Oder nie (47)

So weit es bei dieser Mischung aus Dunkelheit und heftigen Lichteffekten zu erkennen ist, scheint die Loge mit dunkelblaumen, hochflorigen Teppich ausgeschlagen sein. Sieben oder acht Gruppen von Sofas, Sessel und Tischen sind auf den gut zweihundert Qaudratmeter über der Tanzfläche verteilt. Die Sitzmöbel sind mit marineblauem Leder bezogen, einige Sessel haben knallrote Bezüge und über allem schwebt eine Deckenbespannung aus weißem Stoff, die in der leichten Brise der Klimanlage sanfte Wellen schlägt. Überall auf den Glastischen stehen Sektflachen, große Sektflaschen, die viel größer sind als alle Flaschen, die Peter je gesehen hat. Eine Schar Kellner in blauen Hosen mit roten Hemden und Blusen, die bodenlange weiße Schürzen tragen, gehen geschäftig hin und her, obwohl der Bereich noch fast leer ist. Ganz hinten links sitzt drei Leute, die er erkennt, als ein Scheinwerferkegel über sie hinweg streicht; es sind die Modeschöpfer. An die Balustrade gelehnt stehen zwei Männer. Der eine dreht sich um, sieht Peter und Makeda, breitet die Arme aus und ruft: “Willkommen!” Olivier eilt auf die beiden zu. Makeda reicht ihm die Hand, und er haucht mit gesenktem Kopf einen Kuss auf die mokkabraune Haut. Dann umarmt er Peter und küsst ihn dreimal auf die Wangen.

“Was ist passiert?” schreit er gegen den Lärm der Tanzmusik an, und Peter antwortet nur “Nicht schlimm.” Olivier trägt eine Brille mit orangefarbenen Gläsern, die zur Hälfte verspiegelt sind. Das hat er bei den bisherigen Treffen nie getan. “Kommt”, ruft er, “ich will euch meinen Partner vorstellen.” Der sehr schmale Mann hat sich bereits umgedreht und kommt zu ihnen herüber. Wie Olivier trägt er ausgewaschene Jeans und darüber ein olivfarbenes Militärhemd mit der Tricolore am Oberarm, aufgeknöpft bis fast zum Nabel, darunter eine sonnengebräunte, haarlose Brust. Seine Sonnebrille sieht aus wie von einem Piloten, die Gläser sind dunkelblau. Auch das Gesicht hat die Farbe alten Leders und liegt um den Mund herum in Falten. Fünzig könnte Monsieur Millet sein oder auch erst dreißig. Hager ist er, ja, dürr, und er setzt die Füße beim Gehen voreinander wie Fuchs, der durchs Gras schleicht. Das ist also Frederic, Oliviers Partner, der Monsieur Millet in der Modefirma Pommerau et Millet. Er sieht zuerst Peter an, dann Makeda und bewegt die Lippen. Vermutlich, weil er “Freu mich” geflüstert hat. Er reicht Peters Begleiterin die rechte Hand und ihm selbst die linke. “Wollt ihr etwas essen?” brüllt Olivier, und Makeda nickt heftig. Er bietet der jungen Frau den Arm an und geht vor. Peter und Frederic folgen.

Sie nehmen eine andere Tür zu einem Gang mit den Toiletten, an dessen Ende eines doppelflüglige Tür mit geätztem Glas wartet. Dahinter ein kleines Speisezimmer mit drei Tischen, die für jeweils vier Personen Platz bieten. Die Kellner tragen dunkelblaue Anzüge mit weißen Hemden. Der Oberkellner nimmt sie in Empfang und führt sie an eine der gedeckten Tafeln. feines Porzellan auf der Damastdecke, silbernes Besteck, Kristallgläser. Hier ist es still, im Hintergrund perlt Pianomusik. “Woll ihr speisen oder nur etwas essen?” fragt ihr Gastgeber. Makeda antwortet zuerst: “Oh, ich brauche nur eine Kleinigkeit. Wie sieht es bei dir aus, Peter?” – “Ich auch”, sagt er, und Frederic gibt durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass er auch kein Menü braucht. “Also, Freunde, was darf es sein: Fisch, Fleisch, Geflügel?” – “Kann ich die Karte sehen?” fragt Peters Freundin. Olivier lacht: “Es gibt keine. Du wünschst dir was, und spätestens nach zwanzig Minuten hast du es auf dem Teller.”

Peter ist fasziniert davon, wie souverän Makeda, die Kellnerin im Café des Kaufhauses Samaritaine, sich in dieser Situation zu benehmen weiß. Allein wie sie Olivier die Hand gereicht hat. Und stellt sich Karin vor, wie sie an der Tür zur Loge stehengeblieben wäre und sich geweigert hätte, hineinzugehen. “Komm, das ist nichts für uns”, hätte sie gesagt und Peter am Arm gezogen. Handkuss, unvorstellbar, dass sich seine Frau hätte auf den Handrücken küssen lassen. Abgesehen davon, dass Karin niemals ein kurzes, rotes Kleid mit einem derart tiefen Rückenausschnitt tragen würde. Außerdem wäre ihr die Musik zu laut, und im Esszimmer hier hätte sie vielleicht ein Schnitzel bestellt. Nicht dass sie schüchtern ist oder vor den Reichen und Schönen Angst hätte. Aber immer, wenn Karin in eine Umgebung kommt, deren Umgangsformen sie nicht kennt, will sie nur noch flüchten. Wobei Peter auch gerade nach Flucht zumute ist. Seitdem er Charles draußen in der Menschenmenge gesehen hat, ist ihm unwohl. Seine Wunde schmerzt und er schwitzt, obwohl auch der Speiseraum klimatisiert ist.

“Entschuldigt mich”, sagt er und geht auf die Toilette. Die ist dunkelrot gekachelt und bläulich beleuchtet. Er steht am Urinal, aber er muss gar nicht pinkeln. Vor ihm ein Spiegel. Er hat die schwarze Brille mit den breiten Bügeln auf. Jetzt nimmt er sie ab. sein Spiegelbild wie eine klassische Porträtaufnahme im Close-up. Die Haut blass, die Tränensäcke deutlich zu sehen, Schatten unter den Brauen. Dann berührt ihn jemand von hinten rechts an der Schulter: “Nicht erschrecken. Ich bin’s, Sos.” Aber Peter hat sich furchtbar erschrocken und dreht sich um, ohne wieder einzupacken und die Hose zuzuknöpfen. “Na ja”, sagt der Grönländer, “so war das nicht gemeint. Wollte nur sagen: Ich bin hier. Ich hab den Typ draußen gesehen. Du auch?” Peter nickt. “Mach dir keine Sorgen, mein Peter, ich hab das unter Kontrolle. Ich beobachte dich und die Umgebung. Wenn du nachher mit mir Kontakt aufnehmen willst, dann nimm einfach kurz die Brille ab und kneif dir mit zwei Fingern in die Nasenwurzel. Und wenn du die Brille gar nicht auf hast, kneif dir einfach so – muss aussehen, als ob du müde wärst. Dann zählst du im Kopf bis Dreißig und gehst dann hier aufs Klo. Ich werde da sein.”

Makeda hat ausgelösten Hummer geordert und er ein Entrecote mit Pommes frites. Olivier und Frederic teilen sich eine Platte Austern. Alles ist in weniger als zwanzig Minuten auf dem Tisch. Der Gastgeber hat einen Entre-deux-mers und einen Côte de Beaune angefordert, aber Makeda lehnt ab: “Ich trinke keinen Alkohol.” Peter fragt den Oberkellner, ob er auch ein Bier haben könne, und der zählt ungefähr ein Dutzend Sorten auf, die Peter nicht kennt. “Irgendein Helles. Vom Faß, wenn möglich.” Tatsächlich bekommt er ein Pils, so schön gezapft wie es das sonst nur in Dortmund gibt, genauer: bei Hannes in der Dorfkneipe von Husen. Das Steak ist perfekt, und die Pommes sind eindeutig die besten, die er je gegessen hat. Während sie speisen, füllen sich auch die andere Plätze. Die Mehrheit sind Leute, die er schon bei Pommerau et Millet oder einer de Besprechungen gesehen hat. Dazu aber ein älterer Herr im altmodischen, hellgrauen Anzug, der zwei sehr junge Frauen mitbringt, die sehr kurze Röcke tragen und sehr laut kichern.

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publiziert am 07.08.15 in Oder nie ¦ 770x gelesen ¦ noch kein Kommentar