Oder nie (52)

An der Metrostation Alesia kommen sie wieder an die Oberfläche. Marjolein sieht noch blasser aus als bei ihrer Begegnung im Park. “Das hat mir nicht gefallen”, sagt sie, “nicht weil ich mich gegruselt habe, sondern weil ich mich frage, ob man wirklich die Überreste von Toten zur Schau stellen sollte. Was ist mit der Würde der gestorbenen Menschen?” Peter zuckt die Achseln: “Ob die Würde hatten als sie noch lebten. Für mich sind das bloß Knochen, aus denen Bilder entstehen.” Dann: “Leben deine Eltern noch?” Sie gehen ein paar Schritte über den Markt, auf dem nicht viel los ist am späten Nachmittag. “Nein. Ich kenne meine Eltern gar nicht. Die sind verunglückt, da war ich gerade mal drei Monate alt. Meine Adoptiveltern sind sehr viel jünger als es meine leiblichen Eltern waren. Mutter ist ja gerade mal fünfzehn Jahr älter als ich. Manchmal kommen sie mir nicht vor wie Eltern, sondern wie ältere Freunde. Sie unterstützen mich bei allem, was ich tue. Bedingungslos.” – “Gehst du manchmal ans Grab deiner richtigen Eltern?” Wieder dauert es einige Schritte bis zu ihrer Antwort. “Nein. Sie sind auf Aruba begraben. Als ich zwölf oder dreizehn war, sind meine Eltern mal mit mir dorthin geflogen. Von Kuba aus. Da haben wir Ferien gemacht. Ich habe nichts empfunden als ich vor dem Grab stand. Zwei Fremde, die noch nicht mal meinen Namen trugen.”

Seine Eltern haben ihn nie bei irgendetwas unterstützt. Schon gar nicht bei der Frage nach einem Beruf. Vater hat immer nur gesagt: “Werd Bahnbeamter, dann hast du Sicherheit. Und seine Mutter meinte zu dem Thema nur: “Sieh zu, dass du ordentlich verdienst, dann wird alles einfacher.” Joseph hat nicht mehr erlebt, dass es Peter immer ernster wurde mit der Fotografiererei. Als sein Sohn ihm die ersten Bilder zeigte, die etwas anderes zeigten als Verwandte auf Familienfeiern oder bei Spaziergängen, hatte er nur gebrummt: “Schönes Hobby. Aber ganz schön teuer: Kamera, Filme, Abzüge – wirst du dir nicht lange leisten können.” Als er dann die ersten tausend Mark für Fotos von der Brauerei bekommen hatte und sie stolz der Mutter zeigte, sagte die nur: “Na ja, dann hast du ja deine Kosten drin. Und übrigens: Deine Waisenrente zahlst du jetzt bitte als Haushaltsgeld, dass das klar ist.” Streit gab es so gut wie nie mit den Eltern. Auch weil Peter Konflikten in der Familie strikt aus dem Weg ging. Er hielt sich im Wesentlichen an die Verbote und Gebote, die in der Regel von der Mutter aufgestellt wurden, gab keine Widerworte und ließ die Eltern im Zweifel einfach reden, ohne mehr zum Gespräch beizutragen als ein Brummen, ein Nicken oder Schulterzucken. Er hatte sich immer gewünscht, dass Onkel Eduard ihm Rat geben könnte, wenn er bei Entscheidungen unsicher war, aber der lehnte das rundheraus ab: “Musst du selbst wissen”, sagte der immer, wenn ihn Peter fragte, ob er dieses oder jenes tun oder lassen sollte. Also gewöhnte er sich an, selbst zu entscheiden.

“Ich muss jetzt links rum.” Peter zeigt in Richtung Rue Vercingetorix. “Und ich muss noch nachhause. Mich umziehen für den Job. Ich nehm die Metro. Sehen wir uns noch einmal?” Er schüttelt den Kopf: “Reise morgen um sieben ab. Wie lang bleibst du noch?” Marjolein hebt die Arme mit offenen Handflächen an und sieht in den Himmel: “So lange das Geld noch reicht. So lange mich noch keiner umgebracht hat. So lange bis mir was einfällt. So lange wie ich es aushalte.” Er umarmt sie. “Viel Glück, Peter. Viel Glück für deine Familie, das Baby, das bald kommt. Mach was aus dir. Bist ein guter Typ.” Er lächelt verlegen und winkt ab. Dreht sich um und geht. Bleibt nach ungefähr hundert Schritten stehen und sieht sich um. Marjolein steht ganz verloren am Eingang zur Metro. Ein schmales, kleines Mädchen ganz allein in einer bösen Stadt. Enttäuscht. Planlos. Und Peter fragt sich, ob er auch enttäuscht ist von Paris, von dem, was er erlebt hat, und dem, was er nicht erlebt hat. Im Gegensatz zur jungen Frau aus den Niederlanden ist er ohne Erwartungen hierher gekommen. Er wollte nur fotografieren. Und das hat er getan. In seinem Journal hat er vor ein paar Tagen den Film Nummer 312 verzeichnet. Also rund zehntausend Aufnahmen in den knapp fünf Monaten gemacht; mehr als er sich vorgenommen hat. So betrachtet hat er sein Ziel erreicht, Material zu sammeln für seine Abschlussarbeit an der Kunstakademie.

Er wandert die Rue d’Alesia entlang, diese erschreckend normale Straße mit einer Mischung aus Wohnhäusern und den Geschäften, die es an einer normalen Straße gibt. Da gibt es einen Bäcker und einen Metzger, eine Drogerie, ein Frisiersalon und die große Bank an der Ecke. Er kommt an der Mauer einer Schule vorbei, dann an einem winzigen Möbelgeschäft und einem Laden für Berufskleidung. Dann die Feuerwehr und eine Tankstelle. Es ist wie bei den Beatles, wenn sie die Penny Lane besingen. Erst an der Ecke zur Rue de Suisses findet er ein Bistro. Er hat großen Hunger, ihm tun die Füße weh, er braucht eine Pause. Er bestellt Steak frites und ein großes Biere pression. Der Wirt selbst bedient ihn, wortlos und distanziert als sei er an Laufkundschaft nicht interessiert. Denn als Peter sein Essen und das Getränk vor sich hat, wechselt der Patron in die entfernte Ecke zu den Stammgästen, die am Flipper spielen und laustark über Rugby diskutieren. Später schaltet jemand den Fernseher ein, der über der Eingangstür hängt, und alle starren auf die Übertragung vom Länderspiel gegen Neuseeland.

Noch zwei, drei Bier, denkt Peter, dann ist es spät genug, dann kann ich zum Labor gehen und meine Sachen abholen. Aber der Patron kommt nicht einmal den Teller abräumen. Peter rechnet seine Zeche aus, legt die Summe auf den Tisch und geht. Niemand verschwendet auch nur einen Blick auf ihn. Irrt durchs Viertel und findet eine kleine Bar in einer Seitenstraße, nicht weit entfernt vom Klinikum. Hier läuft kein Fernseher, hier gibt es keine Flipperautomaten, hier sitzen stille Trinker an einem tiefschwarzen Tresen. Der Bartender könnte Peters Zwilling sein: ziemlich groß und ziemlich blond, aber mit nach hinten frisierten Haaren und einem Asterix-Schnauzbart. Er schaut seinen neuen Gast an und macht eine Grimasse, die ein Lächeln sein könnte. Peter hockt sich an die Theke und beantwortet die fragende Geste des Mannes auf der anderen Seite: “Doppelter Bourbon. Ohne Eis” Zu seinem Erstaunen kann der Barmann sogar sprechen: “Jim Beam, Wild Turkey, Jack Daniels, Four Roses, Even Williams, Woodford…” Und beendet die Frage mit einer ausladenden Armbewegung in Richtung des Flaschenregals. “Four Roses”, antwortet Peter. Und trinkt in den nächsten drei Stunden vier Doppelte.

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publiziert am 23.08.15 in Oder nie ¦ 890x gelesen ¦ noch kein Kommentar