Oder nie (49)

Würde man Peter fragen, würde er antworten, er habe keine Erfahrungen mit Drogen. Ja, er habe mal in einer Runde ein paar Mal an einem Joint gezogen, aber nichts gespürt. Alkohol zählt er nicht unter Drogen. Tabletten auch nicht. Damit hat er allerdings Erfahrungen gemacht. Frau Dr. Zeisig, die Logopädin, hatte seiner Mutter damals empfohlen, ihm ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat zu verabreichen, um seine Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Dr. med. Kaminski, der Hausarzt der Blascyks verschrieb Ritalin und verordnete anfangs eine halbe pro Tag, nach zwei Wochen eine ganze und ab dem zweiten Behandlungsmonat anderthalb Tabletten morgens zum Frühstück. Da war Peter zwölf und merkte schon nach kurzer Zeit, dass ihn das Zeug fröhlich machte und seine Zunge lockerte. Die Lehrer lobten seine steigenden Leistungen, und es fiel ihm leicht, sich beim Lernen und bei Klassenarbeiten ganz auf den Stoff und die Aufgaben fokussiert zu bleiben. Leider nahm seine Fähigkeit, die Dinge um sich herum wahrzunehmen, gleichzeitig ab. Sprach die Mutter ihn an, während er Vokabeln lernte, reagierte er nicht mehr. Bei einer Mathe-Arbeit vergaß er alles um sich herum und verpasste so, die Lösungen rechtzeitig abzugeben. Was ihn wütend machte. Wie er in der Zeit, als er das Medikament nahm, überhaupt oft wütend war, leicht reizbar, schnell zu provozieren und immer bereit, zuzzuschlagen. Seiner Sprachstörung kam das alles nicht zugute, sodass erste die Logopädin, dann der Arzt davon abrieten, Peter weiter die Tabeletten zu geben.

Erst mit siebzehn erinnerte er sich an die Wirkung und begann, sich den Stoff illegal zu besorgen, was kein größeres Problem darstellte. Auch in Dortmund hatte sich zu Beginn der Siebzigerjahre eine offene Drogenszene gebildet. Fixer und Dealer trafen sich im Bürgergarten hinter der Leopoldstraße, gar nicht weit entfernt vom Haus, in dem die Familie wohnte. Heroin wurde gehandelt, aber da gab es einen älteren Typen mit sehr langen, grauen Haaren und einem eigenartigen Schnauzbart, dessen Spitzen sich unter dem Kinn trafen, ein mittelgroßer, leicht verkrümmter Typ, der immer eine an den Seiten der Beine geschnürte Lederhose trug und dazu bunte Batik-T-Shirts. Der bot mehr an als bloß Äitsch, bei dem gab es auch Kokain, sündhaft teuer, LSD und vor allem Pillen jeglicher Art, die er nach Farben sortiert in Schraubgläsern aufbewahrte, die er im Rucksack trug. Das alles wusste Peter von Jim, einem älteren Nachbarssohn, von dem alle wussten, dass er süchtig war. So kam er an das Methylphenidat und nahm es in hohen Dosen, um die Welt anders zu sehen und zu erleben. Hunderte von Fotos, die er unter dem Einfluss der Droge aufgenommen hatte, gab es, für die schämt er sich inzwischen, weil sie in ihrem gescheiterten Versuch, ein erweitertes Bewusstsein abzubilden, fürchterlich banal geraten waren.

Jetzt kommen Olivier und Frederic aus einer Kabine, und der Freund seines Auftraggebers lacht leicht hysterisch, während Olivier merkwürdige Kopfbewegungen macht, als sei ihm der offene Kragen seines roten Seidenhemdes zu eng. Als ob sie ihn nicht kennen, gehen sie Hand in Hand an Peter vorbei. In der Loge sucht er nach Makeda, aber die ist nicht da. Wieder steht er an der Balustrade, und dieses Mal, weil er sie sucht. Jetzt steht ein greller Scheinwerferkegel genau über der Mitte der Tanzfläche. Er erkennt das rote Kleid. Sie tanzt mit einem jungen Burschen, der einen Anzug trägt, dessen Rot sich mit der Farbe ihres Kleides beißt. Aber sie tanzen gut. Ein Kreis hat sich gebildet, die anderen Tänzer stehen und klatschen im Rhythmus. Dann geht die Musik in ein Stück mit einem gleichförmigen, fast biologischen Rhythmus über, ein Takt, der die Hüften zucken lässt, die Frauen bewegen ihre Becken, die Männer wippen breitbeinig auf den Fußspitzen. Der Scheinwerferkegel verengt sich und beginnt über die Köpfe der Tanzenden hinwegzustreichen. Und wieder sieht Peter für den Bruchteil einer Sekunde dieses Gesicht, diese Visage mit dem Verband über der Nasenwurzel. Nur zwei drei Schritte davon entfernt lehnt Sos an einer Säule mit unbewegter Miene.

Peter nimmt die Brille ab und reibt sich die Stelle, wo der Bügel aufsitzt. Zählt im Geist bis Dreißig und macht sich auf den Weg zur Toilette. Bleibt im Raum mit den Waschbecken, beobachtet einen älteren Mann, der sich einen Lidstrich zieht und dann Lippenstift aufträgt. Und einen, dessen Hände sich beim Waschen so schnell umeinander herum bewegen, dass ein hautfarbener Wirbel entsteht. Ein andere wirft ein paar Pillen ein und spült mit Wasser nach, das er direkt aus dem Han trinkt. Dann sieht er im Raum mit den Pinkelbecken und den Klokabinen nach. Die Tür der letzten bewegt sich, eine Hand erscheint im Spalt und winkt ihn herbei. Da sitzt der Grönländer völlig ruhig auf dem geschlossenen Klodeckel und lächelt Peter an. “Er ist hier!” – “Ja”, antwortet Sos, “weiß ich. Hab ihn unter Kontrolle. Keine Sorge. Ich pass auf dich auf.” – “Und auf Makeda!” Peter merkt selbst wie hysterisch er sich anhört. “Ja, ja, auch auf das Mädchen.” – “Ich will nicht, dass er hier ist!” Sein Beschützer hat sich erhoben und legt ihm die Pranke auf die Schulter: “Bleib ruhig. Ich entfern ihn. Versprochen. Dauert nur ein bisschen. Muss ja unauffällig passieren. Aber du, mein Lieber, solltest dich besser um die Schönheit im roten Kleid kümmern. Sonst kommt sie dir abhanden.”

Mitternacht ist längst vorüber als Peter sich endlich hinunter in die Menge traut. Bis zur Bar unter der Empore schlägt er sich durch. Sucht Makeda und entdeckt sie tanzend in einem Pulk Kerle, die sich in Spirale um sie herum bewegen. Sie wirft den Kopf in den Nacken und zeigt Zähne. Die Haare längst aufgelöst, die Arme hoch über den Kopf erhoben. Dann sieht sie ihn und kommt sofort herüber. Er sieht, dass sie barfuß ist. Sie lächelt ihn glücklich an: “So schön hier”, ruft sie ihm ins Ohr. Sie küsst ihn auf die Wangen, auf den Mund, auf den Hals und zuletzt ganz sanft auf den Verband an seiner Schläfe. “Tanz mit mir”, liest er ihr von den Lippen ab und schüttelt den Kopf. “Bitte” heißt die nächste Botschaft, aber er lehnt wieder ab. “Lass uns woanders hingehen”, sagt er in ihr Ohr. Ihre Lippen formen ein “Jetzt?” und er telegrafiert ein “Bitte!” Sie nickt kurz und hängt sich bei ihm ein. “Was ist los?” fragt sie im Treppenhaus, wo man kaum etwas hört vom Lärm der Diskothek. “Pass auf”, sagt er, “wir gehen jetzt wohin, wo’s ruhig ist, und ich sag dir warum. Und wenn du dann nochmal hierher möchtest, dann gehen wir eben noch einmal hierher. Gut?” Makeda nickt.

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publiziert am 11.08.15 in Oder nie ¦ 742x gelesen ¦ noch kein Kommentar