Oder nie (38)

Peter nimmt sich frei. Müht sich mit einem Brief an Karin ab. Auf Briefpapier des Hotels mit einem Füllfederhalter, den er auf dem Flomarkt gekauft hat. Hat Ya gebeten, ein paar Polaroids von sich zu machen. Die legt er bei, damit seine Frau weiß, wie er jetzt aussieht. Hat zum letzten Mal im April geschrieben und versucht einen Bericht. Über die Arbeit am Großmarkt. Über den Auftrag. Über seinen Umzug. Über das, was noch kommt. Zum Schluss schreibt er die üblichen Fragen auf: Wie es ihr geht, wie es dem Kind geht, ob sonst alles in Ordnung ist. Dann noch “Ich vermiss dich” und “Ich hab dich lieb”. Den Brief bringt er zur Hauptpost an der Rue du Louvre. Dort lässt er Karin zudem 1200 Franc telegrafisch anweisen. Denn seit seinen ersten großen Einkäufen hat er kaum Geld ausgegeben, weil er ja im Hotel wohnt und frühstückt und mit Ya durch die Stadt fährt und so nur noch die Kosten für das Abendessen bei Claude oder einen Kaffee hier und da hat. Immer noch sind dann 1000 Franc übrig, und übermorgen bekommt er schon die zweite Rate des Honorars. Unterwegs zum Postamt trifft er überall auf die Hinterlassenschaften der Zuschauermassen, die am Sonntag die letzte Etappe der Tour verfolgt haben: Tricolore-Fähnchen aus Papier, meistens zerrissen, Pappbecher mit Weinresten, Tüten mit angebissenen Sandwiches, Konfetti, luftleere Ballons und allerlei Werbekram. Auch die Absperrgitter sind noch da; an den Straßenecken zusammengerückt.

Peter fragt sich, weshalb die Stadtreinigung, deren Arbeiter sonst ständig unterwegs sind und die Pariser Straßen erstaunlich sauber halten, hier noch nicht tätig war. Bis er die Schlagzeile im Tabac liest, die von einem Streik der öffentlichen Angestellten berichtet. Zum Glück streiken die Postler nicht, sodass er seinen Brief aufgeben und das Geld überweisen kann. Es ist kurz nach Mittag, und der Morgendunst hat sich verzogen, weil eine frische Brise aus Westen durch die Stadt zieht. Weil er gerade in der Nähe ist, schlendert er rüber zum Samaritaine, um sein Versprechen wahr zu machen, Makeda wieder einmal zu besuchen. Die freut sich sehr, muss sich sogar zurückhalten, weil die Kolleginnen schon missbilligend schauen, als sie Peter ihr Gesicht zjm Wangenkuss hinhält. “Ich hab jetzt Telefon”, sagt Peter und notiert die Nummer, “im Hotel. Hast du auch Telefon?” Makeda nickt und schreibt ihren Anschluss ebenfalls auf einen Zetel. “Müssen bald mal zusammen ausgehen” fügt er an, und die schöne Frau nickt. Dann nimmt er seinen obligatorischen Café Creme und setzt sich auf die Terrasse. Später im Rausgehen wirft ihm Makeda einen Luftkuss zu. Und er spürt, dass er verliebt ist dieses Mal.

Zurück im Hotel reicht ihm der Rezeptionist eine Karte, ein “Billet”, wie er sagt. Peter gefällt dieser altmodische Ausdruck für das postkartengroße Stück dicken Büttenpapiers, auf dem mit tiefvioletter Tinte in einer wunderschönen Handschrift die Botschaft steht. Das Billet kommt von Olivier: “Frederic und ich würden uns freuen, dich am Freitagabend auf unser Party im Club Dash begrüßen zu dürfen. Wir haben einen Platz in der Lounge für dich und deine Begleiterin ab 22 Uhr reserviert.” Das ist die Diskothek, in der das merkwürdige Abendmahl als Vorbereitung zu den Fotos der neuen Kollektionn stattgefunden hat. Verrückt, denkt Peter, genau dorthin wollte ich Makeda einladen. Und überlegt, ihr ebenfalls ein Billet mit einem dieser wilden Motorradboten zukommen zu lassen, die sich mit hoher Geschwindigkeit und hohem Risiko durch den Paris er Verkehr schlängeln. Statt dessen wählt er ihre Nummer. Eine Männerstimme in einer fremden Sprache. “Ist Makeda da?” Er versteht die Antwort nicht. “Hier ist Peter.” Der Mann spricht anscheinend italienisch. Dann ruft er einen Namen und legt den Hörer lautstark auf eine Unterlage. Dieses Mal ist es eine Frau, die ein schwer verständliches Französisch spricht: “Nicht da Makeda. Wer da?” – “Ein Freund. Peter. Kann Makeda mich anrufen?” Die Frau legt auf. Peter wird nervös. Ruft in der Rezeption an und bittet darum, die Nummer vom Samaritaine für ihn herauszusuchen. Der Concierge verbindet ihn sogar. Und tatsächlich stellt man ihm im Kaufhaus ins Café durch. “Ja?” fragt eine sehr junge Frau mit starkem südfranzösichem Akzent. “Hier ist Peter. Kann ich Makeda sprechen?” – “Oh, die ist vor zehn Minuten gegangen. Feierabend.” Peter bedankt sich und legt auf.

Bis nachts um zwei liegt er wach schaut fern und trinkt Whiskey. Bis er in seinen Sachen einschläft und gegen halb fünf vom Rauschen des Fernsehers aufwacht. Geht ins Bad, sieht sich im Spiegel und erschrickt. Ringe unter den Augen, die Haut aschfarben, unrasiert. Er tut alles, um halbwegs fit auszustehen. Steht gerade unter der Dusche, als das Telefon geht. “Ja!” brüllt er in den Hörer. “Hallo, Peter, hier ist Karin. Hab ich dich geweckt? Ich hab deine Nummer von Gisela. Wusste ja gar nicht, dass du in einem Hotel wohnst. Ist das schön? Wie geht es dir überhaupt. Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Hab ja das letzte Mal vor sechs Wochen von dir gehört. Und zu erreichen warst du ja nicht. Wie ist das Wetter in Paris? Hast du schon alle Sehenswürdigkeiten gesehen? Gehst du auch manchmal aus? Gisela erzählte, dass ihr oft zusammen esst in diesem Bistro. Mir geht es richtig gut. Und dem Babay auch, Muss ja nur noch drei Wochen arbeiten, dann beginnt mein Mutterschutz. Nun sag doch was…” – “Nein, ich war duschen. Schön im Hotel. Mir geht’s gut. Hab dir einen Brief geschrieben. Gestern abgeschickt. Und Geld überwiesen. Hab einen tollen Auftrag. Muss jetzt Schluss machen. Mein Auftraggeber… du weißt schon.” Karin schweigt ein paar Sekunden: “Wann können wir denn mal in Ruhe telefonieren, Peter?” Er überlegt: “Ruf dich heute abend an. Acht Uhr. Okay?” – “Ja, gut. Bis dann.”

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publiziert am 15.07.15 in Oder nie ¦ 782x gelesen ¦ noch kein Kommentar