hauch zu überschwänglich. Dieses Mal wurde niemand vorgestellt. Olivier stand auf und hielt einen länglichen Vortrag, dem Peter kaum folgen konnte. Dann stellten verschiedene Herren in der Runde verschiedene Fragen. Die Modeschöpfer, die in der Mitte der ihm gegenüber stehenden Tafel saßen, tuschelten ständig miteinander, und einmal stand der mit dem apfelgrünen Tuch auf, trat zwischen die beiden anderen und beugte sich hinab zu denen. Jetzt sah Peter das Abendmahl, denn links und rechts davon flüsterten auch die anderen miteinander, sodass elf Personen unterschiedlich gruppiert im harten Licht angeordnet waren. Dann klopften alle auf die Tisch, um Beifall zu spenden.

Lu LaBanda ergriff das Wort auf englisch. Dass die Kampagne eine Sensation werden würde, eine einmalige Sache, eine Show mit Fotos, die es so in der Modewelt noch nie gegeben habe. Und dass er und Olivier die Inspiration einem jungen, unbekannten Fotografen aus Deutschland zu verdanken hätten. Er rief Peters Name. Der stand auf und deutete eine Verbeugung an. Die Teilnehmer erhoben sich, klatschten und riefen “Bravo!” Ihm kam das alles völlig übertrieben vor. Also setzte er sich wieder und nahm einen Schluck Wasser. Dann rief Olivier eine Pause aus, und alle stürzten sich auf Peter, dem Ludwig beistand. Besonders ein untersetzter Typ in schwarzer Lederhose, weißem Hemd und schwarzer Weste, einer mit einem Bulldoggengesicht, setzte ihm zu. “Das ist der Chefeinkäufer von Countard, die beliefern fast alle europäischen Kaufhäuser”, flüsterte Lu ihm zu, “sei nett.” Der Rocker sprach deutsch mit ihm, ein klares Deutsch mit leicht schweizerischem Akzent. Peter sagte “Ja” und “Nein” und “Sicher” und “Schön”, und der wichtige Mann war zufrieden. Dann wurden Arbeitsgruppen gebildet, zwischen denen Peter in Begleitung von Ludwig hin und her pendelte.

Ein Dutzend Kellnerinnen brachten Platten voller Sandwiches, Bier, Cola und Orangina, denn es gab die Mittagspause. Wieder bestürmten ihn die Anwesenden. Dieses Mal hing der Couturier mit dem gelben Tuch an ihm wie eine Klette. Ob man sich nicht einmal ohne Olivier und Lu treffen können, also Peter mit ihm und seinen beiden Kollegen. “Warum?” fragte der, bekam aber keine schlüssige Antwort. Dann setzten sich alle noch einmal, und Olivier vetreilte Aufgabem. Peter wurde beauftragt, zusammen mit Charles, den er schon vom ersten Treffen kannte, Locations zu finden und zu begutachten. Dann gingen alle auseinander, schwatzend wie die Kinder auf dem Heimweg nach der Schule.

Und jetzt wartet er bereits zum dritten Mal auf Charles, der ihn schon zweimal versetzt hat ohne Begründung. Denn über das Hotel ist Peter ja inzwischen gut telefonisch zu erreichen. Die Rezeption nimmt Gespräche für ihn an, stellt durch, wenn er da ist, und schreibt Zettel, wenn er unterwegs ist. Der Fototechniker, den man ihm zugeteilt hat, ist dagegen so gut wie gar nichts an ein Telefon zu bekommen. Der hat die Nummer eines Bistros in einem Vorort angegeben, wo er aber in den letzten zwei Wochen nicht mehr aufgetaucht ist. Mit Peter wartet Ya, der Chauffeur, denn Lu hat ihm eine Limousine zugeteilt, die ihn auf Zuruf zu den Locations bringen soll. Ya kommt aus dem Senegal, ist freundlich und hilfsbereit, redet aber wenig und wenn dann in einem Französisch, das Peter kaum versteht. Er trägt als Dienstkleidung einen khakifarbenen Maoanzug und dazu eine gleichfarbige Militärmütze. Passend dazu ist auch der schwere Mercedes, ein älteres Modell mit langem Radstand, in beige lackiert. Dreimal sind sie schon zusammen unterwegs gewesen, aber Ya hat sich an Peters Job nicht im mindestens interessiert gezeigt. Zumal er beim Besuch der Katakomben kategorisch darauf bestanden hatte, fast einen halben Kilometer entfernt zu parken. Dafür hat er den deutschen Fotografen gern bei dessen Besichtigung der alten, leerstehenden Panhard-Fabrik im Norden begleitet. Achtzehn Orte, die aus Sicht von Ludwigs Assistent und dem abwesenden Charles zum Thema passen, umfasst die Liste. Bisher gefiel Peter nicht eine dieser möglichen Schauplätze so gut wie die Baustelle im Metro-Tunnel und der Großmarkt draußen in Rungis.

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publiziert am 07.07.15 in Oder nie ¦ 581x gelesen ¦ noch kein Kommentar