Oder nie (46)

Peter entscheidet sich dann doch für den schwarzen Anzug mit dem üblichen weißen Hemd. Er hat im Andenkenladen an der Madeleine eine sehr schwarze Sonnenbrille gekauft, deren breite Bügel das große Pflaster an der Schläfe ein wenig verdecken. Außerdem hat er sich ein Schmerzmittel besorgt, weil sich nun doch Kopfschmerzen eingestellt haben. Die Dämmerung hat eingesetzt, und der Boulevard Malesherbes ist sehr still. Kaum Passanten unterwegs, vor den Cafés sitzen kaum Leute, nur wenige Autos auf der Fahrbahn. An der Ecke zur Rue d’Anjou warten ein paar Taxen, ganz vorne ein dunkelgrüner Opel. Er nennt die Adresse im Goutte d’Or, aber der Fahrer schüttelt den Kopf und bedeutet ihm, wieder auszusteigen. Im nächsten Wagen, einem älteren Fiat, sitzt ein ältere Mann aus dem Maghreb am Lenkrad. Der sagt nichts, sondern fährt los bevor Peter die Tür ganz geschlossen hat. Und rast grundlos und ohne einen Funken Rücksicht den Boulevard entlang. In die falsche Richtung. “Stopp!” schreit Peter, aber der Typ fährt weiter wie ein irrer Slalom durch den Verkehr, Richtung Montmartre, erreicht die Place Pigalle unfallfrei und setzt zum Endspurt an. “Wo? Wo?” brüllt der Mann und lacht. Sein Fahrgast stammelt die Adresse, und eine Minute später kommt die Taxe mit quietschenden Reifen zum Stehen. “Na, na, war das gut? Oder?” Peter zahlt exakt den Betrag, der auf dem Taxameter angezeigt wird und steigt aus.

Es ist das Café im abessinischen Viertel, in dem er mit ihr Kaffee getrunken hat. Hier soll er sie abholen. Betritt das Lokal und sieht sie sofort an der Theke stehen, ihm halb zugewandt. In einem Kleid, einem kurzen Kleid, einem roten Kleid, einem Kleid, das flirrt wie die heiße Luft über dem Asphalt im Sommer. Er ist geblendet. Sie dreht sich um und lächelt: “Peter! Wie schön, dass du da bist.” Das rote Kleid ist durchgehend mit Pailetten besetzt, die das Licht reflektieren, brechen, verfremden. Vorne endet es an einer gedachten Linie knapp zwei Daumen breit über den Schlüsselbeinen, unten geht es bis etwa auf die Hälfte der Oberschenkel. Dazu trägt sie rote, hochhackige Pumps aus einem matten Material, Samt vielleicht. Sie streckt die Arme aus, er lässt sich umarmen und spürt, dass ihr Rücken nicht bedeckt ist vom Pailettenstoff. Er lässt ihre Wangenküsse zu, vergisst aber, sie zu erwidern. Das Haarv trägt sie hochgesteckt in einem länglichen Dutt, der von ihrem Hinterkopf schräg nach hinten absteht wie ein Horn. Sie ist ein wenig geschminkt, aber so dezent, dass er sich nicht ganz sicher ist. Ihr Lippenstift passt perfekt zum roten Kleid und den roten Schuhen. Dann dreht sie sich um, redet mit dem Kellner. Der Rückenausschnitt reicht bis zum Ansatz ihres Hintern, lässt Vermutungen über dessen Form zu, darüber, wie es an der Stelle aussieht, wo die Backen zusammenkommen.

“Was ist passiert? Du bist ja verletzt! Komm, zeig mal.” Sie zieht an der Hand zur Kunstlederbank am Fenster und setzt sich. Er nimmt neben ihr Platz und erzählt. Erzählt die ganze Geschichte darüber, wie er sich immer mehr über Charles aufgeregt hat, wie der einen Afrikaner beleidigt und er ihm dafür die Nase gebrochen hat. Vom Besuch auf dem Polizeirevier und dem Drohanruf. Es tut gut, jemandem davon berichten zu können, der ihn nicht für seinen Gewaltausbruch verurteilen wird. Der Kellner bringt ungefragt zwei Dubonet, sie trinken schweigend. Dann sagt Peter: “Komm, lass uns aufbrechen. Man erwartet uns.”

Vor dem Café wartet eine Droschke, die Makeda bestellt hat, am Steuer ein entfernter Verwandter, der sie fahren soll. Der Club Dash liegt in der Nähe des Lochs, wo früher der Großmarkt war, an der Rue Rambuteau, gleich beim Museum Beaubourg, diesem gewaltigen Bau mit den markanten Röhren, der vor ein paar Wochen eröffnet worden ist. Rund um Les Halles gab es immer schon die meisten Kneipen und Bars, in den das Nachtleben nicht vor Mitternacht begann. Und hier haben sich jetzt auch die Diskotheken angesiedelt, die dem Trend aus den USA folgen, aber mit dem festen Willen sich zu unterschieden, französisch zu sein, vor allem französischen Musik zu spielen und das besondere Flair von Paris zu repräsentieren – wie das Les Bains Douche, gleich um die Ecke an der Rue du Bourg-l’Abbé, ein Club, von dem Peter schon in Deutschland gehört hat, weil der Paris-Korrespondent des Ersten Programms darüber berichtet hatte. Eine ehemalige Badeanstalt, die zu einer gewaltigen Diskothek umgebaut worden ist, das große Schwimmbecken als Tanzfläche, und Anfang des Jahres eröffnet wurde.

Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Hunderte Menschen haben die Straße blockiert. “Die wollen alle da rein”, sagt Makedas Cousin. “Ich lass euch hier raus.” Makeda sagt etwas in ihrer Sprache, und dann stehen sie auf dem Gehweg. “Warte”, sagt Peter und ist mit drei großen Schritten die Treppe zum Vorplatz des Kulturbaus hoch. Über dem Eingang blinkt eine großflächige Leuchttafel in Blau, Weiß und Rot. Und wenn alle Farben wieder ausgeschaltet sind, erscheint ein gelber Haken wie ein BLitz. Da ist der Eingang, und neben dem Eingang sind starke Scheinwerfer aufgebaut, die in den Himmel leuchten und geschwenkt werden. Direkt im Eingang steht ein Kerl im weißen Anzug auf einem Podest und zeigt willkürlich in die Menge. Ab und an drängelt sich jemand, der so aufgefordert wurde, durch die Menge und verschwindet hinter dem Typ, der den Einlass regelt. Alle starren in dessen Richtung. Nur eine Person nicht. Die hat sich umgedreht und schaut in Peters Richtung. Und dann wird ein Scheinwerferstrahl irgendwo reflektiert, und ein Licht fällt auf dieses Gesicht in der Menge. Auf ein Gesicht, dass er kennt. Ein Gesicht mit einem weißen Verband in der Mitte, da wo die Nase sitzt.

Er klettert runter und nimmt Makeda am Ellenbogen: “Komm!” Ein paar Meter weiter ist der Gehweg abgesperrt mit dicken rotsamtenen Seilen, die an vergoldeten Pfosten hängen. Ein sehr breitschultriger Mann, auch im weißen Anzug steht unter einem Schild, auf dem V.I.P. steht. Genau dort, so der Text der Einladungskarte, soll Peter sich mit seiner Begleitung einfinden. Er findet das Billet und zeigt des dem Sicherheitsmann. Der öffnet den Zugang, und Peter im schwarzen Anzug schreitet mit Makeda im roten Kleid an den Wartenden vorbei. Böse Bemerkungen fallen, einer ruft eine rassisistische Beleidung, manche murren. Aber dann hat sie ein weiterer Typ in Weiß in Empfang genommen, in einen unscheinbaren Hauseingang ein paar Meter von der Pforte des Clubs entfernt geführt, einen Gang entlang, eine schmal Treppe empor. Dann durch eine Stahltür. Ein Schwall starker Musik schlägt ihnen entgegen. Blitze zucken. Heftige Bässe pochen. Und sie stehen auf einer Art Empore über einem große, quadratischen Saal mit einer Tanzfläche in der Mitte, auf der Hunderte Menschen sich im Rhythmus bewegen.

Download PDF

publiziert am 05.08.15 in Oder nie ¦ 963x gelesen ¦ noch kein Kommentar