Oder nie (40)

Peter war dann doch widerwillig mitgegangen ins Kino, weil Karin unbedingt diesen Tanzfilm sehen wollte. Im Mittelpunkt diese fürchterliche Musik mit im Falsett singenden BeeGees und ein Typ namens Travolta, der im weißen Anzug merkwürdige Bewegungen zu den ewig gleichen Rhythmen machte. Karin war ganz verrückt nach dieser Musik, und Peter war heilfroh, dass es in ganz Dortmund keine Disco gab, in der zu diesem Quatsch getanzt wurde. In Düsseldorf, da gab es das Big Apple an der Königsallee, da gingen die Disco-Freunde wohl hin, aber von seinen Kommilitonen war niemand Anhänger dieser Tanzerei. Und er hütete sich, Karin zu erzählen, dass es an seinem Studienort mehrere solcher Orte gab, an den man das Saturdaynightfever in der Realität nacherlebte. Zum Glück hielt weder Karins Begeisterung lang an, noch hatte die Disco-Welle Frankreich in größerem Ausmaß überrollt. In Paris waren vor allem die französischen Rockmusiker und Chansonsängerinen en vogue, dazu die weltweit berühmten Bands, aber eben auch ein schräger Typ wie Plastic Betrand, der eine Musikrichtung verfolgte, die man in New York begann Punk zu nennen. Peter war in Sachen populärer Musik auch im wilden Jahr 1978 eher konservativ. Seine Plattensammlung war etwa auf dem Stand von 1974 und umfasste den üblichen Querschnitt von Beatles und Stones über Cream und Led Zeppelin bis Genesis und Emerson, Lake & Palmer. Natürlich hatte er die erste Rockpalast im Sommer zuvor verfolgt. Sie waren bei Karins Kollegin Gabi eingeladen. Deren Freund hatte ihr seine abgekegte Stereoanlage geschenkt, und sie hörten den Radioton, während die Bilder über den Fernseher flimmerten. Er wäre viel lieber live dabei gewesen in der Grugahalle, aber alleine wollte er nicht, und Karin hatte Panik bei größeren Menschenansammlungen. Dass der Dash Club eine Discotheque ist, beunruhigt Peter ein bisschen, weil er fürchtet, dass am Freitag dort nur diese monotone und blöde Musik laufen und er dazu mit Makeda wird tanzen müssen.

Sie hatten im abessinischen Café noch ein bisschen geplaudert. Aber so ganz schlau ist Peter aus ihren Erzählungen über die Familie, also ihre Mutter und deren neuen Mann, den Bruder sowie die Halbgeschwister, die zwei Tanten und den Freund, der mit niemanden von ihnen verwandt ist. “Das Hauptproblem”, hatte Makeda gesagt, “ist, dass ich die Einzige bin, die richtig Französisch spricht und einen festen Job hat. Damit bin ich automatisch Ernährerin von sieben Erwachsenen und zwei Kindern. Gut, Abele verdient bis seinen Geschäften ja auch was. Aber nur so lange wie er nicht wieder im Gefängnis sitzt.” Mehr zu diesem Thema hatte sie nicht erzählt, sondern Peter belanglose Fragen über das Wetter in seiner Heimat, über seine Eltern gestellt und ob er gerne Sport treibe. Ob sie bewusst die Frage danach vermieden hatte, ob er selbst verheiratet sei oder eine feste Freundin habe, blieb offen. Jedenfalls hatte sie das Thema komplett augesparts. Peter war erleichtert, denn er hätte nur ungern berichtet, dass zuhause seine schwangere Gattin auf ihn wartet. Dann war Makeda aufgestanden: “Ich muss jetzt zu meiner Putzstelle. Holst du mich hier ab am Freitag? Um wieviel Uhr?” Peter hatte genickt und “Um neun” gesagt.

Fährt mal wieder mit der Metro. Muss fotografieren, um den Kopf wieder klar zu kriegen. Kommt raus nach La Defense und ist erschrocken. Mehr brutale Architektur auf einem Haufen ist ihm noch nicht begegnet. Das Viertel ist kalt und tot. Baustellen überall, aber nirgendwo wird gearbeitet. Leerstehende Läden in den Erdgeschossen der Hochhäuser. Ein scharfer Wind bläst auf Knöchelhöhe über die glatten Steinflächen. Geht vor bis zur Esplanade, einem sinnlosen Straßengewirr oberhalb des Seineufers. Dann der Blick auf die wahre Stadt. In einer Flucht der Triumphbogen und ganz winzig im Dunst der Obelisk am Place de la Concorde. Hier kann er das Teleobjektiv einsetzen, Gebäude einzeln heranziehen, Porträts von Häusern mitten in Paris machen. Ja, selbst einzelne Passantengruppen auf dem Etoile werden erkennbar. Peter ist kein Freund von Teleoptiken, diesen schweren Glasklumpen, die Fotos aus der Hand fast unmöglich machen und doch bloß immer effekthescherisch wirken mit geringer Tiefenschärfe, also einem scharfgezeichneten Objekt vor völlig unscharfem Hintergrund. Die Meinung teilt er mit Professor Quasi, der immer sagt: “Mit dem Tele können sie keine Fotos machen, aber schöne Bilder.” Er packt zusammen und fährt zurück. Hat Lust auf Bilder und geht spontan in Orangerie. Eine knappe Stunde hat er noch bis zur Schließung. Nicht dass er sich wirklich auskennt in der Malerei. Er würde einen Van Gogh kaum von einem Renoir unterscheiden können. Aber hier passiert ihm etwas: Er versteht die Bilder von Monet, diese Panoramen der Seerosenteiche, er weiß sofort, was gemeint ist, warum der Maler diese Bilder wollte. Er kann sich kaum lösen, sitzt eine halbe Stunde im Saal, dreht sich auf der Bank in kleinen Intervallen, um jeden Streifen zu sehen, die Farben und ihre Veränderung durch das Licht. Das ist Malerei, weiß er jetzt.

Später bei Claude, während er auf Giselle wartet, versucht er dem Wirt von seinem Besuch im Museum zu berichten, trifft aber auf umfassendes Unverständnis. Der Korse weiß nicht einmal, wovon sein Gast spricht und lässt ab und an eine Banalität fallen bis Peter es aufgibt. Auch Giselle reagiert aus seiner Sicht völlig unangemessen. “Oh”, sagt sie, “Monet – da haben wir mal Stoffe nach entwerfen lassen. Sehr schön.” Überhaupt ist sie sehr aufgeräumt, und als sie auf der Toilette ist, flüstert Claude ihm zu, sie habe da einen neuen Liebhaber, den habe sie schon mitgebracht. Netter Kerl, ein bisschen zu fröhlich. Bestimmt fünf Jahre jünger als sie. Amerikaner. Spricht kein Französisch. Offensichtlich tut ihr das gut, und Peter ist ein bisschen erleichert, weil er sich Sorgen gemacht hat nach den letzten Begegnungen, in denen sie sich durchweg deprimiert gezeigt hat. Ob sie auch zum Fest im Club Dash käme, fragt er dann. “Aber natürlich”, antwortet sie, “ich bin doch eine der Hauptpersonen.” Was denn der Anlass sei, fragt Peter nach. Und sie erzählt, dass jedes Jahr in dieser Phase der Arbeit an den Kollektionen dieses Fest stattfindet, um alle Beteiligten zu vergnügen, ihnen ein wenig den Druck zu nehmen, um aus den gut fünfhundert Menschen verschiedener Berufsgruppen, Altersklassen und verschiedener Herkunft das Gefühl zu geben, sie seien Teil von etwas Großem. Ihre Aufgabe sei es, Olivier und Frederic die Namen der einzelnen Leute zu nennen und ein, zwei Stichwörter, damit die diese Personen entsprechend begrüßen könnten. Sie sei so etwas wie die Souffleuse ihrer Chefs und ohne ihren Anteil am Fest würden die ganze Sache keinen Sinn ergeben.

Dann berichtet er stockend von Makeda. Bisher hat er ja noch mit niemandem über die schöne junge Frau gesprochen. Er tut es vorsichtig, damit Giselle nicht den Eindruck bekommt, er sei verliebt. Damit sie nicht auf die Idee kommt, er wolle Karin betrügen oder gar verlassen – Gedanken, die er natürlich jeden Tag hat seit dem Zeitpunkt, an dem er zum ersten Mal mit Makeda gesprochen hat. Erzählt wie sehr sich die Äthiopierin über seine Einladung gefreut hat, weil sie sonst ein so tristes Leben zu führen gezwungen ist. Beschreibt sie und ihre Familie. Giselle trinkt zwischendurch Schlückchen vom korsischen Likör, den Claude serviert hat, nickt ab und zu, sagt manchmal “Oh” und “Aha” und schmunzelt vorwiegend. Als Peter zum Ende gekommen ist, sagt sie: “Du bist verliebt. Verliebt in eine schöne Frau in Paris. Ganz normal. Aber du hast ein schlechtes Gewissen, weil Karin schwanger zuhause in der öden Heimat hockt. Stimmt’s?”

Download PDF

publiziert am 19.07.15 in Oder nie ¦ 943x gelesen ¦ noch kein Kommentar