Oder nie (45)

So beginnt der große Tag. Peter steht eine gute Stunde unter der Dusche nachdem er sich das Gesicht und den Hals gewaschen hat. Rund um den Verband an der rechten Schläfe bildet sich ein kräftiger Bluterguss, der sein Auge zuschwellen lässt. Seine Handflächen schmerzen stärker als der Kopf, obwohl er nach dem Reinigen festgestellt hat, dass nur die Daumenballen beider Hände aufgeschürft sind. Die Ellenbogen tun ihm weh und die Knie. Der Sturz war heftiger als er in dem Moment überhaupt gemerkt hat. Zum Glück ist ihm nicht schwindlig, und der Schädel dröhnt auch nicht. Dafür ist ihm schlecht. Dabei ist ihm das Erbrechen immer schwer gefallen. Als Kind hat er bei Magenverstimmungen immer lange vor dem Klo knien müssen, bis ihm das nicht verdaute Essen wirklich hochkam. Das hat ihm immer die Tränen in die Augen getrieben, und wenn die Mutter meinte, seinen Kopf beim Kotzen halten zu müssen, wurde es nur schlimmer. Nicht dass ihn Erbrochenes ekelt, denn dann hätte er ein Problem mit Karin, die sich häufig übergibt. Zu Beginn der Schwangerschaft beinahe im Stundenrhythmus. Sie tut das konzentriert und still, nicht viel anders als wenn sie zum Pinkeln auf der Brille sitzt. Aber dass ihm ohne üblichen Grund, als ohne etwas Falsches gegessen oder zu viel Alkohol getrunken zu haben, so schlecht wird, das ist neu.

Es ist ganz offensichtlich die Situation, in die er geraten ist. Nicht nur die Anspannung im Job für P&M und die Erregung wegen Makeda, sondern die Angst vor Charles. Wer sonst könnte hinter dem Anschlag stehen als der Typ, dem er die Nase gebrochen hat und der wegn ihm seinen Job verloren hat? Wie weit wird der gehen? Wie oft wird er ihn angreifen? Was kann er dagegen tun? Peter wählt die Nummer des Anwalts, der ihn nach der Schlägerei mit Charles bei der Polizei rausgehauen hat. Maitre Leducq geht selbst an den Apparat, und Peter berichtet vom Drohanruf und dem Steinwurf. “Wir sollten uns treffen. Jetzt gleich”, sagt der Anwalt, “ich komme zu Ihnen ins Hotel. Treffen wir uns in der Lobby in – sagen wir – zwanzig Minuten.” Eigentlich würde er lieber ein, zwei Whisky trinken und dann schlafen bis kurz vor den Zeitpunkt, an dem er aufbrechen müsste, um Makeda abzuholen. Olivier hatte ihm gesagt, dass er ab zehn Uhr erscheinen können, die Party aber nicht vor Mitternacht überhaupt starten würde. Vorher sei das übliche Disko-Volk da, das man ab etwa ein Uhr rauswerfe, damit man unter sich sei. Deshalb hat er sich mit seiner äthiopischen Freundin für zehn Uhr verabredet, man könne ja vorher noch einen Imbiss nehmen, hatte er gesagt.

Der Jurist sitzt bereits wartend in der Besuchsnische neben der Rezeption, eine lederne Mappe auf den Knien. Er steht auf, als Peter kommt, und se begrüßen sich mit Handschlag. “Möchten Sie etwas trinken?” fragt Peter, aber Leducq schüttelt nur den Kopf und sagt ohne besondere Einleitung: “Juristisch können wir wenig gegen diesen Mann tun. Gibt ja keine Zeugen. Aber wir können ihm das Leben ungemütlich machen. Charles Bonhomme ist mehrfach vorbestraft wegen Drogendelikten. Findet die Polizei noch einmal Kokain bei ihm, geht er für lange Zeit in den Knast. Wir haben nun zwei Möglichkeiten: ihm zu drohen oder ihm gleich ein bisschen Stoff unterzuschieben und die Polizei bei ihm vorbeischicken. Ich würde zunächst Ersteres als sanftere Methode vorschlagen. Zudem empfehle ich Ihnen, einen Personenschützer zu engagieren. Der übrigens auch den, sagen wir: einschüchternden Kontakt zu Bonhomme aufnehmen könnte. Was meinen Sie, Monsieur…” Er schaut auf einem Zettel nach und nennt dann Peters Nachname auf eine sehr merkwürdige Art. Wieder wird deutlich, dass der Anwalt Peter nicht mag und eigentlich keine Lust hat, im zu helfen. Aber sein Mandant nickt nur und sagt: “Gut.” Leducq schreibt eine Telefonnummer auf: “Rufen sie den Mann an. Christensen heißt er. Tarnt sich als Händler auf dem Marche aux Puces. Sehr guter Bodyguard, sehr diskret. Aber auch nicht billig. Schätze, Monsieur Pommerau übernimmt die Kosten.” – “Sos Christensen? Der Grönländer?” Der Jurist nickt: “Kennen Sie den?” – “Hab bei dem Stiefel gekauft.” – “Ja, der hat gute Stiefel im Angebot. Habe selbst ein Paar bei ihm gekauft.” Peter schaut Maitre Leducq eine Weile an. Und fragt dann: “Das alles hätten sie mir doch auch am Telefon sagen können, oder?” Der Jurist verwidert seinen Blick und sagt knapp: “Telefone haben Ohren.” – “Noch eine Frage, Monsieur Leducq: Warum können Sie mich nicht leiden?” Der Anwalt zuckt die Schultern, pustet kurz und reißt dabei die Augen hinter der randlosen Brille auf: “Tu ich das? Kann ich Sie nicht leiden? Was spielt das für eine Rolle?” Peter bedankt sich, und Leducq macht sich auf den Weg.

Und auch Peter setzt sich in Bewegung zum Flohmarkt, seine neue Leibwache treffen. Fährt mit der Metro, findet Sos Christensens Stand auf Anhieb. Sos freut sich: “Mann, gut dass du mal vorbeikommst. Wie geht es?” Peter erzählt die ganze Geschichte und sagt zum Schluss: “Du bist hiermit engagiert. Die Einzelheiten erfährst du von Maitre Leducq.” Beide grinsen. “Erster Einsatz heute Nacht auf der Party im Club Dash.” – “Da wäre ich sowieso”, meint Sos. “Mir schon klar, dass du mir nicht gleich erzählt hast, was dein wirklicher Job ist” merkt Peter an. “Wieso? Das hier ist mein wirklicher Job. Das andere, das mach ich nebenbei und auch nur, wenn ich wirklich will. Da kann ich meine militärische Ausbildung gut einsetzen und mich auf dem Laufenden halten. Komm, lass uns zum Mittagessen gehen.” Sie landen an einer Bude ganz weit draußen, wo es indisches Essen gibt und nehmen vom Tagesientopf. Peter hat noch nie indisch gegessen und ist von der Schärfe schockiert. “Das ist die milde Version”, sagt Sos und würzt nach. “Nachher schau ich mir mal an, wo der Typ wohnt. Adresse krieg ich ja von Leducq, nehm ich an. Und wir sehen uns dann so gegen neun. Gehst du allein hin?” Peter schüttelt den Kopf: “Bringe eine junge Frau mit.” – “Auch gut. Und ich mach jetzt den Laden zu für heute und geh an die Arbeit.”

Plötzlich fühlt er sich wie im Film. Als ob er Teil eines Drehbuchs wäre für einen Krimi, in dem Lino Ventura oder Alain Delon mitspielen. Als ob eine Instituion, die er nicht kennt, eine Inszenierung rund um ihn herum angelegt hätte, ohne ihm zu sagen, dass er der Protagonist sei. Ihn ganz bewusst mit Menschen und Situationen konfrontiert, die ihm völlig fremd sind. Vielleicht um ihm deutlich zu machen, dass er es nicht in der Hand hat zu bestimmen, ob er Herr der Lage ist. Dies alles, denkt er, ist völlig unrealistisch. Hat mit meinem Leben, mit meiner Welt nichts zu tun. Und er wäre lieber der unbeteiligte Beobachter, der seinen Standpunkt sucht, sich aufbaut, das Licht prüft, den Ausschnitt bestimmt und dann die richtige Kamera mit dem richtigen Objektiv und dem richtigen Film wählt. Um dann später ungestört im dunklen Labor zu analysieren, was geschehen ist, wer was getan hat und in welchem Maße das mit ihm selbst zu tun hat. Am liebsten bliebe er unsichtbar. Aber das geht nun nicht mehr.

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publiziert am 31.07.15 in Oder nie ¦ 635x gelesen ¦ noch kein Kommentar