Oder nie (51)

Geht zu Fuß den ganzen weiten Weg nach Belleville in die Rue des Rigoles. Es ist seine Abschiedstour, und er möchte Edith noch einmal treffen. Er schellt, aber die Concierge öffnet nicht. Weiter zu Claude. Zum U Pinu ein paar Blocks weiter. Aber das Bistro hat geschlossen. Wegen einer Familienangelegenheit, wie der Zettel am Rollgiter bekanntgibt. Weiter in die Rue du Dessous des Berges. Vielleicht ist Minh Chau zuhause und schon wach. Drei Stunden ist er jetzt schon auf den Beinen, und es tut gut, den leichten Schmerz in den Füßen zu spüren, diese erste Erschöpfung, wenn man geht und geht und geht und sich zwischendurch nie hinsetzt. Er verläuft sich im Viertel. Dann steht er vor der schmalen, blauen Eisentür und tastet nach dem Schlüssel. Aber der ist nicht an der üblichen Stelle. Er nimmt ein schnelles, zweites Frühstück im Café neben dem Chez Trassoudaine, das um diese Uhrzeit noch geschlossen hat. Im Parc de Choisy setzt er sich auf eine Bank. Eine angebrochene Packung Gauloises hat er noch in der Innentasche des Parkas, Streichhölzer auch.

Peter sitzt in der Sonne und schaut den Spatzen zu, die sich um ein paar Krümmel streiten. Drumherum stolzieren ein paar Tauben mit dummem Blick, die sich nicht ans Futter trauen, so lange die freche Bande der Sperlinge noch da ist. Ein leichter Hochnebel schwebt über der Stadt und macht das Licht weich. Eine Bank weiter sitzt ein Mädchen von vielleicht sechzehn Jahren, blod, schlank und mit einer bemerkenswerten Nase. Die sieht für ihn ausgesprochen pariserisch aus. Wie er sich eben eine echte junge Parisierin vorstellt. Er sieht ihr Profil. Von rechts. Weiche Haut, sehr hell, sanfte Farbe. Ein klassisches Porträt ohne Kunstlicht. Am besten mit der Mittelformatkamera vom Stativ aus. Sie hat ein grünes Notizbuch auf den Knie und schreibt etwas hinein. Linkshänderin ist sie. Ein paar Strähne fallen nach vorne, während sie sich leicht vorbeugt. Hat eine hellblaue Bluse mit langen Ärmeln an, eine beige Hose, die an den Fesseln eng zusammenläuft und dazu schwarze Ballerinas. Eine dünne, graue Strickjacke hat sie um die Schultern gelegt. Peter überlegt, was sie das schreibt. Würde gern hingehen und fragen. Da steht die junge Frau auf, das Tagebuch in der Hand, und kommt zu ihm herüber. Spricht ihn auf englisch an: “Sie sind auch nicht von hier, richtig?”

Peter nickt. “Kennen Sie sich in dieser Gegend ein bisschen aus?” fragt sie weiter. Steht vor ihm, der Kopf vor der Sonne, ein Kranz aus Licht um sie herum. “Ja”, sagt Peter auf französisch, “ganz gut.” – “Ich bin jetzt auch schon vier Monate in Paris, aber finde immer noch nicht alle Orte, die ich besuchen will. Heute zum Beispiel die Katakomben…” Sie hat auf französisch umgeschaltet und spricht mit einem lustigen Akzent. Peter ist aufgestanden. “Und ich bin seit März hier. Reise morgen früh ab.” Sie lächelt. “Oh, ich habe noch zwei Wochen. Dann geht es zurück nach Arnheim.” – “Peter heiße ich. Komme aus Dortmund. Kennen Sie Dortmund?” Sie nickt, reicht ihm die Hand und sagt: “Marjolein ist mein Name. Sehr erfreut.” Sie hält immer noch das Buch in der Hand, den Stift zwischen die Seiten geklemmt. “Was haben Sie in Paris gemacht, Marjolein?” Sie sieht ihn an, als ob sie nachdenkt. Zögert ein paar Sekunden. “Geschichten gesucht. Ich möchte Schriftstellerin werden.” – “Und ich Fotograf”, sagt Peter. “Begleiten Sie mich in die Katakomben, Peter. Alleine würde ich mich fürchten. Und vermutlich würde ich den Eingang auch gar nicht finden.”

Sie gehen langsam durchs 13. Arrondissment, einmal rund um die Place d’Italie, dann den ungemütlichen Boulevard Auguste Blanqui hoch, Richtung Denfert-Rochereau. “Ich kann auch deutsch”, sagt Marjolein, aber Peter brummt nur: “Lieber französisch.” Später: “Und warum Paris?” Sie bleibt stehen und schaut ihn ernst an. “Hemingway, Anais Nin und Henry Miller, Beckett – meine Vorbilder haben alle in und über Paris geschrieben. Ihr Geist schwebt doch hier: Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Boris Vian…” Peter kennt Hemingway, den hatte er im Englischunterricht, und Miller, aber der ist ihm zu pornografisch. Natürlich weiß er, wer Sartre war, aber von den anderen hat er nie gehört oder hat vergessen, je von ihnen gehört zu haben. “Ich dachte”m fährt die junge Holländerin fort, “ich müsste mich nur irgendwo in ein Bistro setzen und die Augen aufmachen, und schon liefen Tausende Geschichten an mir vorbei, Geschichten, wie sie eben Hemingway und Miller geschrieben haben. Aber die haben hier gelebt. Da dachte ich, wenn ich eine Weile hier lebe, dann tauche ich tiefer ein, dann erlebe ich Dinge, aus denen ich Geschichten machen kann. Aber ich habe in den vier Monaten eigentlich nichts erlebt. Wie war es bei Ihnen?”

“Na ja, paar nette Leute kennengelernt, viel gesehen, paar gute Aufnahmen gemacht, beinahe großen Auftrag bekommen, zweimal umgezogen. Nicht viel sonst.” Peter überlegt, wie er das aufschreiben könnte, was ihm alles passiert ist in der Zeit in Paris. Schreiben war nie seine Stärke. Auch da fehlen ihm meist die Worte, und die Bilder, die er gespeichert hat, die kann er nicht beschreiben. Wozu auch, die muss sich sowieso ansehen. Und versteht dann vielleicht auch nicht, was wirklich war an dem Ort und in dem Moment, an dem das Foto enstand. Keiner versteht das, nicht einmal der Fotograf selbst. Natürlich hätte er eine Art Bildertagebuch führen können, also jeden Tag ein paar dokumentarische Aufnahmen schießen, um die Abzüge dann chronologisch in ein Album zu kleben. Aber wozu? Für wen? Für sich selbst braucht er so etwas nicht. Wenn er sich später seine Fotos aus diesen Monaten in der Stadt ansehen wird, werden sie kommen die Erinnerungen. Wie sie auch kommen, wenn er seine Bilder sieht, die er am Güterbahnhof in Dortmund aufgenommen hat, in der Brauerei und im Stahlwerk. Wie er Karin sofort spürt und hört und riecht, wenn er ein Foto von ihr in die Hand nimmt. Mehr gibt es nicht zu erzählen.

Schweigend legen sie den Weg zurück. Der Himmel hat sich bewölkt, und die Wolkendecke sinkt immer tiefer auf die Stadt. Im Südwesten strahlt noch der Rand eines blauen Himmels und dem Blauschwarz hervor. Es wird Regen geben. Die Spitze des Tour de Montparnasse liegt schon in den Wolken. Die Passanten hasten über das Trottoir als wollten sie schnell noch etwas erledigen vor dem Wolkenbruch. Erste dicke Tropfen fallen als sie den Bahnhof erreichen, den Knotenpunkt, an dem man von der Metro in die neue Schnellbahn wechseln kann. An der Rückseite der Eingang zu den Katakomben. Sie steigen allein die Wendeltreppe hinab. Unten hören sie einen Fremdenführer, der einer Touristengruppe auf englisch erklärt, was sie hier sehen. Kühl und feucht ist es hier unten. Das Licht ist durchgehend gelblich. Peter geht vor. Halbrunde Gänge, dann ein Raum mit steinernen Särgen. Majorlein drängelt sich an ihn. “Unheimlich das alles”, sagt sie. Aber Peter findet bisher nichts unheimlich, eher langweilig. Dann ein Saal, dessen Wände aus aufgeschichteten Schädeln bestehen, wie ein Fachwerk aufgeteilt durch Schenkelknochen. Sie verharrt in der Mitte. “Wer waren die Toten?” Peter zeigt auf ein Schild am Ausgang zum nächsten Gang, das erklärt, dass es sich in diesem Bereich um umgebettete Gebeine handelt, die von Friedhöfen hierher gebracht wurden.

Dann winden sich die Gänge, es gibt alle zehn, zwanzig Meter Abzweigungen und Kreuzungen, aber die sind gesperrt. Fast dreihundert Kilometer Tunnel soll es geben, hat Peter gelesen, Skelette von mehr als sechs Millionen Menschen. Mehr Tote als Lebende in Paris. Manche Nischen sind dramatisch ausgeleuchtet, aber dabei entstehen Bilder von großer Banalität. Er sieht andere Ausschnitte: einen Schädel, in dessen Gebiss eine große Lücke zwischen den Vorderzähnen klafft. Zwei Knochenhände, die ineinander greifen. Einen Turm aus vollständigen Beckenknochen. Alles müsste weich ausgeleuchtet sein, neutral. Auf keinen Fall Schwarzweißaufnahmen, das würde unnötig dramatisieren. Dias würde er machen. Oder auch Fotos von Menschengruppen mit den Knochen im Hintergrund. In einem weiteren Saal stoßen sie auf eine Gruppe Japaner, die alles mit Blitzlicht füllen, obwohl der Guide immer wieder darum bittet, dies zu unterlassen. Alte Leute in viel zu bunter Kleidung. Majorlein hat sich beim ihm eingehakt. “Immer noch unheimlich?” Sie nickt, und er spürt, dass sie fröstelt. “Wo sind wir?” – “Keine Ahnung. Weiß nur, dass wir woanders rauskommen.” Die Gruppe ist rasch vorbeigezogen, und sie bleiben allein zurück. Plötzlich kommt ein Wärter in Uniform und fordert sie zum Weitergehen auf: “Immer nur in dieser Richtung, bitte.”

Download PDF

publiziert am 18.08.15 in Oder nie ¦ 892x gelesen ¦ noch kein Kommentar