Oder nie (42)

Immer noch fassungslos steht er auf und geht ins Bad. Setzt zum Rasieren an, hat den Apparat schon in der Hand, überlegt es sich aber anders. Nimmt einen Wegwerfrasierer und kratzt nur das vom seit drei Tagen nicht behandelten Gesicht, was nicht seinem alten Schnauzbart entspricht. Stellt fest, dass seine Haare schon ziemlich nachgewachsen sind. Macht sich fertig und wartet dann unten auf der Straße auf Ya, der ihn für die nächste Besichtgung abholen wird. Dieses Mal werden sie eine Gießerei in Bobigny besuchen, in der vor allem Skulpturen in Bronze gegossen werden. Die hat Olivier entdeckt als er Löwenköpfe für das Haupttor der Villa in Beziers nachmachen lassen wollte. Der Juniorchef, Guy Rosini, gehört inzwischen zum Freundeskreis und war wohl sehr angetan von der Idee, seinen Betrieb zum Schauplatz einer Männermodenschau zu machen. Peter hat sich eine verwinkelte Werkstatt vorgestellt, in der hochkreative Experten moderne Kunst in die Realtiät bringen. Er kennt das Prinzip ja aus der Kunstakademie, wo er im Orientierungssemester auch mit Bildhauern zu tun hatte. Da gab es einen stillen, sehr viel älteren Typ, einen, von dem es hieß, er habe erst mit vierzig die Kunst für sich entdeckt, der arbeitete an einem überlebensgroßen Grabmal, das natürlich später in Bronze gegossen werden sollte. Über das halbe Jahr in der Orientierungsklasse werkelte Juri an der Plastik, die in dem Stadium noch aus Ton bestand und einen Gekreuzigten im Endstadium der Verwesung zeigte, flankiert von Engeln in pornografischen Posen.

Wenn Juri redete, dann ausschließlich über sein Werk, also die technische Seite der Sache. Dass der Gipsabguss schwierig werden würde wegen der vielen Höhlungen und feinen Details. Dieser Negativabdruck wiederum diene als Form für einen Gips, der exakt dem Tonmodell entspräche. Er nannte das Verfahren “verlorene Form”. Schließlich würde in der Gießerei vom Gips eine Form aus Lehm und Sand erzeugt, in die dann die Bronze gegossen werde. Wie Schillers Glocke, sagte Juri immer. Inhaltlich wollte er über die Skulptur nicht reden, sodass sich jede Menge Gerüchte darum rankten. Sie sei für das Grabmal seiner Frau gedacht, die auf der Flucht aus der DDR an der Grenze erschossen worden sei, während er heil durchkam. Oder für einen atheistischen Freund, an derm sich als gläubiger Christ rächen wolle. Fest stand nur, dass Juri tatsächlich erst drei, vier Jahre zuvor aus dem Osten gekommen war, wo er vom Regime als Gegner betrachtet und entsprechend schikaniert worden war. Damals hatte Juri ihn eingeladen, später beim Guss dabei zu sein. Wenn die Plastik fertig sei und er den Gips zur Gießerei Schmälke bringen lasse. Aber dazu kam es nicht. Als Peter im fünften Semester mal wieder in der Orientierungsklasse vorbeischaute, war Juris Platz aufgeräumt. Vom Grabmal keine Spur, und natürlich wussten die neuen Studenten nichts vom manischen Bildhauer und seiner großen Skulptur. Später erfuhr er, dass Juri wohl einen Zusammenbruch erlitten habe und in die Psychatrie eingeliefert worden sei, in der er vermutlich für immer würde bleiben müssen.

Aber dann sieht es im modernen Zentrum der Vorstadt ganz anders aus. Hinter einem geräumigen Parkplatz erhebt sich eine hohe Halle mit bodentiefen Fenstern, hinter dem man moderne Maschinen sieht, Hochregale mit Versatzstücken und im Hintergrund einen gewaltigen Schmelzofen. Guy empfängt ihn mit offenen Armen: “Der Freund meines Freundes ist mein Freund. Willkommen, Pierre.” – “Oder soll ich dich Peter nennen?” fügt er in holprigem Deutsch hinzu. “Pierre ist okay. Guten Tag.” antwortet sein Gast, der jetzt schon enttäuscht ist, denn als Motiv für die Fotos, die er sich rund um die Kollektionen von P & M vorstellt, scheint diese Fabrik nicht zu taugen. “Ich freue mich, dich herumführen zu dürfen”, sagt der Jungchef und nimmt Peter vertraulich am Ellenbogen. “Wo sind die Arbeiter?” fragt der und bekommt die Antwort “Oh, die sind alle hinten in der alten Gießerei. Da entsteht heute eine Glocke für eine Kirche in Deutschland. Komm, das schauen wir uns an.” Verlassen die Halle durch eine kleine Tür am hinteren Ende, stehen in einem wilden Garten, durch den sich ein Trampelpfad schlängelt. Und dann entsteht das Bild, das Peter sich gewünscht hat: Mitten zwischen wüsten Fliederbüschen, Haselnussträuchern und ein paar verkümerten Obstbäumen erhebt sich ein dunkelgraues, formloses Etwas mit einem windschiefen Kamin an der Seite.

Die Gießerei ist vielleicht zwanzig mal zwölf Meter groß und hat eine Deckenhöhe von sicher fünf Metern. Der Boden besteht aus gestampften Lehm, das Tageslicht fällt durch halbblinde Scheiben oben knapp unter der Decke. Sieben, acht Männer arbeiten an einer Grube direkt im Boden, heben Erde aus und füllen eine helle Masse hinein. Aus der Ecke schlägt Peter ein Schwall Hitze entgegen. Im Ofenloch ludert wütendes Feuer. Bis zum Dach reicht das schwarze, halbrunde Gebilde, vor dem ein großes Gefäß an den Schienen eines Fahrkrans hängt. Hier gibt es keine Regale oder Werkbänke; die Werkzeuge liegen auf Blechen neben Erdhaufen und nicht identifizierbaren Teilen und Stücken aus einem hellgrauen Material. Der Ofen brüllt, sodass Guy direkt in Peters Ohr schreit: “Nur noch fünf Minuten!” Der macht die Polaroid bereit und schaut sich nach einem geeigneten Standort um. Dann steckt er die Sofortbildkamera wieder weg und zieht stattdessen die Leica aus der Fototasche. Zum Glück hat er einen Diafilm drin. Er steigt auf einen Erdhügel hinter dem Loch. Jetzt sieht er, dass dieses Loch die Form einer umgedrehten Glocke hat, in der ein massiver Gipsblock in derselben Form steckt, der an einem Eisenstab an den Schienen der Laufkatze befestigt ist. Dann ruft einer der Arbeiter etwas und fährt den Behälter an den Ofen. Ein anderer öffnet mit einer Art Lanze einen Abfluss, und die flüssige Bronze rauscht funkensprühend in das Gefäß am Haken. Jetzt werden alle hektisch, auch Guy schreit etwas. Dann ergießt sich geschmolzene Metall in den Zwischenraum zwischen Form und Sand. Die Arbeiter lenken den Strom hier und da mit eigenartigen Löffeln. Und dann ist die gesamte Bronze eingefüllt, und es wird ruhig in der Werkstatt. Nur der Schmelzofen faucht weiter.

Peter hat den Film verbraucht und dann noch ein paar Polaroids gemacht. Er ist vom Schweiß durchnässt und hat ein Gefühl auf der Haut im Gesicht wie nach einem Sonnenbrand. “Komm”, sagt Guy, “wir nehmen eine Erfrischung.” Auf dem Hinteren Teil des Hallendachs ist eine Art Container als Büro untergebracht, davor eine Terrasse mit Blick auf den wilden Garten. Sie sitzen auf einer Bank und trinken schweigend Cola auf Eis. “Ht’s dir gefallen?” Peter nickt heftig: “Tolles Erlebnis. Spannende Szenerie.” – “Jetzt muss die Bronze zwölf Tage in der Erde fest werden und abkühlen. Dann heben wir das Erdreich rundherum aus und ziehen erst die Form heraus. Danach die Glocke. Die Chancen, dass es geklappt hat, stehen bei drei zu eins. Der Kunde zahlt immer für vier Versuche, auch wenn’s gleich beim ersten Mal gelingt. Wirst du unsere Werkstatt empfehlen?” Peter bejaht, obwohl er sich noch nicht sicher ist. Sicher ist er nur, dass er an diesem Ort Fotos machen wird, vielleicht sogar Modefotos.

Dann fährt in Ya in die Rue Goethe, weil Olivier um ein kurzes Treffen gebeten hat. Der empfängt ihn an der Tür und umarmt ihn. Ob er denn schon den passenden Schauplatz gefunden hat, fragt er. Peter antwortet ausweichend. Er wisse schon, wo er gern Fotos machen würde, aber ob diese Plätze sich auch für Modenschauen eignen, das könne er nicht beurteilen. Er werde Olivier Mitte der kommenden Woche drei Orte empfehlen und gern mit ihm hinfahren. Das sei eine gute Idee, meint Olivier. Dann schaut er Peter eine Weile an und sagt: “Muss das eigentlich sein, immer im schwarzen Anzug? Sieht, verzeih mir, abgeschmackt aus, so gewollt. Du hattest doch solch eine olivegrüne Jacke an, als die zum ersten Mal hier warst. Die fand ich schick. Die stand dir auch. Und die passt doch auch zum Thema unserer Kollektionen. Zieh die doch morgen abend zur Party an – so etwas kennen die Leute hier nicht.” Peter nickt und verabschiedet sich.

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publiziert am 24.07.15 in Oder nie ¦ 1648x gelesen ¦ noch kein Kommentar