Oder nie (48)

Draußen der Loge begrüßen ihn Menschen, an die er sich nicht erinnert. Männer werfen Makeda bewundernde Blicke zu. Manche auch begehrliche Blicke. Peter sitzt direkt an der Balustrade und schaut auf die Menge. An den Seiten gibt es Podeste, die hoch und runter gefahren werden können. Darauf tanzen halbnackte, junge Männer und Frauen. Jeweils allein. Rechts und links gibt es Bartheken, an denen sicher je hundert Gäste Platz finden. Den Discjockey vermutet Peter unterhalb der Empore. Die Musik klingt gleichförmig, es ist immer derselbe Rhythmus, nach dem sich die Tänzer bewegen. Ab und an öffnet sich eine kleine Freifläche, und dann tanzt jemand allein, oder ein Paar führt irgendeine besondere Choreografie vor. Plötzlich formieren sich fast alle in langen Reihen und machen alle dieselben Schritte zu einem etwas langsameren Takt. “Night fever” kommt im Text des Stückes vor. Peter hat Kopfschmerzen. Von der Wunde und von dieser Beschallung. Makeda steht schon eine ganze Weile bei Frederic. Trotz der Lautstärke scheinen sie sich ohne Schreien verständigen zu können. Dann taucht Lu LaBanda auf. In einem mitternachtsblauen Samtanzug mit einem breitkrempigen, schneeweißen Hut, und dem sein wirre Haar hervorlugt. Der alte Mann mit dem ausgezehrten Körper bewegt sich im Rhythmus der Musik durch die Ehrengäste und strahlt, als habe man ihn angeknipst.

Ständig werden die gewaltigen Champagner-Flaschen ausgetauscht, weil die Gäste ununterbrochen trinken. Fast jeder hat neben dem Sektglas noch einen Longdrink oder Cocktail im Zugriff. Der Barmixer arbeitet hinter einer Glasscheibe, und man muss nur einer Kellnerin oder einem Kellner den Namen des gewünschten Getränks zu sagen, um den Drink nach wenigen Minuten in der Hand zu haben. Peter bestellt ein Bier nach dem anderen. Er ist der einzige, der so etwas trinkt. In Richtung Speiseraum und Toiletten herrscht ein dauerndes Kommen und Gehen. Und wer zurückkommt, sieht erfrischt aus, manche sogar aufgekratzt, irgendwie beschleunigt. Dann kommt Giselle. In einem weißen Kleid ganz aus durchbrochener Spitze mit einem technisch kaum möglichen Ausschnitt. Wenn ein Lichtkegel direkt auf ihren Körper fällt, sieht man, dass sie nichts darunter trägt außer einem Stück hellen Stoffs, der ihr Schamhaar verdeckt. Sie hat das Blondhaar zu dünnen Zöpfen geflochten, die sich am Hinterkopf zu einer Art Pferdeschwanz vereinen, der ihr bis weit über den Hintern hängt. Peter fragt sich, wie ihr Haar so schnell hat wachsen können, denn als er sie zuletzt gesehen hat, war ihre Mähne kaum schulterlang. Dann steht Ludwig vor ihm, zieht in gleichmäßigem Rhythmus die Nase hoch, sodass seine Nase zittert wie Pferdenüstern. Er sagt etwas, aber Peter kann bestenfalls seine Lippen lesen. Etwas wie “Na, wie geht’s.” Und “Schon gegessen.” Peter nickt. Dann fasst ihn der Modefotograf am Ellenbogen und zerrt ihn zum Ausgang. Durch die Tür in den Vorraum zum Speisesaal.

“Was machst du für Sachen?” Peter seufzt: “Das hast du mich schon gefragt.” Jetzt zieht Ludwig die Nase hoch wie ein Rotzbengel und reibt sich die Fläche oberhalb der Lippe. “Ja, ja, stimmt ja. Komm wir essen was.” – “Hab schon gegessen.” – “Dann leiste mir einfach Gesellschaft. Ich nehm eh nur ein Dessert. Brauch was Süßes.” Und lacht übertrieben schrill. Peter ist ganz froh, dem Krach der Diskothek entkommen zu sein und begleitet Lu. Der bestellt eine Portion von allem, was an Nachspeisen da ist. Dazu Portwein und Espresso. “Du auch, du auch?” – “Ja, für mich auch einen Kaffee.” Der Starfotograf reibt sich die Hände: “So, ja, jetzt, nicht wahr. Wird ja langsam. Ja?” Peter versteht kein Wort. “Na, mit dem Shooting. Ja?” – “Shooting?” – “Ja, ja, nicht wahr, so nennt man ja neuerdings eine Fotosession. Drüben in Amerika. Schießen, ha, ha. Fotos schießen.” Und lacht sehr laut. “Wir machen’s im Metro-Schacht, ja. Hat dir das schon wer gesteckt?” Der Mann, den Ludwig für die Modefotografie entdeckt hat, schüttelt den Kopf. “Und in der Teppichfabrik. Und in der Gießerei. Ja, auch in der Gießerei. Ja. Da lässt der Olivier die Skulptur von einem blutjungen Bildhauer gießen, den er mag. Und da machst du dann Fotos, ja.” Der Tisch ist voll mit Tellern und Schälchen und Gläsern verschiedener Größe. Man hat dem Gast einen langen Löffel gegeben, und der probiert wild drauf los.

Nach ein paar Minuten hat er von jedem der Desserts ein wenig genascht, drei Gläser Portwein getrunken und vier Espresso. Langsam kommt Ludwig zur Ruhe. “Und in den Katakomben, wenn du magst. Da wird es übernächste Woche Reinigungsarbeiten geben. Da dürfen wir dabei sein und unsere Mannequins mitbringen. Toller Ort. Warst du schon da?” – “Nein”, sagt Peter, “hat sich noch nicht ergeben.” Lu fummelt eine lange, dünne Zigarre aus der Brusttasche und klopft den Anzug nach Streichhölzern ab. Aber da hält ihm schon einer der schönen Bedienungen ein brennendes Zündholz hin. Er nimmt ein paar Züge, pafft dicke Rauchwolken und schaltet auf Deutsch um. “Du bist der Sohn, den ich nie hatte. Du sollst mein Erbe sein. Ich werde dich adoptieren. Pierre LaBanda hört sich doch gut an, oder?” Peter ist sich nicht sicher, ob er richtig verstanden hat. Lu sieht ihm das an und setzt fort: “So einen wie dich hatte ich noch nicht in der Agentur. Außerdem bist du deutsch. Ich war ja auch deutsch. Bis 1938. Immerhin. Wir beiden haben eine Geheimsprache, die außer Olivier in unseren Kreisen kaum jemand versteht. Du bist mir überhaupt nicht ähnlich. Und das ist auch gut so. Die Agentur braucht frischen Wind, und ich habe keine Lust mehr. Mir reicht’s. Ich werde im November dreiundsechzig. Rente, ha, ha. Dir kann ich vertrauen, glaube ich. Falsch: Dir vertraue ich. Dir traue ich Großes zu. Du hast ein – wie sagt man – Mordstalent. Du hast einen Blick, den es in der Modefotografie noch nie gegeben hat. Also…” Er steht auf und hält Peter die Hand hin. “Schlag ein und werde mein Sohn.”

Es gab kein Vater-Sohn-Verhältnis zwischen Peter und Joseph. Bis Peter dreizehn war, hatte er seinen Vater kaum kennengelernt. Die Schichtarbeit, die Wochenendschichten, die wenigen gemeinsamen Mahlzeiten, nie ein gemeinsamer Urlaub, kaum Ausflüge, außer zu irgendwelchen Familienfeiern. Bis zu diesem Tag, an dem ihn Joseph ins Stellwerk mitgenommen hatte, war er nie allein mit seinem Vater. Und dann hatte sie nur noch zwei Jahre. Lange hat Peter darüber nachgedacht, ob er seinem Vater ähnlich sei. Gut, Joseph war auch recht groß und sehr hellblond, aber eben eher ein breiter Kerl mit einem kantigen Kopf auf einem kurzen Hals. Das Hagere hat er von der Mutter, ganz klar. Aber Joseph war ein sehr ausgeglichener Mensch, der zwar gern stritt, aber sich auch gern wieder vertrug. Den Musik gefühlig machte, ja, sentimental, der aber mit Bildern wenig anfangen konnte. Also genau umgekehrt wie Peter. Und weil Joseph zu einem so ungünstigen Punkt in Peters Leben gestorben war, hatte er sich immer vaterlos gefühlt, ohne einen Vater wirklich zu vermissen. Nein, er braucht keinen Ersatzvater, schon gar keinen wie Ludwig.

Peter bleibt sitzen und sagt: “Muss ich überlegen. Ich geh mal aufs Klo.” – “Ich muss auch”, sagt Lu schnell und geht mit. Wählt ein Urinal, das vier Becken von seinem möglichen Sohn entfernt ist, und Peter ist droh darüber. Dann sind sie beide fertig. Ludwig zieht ein kleines, weißen Päckchen aus der Tasche: “Du auch?” – “Was?” fragt Peter. “Na, bisschen Pulver. Für die Stimmung.” – “Drogen? Ich nehm keine Drogen.” – “Drogen! Ha! Das ist Koks, Kokain, Brennstoff, Treibstoff, Beschleuniger. Fällt dir mehr ein, wenn du das drin hat. Wirst besser dadurch. Komm schon…” Peter winkt ab und geht. Lu verschwindet in einer Kabine.

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publiziert am 10.08.15 in Oder nie ¦ 918x gelesen ¦ noch kein Kommentar