Oder nie (35)

Natürlich fällt er auf mit seinem schwarzen Anzug. Auch wenn nur wenige die Schlangenlederstiefel wahrnehmen. Aber ein fast zwei Meter großer, schlanker Mann mit sehr blonden Haaren mit blütenweißem Hemd unter dem nachtschwarzen Jackett, der bleibt selbst in Paris nicht unbeachtet. Einer Stadt, in der es weniger von Originalen, als viel mehr von schönen Menschen wimmelt, die durchweg geschmackvoll gekleidet sind. Langsam begerift Peter, weshalb diese Stadt die weltweite Modemetropole ist. Nach und nach versteht er, was Mode überhaupt ist, wozu sie gut ist und dass sie ein unglaublich großes Geschäft mit unglaublich viel Geld ist. Manchmal kommt ihm der Gedanke, er habe sich Ludwig und Olivier zu billig verkauft. Aber der Luxus, den ihm der Job als zukünftiger Modefotograf bringt, wischt die Bedenken wieder fort. Mit seiner ganz individuellen Mode erregt er nicht nur Aufsehen, sondern spürt, dass ihm viel mehr Respekt, ja, teilweise sogar Bewunderung entgegenschlägt. Das konnte er feststellen, als er zum ersten Mal im Anzug oben bei Makeda im Café des Samaritaine auftauchte: sie sah ihn mit einem ganz anderen Blick an als zuvor. Und vermutlich hätte er sie noch am selben Abend mit ins Hotel nehmen und verführen können. Aber das würde er sich nicht trauen, auffällige Kleidung hin oder her. So wie er ja auch bei Karin lange seh gehemmt war. Ihm kam es damals so vor, als sei sie einfach zu schön für ihn, und manchmal geht es ihm immer noch so, dass er denkt: Was mögen die Leute davon halten, dass diese attraktive Frau mit diesem merkwürdigen Vogel geht, ja, sogar verheiratet ist.

Er ist und war sich seiner Attraktivität nie sicher. Und eigentlich ist das, was Lu sein Outfit nannte, nur ein Verstärker seines gewachsenen Selbstvertrauens. Aber bei der Äthiopierin, die er aus Gründen, die er kaum noch navollziehen kann, beschenkt hat, liegt der Fall anders. Natürlich würde er gern mit ihr ausgehen. Aber gleichzeitig käme es ihm dann so vor, als wolle er sich mit ihrer Schönheit schmücken. Damit würde er sie, so empfindet er das, ausbeuten. Die Vorstellung, dass sie, ganz platt ausgedrückt, scharf auf ihn ist, blitzte nur einmal ganz kurz auf. Als sie ihn nämlich fragte, wann er wieder zu ihr ins Café käme. Dreimal ist er jetzt als neuer Peter bei ihr gewesen, und dreimal haben sie beide keinen weiteren Versuche unternommen, sich näher zu kommen. Sie reden auch nicht viel mehr, als das was für Bestellung und Bezahlung nötig ist. Von dieser merkwürdigen Geschichte hat er noch niemandem erzählt. Und das erscheint ihm auch klug so.

Natürlich ist es etwas anderes, von einem Chauffeur durch die Stadt kutschiert zu werden, als mit dem Taxi zu fahren. Es ist wie im eigenen Wohnzimmer durch den Verkehr zu gleiten. Zumal das Innere des schweren Daimler-Benz ohnehin mehr von einer Wohnung hat als vom Innenraum eines Autos. Die Rückbank ist weich gepolstert mit einem plüschigen, hellgrünen Stoff, und weil es sich um eine lange Version handelt, kann er sogar seine Beine ausstrecken. Es gibt Gardinen an den Seitenfenstern, weiche Armlehnen und eine richtige Bar mit Kühlschrank. Die ist hinter dem mittleren Sitzplatz im Font versteckt. Peter hat sich angewöhnt, auf den Fahrten einen Whiskey zu trinken, einen Bourbon, um genau zu sein. Er trinkt ihn pur mit Eis. Sind die Touren etwas länger, werden es auch schon einmal zwei oder gar drei Glas. Dann ist er beim Aussteigen leicht angeschlagen. Aber je öfter er so mit Ya durch Paris und die Vororte gondelt, desto mehr gewöhnt er sich daran. Inzwischen bestellt er auch bei Claude im U Pinu meist Bourbon. Und in der Bar auf seinem Hotelzimmer findet sich immer eine Halbliterflasche Four Roses. Manchmal sitzt er dann in dem kleinen, aber bequemen Sessel, schaut Fernsehen und nippt dabei an seinem Whiskey. Irgendwann geht er dann ins Bett und kann einschlafen.

Der Abend im Couscous-Restaurant mit Sos, dem Grönländer, erschien ihm als Beginn einer Freundschaft. Bisher hatten sie sich noch zwei weitere Male dort getroffen, gemeinsam gegessen und sich gegenseitig ihr Leben erzählt. Wobei Sos ihm klarmachte, dass seine Erzählungen ihm mindestens so exotisch vorgekommen waren wie Peter die Geschichten von Grönland und seiner Jugend in Dänemark. Tatsächlich war der Inuit mit sechs Jahren erst in die Stadt gekommen – wie er es nannte. Immerhin sei Qaqortoq die größte Ansiedlung in Südgrönland mit fast viertausend Einwohnern. Die Mutter hatte ihn hingebracht nach dem sein Vater nicht von der Jagd zurückgekommen sei. Dann habe sie den Herrn Christensen kennengelernt, der sie mitnahm nach Esbjerg, wo er sie heiratete und so Sos’ Stiefvater wurde. Während der Schulzeit sei er in eine Clique geraten, die ständig herumzig in der Hafenstadt, die rauchten und soffen und keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Zuhause sei er nur noch zum Schlafen gewesen, und weder seine Mutter, noch der Herr Christensen hätten noch Einfluss auf ihn gehabt. Dann sei er beim Versuch, mit einem geklauten Auto nach Kopenhagen zu fahren erwischt worden. Da war er neunzehn. Bevor man ihn in die Besserungsanstalt einsperren konnte, sei er abgehauen. Auf direktem Weg nach Paris, wo er jetzt schon über acht Jahre lebt. Sos hat ihm von seiner Kindheit erzählt, vom Leben in den Hütten, von der Jagd, von der Kälte, von den Stürmen, von den Hunden und den Robben.

Dieses Mal ist Charles am vereinbarten Terffpunkt erschienen. Heute wollen sie sich eine alte Teppichknüpferei draußen in Villiers-sur-Marne anschauen, die alte Halle, die nicht mehr genutzt wird, aber auch den Neubau, in dem – so hat man es ihnen aufgeschrieben – über zweihundert indische Frauen arbeiten. Peter war es schon beim ersten Treffen aufgefallen, dass Charles ihn nicht leiden kann. Beim Abendmahl in der Diskothek kam ihm der Techniker sogar feindselig vor. Deshalb stellt er ihn jetzt auch nicht zur Rede wegen der verpassten Verabredungen. Auf dem Peripherique geraten sie in einen Stau. Sie stehen mitten im Tunnel unter dem Bois de Vincennes. Nichts bewegt sich, Abgasschwaden ziehen sichtbar durch die Reihen der Wagen, ab und zu hupt jemand. Im Auto zur Rechten schminkt sich eine ältere Dame, der Typ auf der anderen Seite liest Zeitung in seinem 2CV. Zwei Reihen vor ihnen steht ein offenes Cabrio, ein ältere, englischer Roadster, der Fahrer raucht eine Zigarre. Niemand schaltet den Motor ab, niemand regt sich auf. Es ist der Normalzustand. Peter bietet Charles einen Whiskey an. Bisher haben sie kaum zwei Sätze miteinander gewechselt. Jetzt trinken sie schweigend. Peter spürt die anschwellende Wut seines Begleiters und hofft, dass Ya bald wieder fahren kann.

Dann löst sich die Verstopfung ein wenig. Der Mercedes rollt aus dem Tunnel und steckt wieder fest. Die Wolken haben sich verzogen, die Sonne scheint hart und senkrecht aufs Blech. Innen wird es langsam heiß, aber keiner traut sich so recht, ein Fenster zu öffnen angesichts des Qualms aus Hunderten Auspuffrohren. Die Stimmung heizt sich auch auf. Charles trommelt mit den Fingern auf der Armlehne und scharrt mit den Füßen, zischt ab und zu ein “Merde” oder “Putain”, klopft an die Trennscheibe und fährt Ya an, ob der nicht irgendwie abbiergen könne. Der Chauffeur bleibt ruhig und schüttelt nur den Kopf. Es sind kaum noch fünfzig Meter bis zur Ausfahrt auf die D120 in die Vororte. Der Techniker murmelt etwas, und Peter versteht nur etwas mit “putain” und “noir”. Dreht sich um zu Charles und sagt: “Wiederhol das.” Das Gesicht des Kerls ist von Hass und Wut verzerrt. Startet eine Tirade über die dreckigen Boches, die Nazis und überhaupt. Nennt Peter ein Arschgesicht, kommt immer näher mit seinem Gesicht. Da brennt Peter die Sicherung durch. Schlägt Charles mit der Rückseite der flachen Hand hart ins Gesicht. Blut strömt aus dessen Nase, er hält sich die Hände vor Schmerzen vors Gesicht. Peter klappt rasch die Lehne hoch, greift an dem Mann vorbei, um den Wagenschlag zu öffnen. Schubst und tritt ihn, dass er aus der Limousine fällt. Schafft es, die Tür wieder zu schließen und zu verriegeln. Genau in dem Moment, in dem Charles wieder hochkommt, rollt der Verkehr wieder an. Ya grinst und sagt nur: “Da steht der Idiot auf dem Randstreifen. Konnte den noch nie leiden.”

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publiziert am 09.07.15 in Oder nie ¦ 706x gelesen ¦ noch kein Kommentar